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Jüdische Volksstimme · 1920-12-22 · Heft 50 (22.12.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 50 (22.12.1920)
Date
1920-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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VOLKSSTIMME Bezugspr el sti Redaktion n. Administration: BrQnn, Krapfeng. 19. halblåhrig . .. gønzjfihrig. . KC 26.- . K6 50.— Inssrate: der einspaltige Millimeterrittm K6 —* *40. DeutschOsterreleh ...... . K 90.— Unverlangte redaktionelle Beitråge werden nieht Deutschland.. honoriert Manuskripten ist ROckporto beizuffiien. Jahrgang XXI. Briinn, »• Hummer 50. m Ostjildische Arbelter flir die Entente. Von Fabius S c h a c b, Berlin. Das ostjildische Problem, das nie ruhte, ist nach diesem Kriege in ein neeus Stadium getreten, — in ein allgemein politisches. Wer nicht schon frliher muflte, daB diese Frage alle P9litischen und wirtschaftlichen Probleme berUhrt und beeinfluflt, der kann es heute sehen. Ein Volk von 5 bis 6 Millionen, das keine Heimat hat, weil VOlkerhaB und torichte Politik ihm keine Ruhe gSnnen, muB ein Element bilden, das in die Interessensphfire anderer VQIker eingreift. Die Ostjuden bilden ein klasslsches Beisplel dafttr, wie nationale Fragen mit kulturellen und wirtschaftlichen eng verschmelzen kdnnen. Daher ist die Frage komplizlert und die Losung ungemein schwierig. Auch die Machte der Entente, die berufen sind, diese Frage zu losen, werden mit ihr nicht so lelcht fertig werden. In Deutschland, dem ersten Durchgangslaiide dieser Ostjuden, hat man;^fer.2 adis dem Zt&'ti^ de| Ostens nhd sie beeinfluBten die Regier ung, strenge MaBregeln gegen diese Elemente zu ergreifen. Dié Behdrden HeBen sich gern von dieser antisemitischen Welle treiben, und die Ausweisungen waren in den Ietzten 20 Jahren stets auf der Tagesordnung. Ein Asylrecht kannte .man in Deutschland nie, und unter dem Vorwahde, daB diese Leute eine politische und wirtschaftliche Qefahr bilden, ging man mit drakonischer Hårte gegen sie vor. DaB man dabei hfiufig die unschuldig9ten Elemente traf, — das ist das Schicksal aller kleinlichen Politik und aller Ausnahmsgesetze. Und die deutschen Juden waren toricht genug, in ihren dstlichen Briidern die Ursache ihrer Verkennung zu sehen, und sie befttrchteten eine. Verschlimmerung. ihrer Lage durch. sie. Sie pben daher Geld flir die notleidenden Ostjudén, aber,immer. mit der Sehnsueht, sie recht fern von Deutschland zu sehen. Mit dem Beginn des Krieges anderte sich voriibergehend die Sache. Die in Deutschland lebenden galizischen Juden wurden plotzlich „geschåtzte Bundesgenossen" und auch die aus Russisch-Poien stammenden Juden bildeten ein freimdliches Element. Sie haBten den Zarismus, der ihnen so schwere Wunden geschlagen, und glaubten an die gerechte Sache der deutschen Regierung, und sie erhofften aus dem deutschen Siege ihre endgiiltiga Erlosung. Die deutschen Heere waren inzwischen in Polen und RuBland eingezogen und sie waren freigebig mit Phrasen und Versprechungen, und die Juden jubeiten ihnen in der Tat zu, weil sie in den Deutschen die Tråger der Kultur und der Gerechtigkeit wåhnten. Aber gar bald zeigte sich die wahre Gestait des deutschen Militarismus. Man nahm den Juden in RuBland und Polen