Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1920)
- Date
- 1920-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622114--4578-2625903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nf. 47 døn Gesichtsponkte dør Landespolitik, afs auch os ter dem. der zokUnftigen Palåstina-Arbeit. Wie ich bereits am Parteitage betonte, hangt der Erfoig aller znkUnftigen, palåstinensischen Betatigung von zwei Hauptmomenten ab: 1. Der Verståndigung mit den Arabern und 2. einer sozialen fortschrittlichen Politik in Pa- ISstina. 2 Der nationale Chauvinismns, diese internationale Pest, wenn sie Wurzel fassen solfte in den Reihen unserer Bewegung wQrde im glefchem MaBe die jiidische Renaissance in Palåstina und in der Diaspora gefflhrden. AeuBerst erfreulich war die Tatsache, daB der Parteitag erfaBte, daB die zionistische Bewegung vor neuen Aufgaben, insbesondere in Palåstina stehe und die interessante Diskussion, die sich an die lichtvolle, åuBerst fesselnde Referat des Sekretårs des Nationalfond Weisel kniipfte, sowie die Sammlung untcr den Delegierten får den Keren Hajesoth beweisen, daB die Hoffnung nicht unberechtigt ist, daB trotz mancher Episoden und Erorterungen wenig erfreulicher Natur langsam, aber umso sicherer die Ideen der jUdischen Moderne der Synthese zwischen Jildischen Kulturnationalismus und Kultu rsozialismus zum Durchbrucb gelangt Bialik-Studian. Von Dr. Jeremias F r e n k <e!. Das Verhåltnis z u A c h a d-H a a m. E h r e n p r e is*) hat die Behauptung aufgestellt, Bialik håbe kein Programm; er sei der erste hebråische Dichter olme Programm gewesen. Er håbe auch als erster unter den hebråischen Dichtern den Mut gehabt, konservativ zu sein; und zwar aus rein åsthetischen Griinden, aus Liebe filr die SchSnheiten des Ghettolebens. Ehrenpreis spricht von einem „åsthetischen Konservatismus" bei Bialik. Ich glaube obige Behauptung nur mit Einschrånkungen annehmen zu kdnnen. Bialik war zu sehr ein Kind seiner Zeit, ein Haskalah-Jiinger, um ganz ohne Programm in die Literatur eiuzutreten. Es ist wahr, daB er sein Programm sofort geschickt in die Sprache des G.efUhls tibersetzt und es — wenn man so sagen darf — flir die Poesie salonfåhig gemacht hat. Er hat sich auch ziemlich schnell vom Programm losgemacht uiid ist dann tatsåchlich der erste hebråische Dichter ohne Programm geworden. Aber er hat mit einem Programm begonnen. Und zwar mit einem, welches er von Achad-Haam Ubernommen hat. Denn Bialik’s „åsthetischer Konservatisdritte Mahl ein. Mein Vater singt das „El mistater" (Der verborgene Gott) und ich beginne mich ebenfalls nach diesem geheimnisvollen Gott zu sehnen. Nach der Hawdalah ruft mich mein Vater und sagt: Komm doch her SOhnchen! Wo warst du denn eigentlich wåhrend des ganzen Tages? Sage mir docli, mein Lieblingl Das Herz erstarb in meiner Brust. Ein schlechtes Zeichen fUr die ganze Woche... Am nåchsten Sabbat håbe ich mich schon vom FIuB ganz losgesagt... Wir sitzen beim Tisch des Rabbi, das Gebetbuch liegt vor uns, der Rabbi aber erlaubte sich ein kleines, sogenanntes „Pferdeschlåfchen" zu machen, bevor der Perek gesagt wird. Ich blåttere im Sidur und will schon im vorhinein sehen wie groB der dieswfichentliche „Perek“ ist — und da offenbarte sich mir der „Perek Schirah" (das Lied der Tiere). Auch das ist ein Perek... allein dies ist ein Perek, der Lieder enthålt... Warum eigentlich liest der Rabbi mit uns nicht diesen Perek? Der Frosch spricht: „Gelobt ist der Name seiner pråchtigen Maleståt.