Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 49 (14.12.1920)
- Date
- 1920-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49. M» l voumtomp m .ssrw"V Av'nrwjw 'i «scl*Wb. un», Wdtteh« teUa genoaiei mache es zur Notwendigkeit oder berechtige mindestens sur Unterdriickung nationaler Minderheiten, solange kann as j* NatioøalitAtenstaafen k etten na - tionalen FftM|| §tøen, SPttitge É# Éich mAB der Antii*toft*fiÉtts und gedeihen. Dat Majoi ches als Ftmdaroéftt der gestellt wird, H^gitur Oewifl ist dfe.Ujterdi eine rOckståndige Afindei kulturelle imdtoaiate Ci fibtrha Defllokn Mi sebauung vorhtrracht, es gebe Staatsbfirger erster mmmjme omT iUdttches Leben genosien, bit und eweiter Klasse, die Befestigung der Staatsidec| saijhocfi deftjadlsefien OlaubetT verfossen, nféftt aus tTeoerzeugung, sondern aus Separierungsracksichten hat der Ueberlfiufer dieses getan» wåhrend das Printfp sich nfp geimteff hat, da doch die katbolische Støhtfon dØJK jfldischeft GlaubHf zum Fundament hat. Jesus C!i ristu s wår ein Jude, der Sofan ’tttåf Jndii dem Flelsthe nach eih echtes Juøenkind, tinferschied Sich seittlt AbstaiWmttng nach in Nichts toti den Qbfigen Judeftkinderft, Sftmtliche Apostel waren luden, sie bepbachtetcn såmtliche Oesetzc der luden, feiertfcn siimtHche Festtage der luden, treu hielten sie an das Qesetz Moses. Sie gingen wie andere Juden in den Tempel, brachten Opferspenden, hatten gleiche Qebete und die Psalmen Davids, und all die christlichen Seelsorger rezitieren von der Kanzel Såtze und Spriiche unserer JQdischen Weisen und Propheten. Der Apostel Paulus war ein strenggl&ubiger Jude und ermahnte die Heiden-Christen, ernstlich das ludentum zu achten. In dem Romerbrief sohrieb er: „Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Teig hellig und so die Wurzel heilig ist, so sind auch dieZweige heilig, und du, da du ein wilder Oelbaum warst, unter sie gepropft und teilhaftig geworden bist der Wurzel und des Saftes lm guten Oelbaum, so rfihme dich nlcht gegen die Zweige, rtihmst du dich aber wider sie, so wisse, daB nicht du die Wurzel trågst, sondern die Wurzel dich.*’ Sowohl in der katholischen und griechischen wie in der protestantischen Kirche sind die Merkmale jttdischen Ursprungs zu finden. Die Fasten kommen von den Juden, die Menge der Oebete und Segnungen, so wie alle Gebråuche. Die Einteilung des Gotteshauses in die Vorhalle, das Schiff und das Heiligtum. Wir finden bei den Qriechen heute noch den alten Vorhang vor detn Heiligtum; alles dieses ist eine Erbschaft aus dem Judentume, ist doch das Christentum eine Tochter des Judentums, festhaltehid an den Lehren Moses und der Propheten. Die Tauffeierlichkeit war dem Heidentume, und zwar den finsteren und geheimnisvollen Gebråuchen der Pythagor&er, elner alten Philosophenschule, und den Taufgebråuchen der iiidischen Essåersekte entnommen. Die EssUer waren eine jUdische MSnchgesellschaft unter der Verfolgung des Antiochus Epiphanes. Diese zogensieh in die Wtiste zwischen Judfia und Aegypten zurUck. Sie lebten sehr enthaltsam, enthielten sich des Weines, schwuren nie und opferten in ihreni eigenen Hause. Die Christen hielten im Judentume ohneweiters den Sabbath, das Ostern- und PUogstlest mit 'den Juden gleichzeitlg. % luftii . j åi -,rn--— -.-JSrgéwaitigung efeér Mhfbr itåtund ttoch dazu eW nationalen, ist in gteichem MaBe undemokratisch. Darom, aber aus den weiteren Orunde weil die luden, — aliaberall, selbst in PalSstina' eine nationale — Minderheit bilden, ist die Forderung nach allgemeinem na ti onklen Minoritltenschut* eine Hauptvorderung der jQdischen Nationalpolitik. Es ist im beschrSnkten Rahmen dieses Artikels nnmdglich In die Ein2elér6rterung der verschiedenen Probleme jUd/«cher National- und Soziatpolitik und ibre engere Zusammenhånge nåher einzugehen. Es soU vielmehr hier bloø eine Anreguitg zur allgenieinen Diskussion derLandesarbeit gegeben werden. Die« Diskussion ist om so aktueller, als, — wie ich bereits in tneirien frttherén Aftikefø ausftihrte — der Parteitag der Ssterreichischen Zionisten, das neugewåhtte Landeskomiiee aufforderte, ein L a nd e sp r o g r a m m mit besonderer Derlicksichtigung des wirtschaftlichen Momentes auszuarbeiten