Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 49 (14.12.1920)
- Date
- 1920-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Klrjat Awarim, Wt ersta Oartmadt Pallttføas. Von Divis T r i e t s c h, sur Zeit in Palietina. Kifiat Anawim (arablsch Dilb) heifit cin in der Nfthe voif Jerusalem gelegener Ort, anf dem die grøfite bis ietst arbeitende Chaluzlmgruppe von ca, 800 Mann mit der Wiederberstellnng der alten Ter« rassenanlagen beschAftigt Ut. Es wird hier eine Ar« beit geleistet, die sogar die bisher von mlr verlangte Intensivitfit in unserem Kolonialwesett Qbersteigt. Der Boden, ca. 160 Hektar, wurde 1914 durch die Palestine Land Development Company erworben und lst vor einigen Monaten in den Besitz des Nationalfonds gelangt. Ein weit grdfieres OrundslUck, das an Dilb grenzt, wird demnåchst zu Dilb geschlagen. Augenblicklich arbeiten dort 190 Chaluzim, die damit beschAftigt sind, zunAchst von der Chaussee eine 3V» Meter breite ZufahrtstraOe zu den Peldern zu bauen, die in den nAchsten Wochen mit Qemflse und Fntterpfianzen besat werden. An der StraBe sitzen lunge Leute und1 junge MAdchen und behauen lustig die Steine, was maneben erstaunen wird, wenn man berilcksichtigt, daB viele von ihnen Akademiker sind. Die gute Stimmung erklArt sich zum Teil dadurch, daB die Arbeit an eine Kwuzah vergeben wurde, deren Mitgliedor den Lohn unter sich nach einem vereinbarten SchlOssel verteilen, Vorarbeiter und Aufseher selbst wAhlen und den ganzen Betrieb selbst f Uh ren. Hier ist die Prage geldst worden, wle die Lohnarbeit mit einer Selbstbestimmung der Arbeiter zu vereinigen ist. Es ist eine der sehdasten Leistungen unseres Volkes, glUckliche Ldsungen des sozialen Gedankens bei dem Wiederaufbau des alten Heims zu finden. Allerdings ist es sehr traurig, daB diese prachtvollen Menschen die Steine mit den Hunden statt mit Maschinen behauen mUssen. Wenn man aber gewårtet hatte, bis Maschinen eingetroffen sind, so wåré ein ganzes Jahr vergangen, wAhrend diese Arbeit noch vor dem ersten Regen fertiggestellt werden muB. Die Hauptarbeit in Dilb ist aber nicht der StraBenbau, sondern die Renovierung der alten Terrassen. Hier versuchen Juden zum ersten Mal, durch jUdische HAnde die alten Terrassen und ihre Kulturen in groBem MaBstab wiederherzustellen, die In alten Zeiten das ganze Land bedeckten. Es sind bereits Jetzt groBe FlAchen mit Terrassen bedeckt worden, die nur auf den ersten Regen warten, um bestellt zu werden. Auf einem besonderen Platze der zukUnftigen Qartenstadt, von der aus eine prachtvolle Aussicht auf die gebirgige Umgebung sich bietet, werden nach einem besonderen Plane StraBen und Wege gebaut, Parks und Ziergårten angelegt, die im ganzen ein Drittel der zukiinftigen Stadt einnehmen werden. Die nAchstgelegenen Terrassen werden mit BAutnen beforstet, die aufier Brennholz auch noch eine Art Beeren geben. Zuletzt werfen wir einen Blick anf die Zelte, die den Arbeitern bis Jetzt als Unterknnft dienten, und auf die Holzbaracken, die fttr die Winterzelt vorbereitet werden. StelnhAuser wAren an dieser Stelle natørlicher und dauerhafterj die Zeit war aber zu kurz, und auch an Mitteln fehlte es bis zum letzten Augenblick. Diese Sparsamkeit wird uns sehr teuer zu stehen kommen. Die erste Sorge ist die Sorge um passende UnterkunftsrAume. Das System der Qartenstadt Kirjat Anawim soli, wie versichert wird, den besten englischen Erfahrungen auf diesen Qebiete entnommen seln. Der Boden gehdrt dem Nationalfonds, der ihn nicht Einzelpersonen, sondern ganzen Qruppen verpachtet, die dann die Teilung untereinander Vornehmen. Es ist eine Erbpacht, die zunAchst auf 49 Jahre gegeben wird, mit dem Recht der ieweiligen Erneuernng. Sie kommt also einer Dauerpacht glelch. Der Pachtzins wird alle zehn Jahre neu ver*inbart. Der Nationalfonds beteiligt sich an allen wichtigen ErschlleBungsarbelten; die Sfedler Obernehmen die Pflicht, in den ersten drel Jahren einen Minimalbetrag zu *ntrichten, d«r før den Wohnungshau bestimmt ist. Sie haben aber das Recht. wAhrend der Uebergangszelt sich in Zeiten oder Baracken aufzuhalten. Die Mitglieder kdnn«n ihre ParzHIen nur mit Zustimmung