“ Ach — Herz! Jetzt begriff ich erst, was die Frbsche damals sprachen! Was spricht das Vdglein: Selbst der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest. Dort haben die V5gel ihre Nester... Zwischen dem Laub lassen sie ihre Stimmchen erschallen... Ach, wie wflrde ich den Rabbi Ueben, wenn es ihm gefiele, mit uns damals das Borchi*Nafschi“ zu lesen, ich hatte mich da ehrenwortlich verpfUchtet die Pirke Abot an den Wintersabbaten zu lesen. mus11 ist bioB eine poetische Travestie døs wlssenschaftlichen Konservatismus von Achad-Haam. ) Jedem, der in der Geschichte der neohebrflischen Literatur beirandert ist, ist es bekannt, was filr einen måchtigen EiniluB Achad-Haam mit seinem ersten Auftreten („Lo seh haderech" 1889) auf seine Zeitgenossen ausgeflbt hatte. Diesen Moment hat Bialik in seinem Gedichte „An Achad-Haam", auf welches wir noch nfiher zurUckkommen werden, verewigt. In dem Augenblick, als Achad-Haam zum erstenm’al die Literaturbiihne betrat, war Bialik Je« schibah-Jiinger und Mitglied eines zionistischen Schiiler-Selbstbildungsvereines in Wolozschin. Auch dorthin gelangte der Name des „Meisters" und sein faszinierender EiniluB; auch der Junge Dichter wurde in die Bahn des neu-aufgehenden Sternes gebannt. Der Name Achad-Haams hat ihn nach Odessa gezogen, wo er mehrere Jahre im Bannkreise Achad- Haams verblieb. In diesem Kreise gab es nur einen Gott und Achad-Haam war sein Prophet. Hat Abrahamowicz (Mendele Moches Sfarim) Bialiks Stil béeinfluBt und befruchtet, so hat ihm Achad-Haam das Programm geliefert, får solange, als er dessen bedurfte. Und in iener Zeit bedurfte noch leder Dichter bei uns eines Programmes. Allerdings war Bialiks Programm ein anderes, als dasienige seiner såmtlichen Vorgånger; ebenso wie der Gedankengang Achad-Haams, von dem der „Haskalah" und der ersten „Chowewe-Zion" verschleden war. Friiher hat es geheiBen: „Fort mit dem alten Kram! Heraus aus dem Ghetto!" Wohin? Nach Europa—sagten die Haskalah-Månner. Nach Zion —sagten die Chowewe-Zion. Aber darin waren beide meinungseinig, daB das alte Ghetto faul, sein ganz er Ideenschatz antiquiert, seine Ideale bankerott seien. „Vom groBen Feuer, das unsere Våter auf ihrem Altar immer erhalten haben" — blieb nur ein Aschhaufen, kein Funke mehr zuriick. Da konnte kein Kulturmensch mehr konservativ sein. Achad-Haam kam mit einer neuen wissenschaftlichen Theoric. „Evolution" — war seine Losung. Nur aus dem Alten låBt sich das Neue herausehtwickeln. „Unser Weg — saft er — liegt klar vor uns: er ist auf der Ver gang e nh e i t begrundet und ftthrt in die Z u k u n f t." Nun hieB es nicht mehr sich beim fremden Herd Feuer holen, wie es die Haskalah wollte; auch nicht ein neues Feuer anziinden, wie es manche Zionisten wiinschten; sondern nach noch nicht verglommenen Funken im alten Aschhaufen suchen und sie zu einem groBen Feuer entfachen. Das Aufsuchen dieser Funken — der lebensfåhigen Kråfte im alten Ghetto — war das Programm. des ganzen Odessåer Schriftstellerkreises, auch Bialiks. Es ist nun selbstverståndlich, daB leder sich beim Suchen seiner eigenen, ihm eigentiimlichen, Methode bedifente. Der Dichter griff nach der åsthetischen Methode. Der Denker Achad-Haam suchte im alten Judentum das GroBe und Tiefe, der Erzåhlpr Abrahamowicz — das Typische, der Dichter Bialik ~ das S c h 6 n e. Daher sein „åsthetischer Konservatismus". Er teilte aber nicht nur Achad-Haams Hoffnungen, sondern auch seine Schmerzen, seine zeitweise auftretende Verzweiflung. Diese wurde vom tiefen ethischen Niedergang, insofern er im JUdischen Leben in Erscheinung trat, verursacht. Dann klagte Achad- Haam: „Wenn ein Land zerstbrt wird und das Volk noch voll Lebenskråfte ist, dann kann ihm geholfen werden; wenn aber e i n V o l k zerstdrt wird, woher kann dann Hilfe und Rettung. kommen?