und sich dieSbezliglich mit den L a n d e s k o m i t e c s der Qbrigen Sukzessionsstaaten in Verbindung zu seizen. Aus diésen Tatsachen, sowie der Notwendigkeit einer grilndlichen Auseinandersetzung Qber die verschiedenen jQdischen Zeit- und Streitfragen ergibt sich die Notwendigkeit einer DI s k u 8 s i o n, die ictt hiermit einleiten wollte. Antisemiten und Apestaften. ledes Reich hat seine J uden verf olger, und jedes Zeitalter seine TAuflinge, vom Olauben ihrer Vater Abtrynnigp, R e u e g a t e n, F a hnenflQchtlinge. Dieser stindhafte Krieg faat gewaltige Spuren auch in Glaubenssachen zuriickgelassen, viel Glaubenstreue wurde zerstort, selbst Familienbande wurden gelockert. So mancher Jude oder JUdin, die im Elternhause auf der Geige wiedergeben lieØ„aber es war etwas, das ans Herz griff und es zum Schaffen anregte. Deshalb konnte er auch nicht schlafen. Deshalb muBte er sich erheben, leisen Fufies hinwegsteigen iiber Schlafende, und hinaustTeten in die weite.- einsame Halle des Bahnhofs. Man hatte ilberall die Lichter gel&scht, nur im Zimmer der Bahnleitung brannten die elektrischen Lampen und warfen blitzende Reflexe auf die Telegraphenapparate und .die Hebei des Steliwerkes. Das Viereck des erleuchteten Fensters zeichnete sich in lichter Verzerrung au! dem Bahnsteig ab, ein einziger heller Fleck in dem Dunkel der gewaltigen Halle. Welt drauBen brannten in der klaren Winterluft ruhige Lichter. Dicht am Boden unzkhlige gelbe, rund und pfeilfdrmig, die Richtung der Weichen angebend. Hoch aber in der Luft schwebten in einer Reihe rote Lichter, in der Mitte Qber ihnen ein grttnes. Jossel lehnte am Fahrtrichtungsanzeiger und sah hinaus auf das ungewohnte Bild stillen, klaren Lichter. In ganz dtinnen Linien liefen die roten und grttnen Lichtreilexe auf den Schienen entlang, die aus dem Unendlichen zu kommen schienen. Seine Gedanken liefen ihnen nacb, dorthin zuriick, woher sie kamen. Aber dort lag das Dunkel, das undurchdringliche Dunkel der Winternacht. PlOtzlich berilbrte iemand seinen Arm; „Josselel“ Neben ihm stand, in ein langes, dickes Tuch gehflllt, eine iugendliche, weibliche Gestalt. Pas Gesicht war fast verhUUt, aber zwel Augen leuchteten darass hervor, die an Feuer und Dunkelheit denen Josseles nicht nachgaben. „Jonina, du auch hier? Ich håbe dich doch gar nicht gesehen? Wo willst du denn hln?“ Das M84, chen weinte; „Mamæele ist gestorben, vorige Woche. Hun «oU idt sum Tate nach Amerika, Ach, lossete, mlr ist eo bang, so »terhenshang*" Und sie argriff seinen Arm. „Jossele, sei lieb, Jossele, brin^ mich heim. Ich sterbe vor Angst, ich will nicht fort, — ich will heim!“ Jossele sah ernst auf das weinende Mådehen an seiner rSl^ einem kleinen Stådtchen, Urei Meilén von seiner Heimat, und sie war ihm immer lieb gewesen, weil sie mit glockenreiner Stimme die Lieder zu seinen Wéisen zu singen wuBte. „Jonina, sei ruhig. Du kannst nicht zuriick. Du hast doch dort kein Heim mehr. Dein Heim ist jetzt druben beim Tate. Sieh mal, so dunkel wie da hinten die Nacht, so liegt das Vergangene hinter uns. Und was vor uns liegt, soli so klar und hell sein, wie die bunten Lichter da vorne,“ Jonina folgte dem Weisen seiner Hånd. „Wie sch8n“. sagte sie leise. Wie ein grolier Chanukahleuchter. Die acht roten Lichter und dariiber das griine, das ist der Schames. Hast du dran gedacht, Jossele, daB heute Chanukah ist?“ Nein, Jossele hatte nicht dran gedacht. Aber jetzt dachte er dran. Und vor seinen Augen sah er wieder das kleine Judenstådtcherf und sah an den Fenstern die Lichter, und h8rte ihn durch die Gasse schweben, den uralten, lieben, traulichen Chanukahsang. Und ehe Jossel selbst sich dessen recht bewuBt war, hatte er die Geige lm Arm, und die heiligeji T6ne juhelten und schluchzten hervor aus dem beseelten Holze, hinaus in die sternenklare Winternacht. Jonina hdrte andåchtig zu, mit glånzenden, feuchten Augen. Sie beide horten nicht, wie drinnen im Stellwerk ein Signal schrilite, und saben nicht, wie der Beainte an den blitzenden Hebeln rUckte. Aber eins sahen sie, wie das grttne Licht dort drau- Ben verschwatid und gleicbzeitig zwei der roten Lampen grdn eratrahlten, lind Jonina klatschte in die Bånde und rief: „Jetzt