Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
83% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622113--4569-2625893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

£ ønå Hf.^e wiODuciii voussiiiii14 $*** eider eln so TI* Standpunkts atm betrachtef, ganz gut besorgt r . . hiezu weder sein, aber damit darf eine Ktfltasgefnefflde we je bis nun aufgewertd«efl Krafte, noch die zu Bfiinn ihre Aufgabe nicht als erledigt ansehen. Oebote stehenden Mittel auch nur annåhernd GewiB, der Zusanunenhang der Kultusgemeinausreichen. Die beschåmenden Verhåltnisse, wie degewaltigen mit der Brfinner Judenschaft ist sie heute bestehen, werfen ein eigenartiges ein sehr loser, aber schon des Dekorumshalbér Licht, nicht allein auf unsere Institutionen, sonsoliten diese Herren fur afles was uns bewegt, dern auch auf Jene Klasse der judischen Bevoleiniges Interesse zeigen. Doch damit mfissen kerung, die teilflahffislos ån dem Elend und wir uns vorderhand abfinden und uns selbst Jammer Ihrer Volksgenossen vorubergeht. Wie viele leben unter uns, die erst durch eine Zweckunterhaltung oder dgl. aus . ihrer bodenlosen zu helfen trachten, unsere Kråfte sammeln und wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daB wir ein Werk schaffen werden, welches dem Oleichgiltigkeit aufgeruttelt werden mussen, um \ Zeitgeiste, unseren Verhåltrtissen und dem Ånsich ihrer elementårsten Pflicht zu erinnern! sehen der judischen Bevdlkerung enfspricht. Alle diese Veranstaltungen, welche den Zweck * ** * . verfolgen, Geld fur Unterstutzungszwecke zu schaffen, entzunden lediglich ein Strohfeuer, welches wohl brennt, aber nicht wårmt und nicht anhålt; die wenigsten, die diese Veranstaltungen besuchen, sind mit dem Herzen bei der Sache, vielen geht die Unterhaltung* die Befried igung privater Eitelkeit etc. fiber den Zwéck. wenn man die groBen Regiekosten derartiger Unterhaltungen bédenkt, so muB man sich ernstlich fragen, ob es denn nicht moglich ware, diese Betråge ffir dringende bessere Zwecke zu verwenden und ob unsere Judenschaft nur unter solehen Umstånden zuin Wohltun zu bewegen ist. Und dann drangt sich so manchem Besucher dieser Zweckunterhaltungen willkfirlich der Vergleich auf: so viel Luxus, so viel UeberfluB auf der einen, so viel Elend, so viel Not auf der andern Seite, ein Vergleich, der besser erSt nicht hervorgerufen werden soilte. Aus allen Erfahrungen auf dem Gebiete des Unterstfitzungswesens ergibt sich die Notwendigkeit einer Zentralisation aller auf diesem Gebiete wirkenden Vereine. Wer diese in die Wege zu leiten hat, welcher Verein als erster die Hånd zu gemeinsamer Arbeit bieten soli, ist ganz nebensåchlich, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und die jfidische Oeffentlichkeit hat ein Recht aarauf zu verlangen, daB dieser Weg endlich betreten werde una damit auch, Ord« nung in dieser Beziehung geschaffen wird. Die Art der „wilden“ Wohltåtigkeit, die nur eine Folge-der gånzlichen Unzulånglichkeit der „legalen“ ist, die Konkurrenz der Vereine untereinander, wird dann, juucid nur zum Vorteile des Ganzen aufhoren konnen. GewiB wåre die Kultusgemeinde in erster Linie berufen die Initiative in dieser Angelegenheit zu ergreifen, aber wie die Verhåltnisse heute liegen, ist von diéser Seite nichts oder nicht viel zu erwarten; eine Korperschaft, wie es der AusschuB der Brunner Kultusgemeinde ist, sollte erst nicht an seine Pflicht gemahnt werden mtissen. Das Referat „Armenpflege“ — ich unterstreiche Arme npflege — wird ja vielleicht, vom finanztechnisch- und administrativen sich in den Abgrund ziehen zu lassen. Die Literatur hat wenig Szenen, die rtihrender wåren als Branes Seelenbewegtheit, als ein ehrlicher Handwerker um ihre Hånd anhålt. Ueberaus ergreifend ist auch das Bild yom Glfick ihrer armen Ein-Stuben-Håuslfrhkeit mit den triefen den Wåndép, dem «inzig#n Nåh; maschine, dem Gelesenheitskaufffir drei Rubel iTionatlirh. „Das Leben £t schon“ — sagt der kleine Schneidergeftflfé —und mir ist es noch nie so gut gegangen!