Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 1 (3.7.1845)
- Date
- 1845-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 tatsächliche Willkür war hier eingetreten, wie solche nur unter Verhältnissen möglich, die einzig und allein aus der Gesammt-Stellung der Bekenner der jüdischen Religion dem Staate und der Gesellschaft gegenüber, hervorgegangen, eine Stellung, die ihrem ganzen Wesen nach, äußere Autorität weder aufkommen ließ, noch lassen konnte. Doch solange jenes Trennen von der Masse der Religionsgenossen eben weiter nichts war, als ein Akt tatsächlicher Willkür des Einzelnen, nur begründet in vermeinten Anforderungen des Lebens, in Genuß und Interesse, konnte von einer Spaltung, von einer Trennung der Religionsgenossenschaft selbst die Rede nicht sein. Erst dann, als man hinterher die bereits vollbrachte That zuvörderst entschuldigen, dann rechtfertigen, endlich gar als erlaubt darftellen, als Lehrer Ves Volkes und seine Führer auftraten, die der gang und gebe gewordenen Willkür, durch eigens zu diesem Bchufe aufgeführte Gebäude leerer Trugschlüsse, falscher Auslegungen gesetzliche Sanktion schafften, als endlich das Gesetz selbst der Willkür Preis gegeben, man diese als im Gesetze begründet, als notwendig sogar hinstcllcn wollte: da erst war die wirkliche Trennung in Israel begründet, da das heilige Gesetzbuch in Stücken zerrissen, da gab es in der That feindliche Parteien im Judcnthume. Seit jener Zeit ist es nicht mehr gelungen, die getrennten Ansichten und Meinungen zu versöhnen, zu vereinen; immer schroffer stehen die Gegensätze einander gegenüber, immer entfernter werden die Wege, die die Verirrten dem Mutterhanse entfernten. Ja so weit ist die Kluft bereits gediehen, daß, so traurig auch der Gedanke, so unheilschwer dessen Vollführung, dennoch cs fast der eigenen Erhaltung willen notwendig, gebieterische Pflicht geworden, wenigstens aber als förderlich betrachtet werden muß, wenn diese Trennung eine entschieden ausgesprochene, unwiderrufliche, eine immerwährende bliebe. Und in der That, der moderne Israelit des neunzehnten Jahrhunderts, hat er noch Erbe und Anteil an dem Gotte Israels? Welche Anhaltspunkte findet er in der positiven, geoffenbarten Gotteslehre? Oder will er etwa seinen überall znsammengeborgten Flitter moderner Tages-Philosophie in der That für Judentum ausgeben? Dahin ist es gekommen, daß jede Schmähung, jeder Verrat gegen die All-Mutter der Religionen, nicht von Bekennern fremder, nein! von denen der eigenen Religion herrührt; grausamere Feinde hat das jüdische Religions-Gesetz nie gekannt, als die, die sich — schmählich — Diener eben dieses Gesetzes nennen; was bedeutet der größte Judenhaß entbrannter Fanatiker gegen den, den das sogenannte moderne, das Judenthum des neunzehnten Jahrhunderts, gegen seine früheren Brüder, gegen Juden, orthodore Juden hegt. Wie bereits erwähnt, mit wahrhaftem Schauder vor den unabsehbaren Folgen dieses Schrittes, mit dem festesten Entschlüsse zur Förderung desselben nicht nur keine hülfreiche Hand zu leisten, sondern im Gegentheil jeden möglichen Widerstand zu ersinnen, läßt es sich dennoch kaum verhehlen, daß möglicher Weise, eine gänzliche, unwiderrufliche Trennung dieser sich stets mehr dem wahren Judenthume entfremdenden Theile, wünschenswert!), daß sie wirklich eintrete. Wie aber die Natur, wie das menschliche Leben voller Ucbergänge ist, wie ein Uebcrspriugen von einem Ertrcm zum andern ohne solche Ucbergänge kaum denkbar, so liegen auch zwischen diesen beiden Richtungen, dem orthodoren und modernen Judcnthume, eine Menge von Scharnrungcn und Abstufungen in der Mitte, die sich theils der einen, theils der andern der beiden gegebenen Richtungen mehr Hinneigen. Gerade jetzt — man sollte glauben, überall sei es anerkannt, die Tage der Entscheidung rücken immer näher, jede der vorhandenen Parteien suche sich zu vereinen, zu stärken, damit sie den entscheidenden Kampf auskämpfen könne — sind diese Parteien bestimmter hervvrgetretcn, als je früher, haben es deutlicher ausgesprochen, was ihr eigentlicher Zweck, haben sich gezeigt in ihrer wahrhaften Gestalt. „Fortschritt" ist das Losungswort aller dieser verschiedenen Parteien, einig in ihrem Streben sind sie nur da, wo eS Bekämpfung, — mit Unrecht fast dürfen wir sie ebenfalls Partei nennen, — deren gilt, die entschlossen sind zu erhalten den Glauben der Väter, ihn zu erhalten mit allen seinen Folgen und Conscquenzen, deren Panier demnach: Erhaltung, Widerstand heißt. (Fortsetzung folgt.).