hat der Schames zwei Lichter angeziindeti Sieh, wie schon!" Aber da ertQnti hinter ihntn ein mSchtiges, Tief innerlich ergriffen von jener briiderlichen Gemeinschaft, welche die ersten christlichen Gemeinden unter sich gepflogen, und durchdrungen von d«f Ueberzeugung def Gleichheit aller Menschen, wa«n die ungefålschlfn Qedanken des ursprfinglicheå' Christentums iÉ .KIL Jahrhundert eine Gleichbertchtigung aller Stfcdsbiirger. Durch die Bibei lst das Christentum mit dem Judentum, seinen Anschau ungen und EigetUUmlichkerten, vor allem abef mit seinem Gottesbegrlff, innig vertraut; wozu dann dieser Åbfall? Ein lude, der den Glauben seiner Vater verehrt in dem Glauben seiner Vater lebt, ist auch zu achten und hochzuschåtzen. Eine haBliche Tat ist’s und bleibt es liir alle Zeiten, wenn ein Abfall vom Glauhgn der Vfiter aus materiellen, egoistischen oder selbst aus gesellschaft* lichen eitlen Oriinden geschieht. Die groBen Erfolge der Juden im Wirtschaftsleben haben sie nur ihrer besonderen Begabung und richtigen angeborenen Weltanschauungen zu verdanken und dieses wirkt keiriesfalls storend oder verhångnisvoll. i \ *- Es gibt auch in anderem Konfessionen groBe, abstrakt denkende Geister, FinanzgroBen und Genies, Menschen von gewaltiger Berechtigungsgabe und Suggestivkraft Sehr viele ethische Werte enthålt die llldische Religion, befruchtend auf dis Kultur und wåre ein Erloschen filr unsere und alle kilnftige Zeit in allen Staaten ein schwerer Verlust. Die Erziehung und nicht die Taufe soli gepflegt werden. Man soli den Juden die Tore, der Staat die Aemter offnen, welche in Jene geistige Welt unserer Kultur hineingelebt haben. Leider stiften viele haBverbreitende Zeitungsblåtter Unheil, werden nicht miide, zwischen Juden und Christen Verhetzungen und tlnfrieden zu schaffen, sich nicht schåmen und nicht fUhlen, welche Schmach sie der katholischen Kirche selbst damit antun, und dieses durch die Erbårmlichkeit ihrer einzigen und ohnmåchtigen Wut, die nichts'als schimpfen und Verleumden, dem Geiste einer Kirche geradezu eine Ohrfeige geben, die den Lehrer der hochsten Sanftmut und Geduld ihren Stifter nennt. Das Judentum als Volk von geistiger Begabung und sittlicher GrdØe wird von Vorurteflen verfolgt, die selbst an den Verfolgern haften. „Warum wirft man dem Juden Fehier vor, zu deren Begehung man ihn selbst zwingt?" schrieb Mirabeau. Die Erfahrung und die Geschichte Iehrt, daB man jene Juden, die als Proselyten begtinstigt wurden dumpfes Rollen. Sie wandten sich um*. da kroch es heran aus dem Dunkel, mit riesigen, gliihenden Augen und weiBlohendem Atem. Aus der Nacht wuchs ein schwarzes, blitzendes Ungettim heraus und nå- ,herte sich den beiden wie die Windsbraut. Und dann donnerte es an ihnen vorbei, mit hundert funkensprilhenden Rådern, mit hundert hell erleuchteten Fenstern — sauste vorbei — verschwand. Kleiner und kleiner wurden die drei roten SchluBlaternen — kleiner und kleiner. Die beiden standen wie betåubt. Jossele sagte: „Es war ein Zeichen. Er kam von daheim. Seine Bahn geht weiter. Wir mtissen ihm folgen. Was schadeFs-Chanukah ist liberal!." Sie sahen hinaus. Aber die griinen Lichter waren wieder rot geworden. Das griine Licht stand wieder Qber ihnen. Und in der letzten Ferne d&mmerte der Tag — der erste Tag Chanukah! II. ... In Berlin h&rte man diesen Winter nur zwei Namen. Jenny Beridschewska und José Channovitch. Man las sie Uberall: an den Anschlagsåulen, in den Annonzen der Tageszeitungen, in den Auslagen der Musikalienhandlungen — iiberall. Sie waren monatelang das Gespråch der fashionablen Welt. Ihnen ging ein beispielloser Ruf voraus, und Berlin erwartete mit Spannung das seit Monaten angekQndigte Konzert, das heute abend endlich stattfinden solite. ... Vor dem Oebfiude des grofiten Konzertsaales brannten sechs elektrische Bogenlampen. Die Turen zum Foyer standen weit gebffnet, und eine endlose Reihe von Automobilen und Equipagen stand welt die StraBe hinauf, gefQllt mit eleganten Damen und Herren. Einer'nach dem andern hielten sie vor den Portalen, und die Reihe wurde nur unterbrochen, wenn der iiberwachende Schutztnann auf dem riesi* gen Oaui mit erhobener Hånd Raum fQr einen Wagen du Hofte helicbte. . .