“ . Und da sehen wir, waa der Autor uns durch den Kontrast lehren will. Das ist das ernzige Glfick, das einzig wahrhafte, das unter all’ diesen egoishsehen und hungrigen Mensenen aii^hWht. RAlbst wenn wir den Moment einrechnen, wo der alte Påchter Sabbathlieder singt und der iun*e. jfidische Offizier, der als Gast dort weilt. fuhlt. daB diese einfache, uralte Zeremonie eine kleine Friedensinsel mitten un Wahnsinn der Vdlker und ihrer Kriege ist. Dieselben Lehren gibt die noch mehr ironische Episode, mit welcher die Geschiehte endet. Die armen alten Chassidim sitzen in der Passah- Nacht beim Seder und wåhrend lhr reicher, gebrochener Bruder, dessen vergøtterte Frau m den Abgrund wsttet ist, wie ein irrender Geist auf die Feierkerzen, die Festgeråte und Becher starrt. rufen die bettelarmen, weiBbartigen Ah Mit der bloBen „A r m e n p f 1 e g e“ allein geht es heute denn doch nicht mehr. Dazu ist unbedingt eine Sammeltåtigkeit in groBerem MaBe notwendig und wir soilten in dieser Beziehung von den Deutschen und Cechen viel, sehr viel lernen; wenn wir ffir uns und unsere Bedfirftigen fiberall, bei jedem Anlasse eintreten, dann wird sich erst zeigen wie viel wir erreichen konnen, wenn guter Wille, ein wenig Begeisterung und Mitgeftihl vorhanaen sind. Und da soli es sich zeigen, daB auch unsere Jugend mitzuarbeiten gewillt ist, daB auch sie sich bereitwillig zur Sammeltåtigkeit zur Verffigung stellen wird. Gerade die jtid. Jugend muB mehr und mehr ffir diese Tåtigkeit herangezogen werden, nicht allein weil sie arbeitsfreudiger. ausdauernder ist, sondern auch deshalb, weil sie das jtidische Elend besser erkennen und besser verstehen wird. Alle unsere humanitåren Institutionen, die ausnahmslos der gewiB aufreibenden Tåtigkeit einzelner Vereine zu danken sind, leiden unsåglich darunter, daB die groBe jfidische Oeffentlichkeit oft gar keine Ahnung vom Bestehen soleher Institutionen hat.'Wir Juden in Brunn haben ja keine Tageszeitungen, in welchen wir unsere Aufforderungen verlautbaren konnten, der berfichtigte „Tagesbote“ ffirchtet doch die Konkurrenz ffir die deutschen Vereine und so bleibt uns naturgemåB nur die Agitation von Mann zu Mann, die aber leider keine zu groBe Wirkung hat; das Interesse ffir unsere judischen humanitåren Eåsiiichtungen muB b léi b é n d wach erhaltep werden, sollen diesé ihre Bestimmung erffillen. Wir haben so viel des Jammers und der Not, daB uns fast noch alles zu tun fibrig bleibt. Wie viele Juden in Brfinn wissen fiberhaupt vom Bestehen eines jfidischen Waisenhauses, eines jfidischen Altersversorgungshauses, eines jfidischen Freitisches bezw. Volkskfiche, einér jfidischen Wårmestube etc, DaB es nicht zu viele wissen, geht aus der traurigen Tatsache hervor, daB nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der hiesigen Judenschaft diesen Einrichtungen als beitrågende Mitglieder angehoren und daB demzufolge alle die vorgenannten Institutionen kaum den Tag zu fiberleben haben, so zu sagen nur von der Hånd in den Mund leben und ihr Fortbestand niemals gesichert ist. Alle diese Institutionen sind auf die Hilfe der groBen jfidischen Oeffentlichkeit angewiesen, wir alleip, mfissen ffir deren Erhaltung mit allen Kråfteri eintreten und darf dies ffir niemanden tinter urts ein Opfer bedeuten, sondern, wie ich schon gblegentifch in einem frfiheren Artikel bemerkte, nur eine einfache Pflichterffillung sein. Ein Verein, eine Organisation, allein, kann diesen Åufgaben nicht gereebt werden, aber wenn alle Vereine und Organisationen vereinigt zusammenwirken, lieBe sich im Interesse der Sache we’it mehr erreichen — denn viele K6che verderben den Brei. Ole Prager Judenstadt wåhrend der Schlecht am WelBen Berge. Zum 300. Jahrestage. Von t Die dreihundertjåhrige Wiederkehr der 8tam niren --- Schlacht am WeiBen Berge hat etae^len^ vofl ten m« betaer Inbr«^«: »Uebera Jahr in ^.AX^hSt&ttdTe Fo&h *cbo!a]im!