des Nationalfonds elnem anderen Ubertragen. Die HSuser kOnnen auch vermietet werden. die Meite darf aber 10 Prozent des lnvestierten Kapitals nicht Qbersteigen. Auf dfevt Wetse wird lede Spekulation ausgeschlossen. Jedes Haas besltzt sineti Bodenanteil von 1000 qm oder Vu ha. Der Qartenstadt scblieBt sich ein Out før landwlrtschaftllchen Betrieb an, dessen erste Zone ffir WlrtactMft Mfenttoe. Oetttsger wfll Mder Pamiife 85 Dunaat vorschlagen. Dabei rechnet er in der Zukaaft taft einer Steigerung der Intensivitet* AuBerhalb dieser Zone wird der Betrieb nach Lage und BodenqualitAt extensivre werden. Zunachst wird In der lukUnftigeq Qartenstadt mit 180 Parzetten gerechnet, fUr die ein Hilgel unweit der Chaussee bestimmt ist Aber Kirjat Anawim kann mit der Zeit noch mehr Familien aufnehmen, bis es zu einer Kolonie wird, die mehrere tausend KSpfe ernAhrt. AnBer den stAndigen Elnwohnern von Dilb, deren Hauptberuf ’Kieinindnstrle oder Handwerk sein wird (man wird auch von Dilb nach Jerusalem zur Arbeit gehen kdnnen), rechnet man noch mit Sommergftsten, die in Kirjat Anawim eine prachtvolle Sommerfrlsche und Traubenkultur finden werden. Diese Qartenstadt mit dem angeschlossenen landwirtschaftlichen Betrieb kann mit der Zeit zu einer reichen Kolonie werden, die mit Jerusalem in segensreichem wechselseitigen Verkehr stehen wird. Auf dem RUckweg gingen wir an elnem Feigenbaum vorbei, der noch zum jUdischen Dilb gehdrt. Einige Araber HeBen sich ihre Feigen, die noch jetzt zahlreich an dem Baume hingen, gut schmecken. Da sagte mir Oettinger, dafl die 200 jiidischen Araber in Dilb seit 3 Monaten Feigen von den 200 dort vorhandenen BAtmten verzehren, und dafl trotzdem immer noch Feigen Ubriggeblieben sind. Im Oegensatz zu den Arabern haben die Juden in den 40 Jahren unserer Kolonisation noch keinen einzigen Feigenbaum gepflanzt, obwohl der Feigenbaum noch weniger Boden und Pflege braucht als der Olivenbaum. Ueberall im Lande, auch auf dem schlechtesten Boden, kdnnen FeigenbAume gepflanzt werden. Auch die Verwertung der Feigen ist flberaus mannigfaltig. In Smyrna leben zehn Menschen von dem Ertrage eines Hektars an Feigen. In Kirjat Anawim mUssen daher reichlich Feigen gepflanzt werden, um Jerusalem mit FrOchten zu versehen. Im ganzen Lande mUBten solebe GartenstAdte entstehen, nicht nur in der NAhe Jerusalems, sondern auch jn der NAhe anderer Stadte, aber nicht nur in der NAhe der StAdte, sondern iiberall, in ganz PalAstina. (Aus „Haarez14 vom 4. November 1920.) Rundschau. Unentwegte teutsche Juden. Die „Wiener Morgenzeitung" schreibt: In manchen, durch ihre Zusammensetzung gut Jiidischen Vereinen versteht man es noch immer, trotz einer 20JAhrigen Propaganda fUr die Erweckung iUdischer EigenwUrde, die guten alten deutschen Sitten getreulich zu kopieren. Zu diesen Unentwegten gehdrt auch, trotz seiner paar Paradeariern, der jttdische Wiener kaufmånnische Qesangverein. Die jUdisch-deutschen sangesfreudigen Wiener Kaufherren halten alien antisemitischen Anfeindungen zum Trotz, vor denen sie auch Ihre paar Paradechristen nicht zu schiltzen vermdgen, die deutsche Fahne hoch und lassen vor ihrem jiidischen Stammpublikum das deutsche Lied so hell erschmettern, als es ihre sangesfrohen KeHlen nur zulassen. Ihr Ietztes Stiftungsfest im Mittleren Konzerthaussaal fand natQrlich unter dem Wahlspruch statt: „Deutsches Lied, frei und hehr, Tfln’ durch alle Lande! Ziehe Aber Land und Meer, SchlieBe V6Ikerbande!“ Wir zweifeln daran, dafi dieser „odiose" Jndenverein durch fleifliges Singen deutscher Lieder wAhrend des Krieges viel zur Vdlkerversdhnung beigetragen hatte, wenn nicht seine einrOckend gemachten Mitglieder durch eben denselben Krieg gehindert gewesen wAren, ein Werk zu vollbringen, das ihnen schon vor dem Kriege nicht gelingen wollte. Ein anderes Lied wieder lautet: „Sei mir gegrOBt. mein deutsches Land, du schdnstes Land von allen!