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Jüdische Volksstimme · 1920-12-29 · Heft 51 (29.12.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 51 (29.12.1920)
Date
1920-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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PALXSTINA. Dtt pofltfoch# lm tt Pafltiiiia. Ueber die politische Lage bi Pal&stina empfångt die „Neue ZOricher Zeltung" folgenden Bericht; „Die Lage in PalSstina ist in diesem Aitgenblick sicherer und ruhiger denn lange zuvor. Oas Verh&ltnis zwischen Arabern und Juden ist ein normales, in vielen Ortschaften sogar herziiches geworden. Oie Stadtobersten und Distriktsgouverneure geben sich alle Milhe, durch Veranstaltung gemeinsamer Abende, freundschaftlicher Zusammenkilnlte, gemischter Komitees usw. die beiden wichtigsten Teile der Bevolkerung zur Mitarbeit zu veranlassen. Die arabischen Kinder beginnen in manchen Ortschaften in die als vorzttglich anerkannten jildischen Schulen zu gehcn, wShrend die jttdische Bevdlkerung groflen Fleifi bei der Erlernung des Arabischen an den Tag legt. An den kBrzlIch erdffneten Vorlesungen iiber Rechtswissenschaiten und an anderen Anlåssen in Jerusalem nahmen, in Qegenwart des Oberkommissårs, Vertreter aller Gemeinden teil, und auch sonst wird keine Gelegenheit versaumt, um das Gemeinsame der Interessen aller Einwohner, gleich welcher Religion und Nationalitet, zu unterstrelchen." Jiidisch-arabisches Elnvernehmen in Obergaliltta. In Obergalilåa herrscht, wie dem „Haarez" berichtet wird, jetzt vollstdndige Ruhe. Die Bauern und Arbeiter der zerstdrten in dischen Kolonien kehren zu ihrer Arbeit zuriick und fessern die Schaden aus. Die Beziehungen zu den Arabern sind ausgezeichnet. Der Hauptanstifter der ehemaligen Unruhen, Kamit-Effendi, hat die Juden seines Wunsches nach Frieden versichert. Die Beziehungen zu den bisherigen franzøsischen Behdrden sind gute. Der Transport von Baumaterialién und Wirtschaftsgeriiten ist wieder aufgenommen worden. Rothschildscher Eisenbahnbau In Pal&stina. „Haarez" teilt aus sicherer Quelle mit, daB Baron Edmond Rothschild sich bereit erklårt håbe, Petach-Tikwah mit Ras-al-Ain. durch eine Eisenbahn zu verbinden. Der Bau dieser Strecke sei schon lange als notwendig fiir den wirtschaftlichen Aufbau bekannt. Das ganze Gebiet der Jildischen Kolonien werde die Mdglichkelt bekpmmen, seine Orangen und seinen Wein-nicht auf dem Kamel, sondern durch die Eisenbahn zu transportieren, was bedeutend billiger, schneller und fiir die Frilchte vorteilhafter sein werde. Musikwesen In PalSstina. In PalSstina wanderten in letzter Zeit zahlreiche aus RuBland geflilchtete hervorragende jttdische Musiker ein, von denen eine Anzahl an der Musikschule in Jerusalem tStig sind. Das Konzertwesen hat in letzter Zeit in PalSstina lebhaften Aufschwung genommen. In Jerusalem, Jaffa und Haifa werden zahl-* reiche Konzerte veranstaltet. Chaluzim unter 20 Jaliren. Chaluzim unter 10 bis 20 Jahren ohne Verwandte dUrfen, wie der Waad Hazirim mitteilt, im allgemeinen nicht nach PalSstina befordert werden. Jiingere Chaluzim konnen nur in ganz besonderen AusnahmsfSllen nach PalSstina geschickt werden, wenn sie psychisch besonders geeignet und entwickelt sind. Das PalSstlnamandat, Nach Mitteilungen der „Times" hat