“ nungén von der Zensur uftbehindert zu wfirdigen versucheu. Auch die judische Geschichte kann eine kleine Reminiszenz an diesen Uftgluckstag des &chischen Volkes beitragen; denn der Tåg der Schlacht am WeiBen Berge — allerdfngs nfcht der 8. November, sondern der 14. Cheschwån —• war unseren Vorfahren ein séit gelåufiges Datum. Haben doch die Pragér juden, solange sie noch etwas mehr Pietat ffir ihr Jtrderttum und ihre Oeschichte hatten, diesen Tag ailjåhrlich als BuBetag mit Fasten und SeliChagebeien begangen. Kein Oeringérer als R. Jomtof Upmann Heller, der Tonafos Jomtof, hat die Seli* choth f:V diesen Tåg geschrieben. Die Einffihrung diescs Fasttages wird durch følgende zeitgenossis''f,e Einleitung begrundet. Kaiser Ferdinand rfickte im Kampfe gegen seinen Gecrenkonig, den Pfalzgrafen Friedrich, den „Winterkønig" bis Prag, def Residenz Friedrichs vor. Freitag den 10. Cheschwan 1620 erreichten die Kaiserlichen Prag. Am Sonntag, dem 12. Cheschwan bei Tagesanbruch begann die Belagerung, die Juden muBfen viéle Leufé zu den Schanzarbeiten stellen. Dér Kampf wogté am WeiBen Berge bis gegen Abend, bis aié Kaiserlichen den Sieg er-rangen, mehr als Zehntausend, von Friedrichs Heer wurden getøtet, der Pest floh und wurde verfolgt. Friedrich und sein Hof flfichteten sich in die Altstadt und noch in derselben Nacht besetzten die Kafsérlichen die Festung. Montag deri 13. Cheschwan floh der Pfalzgraf mit seinem Gefolge aus dem Lande. Die Altstadt, in der die Judenstadt eingeschlossen war, und die Neustadt widerstandén noch den ganzen Tag Und so muBte die jt^ denstadt noch alle Schrecken der Belagerung erleben. Und als am Dienstag åbends auch die Altstadt sich ergab und die Kaiserlichen einrtickten, da waren die Judeft in Angst und Schrecken, da man nicht anders erwarten konnte, als daB die Judenstadt zuerst geplfindert werde, umsomehr als die Juderi es niit den bøbmischen Stånden gehalten und :ilmen wértyolte Dienste geleistet hattenLåber es kam anders. Vf?ahrend -die Prage^fStådtfe éiné« MøriaL : lang ununterbrochen vori; den Kåiserlichen gebiandschatzt und geplfindert wurden, kam dio Judenstadt und ihre Bewohrier ohne ernstlichen Schaden davon. Ob man dem Uinsfånde Rechnung trug, daB die Juden an dem langeren Widerstande keine Schuld hatten, da die Judenstadt, von der Altstadt vollig umschlossen, sich nicht selbståndig ergeben konrite, ob sonst etwas ffir die Juden sprach, genug, sie blieben vérschont und darin saften sie mit Rechtein Wunder, eine Ffigung Gottes. Der damalige Prager Oberrabbiner R. Jesaia Hurwitz, qer „Scheloh", verordnete im Einvemehmen mit dem Rabbinate, daB zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung den 14. Cheschwan aUjåhrlich als Fasttag zu begehen ser und fur diesén Tag verfaBte der Tonafos Jomtof die Seliefta „Orchu hajomim“. , Und wenn schon der 14. Cheschwan. und seine Sélicha in Vergesseidieit geraten sind, so møgen diese Zeilen die Erinnerung an sie wieder wachrufen. J. J. Rousseau’s ElnfluB suf dis deutsehen Juden der Mandelssohn’schen Epoche: - Von Dr. Josef H o f f, Rabbiner iri Biseriz. Das långsame, aber naturgenjåBe Fortschreitén der Emanzipationsbéstrebungen iri/ Deutschland hatte sich^amter dem Schutze de? allgétoeirién Aufklårun^und Toleranz, der der Mendelssohnschen Epoche eigeft war; vollzogen. Doch auch die soziale und politische Umwandlung, die die franzosisefte Revolution und insftesondere die in der Verfassung von 1791 erfolgte Proklamierung der Menschenrechte in aften Lånderri, in deren franzøsischer EinfluB °irrschte, hervorgerufen, muBte iri den Herzen der deutschen Juden die Sehnsucht nach Frei* heit und Gleichheit weckert. Die Bewegung der Geister, die, von Montesquien, Rousseau, Voltaire und den Enzyklopådisten ausgehend, sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.