“, das natUrlich mit dem Feuer der Ueberzeugung gesungen, bei dem jUdischen Publikum die wArmste Aufnahme fand. Den Hdhepunkt der Feier bildete natUrlich die anschlieBende Kneipe. wo unter den Verdiensten des PrAsidenten namentlich hervorgehoben wurde, daB es ihm g*lungen sei. den kaufminnischen Qesangverein nach Ungarn zu bringen und dort — deutsche KlAnge hftren zu lassen, was unter den gegenwArtigeo Verhlltoissen in Hortby-Magyaried far die JU- SlRgtr lette gefihrlMde Unfer« fangen war. Immerhln, die Wiener ifldfsChen Assimilanten sorgen dafUr, dafl der deutsche Sang lebendig erhalten werde. Heill Versammlinig der Tempel« und Bethausdlener tu Wien. Am Mittwoch den 17. v. M. fand im Sit2ungssaale des Vereines der Brodier II., Novaragasse 41, eine auBerordentliche, zahlreich besuchte Versammlung der Diener der Tempel und Bethausvereine statt. Nach Wahl eines vorbereitenden Komitees, in welchem die Herren: Neumann, QrUnbaum, Gollerstepper, Først, Schwarz, Brakl und Paschkus gewAhlt wurden, beschloB dieselbe zur Hebung ihrer gegenwArtigen geradezti unertrAglichen, wirtschaftlichen und sozialen Lage, die Grtindung eines Verbandes der Tempel- und Bethausdlener in Wien auf wirtschaftlicher und sozialer Grundlage. So wie alle Fixbesoldeten infolge der traurigen wirtschaftlichen VerhAltnisse sich in grQBter Notlage befinden, sind es umsomehr die Diener der Tempel- Bethaus-Vereine, diese Aermsten der Armen, welche noch in Friedensgehalt stehen und nur von den sogenannten Nebenemolumenten leben mtissen und mit ihren Familien den grOBten Entbehrungen ausgesetzt sind. Das vorbereitende Komltee trat an Sr. Ehrw. Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes um Mithilfe heran, welcher in WUrdigung und Anerkennung der dringenden Hilfe dem Vereine den namhaften Betrag von 10.000 Kronen in HebenSwtirdiger Weise zur Verfllgung stellte. Besten Dank dem hohen Qonnerl Die Statuten wurden durchberaten und der Landesregierung bereits Uberreicht. Nach Qenehmigung derselben, wird eine konstituierende Generalversammlung einberufen und das Programm der Oeffentlichkeit bekannt gegeben werden. Das vorbereitende Komitee. Eln Aufruf Anitta Milliers, Ffir die Unterbrlngung yerlassener lildlscher Kinder. Die „Soziale Hilfsgemeinschaft Anitta MUller" erlABt nachstehenden Aufruf: Alle Formen (jer Not, welche der Krieg mit sich gebracht hat, lasten besonders schwer auf dem Kinde. Die Zahl der verlassenen Kinder hat sich ungeheuer vermehrt; vor allem unter uns Juden, die wir durch die direkteste Einwirkung der Kriegsereignisse, durch Flucht und Pogrome so viele unserer Brilder verloren haben. Die Unterbringung der verlassenen jiidischen Kinder ist ein Problem fUr sich und ein besonders schwieriges, zumal die jUdischen Kinder in den fiffentlichen WaisenhAusern vielfach nicht untergebracht werden kdnnen, da sie sonst Gefahr laufen, in ihrem Judentum gekrAnkt und von ihm abgewendet zu werden. DaB die GrUndung neuer Kinderheime bei uns auf unerhbrte Schwierigkeiten stoBt, ist bekannt. Wir mUssen darum immer wieder zu dem Auswege der Unterbringung verlassener Kinder auf KostplAtze greifen. Wir stehen vor der Tatsache, daB viele hunderte JUdische Kinder in Wien allein darauf warten, endllch eln gesichertes Plåtzcben, ein schUtzendes Dach, ein freundliches Helm zu finden. Der groBen Zahl dieser Kinder steht aber nur ein verschwindend kleines Angebot an KostplAtzen gcgenUber. Wir wenden uns dalier an alle jUdischen Familien und bitten sie von ganzem Herzen, ein armes jUdisches Kind bei sich aufzunehmen. Gibt es eine schdnere Aufgabe fflr eine Frau, als einem ungliicklichen Kinde die fflhrende und sorgende Mutter zu ersetzen? Wir sind sicher, daB sich leicht nicht hunderte, sondern tausende jUdische Familien finden kdnnen, die gerne ein wenig enger zusammenrUcken, um in ihrem Kreise ein PlAtzchen frei zu machen fUr ein verlassenes Kind. Es ist selbstverståndlich, daB ein gewisser Betrag von der FUrsorgeaktion aus beigesteuert wird, um die Kosten der Erhaltung eines Kindes wenigstens teilweise zu decken. Derzeit be*. trfigt das Kostgeld 300 Kronen pro Monat, auch werden Kleider- und Lebensmittelbeihilfen zur VerfUgung gestellt. Ebeuso selbstverståndlich aber darf dieses Entgelt nicht allein den Anstofl geben zur Aufnahme eines Kindes. Die Erziehung und Pflege eines solehen armen klejnen QeschOpfchens. dessen Zukunft, dessen Wohl