Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 49 (14.12.1920)
- Date
- 1920-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VOLKSSTIMME Bezu gapr eiset halbifthrig ....... . Kø 26.— ganzjfihrig ... . KØ 50.— Deutschbsterreich ..... Deutschland. Jahrgang XXI. BrOnn, 14. Daiambsr t920 1 Thebat 6681. Redaktiea o. Aimlnistratlea: Brian, Krapfeag. lf. IiMraft: dar afiapaltire Milllmeterrai* Ri Unvarlangta radaktionall« Baltrig« wardaa nicht honorlert Manuakrtptan lst ROakporto bslsaflgea. Nummer 49. Moderne Volks- und Staatspolitik. Die groBen Umwfilzungen im Volkerleben, die sich in den letzten Jahren vollzogen haben und durch welche naturgemSB die Beziehungen der einzelnen Nationen und Klassen zueinander sich finderten, erheischen eine grøndliche Revision der nationalen und okonomischen Programme bei sfimtlichen Volkern. Wenn auf Or undlage des Trfigheitsprinzipes die Revision in den andersnationalen Lagern nur fiuBerst langsam sich vollzieht, so darf dies liir die Juden kein Grund sein — in eine neue Assimilation verfallénd — in ihrén eigenen Reihen, alles das in national-kultureller, ethisch-religioser und sozialwirtschåftlicher Hinsicht aus Programm und Taktik zu eliminieren, was durch die Entwickluug als falsch erwiesen wurde. LssipjilaUbn.jngl. ||f r^n jgdnjtr.gps^m-; d e n unter anføre VSiker verstanden werden, sondern auch die Nachahmung des fremd-nationalen Chauvinismus, der religidsen Unduldsamkeit und eines einseitigen Klassen-Cgoismus, die nicht nur der nationalen Cigenart der Juden, der jtldischen Ethik und der sozialen Struktur des jtidischen Volkes, sondern auch seinen Lebensinteressen wiedersprechen und somit vom Standpunkte der „Judischen Moderne" entschieden bekfimpit werden mfissen. Den AnlaB zu diesen Betrachtungen bietet der groBe G ,fi ^u n g s p r o z e B, der ausnahinslos hf; nerhalb al l é r jtldischen Fraktionen zutage tritt und der sich auch naturgemSB innerhalb der zionistischen Bewegung immer empfindlicher fiuBerst. Meinungsdifferenzen — mogen sie nun sozialc, nationale oder religiøse Streitfragen betreffen — werden nicht dadurch aus der Welt geschafft, dafl man entweder sie k tt n s 11 i c h z u v e r kl eist e r n sucht oder aber Acht und Bann tiber Andersdenkende ausspricht. Geisteskfimpfe møflten insbesondere dann, wenn es sich um die Erhaltung und Brneuerung des jfldischen Volkes handelt, ausgefochten werden, aber in Formen, daB sie den Gegner fiberzeugen, aber ihn nicht persSnlich verletzen. Da nun dies leider in den seltensten Ffillen In den Versammlungen und Vereinen, la nicht einmal auf Parteitagen und Kongressen ges c h i e h t, da diesbezøglich ferner auch die gesamte Volkserziehung beziehungsweise J u g ender zi eb ung alles zu Wdnschen Ubrig Ififlt, so ffillt in umSo hdheren Mafle diese Aufgabe der jødischen Presse zu. . je mehr es sich zeigt, daB die Palfistina-Koionisation und die jUdische Emigration vi el langsamer und nicht in dem ursprønglich gedachten gro- Ben Umfange, sondern nur schrittweise mdglich ist, in demselben MaBe wfichst die Bedeutung einer national-sozialen Politik før die Juden in ihren jetzigen Wohnsitzen. Eine moderne JØdische Volkspolitik steht in keinem Gegensatze zu einer modemen Staatspolitik. Der moderne Staat im allgemeinen, und Cechoslovakien insbesondere, muB auf nationaler, jréligidser titid sozialer G l e i c h b ere c h t i g u n g aller seiner Bewohner basieren. Denn der Staat des zwanzigsten Jahrhunderts kann nach dem gewaltigen Weltsturm nur als Rechtsstaat, Kulturstaat und Wirtschaftsstaat bestehen; andererseits aber kann eine j 0 d i s c h e National- und Sozial-Politik nur aiif d i e s e m Fundamente ihre Aufgaben gegen das JØdische Volk und gegen den Staat erføllen. Der Chauvinismus und Klassenegoismus bei . a 11 e n Volksstfimmen mag kønstlich Gegensfitze zwischen den Pflichten gegen sein Volk und gegen den Staat erzeugen, er wird aber nur ein Ziel erreichen: gleichmøfiig die S ta at si de e und die prod hz irenden Volksschichten empfindlich schfidigen. In einer Zeitepoche der stets zunehmenden wirtschaftlichen Verelendung aller physischen und geistigen Arbeitenden — die insbesondere immer weitere Kreise der Ju-den einer wirtschaftlichen Katastrophe entgegentreibt, — ist es unerlfiBlich, in erhOhtem MaBe éine: bésondere Aufmerksamkeit der 10diyhen^ Sbzjal-P^U|^k. . Moment vom s o z i a 1 e n fi u 0 i’tt t s c h w citre n n e n, well die soziale ErneuerUng eine der hauptsfichlichsten Vorbedingungen nicht nur før die kulturelle Renaissance, sondern auch før seinc nationale Existenz sowohl in Palfistina, wie auch in der Diaspora bildet. Ueberdies bildet weiter eine wesentliche Vorbedingung før die Konsolidierung der Diasporaluden der durch die Friedensvertrfige gewfihrleistete