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Jüdische Volksstimme · 1920-12-22 · Heft 50 (22.12.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 50 (22.12.1920)
Date
1920-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Hf. 50' hinttr den Kulissen, um fan geehrnetén Augenbllck aus dem Versteck hervorzutreten und in das Råderwerk einzugreifen. Die Arrangeure begniigten sich damit, daB sie im Qeheimen ihre Anordnungen traien und ziindende Schlagworte ausspieen. Die verhetzten Massen zogen aus, um wie das Losungswort verkundeten, „die Republik von den unverlSBiicfien Elementen ,zu befrelen", und ahnten nicht, daB sle dadurch die Stellung des Philosophen in der Burg untergraben und dem eigenen Volke den groBten Schaden zufiigen. Nicht Deutsche und Juden sind die Qegner der bestehenden Ordnung, sondern jene unversdhnliche Chauvinisten aller Nationen, die gerade die Friedensvertråge zum stårksten EinfluB verhalfen. Es sind jene Elemente, welche „n o c h z u \v enig gesiegt" und „Nachtragssiege" feiern m6chten, jedem Mitbi'^ger anderer Anschauung von der Tafelrunde der Sieger abzudrången suchen, um ihre Suppen am Feuer des nationalen Hasses kochen zu konnen, Und so fanden sie die alten Denkmåler des Volkskaisers Josef II., die in so vielen deutschbøhmischen Stådten prangen, als Zielscheibe ihrer Angriffe und verschrieben sich die dort garnisonierenden Legionåre als Vollstrecker ihres Willens. Es ist selbstverståndlich, daB die autochthone Bevolkerung, die diese Denkmåler erbaute und Jahrzehnte hindurch hegte und pflegte, dieses Ansinnen als gewaltsamen Eingriff in ihre Rechte betrachtete. — Nun trat ein Ereignis ein, welchem schon die Bibel einen Pråcedenzfall an die Seite stellt. Månner des Schwertes sttirzen des Nachts das steinerne Bild, welches aber des morgens von der erbitterten Menge wieder aufgestellt wird. Genau derselbe Vorgang, wie der Hidische Held Gideon (Richter 6, 27 - 32) den Sturz der Baal-Denkmåler herbeifiilirte, die des Tages von der Bevolkerung wieder restauriert wurden. Freilich auch dort wåre es zum BlutvergieBen gekommen (vgl. Teplitz, Asch usw.), wenn der Vater des Missetåters sich nicht ins Mittel gelegt und die aufgeregte Menge durch eine kluge Wendung beschwichtigt håtte. Allerdings versuchten auch hier die sozialdemokratischen Fiihrer beider Nationen, die hochgehenden Wogen zu glåtten, indem Sie ihre Anhånger ermahnten, sich wegen eines Steines nicht aufzuregen und keine Gewalttaten zu begehen, Allein, s i e hatten diesmal nicht die Massen in der Hånd. Die Gasse gehorchte anderen Fiihrern, zumal auch Vorteile winkten. Die Parole der Vergeltung fand eben mehr Anklang, als verniinttige Erwågungen, und ihr Widerhall war in deutschen Redaktionen, Theatern usw. vernehmbar. Aber auch das jtidische Rathaus muBte sich den Besuch der aufgeregten Menge gcfallen lassen, wo allerdings lediglich Matrikenbiicher und andere wertvolle Schriften und Dokumente der Verniohtung preisgegeben wurden. Ein unersetzlicher Schaden! Anerkannt muB werden, daB die Regierung alle MaBregeln traf, um die Menge zu beruhigen und Gewalttåtigkeiten zu verhindern. Diese Vorgånge bilden fiir uns eine Lehre, daB die Denkmåler aus Erz und Stein, welche gestern groBen Månnern aus Dankbarkeit errichtet wurden, heute wieder ihre