Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 7 (12.8.1845)
- Date
- 1845-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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55 Wie aber wird geprüft, und wie soll geprüft werden? Nach unfern Gesetzen ist es uns nicht nur erlaubt, sondern geboten, das Gesetz zu studiren, darnach zu streben, es zu ergründen. Vorangehen muß aber die Erinnerung, daß wir ein göttliches Werk vor uns haben, dessen Aussprüche daher unfehlbar sind, und daher unser Gesichtskreis zu beschränkt, unsre Einsicht zu mangelhaft ist, wenn wir solche mit unserm Verstände nicht in Einklang finden; vorangehen muß der Glaube, daß eine Offenbarung, eine göttliche Mittheilung uns geworden, vorangehen muß aber auch der Glaube an die Wahrhaftigkeit unsrer Geschichte, die uns lehrt Gott erkennen nicht nur als den Schöpfer, sondern auch als den Erhalrer, Befreier und Erlöser Israels, als sein Gesetzgeber, sein Erzieher und sein Schutzgott in aller Zeit. Wenn aber dieser Glaube fehlt — und daß er den Neuerern fehlt, beweisen die Schriften von Geiger, Holdheim, Philippson, Herrheimer, Herzfeld u. s. w. auf jeder Seite — wenn dieser Glaube fehlt, dann wird nur noch studirt mit dem Eifer eines Kritikers, der überall Mängel sucht und findet; ist geschwunden der Glaube an den göttlichen Ursprung des Vorliegenden, dann bleibt es nur ein antikes Werk, freilich voller Werth, aber nur noch tkeilweise nutzbar; dann wird jeder Punkt einzeln scharf durchgenommen, mit scharfem Sezirmesser das Anstößige herausgeholt und ausgemerzt, und so lange gefeilt und gehobelt, bis der ganze Körper zerbröckelt, lauter Stückchen überbleiben, die man nach Lust drehen und wenden kann. Nicht mehr ist's ein Gesetzband, das ganze Leben umschlingend, vereinzelt, zerschnitten und zersplittert liegt es vor uns. Zweifel werden erhoben, welchem Umstande, welcher Zeit diese oder jene Stelle ihre Entstehung verdankt, es ist nur noch ein menschliches Lehrsystem, an dem ein jedes kommende Geschlecht nach seiner Ein- und Ansicht zerren und drehen, formen und modeln kann. — Und wieder höre ich den Einwurf unsrer Gegner: Nicht zerstören wollen wir das Judenthum, gerade um es zu erhalten, lösen wir ab, was menschliche Zuthat ist, uns haltend am Buchstaben der Schrift! — Und nun wird erst alles verworfen, was unsere Weisen angeordnet, sie, die fortwirken konnten im Geiste der Tora, weil ihr ganzes Leben der Ergründung desselben geweiht war, in diesem Streben ihren ganzenBeruf, ihre einzige Bestimmung findend, ihm zugethan mit allen ihren Kräften, und darum alle ihre Aussprüche auch in der Schrift begründet. Unsere Neuerer sind freilich so bescheiden, zu erklären, daß sie dieselbe Autorität für unsere Zeit besitzen, wie jene für die ihrige, und daher ihr Ausspruch auch den jener aufheben könne. — Hat aber der Glaube an die selbst im Gesetz begründete Würde unserer Weisen sich verloren, so wird auch ihrer Versicherung, daß ein mündliches Gesetz neben dem schriftlichen bestehe, begreiflich kein Zutrauen geschenkt, und daher solches mit Willkür behandelt. Wenn so die Umzäumungen des Gesetzes gebrochen sind, das traditionelle Gesetz beseitigt ist, dann bleibt begreiflich nur noch das in der Schrift niedergelegte zum Bearbeiten nach. Aber dies ist nun schon nicht mehr haltbar, denn gerade der Charakter des traditionellen, mündlichen Gesetzes war, indem er sich von Geschlecht auf Geschlecht durch mündliche Übertragung erhalten sollte, auch den Geist des Gesetzes im Volke lebendig zu erhalten. Hat es nun aber (das mündlich Gegebenespäter wegen Druck und Zerstreuung niedergeschrieben werden müssen, jener Charakter ist ihm doch geblieben. Das Beispiel von Karaiten, die mit ihren eigenen Auslegungen in steten Widerspruch geriethen, hat es uns längst bewiesen, das Beispiel der Neuerer, die unstät und unbeständig immer neue Lehrsätze zu Tage fördern, belegt es uns gegenwärtig.— Denn halten sich diese etwa am schriftlichen Gesetz? Sabbat, Feiertage, Speise- und so viele andere Gesetze sind alle schriftlich niedergelegt, die Schrift wird heilig erklärt, und dennoch sollen sie accomodirt, moderirt, und theilweise ganz beseitigt werden.— Dies der Weg unserer Neuerer, dies der Fortschritt, den sie predigen. Was die Zeit fordert oder vielmehr was den Herren ihr Herz eingiebt, das ist das Rechte, das Wahre, und diejenigen, denen entweder Mammon oder Ehre oder der dünkelvolle Geist als das Höchste gilt, wollen uns belehren über unsre Pflichten gegen Gott und gegen uns selbst. Wenn die Lust ungestüm fordert, das Gesetz beschränkend entgegentritt, da wollen sie ausgleichen Lehre und Leben, immer die erstere preis-