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Jüdische Volksstimme · 1920-11-25 · Heft 47 (25.11.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 47 (25.11.1920)
Date
1920-11-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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flPBU-Un Kulturpolitik, am Aufban eines organiscfcea Soiialiemas. Aber nicht nar die Kultursozialisten, aach die Kulturnationalen alter Vdlker werden mithelfen. Doch der nationale Chauvinlsmos korantt als „Bestandteil der politischen Moderne" nicht In Bttracht. Man raQsse scharf Scheiden zwischen aggressiv«!), expansiven nationalen Chauvinismus — wie es bel« spielsweise der alldeotsche Chauvinismus preuflischer Junker ist — und kulturellen, sozial verinnerlichten, die Vdlkerverst&ndlgung anbahnenden Kulturnatio« nalismus — wie es der der Juden sein soli und sein muB. Ebenso miisse eine reinliche Scheidung platzgreilen zwischen den Begriffen „Kultur" und „Zivilisation", wobel Civilisation eine „wesentlich niedere, unvollkommene und auch wertlosere Kategorie" sei. Zivilisation ist der rein technische, rein sozialautomatische Stand der menschlichen Entwicklung. Wie bei einem Hochstande der Zivilisation ein Tiefstand der Kultur herrschen kann, beweist wohl am deutlichsten der Weltkrieg und die Folgezeit. Alle technischen Erfolge der Zivilisation wurden ausgeniitzt zur gegenseitigen Vernichtung, was doch besthnmt keinen Hochstand der Kultur bedeutet. Wenn Weisengrttn Paralellen zieht zwischen der Zeit der napoleonischen Kriege einerseits, und des heutigen Weltkrieges andererseits, so sehen wir den Tiefstand der heutigen Kultur am deutUchsten, am furchtbarsten: Zu Zeiten der napoleonischen Kriege waren die Internierungen unbekannt, waren „Grausamkeiten, Roheiten, extreme Leiden der Zivilbevolkerung seltene Ereignisse." Anders aber im Weltkrieg: „Zum Zeil die technischen Errungenschaften, zum Teil auch die ganze seelische Art der Kriegsfflhrung erzeugten eine AthmosphSre von Roheit, Orausamkeit, Unbehaglichkeit, ia manchmal grenzenloser Wildheit, und die Zeiten des groBen Wtitens des echt deutschen dreiBigJShrigen Krieges schienen wieder erstanden zu sein". Wenn man Umschau halt in der ganzen Welt. wennman die Kampfe und Gueriliakriege alliiberal! trotz des sogenannten Friedens mit allen ihren Grausamkeiten, die furchtbaren Verfolgungen der jtidischen Bevolkerung allQberall, ia aller nationaler Minoritaten, die Ausschreitungen des Chauvinismus mfindig gewordener Vdlker, die Roheit im allgemeinen Yerkéhr der Einzelmenschen und Vdlker beobachtet, dann sieht man erst'den Tiefstand der heuti- «en Kultur — trotz des Hochstandes der Technik, der technischen Errungenschaften der Wissenschaft. Allen Parteien, „die liir moderne Bestrebungen wirklich in Betracht kommen", ruft Weisengriin als Losungswort filr die zukiinftige Gestaltung, die Rechte und Pflichten des S t a a t e s zu: „Der Staat soli weder ein Nachtwtichter noch ein Tyrann, weder ein Ach! stdhnte ich, indem ich mich nach gr Anen Feldern, Vdgeln, reinem Firmament und Silberbtichen sehne. Ach, wann soli denn sohon dieser Winter ein Ende nehmen? Allein endlich war doch der Winter vorliber, und es kam der gute Frflhling. Die Nachtigallen suchten wieder ihre Nester auf und wir — wir die kleinen Qottesknechte kamen wieder in den Cheder. Allsabbatlich versammelten wir uns in der Wohnung des Melamed, um den Fterek zu sagen. Die Wohnung des Melamed sieht aber dann gar nicht einem „Cheder" fthnlich. Die W&nde sind weifi getUncht, der FuBboden rein gefegt, auf dem langen Tisch ist ein Tischtuch gebreitet, alles ist rein und sauber. Ein scharfer Duft, gemischt von Knoblauch, Zwiebel, Schalet und Kugel und die groBe Hitze gieøen auf un$ einen Geist der Faulheit Selbst der Rabbi ist heute nicht das, was er immer zu sein pflegt. Seine Stirn gltinzt, seine Wangen gliihen, die Augen sind als wåren sie heute eingeschrumpfen... Es scheint uns, als wtirde er lachen... Nein, die Wohnung sst heute kein Cheder. <. Allein auch Feid und Wald ist sie nicht... „Betrachte drei Dinge", liest uns vor der Rabbi, indem wir es wiederholen „und du kommst uie zu einer Silnde, wisse wer ttber dich ist." Und ich weiB es: tyber mich sind die hohen Himmel, die gute milde Sonne, die frohen Sterne und der naive Mond. Uod unten! Ach, dort im Tale, wie prtichtig ist es! Wie s&B lst es rfickHngs am'Bache zu liegen... Und den Himmel zu betrachte«, wie er sleb dort im Bacbe abspiegelt... Allein im Perek belfit es, dal oben vorhandett ist „ein sehendes Auge,ein bdrendes Obr, und dafi all« deine Handlungeo registriert werden«.* . Hr, 4?. Vormond næb ein passim Tråger der Cfngebtingen einer Klasse sein". Mit alfer Entschiedenheit wendet sich WeisengrQn gegen alle Bestrebungen, die Staat tom Zwangsstaat tm Zwecke der HerrschÉf nationaler und konfessiotiiBer Parteien oder wirtschaftlicher Sondergruppen machen wollen. Eine neue michtige Organisation sieht Weisengriln entstehen, eine Organisation, von deren innerei Notwendigkeit wir alle fiberzeugt sind: Die Organ!« sation der Konsumenten. »Das Interesse der Konsumenten ist wohl flberall geweckt, aber dies Bewuflt* sein elner groBzilglgen, planvollen Organisation liegt noch in den ersten Anfangsstadien. Das wird sich nun sehr rasch åndernl" Dem Staat obliege nun die Vermittlung zwischen organisierten Produzerjten einerseits und organisierten Konsumenten andererscits. „In dieser synthetischen Verbindung der Interessen von Konsum und Produktion, in dieser groBziigigen Versdhnungsarbeit zwischen den herrschenden wirtschaftiichen Gruppen wird der Staat selbst erst zum Kulturfaktor werden". GroB ist die Zahl der neuen Gedanken, der Entwicklungsmoglichkeiten, interessant und scharf die Kritik des Marxismus, klar der Blick in die Vergangenheit, vielfach die Beriicksichtigung aller kulturpolitischen Faktoren in deisem mit groBem Interesse aufgenommenen Werk Dr. Paul Weisengrilns. Da der Autor Ja weiB, dafl eine soziale Geselischaftsordnung sich nur organisch, als eine Synthese aller freien sozialistischen Strdmungen entwickeln konne, so soli sein Werk wohl kein festumschlossenes Wirtschaftsprogramm bieten, es soli eine Aufgabe erftillen, welche die erste Voraussetzurtg zur DurchfUhrung Jeder Kulturpolitik ist: Hinzuweisen auf die nicht nur dkonomischen, sondern auch nationalen, religidsethischen und vor allem psychischen Probleme der Sozial- und Kulturpolitik. Und diese Aufgabe hat Weisengriin in seinem Wérk „Kulturpolitik, Weltkrieg und Sozialismus" meisterhaft gelost. Franz