Zerstorung erfahren. Aber auch die Heroen der Gegenwart, welchen unsere Generation Strafien, Plåtze, Bahnhofe usw. widmet, werden vielleicht schon Morgen ebenso geschmåht und in den Staub gerissen werjlen. — Ita est cursus mundi! Henne Am-Rhyn ilber die Juden als Nation. Von Dr. Josef H o f f, Rabbiner in Bisenz. Unter den Kulturhistorikern der neueren Zeit nimmt Otto Henne Am-Rhyn unstreitig den ersten Platz ein. Sein epochemachendes, 3båndiges Werk „Kulturgeschichte der neueren Zeit“, das sich sowohl durch Wissenschaftlichkeit als auch durch liberale Freisinnigkeit auszeichnet, verdient wohl von jedem nach Bildung Strebenden studiert zu werden. Das RechtsgefOhl dieses Mannes, das sich in vorurteilsfrelen und objektiven Urteilsspråchen kundgibt, låBt ihn nicht, wie so manchen anderen Geschichtsschreiber (z. B. Webers Geschcihte), ruhig an den mittelalterlichen Judenverfolgungen voriibergehen, sein Zorn lodert vielmehr måchtig auf, wenn er der Massakres der wehrlosen Juden Erwåhnungen tut und voll Abscheu wendet er sich von den gierigen Mordbrennern, von dem im Flammenschein der brennenden Ghettos pliiodernden Raubgesindel. Die Folge seines Rechtsgefiihls ist auch, daB er warm fiir die „jødisgiik vøusstimmb* 7 Emanzlpation der Juden elntrltt und bezeichnet den Widerstand gegen dieselbe als „widersinnige Reaktion", Solche judenliberale AusfUhrungen miissen uns zur Voraussetzung fiihren, daB der Verfasser der „Kulturgeschichte" Juden und Judentum zu wurdigen Versteht; allein es kommt anders, als man es erwarten soilte. Gelegentlich der Besprechung der neueren deutschen Poesie, deren Beginn mit Borne und Heine als gegeben bezeichnet wird, kniipft Henne Am-Rhyn auch allgemeine Betrachtungen ilber das Judentum, die uns den besten Beweis liefern, mit welcher Zåhigkeit die althergebrachte Vorstellung, die Juden seien Fremde, sich auch in den Kopfen der fortgeschrittenen Denkern einnistet. Im 3. Bande seiner „Kulturgeschichte" fiihrt er wørtlich aus: „Die Juden sind eine ganz abnorme Erscheinung in unserer Zeit und zwar deshalb, weil sie zugleich Nation und Religionsgesellschaft sind, und doch wieder ein Jeder der Nation angehorén will, unter welcher sie leben. Es kann aber Niemand zwei Herren dienen. Wårert die Juden bldfi Religionsgesellschaft, in welcher Jeder ohne Unterschied seiner Herkunft Aufnahme fånde, so kønnte man so gut Jude und Deutscher sein, als man Protestant und Deutscher, oder Katholik und Deutscher, oder Freigeist und Deutscher sein kann. Aber die Juden sind zugleich eine Nation — eine Nation in der Nation! Das ist ein Widerspruch, der mit den Grundsåtzen der Fortentwicklung des Menschengeschlechtes so scharf kontrastiert, daB er einmal zur Losung so oder so kommen muB. Man hat gehofft, mit der Emanzipation der Juden werde diese Anomalie aufhoren — umsonst. Die Juden bilden immer noch dieselbe fiir sich abgeschlossene Kaste, die so eng zusammenhålt, daB kein Christ oder Freigeist in ihre besonderen Kreise eindringt.".Wir wissen nur, daB die Juden einst keine andere Wahl haben werden, als entweder bloB Religionsgesellschaft zu bleiben und als Nation sich aufzuløsen, oder dann als Nation sich ein eigenes Land zu kaufen und dahin auszuwandern, nicht von der Gewalt der Waffen, sondern von der Macht der offentlichen Meinung