Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1920)
- Date
- 1920-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugsprelset - . Redaktion u. Administration: BrQnn, Krapfeng. 19. halbj&hrig , . ..Kd 26. ganzjfthrig.. . . KC 50. Inseråte: der einspaltige Miliimeterraum KC —‘40. DeutschSsterreich.. . K 90.— Unverlangte redaktionelle Beitrflge werden nicht Deutschland.^ . Mark 40.— mn honoriert. Manuskripten ist RQckporto beizufflgen. Jahrgang XXI. Brlinn, ** {•g*«’*? Nummer 47. " " Weltkrieg und Sozialiamus. Ein neues Wérk des bekannten Soziologen Dr. Paul WeisengrBn, — der seit etwa 20 Jahren unserer nationalen Bewegung angehCrt — ist erschienen, „Kulturpolitik, Weltkrieg und Sozialismus" betittelt, ein Werk, das nicht nur eine Menge neuer aktueller, soziologischer Probleme anschneidet und ihrer Ldsung entgegenzufiihren sucht, sondern ein Programm sein soli „fiir die Kulturpolitik der bereitS einigermaBen psychologisch orientierten politischen Gruppen". Vor allem wendet sich W eis en gr tin gegen die einstig materialistische Arffassung der sozialeit Frage bei den Marxisten. Bei der Beurteilung der soziaien Frage dilrften bei aller Wichtigkeit der; wirtschaftlichen Probleme. nicht nur diese rein .5ko|‘ nomischen Faktoren — tyie es. bei den Marxisten ge^ schieht — herangezogen werden,. sondern vor allenj auch ethische, politis.che ,urtd nationale und bespnciers -‘ det TCmmfpoIitik* nicht von eijhem einseitig okonomi-, x,~'~ schen Staridpunkte, sondern unter Beriicksichtigung; auch der nationalen und religiosethischen Momentes und der psychischen Imponderabilien betrachte, konne man die Aufgaben der Kulturpolitik in zwei Hauptgruppen teilen: In die elementåre und in die feinere Kulturpolitik (im engeren Sinne). Zu den Aufgaben der elementåren Kulturpolitik gehbren die Probleme hygienischér Natur, der Volksnahrung, Wohnungsverhdltnisse, der Volksbildung usw. .„Ich glaube .nun“, schreibt WeisengrUn, „daB die Zeit bereits gekommen ist, um alle Aufgam FEUiLLETON. ben der sogenannten .elementåren* Kulturpolitik sofort im raschen Tempo, mit grdflter Dringlichkeit in Angriff zu nehmen". Da kdnnten und miiBten alle Parteien ohne Unterschied. mitarbeiten. Was die feinere, „engere** Kulturpolitik betrifft, kommt Weisengriin zu fiinf Einigungspunkten, auf die sich alle Parteien«(bis auf die Oruppen der Marxisten, nationalen Chauvinisten, - religiosen Zeloten und der formellen Demokratiej einigen kdnnten, ohne ihre Sonderbestrebungen zu unterbrechen. Diese fiinf Einigungspunkte lauten: „1. Die wirtschaftlichen Probleme dUrfen nicht isoliert betrachtet weirden. 2. Die soziale Frage mufl als Kulturproblem erfaBt werden. 3. Die individuellen Kulturbediirfnisse der Menschen diirfen weder vorh St^ate, noch von einseitig.er Iflassenherfschaft-^%stR?$tf*||erden. ‘ t.? 4. Die Notwéndigkeit der nationalen Entwicklung ohne Uebergreifen in ^en Wirkungskreis an der er Vdlker ist von allen sonst noch so verschiedenen so4 zialen und oation.alen Qmpp.eneM^uerkennei\, <■, gischen' Vorbereitungeh^ getroifen werden, damit die Fiihrung der Menschhéit langsam und allmhhlich auf die Intellektuellen iibergehen soli." Diese Einigungspunkte zeigen uns die Stellung Weisengrfins zu den Fragen der Kulturpolitik ebenso, wie die von ihm bekdmpften. 