Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 7 (12.8.1845)
- Date
- 1845-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56 gebend. Ohne Rücksicht auf unsere geschichtliche Vergangenheit, noch auf die verheißene Zukunft, dienen sie nur der Gegenwart. Und wie die Gegenwart flüchtig und ohne Halt, im vorigen Augenblick noch der Zukunft angehörend, im nächsten der Vergangenheit, so wird auch ihr Wirken, ihr Lehren sein, flüchtig, ohne Halt, ohne Beständigkeit. — Wir hingegen, die wir uns halten am Judenthum, der Schrift und der Tradition, an dem Judenthum wie unsre Weisen es uns gelehrt, unsre Väter es uns vererbt haben, laßt uns fest vertrauen auf die göttliche Verheißung: „Und ich, dies ist mein Bund mit ihnen," spricht der Herr, „mein Geist der dir geworden, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen nicht weichen aus deinem Munde und dem Munde deiner spätesten Nachkommen bis in die Ewigkeit". — Der Verfall Jsrael's zur Zeit der Tempel-Zerstörung, mit seinen Beziehungen für die Gegenwart. Skizze aus einer Rede des Oberrabbinen Ettlinger zu Altona. Gehalten 'z/OQ '0 Die Quellen, die in Strömungen sich ergießen, die Flüsse, die bald in majestätischer Stille, bald in donnerndem Brausen, durch ihr Bett sich schlängeln, sie folgen einem Naturgesetze, das sie regelt, das sie leitet. Auch die Quellen des Herzens, die Ln Gemüthsströmungen sich ergießen, die Ausflüsse des Gefühls, ob still und andächtig, ob geräuschvoll in Freuden- oder Jammertönen sie sich kundgeben, sie sind Äußerungen der inner» Menschen- Natur, sie werden von ihr bestimmt und geregelt. Alles Naturgemäße aber folgt einem ewigen Gesetze, welches der Schöpfer der Natur am Schöpfungstage ihr eingehaucht, und kennt daher kalte Vernunftberechnungen nicht. Der Erdensohn, inmitten des treibenden Lebens gestellt, ist den Eindrücken der äußern Erscheinungen und Begebenheiten preksgegeben, und wird je nach ihren augenblicklichen Ergebnissen, durch sie zuweilen freudig, zuweilen schmerzlich berührt. Die Nachklänge dieser Eindrücke sind die Gefühle der Wonne oder deS Jammers, der Freude oder der Trauer in seinem Innern, welche durch Freudenruf und Jammertöne, oder auch in stiller Hingebung und Demuth sich äußern. Wenn sie demnach nicht durch die Zeit hervorgerufen, nicht Ergebniß derselben sind, und dennoch der weise König sagt: ilP-illF'! daß es eine Zeit der Trauer, eine Zeit der Freude gebe, so kann dieses nur von solchen Freude- und Trauer - Äußerungen gelten, welche Begebenheiten entfließen, die einer geschwundenen Vergangenheit angehören, und nur von uns in unserm Bewußtsein sestgehalten, unserm Gedächtnisse vergegenwärtigt werden, weil sie wohlthätig auf unfern Verstand und Lebenswandel einwirken sollen. Eine solche Trauer ist auch die um den Fall Jerusalems, der Gottesstadt, Zerstörung des heiligen Tempels, und Zerstreuung Israels nach allen Enden der Erde, welche wir in diesen Tagen begehen. Begebenheiten, auf welche bereits so viele Jahrhunderte aufgethnrmt liegen, sind gewiß längst der Wirklichkeit mit allen ihren Beziehungen entschwunden, und gehören höchstens noch der Geschichte an, so wird von Dielen in unserer. Alles verflachenden Zeit, achselzuckend über diese Trauer geurtheilt. Andere, schon gläubiger», sinnes- und gefühlvolleren Herzens, lassen zwar gelten, daß solche Trauer - Erinnerungen zur Ehre des nationalen und menschlichen Sinnes löblich, jedoch auf die religiösen Zustände Israels von keinem Einflüsse seien. Darum aber auch wird diese Trauer immer seltener, und auch da, wo sie noch nach Vorschrift geübt wird, immer kälter geübt, und gewährt den erhebenden Eindruck nicht, den sie noch vor einigen Jahrzehnen bei frommen Vorfahren hervorgebracht. Und doch vielleicht war keine Zeit geeigneter, als die unsre, sich diese Trauer recht nutzbringend für Wiederbelebung des religiösen Sinnes und für Heilung der Krankheiten eines verdorbenen Zeitgeistes zu machen. In jener Zeit, die jenen trauererregenden Begebenheiten voranging, und deren Folge sie waren, klagt der Prophet Jeremia: (Jer. 2.5.f. f.) „Die Priester dachten nicht, wo ist der Ewige rc."