gezwungen. Besser wåre es, sie wåhlten bei Zeiten das Erstcre und; wUrden sich als theistische (nicht jtidische) Kirche Mt' Beseitigung aller Zeremonien, Speisever^nte, Feiertage, des Sabbathes, der hebråischen Sprache usw. konstituieren und Leute aller Nation unter sich aufnehmen." Diese Worte Am-Rhyns zielen auf eine vollige Assimilation des Judentums hin. Nun, die Idee der Assimilation ist nicht neu, der Versuch ist. im Laufe der Geschichte gar oft gemacht worden, in verschiedenen Variationen, bald mit Gebet und Weihrauch, bald mit Feuer und Schwert, bald mit Orden und Titeln; sie ist. oft genug von Kanzel und Katheder, von Berufenen und Unberufenen verkiindet worden, und jedesmal, ohne Gutes zu stiften. Doch was bis heute nicht gelungen ist, das wird niemals gelingen, denn die Juden werden stets Juden bleiben, wohl nicht zum Schaden der Menschheit. — HeiBt das aber „eine Nation in der Nation" bilden, wenn der Jude, neben seinen Pflichten als Staatsbtlrger, sich auch seinen Stammesgenossen gegentlber wohltåtlg zeigt, wenn er seine Religion hålt, seine Sabbathe und Festtage nicht entweiht? Religion ist doch nicht Bedingung-der Nationalangehørigkeit: in unserem Staate wohnen Katholiken, Protestanten, Reformierte etc. nebeneinander, tind doch wird Kelnem einfallen, eine dieser Religionsgenossenschaften als „eine Nation in der Nation" anzusehen. Wenn der Verfasser der „Kulturgeschichte" dieses gleichwohl behauptet, so zeigt dies nur, daB er das Judentum und die Juden nicht kennt. Am-Rhyn stellt ferner fest, daB den Juden im Laufe der Zeit nichts anderes ilbrig bleiben wird, als auszuwandern, und zwar nicht vor der Gewalt der Waffen, sondern von der' „Macht der øffentlichen Meinung" gezwungen. Doch die Juden in der Ukraina und in Polen mUssen ihre Heimat verlassen und auswandern, aber nicht gezwungen von der Macht der øffentlichen Meinung, sondern nur rohe Waffengewalt nøtigt sie, den Wanderstab zu ergreifen, zumal sie auf ihrer helmatlichen Scholle ihres Lebens nicht siche; sind. Und diese Auswanderer sind stolz auf ihre s e m i t i s c h e 1 Abstammung, ebenso stolz, wie die Deutschen — wie Henne Am-Rhyn auf seine germanische Abkunft. Alles was J U d i s c h fst, fst fhnen teuer und ihr Herz weilt stets in ihrem L i e blingsorte Palåstina — sie sind National- Juden, Sit* 3. Es mag uns wohl wunderbar scheinen, daB „liberale" Månner, Månner von entschieden radikaler Demkweise und streng demokratfscher Tendenz, wie Henne Am-Rhyn, die Freiheit, die sie før sich beanspruchen, den Juden nicht gonnen, und dafi sie sich gehå&ig gegen die Juden ais solche 2eigen. Doch die Vereinigung von politischem Radikalismus und Antisemitismus ist — wie die Geschichte uns iehrt — nicht so selten, wie man wohl glauben sollte. Die Jlld.-politische Tåtigkeit beim VBIkerbund. Der Herausgeber der „J. P. Z.", der sich aitlåBlich der Sitzungen des Volkerbundes nach Genf begeben hat, berichtet: Seit 14 Tagen befinden sich der Vorsitzende der Jiid. Delegationen Nahum Sokolow und seit 10 Tagen der Generalsekretår des Komitees Leo Motzkin in Genf, um bestimmte allgegemein jiid. Aktionen durchzufiihren, welche mit der Tagung des Vølkerbundes und noch mehr mit den spåteren Arbeiten der einzelnen Kommissionen des Volkerbundes im Zusammenhange stehen. Vor allem