4. Parteien, die daran nicht teilnehmen werden und nicht teilnehmen kfinnen. Vor allem sind dies die. Marxisten Weisengriin zeigt die Krise des Marxismus — die er iibrigens schon im Jahre 1899 in seinem Werke „Das Ende des Marxismus" prophezeit hatte, — die sowohl der einstig Okonomischen Beurteilung der soziaien Erlrinarungen, Von Jehuda Steinberg. — Uebersetzt von Abraham K o h a n e, Wien. Ich stehe im dreizehnten Lebensjahre, stehe frilh auf um in den Cheder zu gehen und bleibe dortselbst bis in spåter. Nachtstunde, da lerne ich die Lehre Qottes und kehre nach Hause zuriick ,nur um das Mittagmahl einzunehmen und zu flbernachlen. Wahrend der ganzen Woche hindurch bin ich bloB ein provisorischer Qast im Hause meiner Eltern; stabil bleibe ich zu Hause bloB am freitag von der Mittagsstunde angefangen. Dann beginnt itir uns, die kleinen Qottessklaven, eine Freiheit, die bis morgen mittags wahrt. Am Sabbat nachmittag lieB der Rabbi wieder seine Schiiler zusammenkommen, im Winter pflegten wir das „Borchu nafschi" zu lesen, im Sommer aber „Perek" zu sagem An den Wintersabbaten pjlegten wir uns nicht in der Wohnung des Melamed, sondern im alten Bet« Hamidrasch zu versammeln, welcher anderen Bethåusern gegenuber auch diesen Vorzug besaB, daB der „Schames" daselbst nicht verheiratet gewesen war, er batte daher k§ine Yerantwortuog von .dejn heiligen jHolz zu stehlen, so daB es dort wSrraer als sonst sein konnte. Das einzig bestrickende, welches unseren Melamed in den Bet-Hamidrasch verlockte, war die Bank in der N&he des Ofeus. AUein nicht immer hatten wir das QHick diesen Vorzugsplatz zu bekommen. OrbBtenteils kam uns der „Schames" zuvor, er streckte sich auf die Bank aus, wie es ein Herr auf seinem Out zu tun pflegt und machte das Sabbaitschiafchen. Die erwachenden Knaben unseres Cheders meinten, daB sie am Schnarchen.des Schames gut zu erkennen vermogen, was er gespeist hat. Hatte er sich bei einem der Begilterten bekdstigt, so pflegte das Schnarchen ganz or dinar , und geschmack los zu sein, dabei aber den ganzen Bet-Hamidrasch zu fiillen... Hatte er aber bei einem armen Wicht das Mahl eingenommen, so war das Schnarchen ein delikates, langwieriges, stohnenartiges... Es sah dann aus, als wflrde er eine Qeschichte der Darbenden zum Vortrage bringen. .Allein mitunter gelang es uns doch die Bank zu beschlagnahmen, dann pflegte der Melamed mit uns auf ein und .derselbqn feank zu sitzen, weil unser Melamed ein besonderer Freund des warmen Ofens zu sein pflegte, der iedesmal hetastet, einen besonderen Reiz und Zauber bietet. Wir lesen: Preise meine, Seéje... Er hOllt sich hi Ucht wie in. einem Gewand... Sie smigen auf dep Bergen, ainken in die Taler ... Er schickt die Quellen in die Tiefen hinunter... Dort wohnen die wilden VOgel, welche zwiscHen dem Laub ihre Stim-! me vernehmen lassen... Die Zedern Libanons von ihm gepflgnzt... Dort bauen. die Vogel ihre Nester.. Draupen braustder Wind mit Qréisénnervpsltat, „das Ucbtgéwanfl" oben ist mit Plecken bedeckt... Die Fensterscheibeo sind mit Frost und Eis bedeckt, darauf sind Bduirie und kleiité Cedern gemalt, allein die Vdgel wohnen hier nicht. Zuweilen