Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 49 (14.12.1920)
- Date
- 1920-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99BI. 9« Nr. 48 MHMHM Jtontm .fuussiiniv1 ritatdfeMMBÉN oder mn Uebertrltt vtrtiiMt, fttftt Christéntam Qbergingen; zuweilen za demsefben hingelockt wurden, ob die je Christen im engsten Sinne des Wortes geworden sind. Die Grundstitze der jiidischen Religion sind wohl auch die der christlichen: Die Verehrung efnes einzigen Qottes, so wie die Anerkennung und Nachahmung seiner gottlichen Eigenschaften. Den Qlauben an eine gdttliche Vorsehung, die ttber das ganze Menschengeschlecht waltet. MenschenKebe im weitesten Umfange und endlich den Qlauben an die Unsterblichkeit der Seele. Belohnung und Bestrafung in elner kiinftigen Welt. Der wahre ungeheuehelte Jude empfindet den unverdienten Schmerz, welchen die Widersacher uneingedenk \der Vorschriften ihrer eigenen Religion ihm zuftigen. Sie segnen dankerfiillt die Namen derer, welche durch Wort, Schrift und edle Qesinnung flir ihr Recht eintreten. „FØrdert das Helt des Staates, wohtn Ich euch gefiibrt, betet liir Ihn zum Ewlgen, denn In selnem Hell besteht auch euer Heil.“ Dieses Vermdchtnis gab der groBe Prophet Jeremias den Wegziehenden in Gefangenschaft mit. M6ge dem verfolgten und bedriickten Judentum der Trost gesichert sein, daB ein gerechter, menschenwiirdiger Sinn zwischen den Bekennern der verschiedenen Konfessionen eln Qemelnschaftsleben stiften wird zur Ehre Qottes und der Menschen. Albert Low. Politik. Der Jiidlsche Nationalrat belm Præsidenten Masaryk. Donnerstag, den 2. Dezember, wurde das Prtisidium des Jiidischen Nationalrates, die Herren Dr. Ludwig Singer, Markus Ungar und Arthur Kauders vom Præsidenten Masaryk in Audienz empfangen. Die Erschienenen berichteten fiber ihre Eindriicke und Erfahrungen, die sie aniæBlich ihrer vor Kurzem unternopimenen Reise durch KarpathoruBland gewonnen haben, und wie auch auf den giinstigen Erfolg hin, der sich im ZusamtnenschluB der dortigen Judenschaft und Konstituierung der „Verelnigten jiidischen Parteien" kundegegeben hat. Gleichzeitig unterbreiteten die- Vertreter des Jiidischen Nationalrates verschiedene Wtinsche, und erorterten insbesondere aktuelle Fragen ittdische kulturelle Institutionen betreffend. Pråsident Masaryk braclite' allen Fragen sichtliches Interesse entgegen, und SuBerte sich dahin, daB er die vorgebrachten WUnsche flir erfiillbar hælt, wobei er deren tatkrdftigste Unterstlitzung in Aussicht stellte. Lord Robert Cecil zur Frage der Aufnahme der Juden In den Vblkerhund. Der ehemalige Staatssekretar im englischen Ministerium des AeuBern, Lord Robert Cecil, der allgemein als der kommende Mann Englands bezeichnet wird und der durch sein hingebungsvolles Einsetzen Ein Automobil bog neben dem Gebtiude ab und hielt an einer Seitenpforte. Heraus stieg ein groBer, eleganter Herr in einem kostbaren Pelz. Auf der Treppe eilte ihm ein Herr entgegen. „Willkommen, Meisterl Ihre Partnerin ist auch schon da." José begrUBte seinen Impresario, legte ab und betrat den kleinen eleganten Salon der Kiinstler. Dort saB eine Dame von auBerordentlicher Schonheit. Wo hatte José nur diese Augen, dieses Haar schon gesehen. Aber der Impresario lieB ihm keine Zeit. „Gnædiges Fræulein gestatten — Herr José Channovitch— Fræulein Beridschewska." José beugte sich tiber die Hånd der Dame: „Wir sind uns beide nicht unbekannt, gnådiges Fræulein. Aber wir konzertieren zum erstenmal zusammen, es wird gut sein, in aller Ktirze die Partituren noch einmal durehzusehen!" Und sie beugten sich iiber die Noten. Eine Viertelstunde spæter schrillte das Klingelzeichen. Der Impresario stiirzte herein, aufgeregt, als ob er selbst auftreten solle. „Darf ich bitten, anzufangen. Die Stimmung 'des Publikums ist vorztiglich. Bitte.. .1“ José nahm den Arm seiner Partnerin und sie traten vor die Rampe. Dort unten wogte ein Meer von Gestalten. Herren im Frack mit leuchtend weiBer Hemdenbrust, Damen in grande toilette, Offiziere in Uniform — ein glænzendes Bild. José saB am