sind es folgende Probleme, welche das K. d. J. D. nach mehreren Beratungen in Paris veranlaBt haben, die beiden Herren als Spezialdelegation nach Genf zu entsenden: Die Gefahr weiterer Pogrome, ja der volligen Vernichtung des ukrainischen Judentums; die Nichteinwanderung oder Verletzung der Friedensvertråge, soweit es sich um die Minoritåtsklauseln handelt, in einer Reihe von Låndern; die internationale Durchfiihrung soleher Verpflichtungen seitens derienigen Staaten, welche noch nicht in den Volkerbund aufgenommen worden sind usw. Dazu kommen noch mehrere Spezialaufgaben. Als wichtigste Aktion hat das K. d, J. D. die Aktion gegen die Pogromgefahr im allgemeinen, insbesondere jedoch auf ukrainischem Gebiet, betrachtct. Auf Initiative des K. d. J. D. ist deswegen ein gemeinschaftliches Schreiben an den Pråsidenten des Volkerbundes gerichtet worden, das auBer dem Pråsidenten des K. d. J. D. auch vom Sekretår des engl. Joint Foreign^Committee, Lucien Wolf, und vom Pråsidenten der ITO, Zangwill, unterzeichnet wurde. In diesem an anderer Stelle im Wortlaute wiedergegebenen Schreiben wird der VØlkerbund um einen Ausdruck der Sympathien fiir die Pogromopfer und um Einsetzung einer Untersuchungskommission gebeten. In åhniichem Sinne hat die „Alliance Israélite Universelle" eine Eingabe an den Volkerbund gerichtet. Damit ist erst die Aufgabe gestellt, denn es gilt, zwei Regierungen dafur zu gewinnen, daB sie die Frage im Plenum erheben sollen, es gilt, durch personlich^ Besprechungen und Zustellung der -erforderlichen Materialien dafiir Sorge zu tragen, daB Wortfiihrer sich meiden, welche das furchtbare Verbrechen brandmarken. Um so erstaunlicher ist es, daB auBer dem K. d. J. D. die Vertreter der anderen Organisationen unmittelbar nach Ueberreichung erwåhnten Briefes Genf verlassen haben, wo doch geschlossenes Vorgehen aller Teile im Judentum dringend erforderlich wåre. i Neben dieser Aktion ist das K. d. J. D. auf dem Gebiete der Minoritåtenrechte in Genf tåtig. Sokolo hatte seit seiner Ankunft wiederholt Besprechunge. mit maBgebenden politischern Faktoren, anlåfllich der Frage der Aufnahme Finnlands in den Volkerbund, Besprechungen, die dahin zielen, daB jeder neue Staat, der nach Aufnahme in den Volkerbund strebt, die Verpfliohtung iibernehme, in seine Konstitution die von der Friedenskonferenz anerkannten Minderheitsrechte aufzunehmen. Bekanntlich hat Lord Robert Cecil das Problem im Plenum bei;eits aufgeworfen, worauf es an die 5. Kommission nach Wahl einer zusåtzlichen Subkommi&sion (Cecil, Motta, Bene§) verwiesen wurde. Das K. d. J. D, hat darauf in diesem Stadium ein spezielles Memorandum iiberreicht und es besteht die Hoffnung, daB die Frage gtinstig gelost werden wird. Bezuglich der Ukraine wird das K, d. J. D. dem Vdlkerbunde eine besondere Deklaration Uberreichen, welche ein Echo der furchtbaren judischen Tragddie darstellt. Das K. d. J. D, beschåftigt sich ferner mit den Pogromen in Ungarn, mit don Fragen der Juden von Danzig, mit der Angelegenheit der ostgalizischen Flilchtlinge in Wien usw, SchlieBlich hat die Nichteinhaltung des Vertrages fiber den Schutz der nationalen Minoritåten durch Polen eine besondere Aktion des Komitees der Jiid. Delegationen zur Folge gehabt.

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