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Jüdische Volksstimme · 1920-12-22 · Heft 50 (22.12.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 50 (22.12.1920)
Date
1920-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nf. 60. fej* t. vowMTUMir scbwiertgsten kdrperlichen Arbeiten gewachsen. Wenn man sie als arbeitsscheu verdåchtigt hat, so ist das ein unbegriindetes Vorurteil. Die Erfahfung hat ge2eigt, daB Uberall da. wo die Gelegenheit gunstig ist, die J»den gem alle Arbeitén verrichten. Nach dieser Seite hin dflrften sich also keine groBen Schwierigkeiten darbieten, tind der Plan wåre schon deswegen ernst zu erwfigen, weil er zum ersten Mal eine Losurfg des ostittdischen Problems nicht fUr wenige, sondern fttr Hunderttausende bie* ten wiirde. Denn es k&men dafiir nicht mir die In Deutschland weilenden Ostjuden in Betracht, sondetn auch groBe Scharen aus Polen, Oali2ien, Ukraine und ZentralruBland, and bei einer richtigen Organisation und einer rationellen Propaganda fiir die Ides diirlten hunderttausende Juden fBr die Saclie zu gewinnen seln. Es sind aber nach einer andern Seite hin viele Hindernisse zu iiberwinden, und der Schwerpunkt der Sache liegt darin, daB in geeigneter Weise filr die Gegenwart und die Zukunft dieser iiidischen Arbeiter gcsorgt wird. Die Qegenden, um die es sich hier handelt, sind meistens ganz verwiistet, und es miiBten erst Lebensmdglichkeiten fiir die Arbeiter geschaffen werden. Zerstreut kBnnten die iiidischen Arbeiter da nicht leben, sie miiBten in groBen Gruppen angesiedelt werden, und es miiflte nicht nur fiir ihre Ernåfirtmg, sondern auch fiir ihre kulturellen und religidsen BedUrfnisse gesorgt werden. Schulen fiir Kinder und Erwacbsene, BethSuser und geistig-gesellige Mittelpunkte miiBten entstehen, ein Stab von jiidischen Beamten und geistigen Fflhrern miiBte den Leuten zur Seite stehen. Das alles miiBte nach einem groBziigigen Plan vorbereitet werden, und die Iiidischen Organisationen in Frankreich und England sind In erster Relbe dazu berufen, die Sache /n die Wege zu lelten. Neben der ihnen anzugedeihenden Hilfe miiBte den Leuten ein groBes Feid zur Selbstbetatigung gegeben werden, damit sie bei ihrer ausgespro*- chenen individuellen Natur sich da einleben und wohl fiihlen. Neben dieser Sorge fiir die Gegenwart muB auch an die Zukunlt dieser Leute gedacht werden und zSelbewuBt muB ihnen und ihren Kindern der Weg zu einer spåteren, sicheren Existenz gebahnt werden. Die Leute sollen sich nur flir eine bestimmte Zeit verpflichten, dazubleiben, sie sollen nur 2—3 Jahre in Belgien und Nordf r ankr eich arbeiten. Ist die Zeit um, datin mufl ihnen die Moglichkeit gegeben werden, nach Amerika .ynd zum Teil nach JPal&stina auszuWanderri, um dart eine* dauernde Heimat in einer ftlr sie und die Gesamtheit niitzHchen Arbeit zu finden. Das sind wlchtige Bedingungen, die erfiillt werden miissen, und gewiB gibt es hier Schwierigkeiten zu iiberwinden, und sie mtissen Oberwunden werden. Der zti beschreitende Weg wdre der, daB sich in den Ldndern der Entente ein iil disches Kom i tee hildet, das die Sache in die Hånd nimmt und den Vermittler zwischen den Regierungen und den Ostjudftn bildet. Die deutschen Juden werden gewiB afles tun, um diesen Plan zu fordern, und da bereits ein „Verband der Ostjuden'* in Deutschland existiert, retten. Ach Goft, sogar nicht in der Synagoge Lårm geschlagen, nicht den Friedhof messen lassen, nicht ein Ajin-hara (boses Auge) verscheucht... So erlosch es gleich einer Kerze!" Er aber beschwichtigte sie. „Weine nicht, Sara, weine nicht, versiindige dich nicht Qott gegenuber." „Achl Wann soli Er doch schon mit uns Mitleid bekommen." „Håbe selbst mit dir Mitleid, lasse dies alles nicht so sehr auf dein Herz einwirken. Schaue, wie du aussiehst. Zéhn Jahre sind voriiber seitdeni wir uftter der Chuppa (Trauhimmel) gestanden ‘sind. Schau, wie du aussiehst... Ach wehe... Warst du fa das schSnste Weib deiner Stadt!" „Und du? Erinnerst du dich noch, man pflegte dich Mendel Glbbor (Held) zu heiflen, jetzt bist du dreifach gebeugt, krank... Obgleich du es mir zu verheimlichen suchst. Ach Gott, Gottl" bricht sie in einem Lårm los. Die Kinder erwachen und flehen: Essen, Brot! „Gott bewahre! Wer wird denn heute essen?