alles weg, zerstdrte ihr Ei&entuin und behandelte sie grausam. Und die frilhere dteutsclifreundliche Ge« sinnung der. Ostjuden verwand^fte $icli in einen gliihenden HaB. Heute wissen die & tinden, daB sie von ^mn^rg^^:/p|^^s(»iali||iscji Tir-irs&z’*- ostJiidlscbea Fragé ^Entente. In Gemelnschaft mit den beruienen Vmabtern der Juden zu ér< warten ist. Diese,Ldsung ist aber nicht von heute auf morgen zu erwarten, und die Not der Ostjuden erfordert eine baldige Milderung ihrer Lage. Neben den Hunderttausenden von Juden des alten RuBlands und Galiziens, die durch den Krieg alles verloren haben und heute ara Hungertuche nagen, lebt in Deutschiapd eine groBe Schar polni6cher Flfichtlinge, die Brot und Arbeit sucht, —• ’ zwei Artikel, die in Deutschland sehr rar geworden sind. Die deutsche Regierung.nimmt eine nicht sehr freundliche Haltung gegen sie ein. Sie will sie in :Konzéntrationslager sperren oder zwangsweise der, landwirtschaftlichen Arbeit zufåhren; Beides.i^t jgrundyerkelirt. Ganz da-* von åbgesehen, daB dadurd|t flir;'den-Staat gpoBe' Kosten entstehen, wåhrend die Ostjuden heute nur die i Hilfe ihrer Glaubensgenossen in Anspruch nehmen, 1 ist die Arbeitslosigkeit in einem Konzentrationslager und die Beraubung jeglicher Bewegungsfreiheit Mr Leute mit dem Temperament der Ostjuden ein gliick. Und die landwirtschaftliche Arbeit bei urseren Bauern, die fast durchweg reaktionår und aalisemltisch sind, wiirde flir diese Juden ein Martyrmm bilden. Neben diesen, von kleinlichen Gesichtspurtkten i diktierten Vorschlågen, tauchte in letzter Zeit der s?hr ernst zu nehmende Plan auf, die Ostluden liir die Wlederherstellungsarbeiten in Belgien und Nordfrankreich anzuwerben. Bekaiintlich hat sich Deutstftland im Friedensvertrage verpfiichtet, eine groBe \uzanl von Arbeitern flir den Wiederaufbau der miUtårischen Verwtistungen zu liefern. Die Ausffihruug st6Bt auf groBe Widerstånde. Zunåchst ist innerhalb der deutschen Årbeiterschaft wenig Neigung dafur vorhanden, die SUnden des Militarismus ’wieder gutzumachen. Dann muB auch, in den ersten Jahren wenigstens, mit der begreiflichen unfreundlichen Gesinnung.der belgischen und franzøsischen Bevdlkenmg : awisa. schickén, Weil es die/beouémste Art wåre, sie los m werden und sich dabei ihrer Pflicht der Entente gégeniiber zu entledigen. Diese ostjildischen Arbeiter wtirden wohl auch in Belgien und Nordfrankrelch keine unfreundliche Aufnahme finden, da die dorlige Bevolkerung weiB, daB sie sicheriich gånzlfch unschuldig am Kriege sind. Die Ostjuden selber scliei-. nen — soweit man bis jetzt ihre Stimtnung studieren konnte — durchaus nicht abgeneigt, dahin zu wandern. Sie wissen wohl, daB sie in Deutschland keine Zukunft haben, und sie mochten gar nicht in Deutschland bleiben. Es ist sehr charakteristisch, daB sif in den fur sie von jiidischer Seite eingerichteten Abøpdfichulen in erster' Reihe eng Lis c'h lemen wdllen, weii ihre Sehnsucht'.nach England . o^er Amerika geht. 