Schtisz. Olossen zum Sstr. Zionistentag. Von Dr. H. Ka dis cli. Die Fragen, welche den letzten K Parteitag der dsterreichischen Zionistem welcher am 31. Oktober, 1. und 7. November, in Wien abgehalten wurde, beschdftigten, behandelte eine Reihe von Fragen, die auch ftir die Zionisten der angrenzenden Sukzessionsstaaten, und speziell auch die Cechoslovakei von groBter Bedeutung sind. Wie es bei den meisten unserer Parteitage schon tiblich ist, war es nicht mdglich, die umfangreiche Materie, die auf der Tagesordnung stand, mit der notwendigon Grfindlidikeit zu erSrtenj; immerhin muB zugestanden werden, daB der Parteitag in seiner Ubtrwiegenden INÉhrheit sich zur Ueberzeugung durchrang, daB Wlf nicht nur eine intensivere Agitation und Reform .ttBserer Organisation ben&tigen, son- «rn daB als eiflider Vorbedingungen hiezu die von ■ Jfth* in der „JtiÉVlhen Volksstimme" wiederholt als sit, ateriaBlich betonii Volks- und Jugenderziehung in welt hoherem Mile als bisher die Anfmerksamkeit zugewendet werden miisse. Eine besonders rege Debatte entfesselte naturgemåfi die mit der Palfistina- Arbeit und der Landespolitik zusammenhangenden Probleme. AeuBerst symptomatisch war eine Rede des Dr. Otto Abeles, in welcher er auf die Notwendigkeit einer organischeren Verkniipfung der Palftstina-Arbeit mit der Landespolitik befttrwortete, welch letztere noch immer von manchen Zionisten miBgUnstig aufgenommen wurde. Ohne irgend einen Widerspruch zu finden, legte Dr. Abeles dar, daB die Paiastina-Kolonisation nur einen Teil der Judenfrage Idse und daher naturgemaB einer Erg&nzung durch die Landesarbeit benotigt; betreffs welcher .'Mii endlich zutn klaren Begriff kommen muB. Das Wort „Oaluth,, werde allgemein in tiberspannter Weise sebraucht und soilte aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. Tatsdchlich hat auch der Parteitag ohne leden Widerspruch die Landespolitik als einen intregierenden Bestandteil der zionistischen Betdtigung in Oesterreich neuerlich programmatisch festgestellt. Der Parteitag hat sich aber darauf nicht beschrånkt. Er hat vielmehr einstimmig das neue Landeskomifé aufgefordert ein Landesprogramm mit besonderer Beriicksichtigung der Wirtschaftspolitik auszuarbeiten und sich diesbeziiglich mit den Landeskomités in den Sekzessionsstaaten in Verbindung zu setzen. AnlåBlich der Erorterung der Aulgaben der Landespolitik wurde nach einer sehr beifiiHig aufgenommenen Rede des Obmannes des neuen Landeskomité, Herr Staatsbahnrat Ing. Stricker, die Zustimmung zu den bisherigen Prinzipien der Landespolitik ausgesprochen und die Fortsetzung des bisherigen Kurses entschieden gefordert. Damit soli nicht gesagt sein, daB betreffs der Taktik und der Art der bisherigen Propaganda alle Delegierten einer Meinung waren; es wurde vielmehr vielfach der Wunsch nach einer Vertiefung der Art der Propaganda*und nach einer, nicht nur wdhrend der Wahl allein ndtigen propugaudistischen Tåtigkeit einer scharfen Scheidung zwischen einem all von ihrer physischen und geistigen Arbeit lebenden Volksschichten gerecht werdenden Sozialismus einerseits und dem Marxismus andererseits, wurde mit Nachdruck gefordert. TatsSchlich ist eine grilndlichere Erorterung des sozialen Problems mit besonderer Beriicksichtigung der Frage der modemen