Mannheim
Compact Memory

Der treue Zionswächter · 1854-12-29 · 26 (29.12.1854) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der treue Zionswächter
Volume
10 (1854)
Issue
26 (29.12.1854)
Date
1854-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2625941-2626037-2626063--2864-2627479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V g s N )ur Wahrung -er Interessen des orthodoxen Judenthums. 1V. Istzrgsng. 29. December 1851. I Altona. I t-)2(2 n 2b. Rückblick , auf die seitherigen Bcstrebuugcn uud Leistungen der modernen Geistlichen. (Fortsetzung.) Jedoch auch in unser» Tagen hat die göttliche Gnade würdige Männer aufbewahrt, von göttlichem Eifer dürchglüht uud von heiliger Wissenschaft erfüllt, theils noch in ihrer Ausbildung auf Talmudschulen begriffen, theils ihrem heiligen Berufe in nicht beträchtlichen Bezirken, theils gar in scheuer, wohlbedachter Zurückgezogenheit von öffentlicher Wirksamkeit lebend, die für bedeutendere Wirkungskreise gewonnen werden können. An den Gemeinden liegt es daher, sorgfältig zu bedenken, daß von ihrer Wahl unbestimmbar großes Heil oder Unheil abhängig sei. Man wird doch gewiß einen Candidaten, welcher Philologie und Philosophie mit dem größten Fleiße und dem besten Erfolge studirt und absolvirt hat, sich nicht zum Ärzte wählen und ihm gewiß nicht sein Wohl und Leben anvertrauen. Für die religiösen Angelegenheiten, welche oft bas zeitliche Glück, stets aber die Gewissensruhe und das ewige Seelenheil bedingen, sollte ein Cand. phil. genügen? Ja aber — wird man einwenden — der gewünschte Erspectant prangt doch mit einer erlangten Morenu? Allein traut man dem Arzte, wenn er bloß von einem Bader unterrichtet und approbirt ist, "fordert man nicht ein langjähriges Fachstudium auf einer Hochschule, eine strenge Prüfung von Seiten der Facultät und eine Prarislicenz von der Sanitätsbehörde? Zum Rabbinen aber sollte ein unerfahrener Jüngling taugen und Fähigkeit genug besitzen, wenn er irgendwo Einiges vom Talmud und aus andern c-np 'wo wie einen profanen Classiker zu übersetzen, grammatikalisch zu erklären, Sentenzen und Skizzen daraus zu ercerpiren gelernt, und über diese Oberflächlichkeit ein Qualificationsschreiben erlangt hat, ohne daß er auf einer anerkannten r^'c' lange Zeit der rabbinischen Literatur sich befleißigt, im v'c bewandert und der v'pviri v'c-nw kundig, offne daß er in das Wesen des Inhalts einzudringen und die Wahrheit aus der Fülle und Tiefe hervorzubrinZen im Stande ist! — Bei dem Arzte endlich reflcctirt man sorgsam auf seine Gewissenhaftigkeit, wenigstens läßt man ihn dann sicherlich nicht beliebig schalten, wann er irgendwo zum Argwohne Gelegenheit gegeben, daß er über das Wohl und Weh, über Leben und Tod des Menschen kalt und gleichgültig bleibt. — Mit tiefster Bekümmerniß trachten wir also, wie es natürlich unsere Pflicht ist, auf alle möDchen Mittel, um unser und der Unsrigen körperliches Wohl herzustellen und das zeitliche Leben zu erhalten und lang zu fristen, und befragen den Kundigsten aus der weitesten Ferne. Allein das Leben ist doch der Güter höchstes nicht, denn es muß schon den drei Hauptverbrechen zum Opfer fallen; die Seligkeit und Ewigkeit aber, des Menschen höchstes Ziel, sollte uns weniger Angelegenheit machen; diese uns zu sichern oder sie zu verlieren, darüber sollten wir unbekümmert jeden Neuling als Schiedsrichter anerkennen! Von demjenigen Candidaten, der zum Rabbinen gewählt werden soll, haben wir uns sonach auf's Bestimmteste zn überzeugen, daß er zu allen Zeiten und in allen Umständen den religiösen Satzungen treu geblieben, und! seine jüdischen Fachstudien nie hat von den profanen verdrängen lassen. Einer besonder» Nachforschung bedarf es, das religiöse Verhalten desselben, insofern er längere Zeit dem Studium der allgemeinen Wissenschaften auf öffentlichen Schulen obgelegen, genau kennen zu lernen, daß er während der Dauer derselben gepflogen. Der Gelegenheiten und Veranlassungen zum Streben nach Unumschräuktheit, nach Befreiung von allen hemmenden religiösen, staatlichen und selbst von den Vernunftgesetzen giebt es.zu viele und zu reizende, die zum Unglauben, ^Abfall und endlich zur völligen Entartung des sittlichen und religiösen Gefühls und Lebens führen, ffenn der unbändige Hang nach Zügellosigkeit im Genüsse des Lebens Freuden und Bequemlichkeiten schäfft im Individuum eine seinen Meinungen entsprechende Anschauung der Religion und eine das WohÜeben fördernde Beschränkung des Pflichtenkreises.I Wer einmal von diesem ansteckenden Jugendrausche ergriffen worden, wird nicht leicht wieder zur Nüchternheit, zn einem bessern Bewußtsein gelangen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.