England, dem vom Vtilkerbund die Ausarbeitung eines Mandatsen fwurf es fiir PalSstina ttbertragen wurde, sich mit Frankreich und Italien iiber den Wortlaut dieses Entwurfes geeinigt, welcher dem Valkerbund nach Genf iibersandt wurde. In dem Mandatsentwurf sind die historischen Ansprttche der Juden auf PalSstina ausdrttcklich anerkannt. Es wird in dem Entwurf die Schaffung von SelbstverwaltungskSrpem in PalSstina ins Auge gefaBt. Eine weitere Bestfmmung Crkennt die Zionistische Organisation als solche vdlkerrechtlich an; sie soli von der palSstinensischen Regierung zu Rate gezogen werden, namentlich in Bezug auf wlrtschaftliche Fragen und bei der Vergebung affentlicher Arbeiten. Die Lage des Arbeltsmarktes In PalSstina. Die Konstantinopoler „Nation" berichtet: „Seit dem Beginn des Winters hat sich die Lage der Arbeiter in PalSstina bedeutend gebessert. Die Spezialhandwerker, wie Schneider, Sehuhmacher usw., welche ins Land g«kommen sind, haUen Arbeit gefunden. Die Krisis im Bauhandwerk, welche scharfe Formen angenommen hatte, wird beigelegt werden kikmen. da die Regtemnf dm. Maurern Arbeit vwsdmfft hat. Die Setter kantten flor schwer Arbeit Anden in Anbetracht des Mangels an Papier, wodurch auch der DriJck von schon fertiggéstéllten Bflchern yerz6gert Wifd, Die Gofdschmiede tnachen eine schwierige Zeit durch, ebenso die Graveure. Absolut unmogiich ist es, uflgelernten Arbeitern Beschfiftigimg zu geben. Mechaniker Anden Béschåftigung in den kleinéren WerkstStten, aber eS gibt noch keine WerkstStten von gfOBerem Umfang. Eine grofle Repara* turwerkstStte wflrde hier gute Aussichten auf Erfolg haben. Die groBe Teuerhng macht die Éxistenz dér arbeitenden Klassen im Lande recht unsicher. Englisches MilltSr in PalSstina. Auf eine Anfrage im Unterhause, wie hoch die Kosten der englfschen MilitSfausgaben in PalSstina seien, antwortete Minister Winston Chamberlain, daB diese nur noch 900.000 L betriigen. Hierzu wird aus parlamentarischen Kreisen nsitgeteilt, daB auch diese Summe sioh nur dadurch ergibt, daB der groBte Teil der Sgyptischen Garnison nach SiidpalSstina verlegt worden ist, wodurch die Sgyptischen Ausgaben sich formell auf nur 90.000 L stellen. Jedenfalls erreichen selbst die nunmehr bekannt gewordenen MilitSrausgaben PalSstinas bei weitem nicht die Summen, welche von verschiedenen englischen Zeitiirtgen genannt worden sind, die eine Propaganda zur Verringerung der. englischen MilitSrausgaben im Orient eingeleitet. haben. Oberrabbiner Kuk und der Zionismus. Der orthodoxe Oberrabbiner Kuk in Jerusalem veroffentlicht, wie die „Zionistische Korrespondenz" mitteilt, im „Doar Hajom" einen offenen Brief, in dem er sich gegen dié Gertlchte ausspricht, daB er Gegner des Zionismus sei. Kein Mann in Jeru-salem — so schreibt Oberrabbiner Kuk — håbe das Reoht, sich Rabbiner zu nennen, wenn er Gegner des Zionismus sei. Jeder traditionellé Jude glaubt, daB unsere nationale Wiedergeburt, die, vom VBlkerbtmd und von GroBbritannien anérkannt wurde, der Wille Gottes sei, |der Israel im Heiligen Lande wieder aufleben lassen will. Ein antisemldsches Institut zur „Erforschung des Judentums". > Der Warschauer „Moment" berichtet, daB am 13. v. M. die konstituierende Versammlung des „Instituts fttr Erforschung des Judentums" stattfand, das