guckt die Sonne durch ein Pensler hineio, datui macht sie den Frage entspringt als auch der falschen Auffassung von der Selbstzertriimmerung des Kapitalismus. Die von Karl Marx behauptete Selbstzerstdrung des Kapitals, (die dadurch entstehen soli, daB der Grofibetneb tiberall den Kleinbetrieb verdrårtgt, der Mitteistand proletarisiert wird, das Elend des Proletariats immer groBer, die Anzahl der Kapitalisten immer kleiner wird, bis schlieBlicb alle Produktionsniittel sich in der Hånd ejriiger, wenlger Kapitalisten befinden, die dann mit Leichtigkeit von der konzentrierten und organisierten, Arbeiterklasse expropiiert werden konnen), sei unbedingt nicht eingetroffen und finde auch nicht statt und damit breche auch das ganze System des Marxismus zusammen. „Die Ménschheit bedarf des Marxismus nicht mehr... Der ehemals notwendige kulturfordernde Marxismus ist heute direkt ein Feind der Menschheitsentwicklung geworden". , . Mit kundiger, fester , Hånd legt Weisengrtin das Messer des .Chirurgen a.n das. Qeschwiir des Sozialispius, das heute dér .Mgxxisjnus. geyejr^^.^^.g^t ""Mur:;^die .Unrichtigkeit des ganzen Systems. Die Marxisten werden nicht teilnehmen . an den feineren Frasen der Kulturpolitik. . „Alle anderen sozialistischen Parteien sowie ein groBer Teil der Anarchisten haben eine viel innigere Beziehung zur Kulturpolitik als die Marxisten". So kbnnen und werden die Oruppen der Genossenschaftssozialisten (H e r t z k a - Oppenh.ei.rae r), der anarchistischen Kommunisten (T o 1 s t o i),, der allgemeinen Nahrpflicht (Po pp e r - Ly n ke u s), der Budenreform (Henry Qeorge, A d o 1 f ‘ Damaschke) teilnehmen an den Fragen der engeren Eindruck als wfirde sie selbst in den Bet-Hamidrasch kommen wollen, um sich am Ofen ein wenig zu w&rmen. Und der Ofen gieBt auf uns einen sanften Schlum« mer aus. Die Knaben gahnen. Der Melamed fdllt auf seinem Qesichte wie ^i Tachnun... Saget, saget doch, spricht er, wie vom Schlafe: Saget einer nach dem zweiten! Und ich bin gleichsam in einem halb wachen und halb verschlafenen Zustande... Ich sehe mich zwischen hohen Bergen... Darauf stehen die machtigen Zedern und nicken mir mit dem Haupte... Die Vbgeln flUstern miteinajidcr... Lachen mir aus den Bldttern zu:.. Und zwischen den Bergen schlSngelt sich ein. klarer Silberbach, toil krttmmt er sich rechts und linkt im griinen Tal... An seinen Ufern hiipfen Kaninchen und kleine und grofle Tiere... Ich htlpfe und springe ebenfalls... steige auf ein grofles Tier .... ziehe ein anderes bei den Ohren... Ein drittes ziehe ich beim Schwanz. 'Allein filgen mir nichts Boses hinzu: Und wie vermdgen sie es zu tun, steht doch éin groBer erhabener Qott Qber sie und stellt sie ganz zufrieden? Und dort... Ach wie rein sind die Himmel! Und . die Himmel. sin4 eigentlich gar ,kqine Hinjmel... Allein ein Gewand!, Ein Lichtgéwand! Die Érde wjedér ist keine Erde — sondern ein grUper — Divan ... Die Wolken am Himmel sfnd' beflugelté Pferde zu einem Wa^en gespapnt, flie^en s(e in den LOften.. pie Stimme meines Melamed weckt. mich aus dem Schlafe. Ich erwache und hOre wie elnér der Knaben spricht: „Er lftBt das Kraut wachsen ffir das Vieh." Ich schaue zu den Fenstern hin und sehe Eis und Frost... ^65146