'Ai^ch an Arbeitslust fehit <es dén vmeisten nicht, und viele von ihnen sind jullg-,und krfiffcjg und den FEUILLETON, Der Fasttag. Von J. L. Pércz. — Uebersetzt von Abraham K o h a n §. Eine Winternacht, Sara sitzt beim Nachtlåmpchen, einen alten Strumpf reparierend. Indem sié mit starren Hånden arbeitet, geht die Arbeit langsam vorwårts, vor Kålte sind auch ihre Lippen braun und blau geworden; håufig legt sie den Strumpf weg, låuft in der Stube hin und her, um so die starren Beine eip wenig zu erwårmen. In einem Bett auf einem kahlen Strohs^ck .schlafen vier Kinder, an leder Seite je zw.ei^Koiféi iti,der Mitte mit einigen alten KleidungsstUckén zuge^eckt. Ab und zu erwacht ein Kind, es richtet sich eiif anderes Kdpfcben auf und lårmt: Essen! „Wartet, wartet Klndleln“, besohwichtigt sie Sara, „sehet, bald komimt der Vater und holt das Abendmahl, Ich will eucb dann schon wecken.“ „Und Mittagmahl“, fragen die Kinder mit wet* nerlicher Stimme, „wir haben doch noch nicht das Mittagmahl eingenommen.'1 hAIso bekommt ihr auch das Mittagmahl." ile glaibt seibst nicht gn das* was ile iprieht, sie spåht mit den.Augen.^berall-herum,. .vielleicht’ fånde sich noch étwas, wås -sie versptzen (verpfånden) konnte. NIchts ist zu sehen, Leere, nasse vier Wåndel Ein zusamraengebrochener Qfen! Ueberall hur Nåsse und Kålte! Ani Kamin stehen einige zerbrochene T5pfe, am Ofen — ein , altes entjormtes blechernes Chahukkahlåmpchen,. oben am Balken steckt ein Haken — eine Erinnerung an einen Håpgeleuchter, zwei leere Betten ohne Kopfkissen . . . Nichts, gar nichts mehr! . , Es hat ziemlich lange gedauert, bevor die Kinder einschlafen wollten. Sara betrachtet sie kummer¬ und mitleidvoll nnd richtet die ..trånenvollen. Augen zur TUr. ^je vernahm Menschent^it.te, schwere,Tritte atif -den Stiégén in *dås Soutprrain hinejn, es sdilagen die JKannen: ah’ der;recii$h der^ink^tf der Wahd. Ihr gefaltétl^ "Qeslt^-wiifd von* einénl Strahl' dér Hoffrfuug beleifchtet.^Si^ ^chlågt wiéder: holt das 'eirie Beiri an das! ande?«,''richtet siéh' miihevoll-aiif und nåhert sich der TQr. Sie offnet sie, ein biasser, -gébéiigter Judé mit leeren' Kannen tritt éin. „Nun?" frågt Sara leise. * : Er stellt die Kannen belselte, legt das Joch ab, stphnt und antwortet noch letser: „Nichts! Gar nichts! Nirgends håbe ich bezahlt bekommen... Morgen heiflt es... Alle sagen morgen . .. am 'Zjveitnåcbsten Morgen. Am Rosch-Cho- desch" (Neumond); ,* , , . : ‘ , „Die Kinder haben'fast nichts in den Mund békommen", erwidert Sara, „es ist doch noch gat, daB sie wenigstens schlafen,.. Åch die armen Kin r." Sie vermag sich nicht zu beberrschen und beginnt leise zu weinen. „Was weinst du, Nårrln?" frågt sie der Gatte. „Ach, Mendel, Mendel.;. die Kinder sind zu hungrig!..." Mit aller Gewalt mochte sie die Trånen unterdrUcken. , - „Und was soli das Epde werden". iammert sie, „von- Tag zu Tag wird es bei un^ -sehlimmer!" „Schlimmer? Nein, Sara! VersUndjge ditfh doch nicht miMcfhern Qerede!-Vfor einem ||hr,C15f||»g es ngs vie! .scblinp?r! Ja,,- auclr damals - uns an Brft^ aberdies besaBep tyir :damals auph keJn Obdach! Die »Kinder v$åtøztfnK$.i$r tagshber der , (^s|e heeun». nac#btsiin flofrftpmgn..;|e^t; ist wenigstens ein Strphsack vorhanden, jetzt besiljrén wir zjimindest ein Obdach!" . -? Sara begAnn heftig zu ^einen. Sie erinnerte sleb daran, ,daB ihr tatsåchllch damals ein K>nd zugrunde ging. Es hat sich erkåltet, wurde dann heiser und starb. ,£s starb wie im Walde... (DaB sie doch nur langt leben mSchten.) ich vermochte es nicht zu

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