FlUgel. Die Dame sang. Bel den ersten Tonen fuhr es José wieder durch den Kopf: „Wo hast du diese glockenreine Stimme schon einmal gefflr den Vfilkerbund bekannt ist, iHmttit als Delegférter Stidafrikas an der Vbikerbumfs-Versammlung in Qenf hervorragenden Anteil. Cecil, dessen warmcs Eintreten fur den Zionismus allgemein bekannt ist — ist er doch Præsident des englischen parlamentarischen Komitees zur Untersttitzung der 2lonistischen Fcrderungen — bringt aber auch allen anderen Jiidischen Forderungen regstes Interesse entgegen. Trotz seiner, infolge der Flucht dringlicher Qeschæfte in Qenf, so kostbaren Zeit, hatte Lord Cecil die grofle Liebenswilrdigkeit, der Center R.-E.-P.- Korrespondentin der „Jiidischen Pressezentrale Ziirich" eine kurze Unterredung zu gewfthren. Unsere Korrespondentin wandte sich an Lord Cecil in seiner Eigenschaft als Obmann der Kommission filr die Aufnahme von weiteren Nationen in den Valkerbund, als welcher er bekanntlich ein groBherzige Auffassung bekundet und beschriinkte sich daher nur auf die Frage der cventuellen Aufnahme der Juden in den Vdlkerbund. Sie wies in ihren AusftihrUngen unter anderem darauf hin, daB nun, nachdem die Judenheit Palæstinas sich im Nationalkomitee organisiert hat, welches deren Ver tretung nach innen und auBen hildet, es wohl an der Zeit wåre, an die Aufnahme der Juden in den Valkerbund zu denken. Lord Cecil gab darauf die kurze, vielsagende Antwort: „Aber die Juden Palæstinas haben ja noch gar nicht um eine Aufnahme angpsncht." Auf die weitere Frage, ob sich aus der geschilderten Sachlage irgendwelche Schwierigkeiten fiir die Aufnahme der Juden in den Volkerbund ergeben wtirden, erkiært Cecil ausweichend: „Das kann man nur von Fali zu Fail beurteilen. Wir konnen uns nur mit den uns bereits vorliegenden Aufnahmegesuchen befassen." Sokolow und Motzkln In Qeaf. In den ailernæchsten Tagen werden sich im Auftrag des Komitees der Jtid. Delegationen Sokolow und Generalsekretær Motzkin nach Qenf begeben, um dort anlæBlich der Tagung des Valkerbundes mif den dort weilenden ftihrenden politlschen Personlichkejten in Verbindung zu treten. Auch Lucien Wolf begab sich im Auftrage des engl. Joint Foreigh CommitteV nach Genf. ■ Die Beklmpfung der Pogrome. Zusammengehen aller Parteien des russischen Judentums. — Eine „JUdische Gesellschaft fiir den Valkerbund". Aus Paris wird vom 23. November gemeldet: Das Komitee der jiidischen Delegationen in Paris rief eine Konferenz der in Paris weilenden jiidischen Vertreter aus RuBland zusammen, um tiber die Frage zu beraten, wie weit eine Zusammenarbeit dre verschiedenen Gruppen der russischen Judenschaft im Auslande zum Zwecke der Bekæmpfung der Pogrome und deren Verhiitung in der Zukunft moglich sei. An hort?" Und Jenny Beridschewska sang — sang, und sie zwang die Herzen aller Horer in ihren Bann. Und wieder und immer wieder rauschte der Beifall dureb tfas vollbesetzte Haus; nicht jener Dank der Hdflichkeit dem Kiinstler gegentiber, der von der Hochachtung des Publikums zeugt, sondern Jenes Jubeln, das beweist, daB der Kiinstler dem H5rer ein StOck Seele geschenkt hat. Und der, der gegen jeden Brauch am eifrigsten der jungen KUnstlerin huldigte, war Ihr Partner: José Channovitch. Aber plotzlich wurde es still. José stand an der Rampe, und unter den Fingern der Beridschewska enttonten die Akkorde eines Præludiums dem Flilgel. Dann setzte die berfiffmte Meistergeige ein mit warmem, weichem Mollton, und schluchzte und iauchzte und weinte und betet'* Stilck auf StQck spielte José, und nichts brach die weihevolle Stille, mit der das Publikum dieses KUnsttregeschenk hinnahm, wie die Qabe eines Qottes. Da war der letzte Ton verklungen, noch schwebte er verhallend tiber den Kopfen. Da rief von hinten eine Stimme: „Aufstehen!" Und das Publikum begriff. Wie ein Mann erhob sich das Haus, hunderttausend Augen richteten sich auf das Podium. Und unter der Qewalt dieser stummen, høchsten Huldigung schloB José die Augen. Und wdhrend seine Finger die Saften griffen und der Bogen sie zum Tonen brachte, tauchte