Bodenreform gleich unerlåBlich, sowohl unter Allein, håbe ich mir denn etwas zuschulden kommen lassen? Oder håbe ich etwa etwas derartiges vor? Ich will fa bloB ritekiings, am Bache liegen... Der Rabbi ist mit dem Perek fertig und lSBt uns wieder froh. Ich trachte dem Auge meines Vaters zu entkommen und laufe heimlich in das Tal... Ich fiihle unter den FUBen ein weiches G ras. Und ich beginne gleich einer Ziege zu httpfen, ohne daB ich mich im Geringsten vor mir selber* schåme... Vor dem dreizehnjåhrigen Knaben, der schon Tfilijn legt und schon zu Minian zugezåhlt wird. Ich stilrze mich am Bache hin und betrachte ihn. Die Frbsche unterbrechen ihr Geplauder, richten die Kopfe auf und betrachten mich... Sie haben scheinbar wahrgenommen, daB ich vertrauenswttrdig genug bin, und daB sie sich in meiner Gegenwart gemtitlich aussprechen dlirfen. Und sie quacken unter sich... Der Bach hort und staunt... Und faltet das Gesicht vor Verwunderung... Kr! Krrrrl Ich verstehe aber nichts von dem, was sie erzåhlen. Ich wtirde alles geben, wenn mir jemand ihre Sprache beibringen kdnnte. Doch stilil Jenseits des Baches im Wald, am Ufer — hat ein Vogel ein „Tekia" vernebmen lassen. Ein anderer Vogel erwiderte mit „Schewarim" (Triller), der eine frågU der andere erwidert.., AUes schwelgt... AUes horcht... Kaum ist eine Sekunde voriiber, erbeben die Aeste der B&ume ... Und die Heuschrecken hfipfen. Und die Wellen des Baches laehen unablftssig... Auch ich mdchte lachen, biipfen, singeu — allein ich scblme mich den Mund zu dffnen... Hier zwischen dieien Sångern ,J)ort basen die Vdgel Ihre Nester... zwischen dem Lanb lassen sie Ihre Stiinme vernebmen" Uod ich bitte den grolen gb tigen Gott an, der seine Hånd &ffnet und alle Lebenden befriedigt, und ich schaue in den weiten langen und tiefen Firmament ... Ich weiB, Gott wohnt dort, und ich liebe ihn so sehr. Pldtzlich steigt in mir das Verlangen auf in diesen heiligen Wald zu gehen, wo die Vogel des Borchu Nafschi ihr Nest haben, ich håbe schon auch Schuhe und Kleider abgelegt und wollte in den Bach gehen. „Alle deine Handlungen werden in ein Buch geschrieben", håbe ich mich unwillktirlich erinnert. Darf man am Sabbat baden? Es sind ia religidse Bedenken dabei vorhanden... Pldtzlich schien mir, daB die Froschkopfe, wel* che aus dem Wasser herausschauen, keine Frosch« kopfe sind, sondern Schådel, weiche oberhalb des Wassers schwimmen und die Vdgel singen nicht, sondern sie quacken „Weil du ertrSnkt wirst, du ersSuft!" Und ich fiirchte Gott,.. Lege wieder meine Kleider an... Und meine Ehrfurcht vor Gott verschencht die Liebe zu Gott, der die Hånd dffnet und alle Lebewesen befriedigt. Ic herlnnere mich schnell, daB im alten Bet-Hamidrasch mich der Vater suchen diirfte und solite er mich nicht sehen, so wird er mich hart straf en! Die Angst vor der Zflchtigung des Vaters ver« scheuchte meine Gottesfurcht... Ich Ube mich schon darin, was ich dem Vater vormachen kdnnte. Ich sage ihm, ich war bisher im Cheder... Ich eile... ich gehe still hinein... drånge mich zwischen den Betenden; und ich will mich dem Vater gewissermaBen barmlos zelgen... Mein Vater tut, als wtirde er micb nicht sehen. Sehr gott Wir geben dann nach Hauge... ae)na«D lee

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