der bekannte Antisemit Niemojewski, der Herausgeber des Hetzbiatzes „Mysl niepodlegia" begrtindet. An der Konstituierung nahmen unter anderen teil: die Åbgeordneten Szwiha, Marilski, Rudnicki und Dr. DymoWski (der durch seine BriefdiebstShle am Abgeordneten Diamand bekannte Vorsteher des „Rozwoj", der wirtsbhaftsantisemitischen Vereinigung in Polen). Niemojewski wies in seiner ErOffnungsrede darauf hih, daB es bisher dem polnischen Antisemitismus an Mitteln zur Orientierung tibér die Judenfrage gefehlt håbe (i). Die Initiative zur Grllndung eines solehen wissensichaftlich orientierenden Instituts sei vom;‘polnischen MilitSr ausgegangen; von Offizieren sei auch die erste Spende gegeben worden. Am Tage der Konstituirung håbe man béreits 400.000 Mark gesammelt; die Spender seien zunieist Militars. Daszlnskl fiir Aenderung der Judenpolitik. Aus offiziellen polnischen KretSen -wind, wie die Warschauer jttdische Presse meldet, ein Bericht verbreitet, in welcbem es heifit: „Auf1 der Konferenz mit den Vertretern der Presse, welche am 7, Dezember. in Warschau stattfand, hat dér Vizepremierminister Daszinski auch die Stellung der Regierung zur Judenfrage .bertthrt. Er sagte: „Mit Rttcksicht auf verschiedene innere und SuBére Schwierigkelten, mit welohen Polen zu kåmpfen hat, muB' man auch zur Judenfrage eine klare und bestimmte Haltung einnehmen. Die Regier ung steht auf dem Standpunkte, daB leder in Polen wohnende Mensch die Sicherheit des Lebens, des Eigentums und der bttrgcrlichen Rechte verbtlrgt haben muB, ebenso wieres mit Jedera Staate der Fail ist, mit welchem die Regierung in Beziehungen stehen will. Es ist unmdglich, eine entgprechende AuBenpolitik zu ftthren, es ist unmdglich, im Auslande finanzielle und wirtschaftliche Untersttttzung zu finden, wenn man gleichaeitir im inland eine antisemitische Politik fuhrt. Weder England, noch Amerika, noch Frankreich werden zu ienem AusmaB der Hilfe geneigt sein, welche fttr ein lunges Staatswesen uneriafilich ist, falis man die luden schlecht behandeln wird, Huen die Barte absclmeiden wird eder in der Presse einen derartignn AntisemUtøms trafl>en wtrd. Die Réglafun^ ttlrd gerade damuf Wért tWen mflssen, den Vertrag fiber den Schutz dét nationalen Minderheiten zu VirdffehtHdften, def vom Sefm bereits beståtigt wurde, und wird Schritte unternehmen, um ihre Stellung zu den Jaden als gleichberechtigten Staatsbttrger deutlrch zu machen. Die poltih sche Presse muB mit dieser Stellung der Regierung als einer Staatsnotwendigkeit reebnen." Es ist auBerordentlich interessant, daB Daszinski selbst sich dazu verstehen muBte, in seinen Richtlinien fttr die polnische Presse die Judenfrage in dieser Weise aufzurolien. Es ist darin zjmt erstenmai ofien zugegeben, daB die polnische Reglarungspolitik bisher antisemitisch war, und daB dieser Antisemitismes den Polen auBerordentlich geschadet hat. Bisher hat es die polnische Regierung fiir klug gehalten, ihren Antisemitismus stets mit unschuldigen Augenaufschlag in Abrede zu stellen. Gerade diese Politik muBte den schlechtesten Eindruck machen. Nun hat Daszinski auf Grund im Auslande gemachter Erfahrungen der polnischen Presse Richtlinien gegebeh. Es ist aber interessant —• wie der „Haint" bemerkt — gleich festzustellen, daB keine einzige