nationale Minoritfitenschutz. Solange in den Nationalitfitenstaaten (Ubrigen, nicht rttir in diesen) die veraltete kulturfeindlifche An- FEUILLETON. Jossel mit der Fiedel. Eine Chanukah-Skizze von Cheskel Zwl Kldtzel. L Eine schier endlose Wagenreihe Uef mit kreischenden Rfidem und schøtternden Kuppelungen in die Riesenhalle des Grenzbahnhofs ein. In der klaren, kalten Winterluft stieg der zischend entweichende Wasserdampf kerzengrade aus den Ventilen und Heizschlåuchen empor, und aus den sich offnenden Tøren der Wagenabteile entwich sichtbar der heiBe, stickige Brodem, der øber den vielen hundert Menschen gelegen hatte, die zehn Stunden lang in diesen rollen den Geffingnissen ausgehalten hatten. Langsam entstiegen die Massen den schmutzigen, tibel beleuchteten Waggons. Zwei Bahnbeamte bffneten eine groBe Doppeltør, und durch sie bindurch schob sich der Strom mit all seinen Habseligkeiten, in einen schier unermeBlichen Raum. der von ein paar groøen Lampen ungenøgend erhellt wurde. In diesem Massenquartier der Auswanderer sanken die meisten øbermUdet hin, wo der Zufall sie Platz ( findeo lieB, andere genossen erst ein paar Bissen,; wieder andere drfingten sich um den Brunnen, undj der rostige Metallbecher an der schmicrigen Kette wanderte von Haod zu Hånd. Nach einer hajben Stunde aber war alles ruhig und nur die gedfipiPften Lånte Schlafender erføllten den Raum. wfihrend ah den groBen Scheiben der feuchte Odem sich in Millioi Bio Wasserperlen verwandelte. | Aber nicht alle« die da lagen, schliefen. Ein lang' aufgeschossenér Junge starrte mit offenen Augen gegen die Decke. Den rechten Arm hatte er anstelle eines Kissens unter den Kopf gelegt, die linke hielt einen Sack, aus dem der Wirbel einer Geige hervorsah. — Der da nicht schlafen konnte, hieB Jossel, „Jossel ihm stammte, das kontte niemand sagen. Ganz ohne f -emdc Hilf i hatte Jossel sein Instrument meistern gelernt, und von dem Tage an, da er zum erstenmal mit hellem Bogenstrich die Bewohner der Judengasse aus ihren Hfiusern lockte, war er „Jossel mit der Fiedel", einer der wenigen, hochgeschfitzten, mit der Fiedel". Wenn er irgendwo durch die Stråunentbehrlichen Kønstier des Ghettos. Ben schritt, dann zogen die kleinen Jungens und Madels hinter ihm her und sangen das allbekannte judische Volkslied von seinem Namensvetter, mit dem lustigen Refrain: „Jossel mit der Fiedel, Tewche mit dem Bafi, Spielt mir auf e’ Liedel Chodsch’k auf der mitten Qafii" bis er ihrem Verlangen nachkam. Jossel hatte, wie es vielen Menschen geht, einen lustigen Beruf und ein trauriges Schicksal. Vater und Mutter hatte ihm ein Pogrom geraubt, als er noch so klein war, daB er erst Jahre spfiter lernte, Kaddisch um sie zu sagen. So war er ein Kind des ganzen Ghettos geworden, und Jede iødische Frau maøte sich Mutterrechte an ihm an, und leder Baalbajith glaubte Ihm den Vater ersetzen zu møssen. Diese allzureiche — und nicht immer zar te FØrsorge enthielt før Jossel den Flucb des Vielzuvielen und sein gesundcs, natørliches Pøblen lebnte sich auf gegen diese Bevormuodung durch die AUgemeioheit. Uod er entzog sich ibr, iodém er ooch ein richtiger Koirps, sele Lebeo auf eigepe Føfle. stfIlte. Vopi Vater, der eln Sonderling Im Ghetto geweseo war, hatte er an Grelf- und Nutzbarem nichts geerbt, als die alte Fiedel; oh auch die Luft ao seltsamen Harmonien und das stille TOnen in ebwamen Stunden von Aber die Seele des Fiedlers sehnte sich fort aus der Judengasse. Eng umgrenzt, wie der rfiumliche Bezirk, war das Reich ihrer Kunst. Alle ihre Lieder waren Varianten des gleichen Motivs. In ihm aber klangen T6ne, die aus der Ferne kamen, und in seinen Saiten lebten Melodien, die man im Ghetto nicht verstand. Man iubelte ihm zu, wenn er die alten, halbfreudigen, halbtraurigen. JØdischen Lieder aus seiner Fiedel lockte, aber man war still und betreten, wenn er die Noten aus seinem Innern las und auf jenes Klingen seiner Seele lauschte, daB er selbst sich nicht zu deuten wuBte. So hatte sich Jossel entschlossen auszuwandern. Hente morgen hatte ér Abschied génommen von der Welt, in der er bisher lebte. In aller Herrgottsfrøhe waren sie alle noch einmal gekommen, tind Jossel mit der Fiedel hatte Htnen zum letztenmal ihre Lieder gespielt, bis ihm und ihnen die Augen feucht geworden waren. Und nun war er viele hundert Méilen weit von ihnen, und morgen wørde er doppelt eo weit fort sein. Aber er wuBte, er hatte Rtcbt getan. Denn was er hente sehon gesehen hatte von der fremden Welt, es hatte ihm neue Melodien geschenkt Stundinlang hatte er ihnen gelauscht, wie aié hérauskhutgen aua dem eisenbarten Rhytmus dea fahrcnden Zuges. Seinem scharfeu Ohr waren die Harmonien dieier w, den Musik nicht entgangea. Bat w aiehtib wu Uerbreitet 4U jadHdK Uolk$$rtni««” mmm —n—TTTTI