Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622113--4568-2625892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40. 4t»tsctn VOLKStTUWC* ti — dertn wir kormten uns spåter nach Bmefi zuriidrsehnen, uns umschauen nach den gttiSk nen Hoffnungen des freien und volten jfidischnationalen Lebens — und in unserer Seele d feer« Wir kbnntendaflfl unsers r anlocken, nach langÉL aber umsi leef^ wtfste Weft! ftv K. .. ' MMtmMiÉI war Trå suchtsvoll wåre ertuoM, damlt jr, dit mit dér Bmhtung Im ROeklfihdt tind, llfoht Bezahlung dttitlban der Zusendung det Blattøs keina Untarbraohung elntrltt. Die Administration. Dia lOdischen FUrsorgefragen. . Ein im Brunner jiidischen offentlichen Le befttåtiger Mann hat vor nicht langer Zeit die Bemerkung geraacht, in Brunn gabe e9 keine a*-- rtien Juden. Freilich, es war dies im Sommer, also zu einer Jahreszeit, wo auch die Armut, vom warmen Strahl der Sonne beschienen, einen milderen Anblick bot, wie denn iiberhaupt die Not des tåglichen Lebens fur den Armen im Sommer viel eher zu ertragen ist als im Winter. Aber auch von diesem Gesichtspunkte aus war die Bemerkung unrecht, denn die Armut ist und war in Briinn vorhanden, viel mehr als die meisten unter uns es ahnen und wissen, nur drångt sich die jiidische wirkliche bittere, an’s Herz greifende Armut bei uns Juden nicht auf Markten und Plåtzen, schleicht nicht bettelnd von Tur zu Tur, nein, diese jiidische Armut muB aufgesucht werden in ihren Domånen und deruder sie sehen will, der wird ihre furchtbare GroBe, ihre Macht mit Schaudern und Schrekken, aber auch mit tiefsten Weh und — sofern séin Her? zum Menschenleid und Menschennot nicht verschlossen — mit wahrem Mitleid und Mitgefiihl erkennen. Jiidische Armut driickt sichwerér als jene bei anderen Nationen, unter denén wir leben, sie driickt sich scheu zur Seite um nicht neben Armut, micht noch als jiidische Armut,miBliebig uha storend aufzufallen. Judiscfré Arinut findet Mitgefuhl und Hilfe nur bei ihréri éigenen Volksgenossen und so viel und so generøs wir uns auch bei Hilfsaktionen anderer Nationen beteiligen, bei diesen wird jiidische Armut und jiidische Not nicht anerkannt, da wird dem Selbstbestimmungsrecht Tiir und Tor weit aufgemacht, da diirfén die jiidische Armut sich frank und frei zu ihrem Volke bekennen, da hat auf einmal weder die deutsche noch die €e- .V- ™ flÉi eltm gemefnlÉn. Wir wollen ÉtordWus fttørt an Armut und Not, und sei sie wo immer, teilnahmslos voriibergfheiv war habenjftflie getan. mkl wertfeit tkiBtfLiBch nifgfttak daø wir bei Hilil nach Nation fijjr JwkuAfrtpn, ab da Mrtr in diel^i GegenstSIKfe auf Anerkennui._ Von „MinoritåtSrechten“ ttkKt hoffen %6rtnen, sø musieii wir husere Krafte, geistmpnd matég fiellÉ; immer téd irntitfm zuerst jffi unsere, f# die jodische Armut, ifto&ilfsferen Bd Verwenden. ' - y -; Es liegt etWas unendlich tragisches in der Tatsache, daB gerade hier in Briinn bei allen Hilfsaktionen, welche von Deutschen oder Cechen eingeleitet werden, unsere Judenschaft sich, und nicht in letzter Reihe beteiligt, aber, daB auch jemals jiidische Not und jiidische Armut aus diesen Aktionen bedacht wurde oder wird, daB wird wohl niemand im Ernste glauben. Insbesonders sind es die von deutscher Seite eingeleiteten Fiirsorgeaktionen, die auf jiidische Mittel rechnen, ohhe daB jemals ein Bedurftiger der jiid. Bevolkerung auch nur einen Heller oder sonstige Unterstutzung erhalten hatte. Geradezu auffallen muB es, daB die Brunner Sonn- und Montagszeitung, einem Blatte, daB sich ultradeutsch gebårdet und sich in Pogromhetzen und gemeinen Beschimpfungen der Juden nicht genug tun kann, in ihrer Nummer vom 6. d. M. sich einer ganz besonderen Zuruckhaltung befleiBigt. Der Grund hierin mag aber hur darin zu suchen sein, daB in selber Nummer der Aufruf fur die deutschen Jugendtage enthalten ist und man schlieBlich die zu rupfenden Juden, die man sonst anspeit und beschimpft, bei diesem Anlasse doch nicht gar zu sehr vor den Kopf