“ erwiderte Mendel plbtzlich. Die Kinder richten sich entsetzt auf. „Heute ist Fasttag", sagt Mendel mit finsterer Miene. Es verstrichen einige Minuten, bevor idie Kinder verstanden, was zu ihnen gesprochen wird. wåre eine Brflckc leicht hcrzustellen. Auch in den andem Låndern miiBten Organisationen entstehen, die ideelt und materiel! die Sache unterstatzen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daB bei der angeborenen Inteliigenz der Ostluden sich viele finden werden, die gern mittun und mit den Arbeitern als geistige FUhrer mitgehen. Wird diese Idee zur Wjrklichkeit, dann kann sie in jeder Hinsicht fiir Gegenwart und Zukunlt viet Segen stilten. Wiirde es gelingen, ein ostjUdisches Arbeiterheer zu formieren, das geistig und sittlich wohl so hoch wie lede andere Arbeitergruppe Europas steht, danit wiirde dies auf die Mftchte der Entente wie auf die ganze Kulturmenschheit einen gunstigen Eindruck machen. Einer solehen lebendigen Tatsache gegeniiber warden alle Vorurteile verstummen, und man wiirde zum ersten Male den Ernst der Ostjudenfrage erblicken. Wie man auch diese Idee anfassen mag, sie verspricht nur Gutes, und es wåre an der Zeit, daB sich die Oeffentlichkeit in Frankreich, England und Amerika damit ernstlich befaBt. Eine fUnfiahrige Epoche der Zerstorung liegt hinter uns, Vernichtungen auf wirtschaftlichem und sittlichem Gebiete, — das ist das Bild, das sich uns uberall darbietet. Nun soli mit dem Wiederaufbau begonnen werden, und es kann den Juden, die durch ihre lange Leidensgeschichte fiir die, Arbeit der Menschllchkelt erzogen werden und nur zur Ehre gereichen, wenn sie mit die ersten sind, die dabei mittun. Die Proletarier aller Lånder wiirden diesem Plane sicherlich ihre Hilfe nicht versagen, denn sie sind die eigentlichen Tråger des Friedens, sie sind zu lieben und nicht zu hassen da. Schekelaufruf! Gesinnungsgenossen! Auf Grund eines Beschlusses der Exekutive der zionistischen Organisation in London soli die Schekelsammlung fiir das Jahrt 5661 vom Chanukka-Fest ihren Anfang nehmen. Wir richten deshalb an alle Gesinnungsgenossen die Aufforderung, imverziiglich mit der Einleitung der Propaganda und der Sammlung zu beginnen. Kein Zionist darf sich dieser kleinsten, aber grundlegenden Pflicht entziehen. Denn der Schekel ist das Fundament unserer Organisation, ist der sichtbare MaBstab fiir unsere zahlenmåBige Stårke. Fiir den Einzelnen bedeutet er das ofizielle Bekenntnis zu unserer Idyg, die Leistung, die ihm alle Rechte des >orgaiTl^léiifep? Ziohfsteii sichert. Die groBen Ålitischen Eifolge des Ietzten Jahres haben den Charakter unserer Organisation von Grund auf veråndert. Aus einer Zusammenfassung Bcitrag-zalilender Mitglieder ist eine politisch anerkannte, politisch verhandelnde Vertretung geworden, die vor den Augen der ganzen Welt die Verantwortung fiir den Aufbau eines Landes iibernommen hat und in der man die Reprasentanz des ganzen iiidischen Volkes sieht. Ungeheuere Aufgaben harren der Durchfiihrung: Aufgaben, die denen gleichen, die ein Staat mit se?- nem festgefiihrten Organisationsapparat zu leisten hat. Dringender denn je Ist deshalb die Notwendig- „Was fiir Fasttag? Was fur Fasttag?" fragten sie mit weinender Stimme. Und Mendei erzåhlt kummervoll und mit gesenkten Blicken, daB heute beim Morgengebet, beim Lesen aus der Torah, eine Torarolle vom „Schulchan" (Tisch) heruntergefallen ist. „Daher", setzt er fort, „hat man fiir morgen eiuen Fasttag festgesetzt, Såuglinge mitinbegriffen." Die Kinder schweigen und er setzt fort: „Einen Fasttag wie Jom Kippur, wie Tischa-Beab, heute abends långt er an! Die vier Kinder hupfen rasch heraus aus dem Bett und beginnen barfuB in ihren zerrissenen Hemdlein in der Stube herumzutanzen und zu lårmen: „Wir wollen lasten! Fasten!" Mendel stellt sich mit den Schultern vor die Ampel (Nachtlåmplein), damit sie nicht sehen, wie die Mutter in Tranen iiberflutet. „Nun genug!" beschwichtigt er die Kinder, „genus 1 An einem Fasttag darf nicht getanzt werden... So Gott will am SJmchat-Torah." Die Kinder gehen wieder ins Bett zurttek, Der Hunger ist vergessen. Ein Mådlein beginnt zu sin* gen „Awinu Melach" (Unser Vater, der Kdnig), „Auf den hohen Berg". Ein Schauer durchl&uit alle Organt Mendelt. keit, zu zeigen, daB hinter der Leitung, die die Koalisierung unserer Idee verficht. organisierte Massen stehen, auf die sie sich stiit2en kann. Eine hohe Schekelzahl soli der ganzen Welt den Beweis fiir die GrOfle der zionistischen Organisation liefern. Der Schekel betragt laut BeschluB dér Londoner Jahreskonferenz fiir die Cechoslovakei K£ 15.— (fUnfzehn Kronen). Dazu kommen die Zuschlåge fiir die Parteisteuer, die von den einzelnen Distrikten bckanntgegeben werden. Die Sammlungén werden sofort einsetzen und das ganze Jahre dauertt. Die Schekelblocks werden von den Distriktskomitees an die Ortsgruppen, Vereine utid Vertraucnsmanner verschickt werden. Wir bitten, Vertrauensmånner, die fiir ihren Sammelkreis versehentlich keine erhalten haben, sich an das zustandige Distriktskomitee oder eventuell an das Buro des Zentralkomitees, Praha II, Ruzovå 24/IH, zu wenden. Die Exekutive der zionistischen Weltorganisation in London hat die Erwartung ausgesprochen, daB in der Cechoslovakei in diesem Jahre 25.000 Schekolim aufgebracht werden. Wenn wir bedenken, daB in der Cechoslovakei tlber 400.000 Juden leben, wenn v;r die Fortschritte in Betracht ziehen, die unser in den Ietzten Jahren gemacht hat, muB uns die 2;!'! von 25.000 Schekolim als durchaus erreichbar erscheinen. Die Propaganda mufl mit erhohter Kraft durchgefiihrt werden, die Sammlung mufl leden Juden erfassen, der sich zur Idee der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes in Erez Israel bekennt. Zionisten werden an ihre Pflicht zu erinnern, Unorientierte aufzukiaren, Schwankende zu gewinnen sein. Jeder muB das Seine tun, um die Zahl der Schekel vervlelfachen zu helfen und die Sammlung im kommenden Jahr zu einem politischen und finanziellen Erfolg des Zionismus zu gestalten. Gesinnungsgenossen! Wir haben keine Behorden, denen eine Exekutivgewalt zur Eintreibung der Parteiabgaben und Steuern, die wir fiir die Erhaltung und den Ausbau unserer Organisation benotigen, zur Seite steht. Wir vertrauen fest auf die lebendige Kraft unserer hohen Idee, an die allein wir appelieren konnen. An Eueh liegt es, dafiir zu sorgen, daB dieser Appell zu einem volten Erfolge fiihre. Das zionistische Zentralkomitee fiir die Cechosloyakei in Prag. Epilog zu den Prager Unruhen. Von Dr. I. E i s e n b e r g. Die Bevolkerung der (Sechoslovakischen Republik hat eine sehr bewegte Woche hinter sich. Von langer Hånd vorbereitete Unruhen haben sich Uber die Metropole entladen, um dann den Weg in andere Provinzstådte zu nehmen. Alle diese Unruhen bewegten sich jedoch in ziemlich gerader Linie und verraten eine gemeinsame Tendenz, die Ohnmacht der gegenwårtigen Regierungsform darzutun, und die Notwendigkeit ariderer Volksfuhrer ad oculos zu demonstrierén. Freilich, die Urheber dieser traurigen Erscheinungen hielten sich hiibsch fern von Schufl, welt „Auch gesungen darf nicht werden", bemerkt er mit unterdriickter Stimme. Die Kinder beruhigen sich und schlafen ein, indeni sie vom Tanz und vom Singen miide geworden sind. Nur noch der eine alteste erkiihnt sich und fragt: „Vater, wann soli ich Bar-Mizwa (13 Jahre alt) werden?" „Noch lange, Chaiml, noch lange wird es dauern. Noch vier Jahre, daB du nur gesund und am Leben bleibst." „Dann willst du mir ein paar Tefilin kaufen?" „GewiB i" „Und ein Tefilintåschchen?" „Selbstverståndlich!" „Und ein Gebetbuch? Ein kleines mit Goldschnitt?" ' - '■< „Mit Gottes Hilfe... Bitte Gott, Chaiml!" „Dann will ich alle Fasttage einhalten," „Ja, la, Chaiml, alle Fasttage," Und leise fugte er hinzu: „Herr der Welt, nur nicht solche, wie der heutige."

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