Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 7 (12.8.1845)
- Date
- 1845-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Z4 Fortschritt des Lebens, in Wissenschaft, Kunst und Werkthätigkeit, wir eignen uns an nach unser» Kräften Bildung und Kenntnisse, und wirken und schaffen mit und zwischen den Andern, freuen wir uns doch gleich ihnen der Entfaltung des Lebens nach allen Seiten, und fühlen wir doch gleich ihnen das Bedürfniß, unsre Kräfte zu regen und in Anwendung zu bringen. Denn es findet derselbe Entwickelungsgang statt im Leben des Menschen, im Allgemeinen, wie im Einzelnen, und ebenso wie beim Menschen selbst, ebenso auch bei menschlichem Werk. Zuerst gewahren wir die niedrige Stufe der Kindbett, dann ein allmähliges Zunehmen bei fortschreitendem Alter an Gestalt und Gehalt, ein stetes An streben zur Reife, zur Vollendung. — Nicht so bei einem göttlichen Werk. Weil Gott der Schöpfer, Erbalter und Lenker der Dinge ist, ihr Wesen und Wirken im Voraus kennt und bestimmt, so kann auch ein göttliches Werk nicht den Eindrücken der Zeit unterworfen sein. Solch ein göttliches Werk ist unsre Religion. Ste ist von Gott selbst unfern Vätern und uns geworden. Das war und ist Israels Glaube. Wie kann nun hier ein Fortschritt stattstnden, auf diesem Gebiet, auf dem Gebiet der Religion? Was ist, was soll unS denn die Religion? Sobald wir aus dem beschränkten Kreis der Kindheit treten, hinaus in die Stürme und Kämpfe des Lebens, beginnt in uns der Kampf zwischen unserm irdischen Standpunkt und unsrer geistigen Bestimmung. Der Beruf, dem wir uns widmen, nimmt uns mehr und mehr in Anspruch, mit allen unfern Kräften müssen wir arbeiten, ihm zu genügen. Gar leicht, gar bald vergessen wir, daß dieser Beruf nicht alleiniger Zweck unsers Hierseins ist, daß wir außer unfern Pflichten gegen uns und unsre Mitmenschen auch noch Pflichten gegen Gott haben, vergessen, daß in uns eine Seele, ein Geist sich befindet, die ein Ausfluß göttlicher Beseelung, göttlichen Geistes, ein stetes Band zwischen uns und Gott bilden sollen, und daß, wenn wir diesen Geist einzig und allein zu irdischen Zwecken gebrauchen und seiner höheren Bestimmung entziehen, wir dieses Band lösen und zerreißen. Uns davor zu bewahren, dieses Band fester und fester stets wieder zu binden, ist der Zweck, die Bestimmung, die Aufgabe der Religion, (deutsch: Wiederverbindung.) Soll sie aber dieser Bestimmung entsprechen, soll sie eine feste Stütze sein im Kampfe des Lebens, müssen wir sie auch hochachten, sie über das Leben stellen. Nicht aber können wir sie dem Leben unterordnen wollen, sie abhängig machen wollen von dem jedesmaligen Eindruck der Wcchselfälle der Zeit, in der wir gerade leben. Sie muß eine feste Grundlage haben, ihre Quelle muß sein ungetrübt von menschlichen Jrrthümern und Schwächen, sie muß feststehend, vorausbestimmend sein für alle Zeit, für alle Verhältnisse. Und wer allein vermag eine solche Religion zu ertheilen? Gott allein, der die Dinge nach ihrem inneren Wesen kennt, und der die Zeiten lenkt nach seinem Willen. Liegt nun im Begriff des Fortschritts ein allmähliges Näherkommen dem Ziel unsers Strebens und ist im Religiösen das Ziel unsers Strebens die Erlangung seelischer Reinheit und inniger Verbin. düng mit Gott, so wäre ein Fortschritt hierin, wenn wir suchten zurückzugehen bis an die Quelle göttlicher Mittheilung, während, wenn wir uns mit eignen Vcrstandeskräflen sorthelsen wollten, die doch vom Getümmel des Lebens bemustert und influirt sind, wir uns immer mehr vom Göttlichen entfernen würden. Jst's doch mit der Religion wie mit der Unschuld, deren höchster Grad wir als die kindliche bezeichnen, wo das Leben sie noch nicht getrübt hat; die Religion macht unser Verhältm'ß zu Gott, gleich dem des Kindes zum Vater, darum müssen wir zurückgehen bis auf die Zeiten, wo unsre Väter in die Schule Gottes gingen und aus seinem Munde die Lehre empfingen, die unser, der Gemeinde Jacobs, Erbe ist. . Und darum weisen wir zurück den Fortschritt, der nur für ein göttliches, ewiges Werk ein menschliches, vergängliches bietet, nach menschlichen Ansichten geformt und gezogen. Dock unsre Gegner erwidern: «Auch wir gehen zurück auf die göttliche Offenbarung, wir suchen sie in ihrer Reinheit aufzufassen, und wollen nur daS abstreifen, was veraltet, in unsrer Zeit nicht mehr anwendbar ist, und darum prüfen und sondern wir, um das Göttliche herauszufinden.