der polnischen Zeitungen die auf die Juden. beziigliche Stelle aus der Rede Daszinskis mitgeteilt hat und daB auch das offiaielle, von der „Pat" herausgegebene Communiqué diese Stelle uiiterschlSgt. Es scheint demnach, daB die polnische Presse nicht die Absicbt hat, sich an die erwtthnten Wei^ungen zu halten. HebrSisch und Jiddisch in der Slovakel — unzuldssig. Wie wir érfahren und wie bns durch viele eingesandte Belege erhårtet wird, ist der Gebrauch der hebr&ischen Schrift, also die hebr&ische und jiddische Sprache im Briefverkehr in der Sloyajcei von Amts, wegen fttr unzulåssig erklårt worden. Praktiziert wird dieser ErlaB einfach so: die hebrfiisch oder jiddisch geschriebenen Briefe werden ihres Inhaltes eirifach beraubt und der Empfanger erhglV das Kuvert, welches statt des Briefes den lakonischén Zettel enthalt: „Hebrej§tina nepffpustna." Es handelt sich, hauptsachlich um Briefe aus tden Vereinigten Staaten von Amerika, aus Kanada, sowie aus Galizien, .ifm Briefe von Verwandten, die mit ihren Verwandten nur in jiddischer Sprache korrespondieren kdnnen und die wahrhafti& nicht wissen kdnnen, daB das kul-, tureile Wachstum der Ceohoslovakei soweitgediehen Ist, daB man ihre Briefe-einfach mit einem Zettel „Hebrttisch — unzulassig!" vertauschen wird. Das geschieht nicht einmal in Polen, iiber das,wir .uns ja kultureil manchmal so erhaben dtinken. In Polen ist eben, wo zensuriert werden muB, ein Zensor angestellt, der jiddisch lesen kann. Und das .wird, wenn die Briefzensur in der Slovakei stSndig ist, auch in der Slovakei geschehen miissen; denn es ist unmbgiicb, das Sprachbedttrfnis der Bevdlkerung nach den Sprachenkenntnissen des Zensors einrichten zu wollen; wobei wir noch — zugunsten der slovakischen Behdrden — annehmen wollen, daB die hebrdischen Schriftzeichen nar deshalb „unzulassig" seien, weil sie der Zensor nicht versteht; Das ganze Vorgehen ist nloht nur eine'Verletzung des MinoritSténvertrages, sondern auch inhuman, da es die Verbindung zwischen den slovakischen Juden und ihren amerikanischen Verwandten immbglich macht; ist aber auéh vor allem ein schweres kulturelles Unrecht, an dessen schleuniger Beseitigung besonders wir Zionisten interessiert sind. Denn es ist ein Angriff gegen die Erhaltung und Neubelebung unserer Volkssprachen, des Jiddischen und, besonders des Hebraischen; ist ja infolge dieses Eriasses auch der BeZug Jttdischer und Hebraischer Zeitungen den slovakischen Juden unmogiich gemachtl Wir machen unsere jttdischen Behdrden, die zionistischén sowie den Jttdischen Nationalrat auf diese Zustånde aufmerksam, und sind tiberzeugt, daB es ihreip Eingreifen gelingen - Wird, die, Regierung von, dem kulturfeindlichen Charakter dieses Eriasses zu itberzeugen und zur Remedur zu veranlassen. VERMISCHTES. Ein bemerkenswerte Szene. Bei der Vermahlung des Sohnes des Generafgouverneurs Sir Samuel mit der Tochter des hebraischen Scbriltstellers Grasovsky, an welcher Feier mehr als 900 Personen teilhahnien, schmttckte der greise Scheich Abu Midi nach der Trauung den Brfiutigam mit der arabischen Traeht und erkttrte din feierlich zum Scheich von Bersaba. Auch dieser Vorgang ist ein Béweis dafttr, welcke grofie Sympafhien Sir Samael sicb bereR« in<den ’

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