*) — Bialik ist kein Undankbarer. Er hat Achad-Haam seine fruchtbaren Lehren reichlich heimgezahli Er hat ein Gedicht geschrieben („Leachad-Haam", 1903), das — weit davon entfernt, ein Panegyrikus zu sein — eine tiefe WUrdigung des Meisters nmfafit. WUrde ein Schicksalszufall den spåteren Generationen alle Werke Achad-Haams rauben — In d 1 e s e m Gedichte sein ganzes Wesen, seine Bedeutung, die Hoffnungen, die an ihn die Zeitgenossen knUpften — verewigt worden. So tief und so umfassend hat niemand das Wesen des groBen Denkers geschildert. Da ist vor allem ein farben- und stimmungsreiches Bild der Zeit, des Milieus, gezelchnet. Die Uebergangszeit, die Zeit „des Anfangs und Endes, des ZerstOrens und Bauens, des Alters und der Ju* gend". Und dann die groBe Sehnsucht, wie sie leder tfebønafitsteit elm ist; feder sucht beim Lichtø selnes eigenen Hørzens — einen Propheten, einen leitenden und wegweisenden Stern. Und da geht der Stern auf — es ist der Prophet, der Meister, um den sich alles schart. Dann wird das Wesen dieses Meisters geschildert; kein Strich selnes komplizierten Charakters fehit. Auch das Geheimnis seiner ungeheueren Wlrkung auf die Zeitgenossen wird erheilt und erklftrt. Zuletzt kommt der unerschOtterliche Glaube zum Ausdruck, daB er, der Meister, uns den Weg dahin — vorwårts nach Osten („Kadimah") mit seiner hellen Personllchkeit voranleuchten wird. Einige Jahre spåter hat Bialik dem Meister noch ein Gedicht gewidmet. Aber wie verschieden isf dieses zweite Gedicht vom ersten! Die groBe Verehrung fUr Achad-Haam ist geblieben; es ist vielleicht das einzfge Ideal, welches Bialik in seine pessimist!« sche Epoche nach den Pogromen von 1905 hinflbergerettet hat. Aber die Hoffnung, der Glaube Ist verflogen.! Achad-Haam Ist flir ihn nun der Leuchtturm, der zwecklos inmitten des verlassenen Meeres auf dem festen Feisen ragt: eine Erinnerung an die stolze Vergangenheit — nichts mehr:*) Doch wem und welchem Ziele gilt sein Leuchten? Rings — liundert Meilen weit — ist doch das Meer erstorben... Dem war in Finsternis der Pfad geschwunden, Der hat in wilder Nacht am Meeresgrunde Sein Grab gefunden... Nur einsam, stumm, von aller Weit verloren, Sieht man den Turm das Licht durch Wtisten tragen, Und alles ist, als h6rt* man’s leise sagen: Wem gilt es, welchem Ziel sein Licht? Ebenso grttndlich wie Achad-Haam in den letzten Jahren schweigt, schweigt auch Bialik tiber Achad-Haam. *) M. paraschat Drachlm, I, '43. Bialik aber sang in derselben Stimmung sein erschUtterndes Lied: „Wahrllch, Gras ist das Volk.'* *) Zitiert nach Møllers Bialik-Uebersetzung, S. 47. JUDEN! Auf verschledenen Wegen traten wir berelts an Euch heran mit der Bitte unseren Hochschiilern Obdaeh zu gewåhren. Wir maebten auf ihr trauriges Los aufmerksam und hofften sofort Verstfindnls zu linden. Jedocb alle unsere Aufrufe blleben fruchtlos. Junge Leute, die vor dem Kriege zu studieren be* ganiten, mfissen ihre Studien nochmals unterbrechen. Studenten, die von der Helmat abgescbnltten sind, stehen auf der Strafie, SObnen der Hoffnung mancher Familien, Ist die Mttglichkelt sich eine bessere Zukunft zn bauen genoidmen. Deutsche und Cechen helfen Ihrer Jugend, heltet auch Ihr euerer Jugend. Helfet Euerem Volke, welches gelstige Fiihrer be« nbtlgt. — Anmeldungen von Wohnungen: J(id, Techn. Unterstiitzungsvereln, ulice Leglonåftk 31 (Scbmer- IfngstraBe), schrlftllch und miindllch. Rundschau. Herbert Samuels Mutter gestorben. Die Mutter Sir Herbert Samuels ist in London im Alter von 84 Jahren gestorben. Versdbnung der Religionen In Jerusalem. An Lessings „Nathan den Weisen" erinnert eine Einladung, die der Kreiskommandant von Jerusalem an angesehene Repråsentanten der dortigen muselmanischen, JUdischen und christlichen Gemeinden ergehen UeB, um freundschaftliche Beziebungen zwischen den drel Religionen zu schaffen. Der Kreiskommandant beabsichtigt, wie die „Jttdische PreBzentrale" mitteilt, die QrUndung eines InterkonfessioneUen Klubs vorzuschlagen. ( Neuordnung des palåstinensischen Geldweeeas. *) Dr. M. Ehrenpreis: Junghebråische Dichtung. Bialik und Tschernichowski. In „Jttdischer Alma« naeb" 1903, Neuauilage, S. 48, Ussischkin, der Vorsitzende der Zionistischen Kommission in Jerusalem, åuflerte sleb laut „ZJontst^^ seher Korrespondenz" zu dem Vertreter der