ein Bild vor dem Kiinstler auf: „Eine welte, einsame Bahnhofshalle *- zwei Menschenkinder darin allein, — weit drauflien rote, der Konferenz, die såter dam Vørsit* Sekolows stattfand, natimen fofgende Herren teil: Leo Mot2kin, Winawer, SlioSberg, Rabinowitsch, Efrolkin, Dr. Pasmanik, Hindes, Blanck und andere. Sokolow und Motzkin vertraten den Standpunkt, daB die Bekflmpfung der Pogrome eine udabhlngige nationale Aufgabe zu sein hat, ae weder mit anderen politlschen Agitationen ztt vermengen sei, noch in irgend einer Wefee von der jeweiHgen Richtung in RuBland und den dortigen Ereignissen abhångig sein dilrfte. Im Sinne dieser Ausftthrungen wurde auch die vorgeschlagene Resolution angenommen. Ferner wurde beschlossen, eine lOdische Gesellschaft fiir den Vdlkerbund zu begrBnden. Qleichzeitig wurde ein Komitee eingesetzt, welches demudchst eine Konferenz sdmtlicjier affentlich tætigen russischen Juden efnberufen Wird. J. C. B. Eine Diskussion fiber ae ifidlschen Mlnderheitsrechte tn Polen. „Nowy Dziennik" berichtet: Ueber Anregung des jiidischen Akadetnlkerverbandes „Haschachar" fand am 30. v. M. ein Diskussionsabend iiber das Problem der jiidischen Mlnderheitsrechte in Polen statt, der durch den Dekan der juristischen Fakultæt an der Krakauer Universitfit, Prof. Kutrzeba, eingeleitet wurde. Der Redner ging davon aus, daB seiner Ansicht nach weder die Assimilation noch, der Antisemitismus die jOdische Frage in Polen lOsen kdnnem Es milsse zu einer staatlichen Assimilation, einer . staatlichen Einordnung der Juden . in Polenkommen. Als Vorbedingungen daftlr sieht.Prof. Kutrzeba das Aufgeben der eigenen Tracht und der jiddischen Sprache an; ferner sollen die Juden allenthalben im Interesse Polens wirken und in Polen die Qesetze des Staates achten, Auf den Traktat iiber die nationalen Minderheiten iibergehend, gab Prof. Kutrzeba der Anslcht Ausdruck, daB dfeser Traktat weder Polen noch den Juden niitzen kønne. Auf diese Ausfiihrungen erwidertp Deputiertcr Dr. Thon, der darauf hinwjes, daB der Traktat iiber die Minderheitén nicht bloff fiir Polen geschafien wurde, sondern alle Staaten .verpflichtet, wo Juden wohnéh. Die bis dåftin |n ékidemiscHen Rahnen sich bewéjgendé ÉH'skussidn wurde dann durch eine giftige Rede dei Professors Humanlcki auf ein tiefes Niveau herabgedriickt, der mit wiitenden Ausfæilen auf Juden und Deutsche zu beweisen suchte, der Minderheitstraktat sei das Werk des. Qenerals Beseler. Zum Schlusse griff Deputierter Hartglas in die Diskussion ein und legté dar, da8 die Verordnungen Beselers und der deutschen Regierung wæhrend der Okkupationszeit, welche die Einfilhrung des deutschen Sprachunterrichtes in den Schulen zum Inhalt hatten, gar nichts mit den Forderungen einer kulturellen Autonomie zu tun haben. Die Grundziige einer jii dischen kulturellen Autonomie sind . programmatisch bereits auf der Konferenz in Helsingfors im Jahre 1906 ausgearbeitet worden.. Lichter, acht an der Zahl — das kleine Judenstædtchen — die Chanukahlichter — das Lied, das heilige alte Lied-Moaus zur-Chahukah- Jossele — Jonina!" , Die Qeige sank herab. Noch stand José mit geschlossenen Lidern, als die Falten. des Vorhanges dicht vor ihm niédersanken. Qedæmpft klang der Låut des leise sich entfernenden Publikums herauf. Da legten zwei Arme sich um seinen Hals: „Jossele!" „Jonina!" « ... Durch eine. Seitentiir schritten die beiden hinaus, unerkannt vom Publikum, das am Bfihnenausgang auf sie wartete. Durch die stillen Straøen schritten sie dahin. Sie åchteten nicht auf den Weg. Sie schritten nebeneinander her und sprachen gute und starke Worte zuefnander. Dann standen sie auf einer Briicke, unter der die Schienenpaare hindprchliefen. Rote und griine Lighter standen tiber Ihnen. „Unsere Chanukahlichter", sagte Jonina. José sah feuchten Auges in die Ferne. Da warf Jonina sich Ihm an den Hals, und wæhrend sie ihn ktiBte, sang sie mit. einer Stimme voll Jubel und lachendem Qltick: „Jossel mit der Fiedel, Tewche mit dem BaØ, Spielt mir auf e* Liedel Chodsch’k auf der mitten Qa’B!"