Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 10 (1854)
- Issue
- 26 (29.12.1854)
- Date
- 1854-12-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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102 Dennoch Kat schon mancher schlaue, an solche akademische Lebensweise gewöhnte Kandidat aus - Verlegenheit um seine künftige Existenz durch fromm scheinende Worte und Handlungen sich daS Vertrauen des Publikums, und mittelst desselben den Zutritt zu einem Nabbinatc erheuchelt, dessen frükere Gesinnungen sich dann wieder zum Uuheile seiner Anverlranten in der ganzen ÄmtSfunction deutlich genug aussprachen. Nicht mit Unrecht möchte man auch die Entstehung des seit mehreren Jahren unter den geistlichen Vertretern der Gemeinden herrschend gewordenen verderblichen Dcstructionswesens mehr einem verwegenen Dünkel, einer ruchlosen Selbstsucht, als den Studien und Forschungen selbst beizulegen sein, wenngleich nicht zu leugnen ist, daß auch manche dieser Religionsfeindc nicht unbedeutende Aggregate philosophischer Wissenschaft sich aneignet, und dadurch in dem unbegrenzten Gebiete der Vernunft, worin sich jeder nach individuellen Begehr bewegen kann, so weit verirrt haben, daß sie den Weg zur Religion nicht mehr finden, ja auch nicht mehr suchen, weil sie endlich die Wildniß für ihre Wohnung, den Wahn für Wahrheit, ihre Ansicht für Religion und ihre Wollust für Seligkeit halten und ausgeben. Wer daun der wahren Religion huldigt, gilt als Thor in ihren Augen, und der Tugendhafte als Schwächling. (^onschung wlgr.) „Juden, paßt ans!" ' (Aiiö Lüttcittschtand.) Unter dieser Aufschrift Kat die »Allgemeine Zeitung des 2udentkums", in No. 17 d. I. einen leidenschaftlichen Leitartikel. Schon die Ucberschritt dieses Artikels widerte uns au, weil sie uns alS Nachahmung eines Libells, das in unfern Gegenden so viel böses Blut gemacht Kat, zu sein schien. Indessen bemerkten wir bald, daß bcregler Artikel im Verhältuiß zu der Schmähschrift „Katholiken, paßt Philippson ist gutmütbig genug, uns Orthodoxen im Ucberfluß seiner Milde cs zu erlauben, auch unsere Meinung durch die Presse auszusprechen, graben, und wenn wir auch weniger Opern- und Flitterstaat herbeischleppen, die alte Burg ^u demoliren. — Aber er verklausulier diese Erlaubniß Das ist nun ganz wacker gedacht! und sicherlich wünschen wir cs sö inniglich, als es Herr PH. nur wünschen kann, daß die Orthodoxie nie im Finstern schleiche, da sie das Licht doch nicht zu scheuen hat, daß sie nie denunzire, nie schmähe, nie irgend Jemanden verunglimpfe rc. Aber bester Herr Philippson! warum beherzigen Sie nicht den Spruch v'-riw vcp -svw vep? etwa weil dies eine Ansicht des Schulchan Aruch ist, dem Sie Feindschaft bis in den Tod geschworen zu haben scheinen? Warum nehmen Sie berliner Artikel auf, die bis zum Ekel injuriös sind? etwa weil diese blos gegen Orthodoxe und gegen Orthodoxie gerichtet sind, welchem gegenüber man weder Billigkeit oder Schonung, ja nicht einmal Anstand zeigen braucht? — Warum verweigern Sie einen Raum Ihres Blattes den berichtigenden Artikeln, die ein durch Ihr Blatt verleumdeter Rabbiner oder Lehrer cinsendet, wenn diese der orthodoxen Parlhei angehören? etwa weil sie kein Material zum Luftgebäude der Reform liefern? Ein hübsches Pröbchen, wie begierig die »A. Z. d. I." ist, Steine aufzusuchen, um solche den Orthodoxen an den Kopf zu werfen, gab sie bei Gelegenheit des undeutlich geschriebenen Namens »Ludwig Rapp," den die Redacrion in ihrer Unschuld »Ludwig Nascht" gelesen hatte. Solches kaun übrigens einem Andern auch passiren; hat man ja Beispiele, daß functionirende deutsche Rabbiner ein recht deutlich geschriebenes hebräisches Wort nicht richtig lesen; und hat man ja in der zweiten Rabbiner-Versammlung die hebräisch geschriebenen Briefe Nappoports, in Übersetzung vorlesen müssen, und dabei das naive Geständniß abgegeben, daß nicht alle Mitglieder der Versammlung das Hebräische verstehen. — Die Redaktion schickte dem vermeinten Herrn „Raschi" eine No. ihres Blattes zu, diese kam aber mit dem Bemerken wieder zurück, baß ein »Ludwig Raschi" in Frankfurt am Main, von wo aus der Artikel cingesandt worden war, sich nicht befände. Wäre jetzt Herr Or. PH. nicht in seinem Herzen verbunden gewesen, hier irgend ein Mißvcrstättdnlß zu vermuthcn, und selbst den vermeinten „Ludwig Raschi" zu entschuldigen? hätte der Rabbiner zn Magdeburg nicht den Spruch beherzigen müssen r-dr, io i"h 'n , wenn der verzweifelte Schulchan Aruch diesen Spruch nicht adoptirt Kälte? Aber gesetzt auch, Herr Pb. will aus angegebenem Grunde diese Moral nicht zu der seinen! machen, so hatte er doch nur gegen den Verfasser! des besagten Artikels sein Geschoß richten dürfen;! allein p?'und so lästerte er, da er > irrtümlicher Weise vermutkcte, irgend ein Orthodoxer habe sich ein boshaftes Spiel mit ihm erlaubt, die! Gcsammtortbodorie und behandelte alle ihre Be-! kenner sammt und sonderst als Schufte.