Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 2 (10.7.1845)
- Date
- 1845-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 dessen Tendenz es sei, die Religion von ihren Schlacken zu reinigen, sie in ihrer geistigen Reinheit wieder herzustellen, veraltete Formen hinwegzuräumen ,' und nur der Idee zu leben; man fühlt sich gedrungen, zu fragen: Für wen denn diese Religion? Für das Volk? Das ist geistig nicht entwickelt genug für solch' erhabene Auffassung, das ist befangen und gefesselt von den Banden der Leidenschaft und des Materialismus, das klebt zu sehr an alten Gewohnheiten und Vorurtheilen, als daß cs von denselben lassen sollte. Also nicht dem Volke gelten diese Reformen und Verbesserungen. Wem außerdem? Den Hochstehenden, den Feinfühlenden, den Gebildeten! Also eine erclusive Religion, zunächst für die Noblesse eingerichtet. Wir werden sehen. Das Iudenthum ist eine von Gott der Gesammtheit des jüdischen Volkes geoffenbarte Religion. Diese Religion fordert von ihren Bekcnncrn, nicht nur zu glauben, sondern ebensowol zu thun und zu lassen. Durch die Geburt von jüdischen Eltern ist man verpflichtet, dieser Religion anzugehören, die Gesammtheit der Bekenner derselben heißen: Juden. Eine göttliche Religion ist nicht von der Zeit abhängig, Gottes Wort gilt für ewig. Aber im Verlaufe der Zeiten und der Umstände ist in allen sonstigen weltlichen Verhältnissen eine bedeutende Verwandlung vorgcgangen, ganz besonders aber in den Ideen der Menschen. Künste und Wissenschaften sind zu einer, vordem nicht geahneten Höhe gediehen, der menschliche Geist hat sich in Entdeckungen bewährt, die seiner Erhabenheit die Krone aufsetzten. Ist indcß die höchsteStufe der Vollendung bereits erreicht? Keineswegs! Neue Geschlechter werden entstehen, die unsere Thätigkeit bei Weitem überflügeln, gegen die unsere Geistesbildung gänzlich in den Hintergrund gedrängt wird. Ewig bestehet nur Gottes Wort, an ihm geht die Zeit spurlos vorüber. O, der gränzenlosen Täuschung, göttliche mit menschlichen Verhältnissen verwechseln zu wollenWeil hier die Vortrefflichkeit des menschlichen Geistes sich bewährt, weil seiner Forschung er unterzogen, weil er bemcistert, was im Bereiche der Wcltenkörper sich bewegt, vermißt er sich, denselben Geist an göttlichen Dingen zu erproben, auch sie der Allgewalt seiner Forschung zu unterwerfen. Dem Geist gehört die Welt, der Himmel ist Gemeingut Aller. — Und dennoch spricht man in der Religion von einer Zeitgemäßhcit, von Formen, nicht mehr anpassend den heutigen Verhältnissen , spricht von fortgeschrittener Bildung, spricht von einer Religion des Geistes, von einer Religion der Gebildeten! Die jüdische Religion fordert Entbehrungen, Opfer jeglicher Art; man will sie nicht, weil sie sich mit dem Geiste der dem Menschen innewohnenden Freiheit nicht vertragen sollen, weil man überhaupt nicht gebunden, nicht beengt sein will. Wer möchte es aber wagen, den ersten Stein gegen ein Gottes-Gebäude zu erheben? Wir müßten nicht im neunzehnten Jahrhundert leben, wenn unsere Vernunft hier nicht bald Rath schaffen sollte. Es ist kein Gottes-Gebäude, es giebt kein Gottes-Gebäude, göttlich ist unser Geist, himmlisch unser Gefühl, unsere Religion ist die des Geistes, das Gefühl, unser Himmel. Wer diesen erhabenen Gedankenflug nicht erfassen, der bleibe zurück, krieche ewig im Staube umher. Nun, da stände sie vollendet da, die kahle, nackte Selbstvergöttcrung! Und sie will man Judentbum brandmarken? Die Lehre , die uns Gott gegeben, sie ist das Erbtheil der Gesammtheit Israels. Geisres- Bildung! Wir läugncn sie nicht, verkennen nicht ihren weitumfassenden, veredelnden Werth, wir nennen uns selbst ihre treuen Jünger, verehren sie wie eine allnährende Mutter. Aber aus ihr die Fähigkeiten, die Berechtigung ableiten wollen, willkürlich ein neues Vcrhältniß zwischen Juden und Gott setzen zu wollen, das läugnen wir, läugnen es, als entgegen der Vernunft, entgegen dem Glauben, läugnen es als anti-jüdisch, als gotteslästerlich. Vor der jüdischen Religion schwindet gänzlich die Macht der Bildung, in ihr geht sämmtliches Wissen auf, Geistes- und Gefühlesleben erreichen ihre höchste Vollendung im Judenthnme selbst. Da giebt es keinen Unterschied auf Mehr oder Weniger, wirklicher oder scheinbarer Gelehrsamkeit begründet; ist das Gefühl nur gottgefällig, die Aeußerung derselben ist wahrhaft nicht die Hauptsache. Und das ist unser Trost, das unsere Stütze, das jüdische Volk! Erröthe nicht ob des Ausdruckes, wähne dich nicht gekränkt. Wir zählen nicht nach