stoBen darf. Aber auch sonst kann man in dieser Hinsicht recht erbauliche Erfahrungen machen, Liest man die im hiesigen ,,Volksfreund“ von Zeit zu Zeit verlautbarten Mitgliederbeitråge fur den deutschen Frauenverein nach, so sind unter den Mitgliedern mit recht ansehnlichen Ratenbeitrågen ganz gewiB 90 Prozent judischer Volkszugehorigkeit. Wir gonnen diesem Vereine gerne und vom Hc3» diese Unterstiitzung und Forderung, aber eine beseheidene Frage m6ge hier gestattet sein, ob auch judische bediirftige Frauen bei Beteilung mit Unterstiitzungen in Betracht kommen. Freilich, bei Aufforderung zur werktåtigen Hilfe fur andersnationale, da sind wir Juden sofort dabei, die einen sind gar stolz auf dem Sammelbogen mit recht mehrstelligen Ziffem angefuhrt zu sein, die andern weil sie sich schåmen oder fiirchten nicht mit von der Partie zu sein. st^iLlLebéiii^sdingungesi zu gewåhren. Und wie Shylock’s Wort: „Ihr nehmet mir das Leben, wenn ihr mir die Mittel zum Leben nehmet“ / wahr ist, so bedeutet dies tatsåchlich eine Aus-' rottung des polnischen Judentums. Wenn man ( ihr auch får Geld entrinnen konnte, bleibt doch noch immer die moraislche Vernichtung. Es gibt | Falle, wo die Reichen in ihrem kleinlichen Geiz und ihrer Niedrigkeit ihre figenen Frauen und Tochter zur Erlangung von Handelskonzessionen in die Kreiskommanden schicken; aber in den raeisten Fallen handelt es sich um eine Frage dringender Not, wie sie Folberg, der weltmånnische Jude des Buches, kennzeichnet. , Es wird verstandlich, daB ein zweiter Jude in dem Buche sagt, daB die alten Grundlagen des judischen Lebens untergraben werden; denn Wie kann das Judentum ohne die Reinheit der Familie Bestand haben? Um nochmals Shylock zu zitieren: „Ihr nehmet inir mein Haus weg, wenn Ihr den Stutzpfeiler wegnehmet, auf welchemes ruht!“ Einer nach dem andem fallen die Personen ’der Oeschichte in den Abgrund, an dessen Rand sie sich bewegen. Und dieses ganze zerstorte und verzerrte Leben lindet seine unvermeidliche Nemesis — die Lichter verloschen, die Mu* sik ersiirbt... Lublin, das vom Schicksal verschpnt WDfde, Schlachtfeld zu sein, ist am Ende mit T -fCTflj« bedeckt In dfesem furehtbar erregenden Buch gibt *Qutf9ktøe,wekbe inder Ghettoliteratur neu sind. Fingermanns Starke liegt weniger in der Charakterschilderung als in aer Beschreibung. Die Struktur des Buches ist ungleichmaBig und die Atmosphåre gewissermafien gebrochen durch die Einfuhrung einer polnisch-revolutionåren Episode. Die Lebendigkeit der Szenen aber ist auBergewohnlich und wenn Fingermann auch nicht immer das Innerste seiner Personen fassen kann, so ist doch die Art, wie er das AeuBere malt, nicht leicht zu erreichen. Ob er uns nun einen bårtigen Juden mit klopfendem Herzen und einem falschen PaB zeigt, der dem Gendarm einen Tausendrubelschein in die Hånd driickt, wåhrend er die Bahnstation verlåBt; ob er durch die schneebedeckten Gassen an grauen Hausem vorbei iiber arge, gefåhrliche Wege schleicht, ob er uns in den rauchigen Larm geschwåtziger Cafés bringt oder in die vielsprachige GeseUsehaft weibertoller Oifiziere; ob er uns willkommene Funken des Humors iiidischer Spieler gibt oder uns zomige Spekulanten zeigt, die wegen ihrer gemeinsamen Verluste streiten; ob er den Kramer zeichnet, der zum Militår genommen wurde und Himmel und Erde in Bewegung setzen will, dm zu beweisen, daB er fur die Front nicht taugt oder den geriebenen Geschåftsmann, der einem Freunde, der -reich zu sein scheint, ein Darlehen deshalb abschlågt, weil er in dem katten Zimmer SchweiBtropfen auf dessen Stim gesehen hat — Fingerraann zeichnet mit wenigen Strichen eine Reihe unvergeBlieher Bilder. Bei judischen Aktionen sieht denn die Sache doch ganz anders aus. Da glaubt jeder berechzu sem, _en, jeder iCÉbfien, die egeben hl ten Wide. uhd Liebe an ndereinwenduni uft sich auf di hon ffÉ dfehen ^•meiStens^r machen zu und soviel jénen Zweck lit einem Lust _____ __ _erstickt wid und hiedufth fhår dié jiidisSSf^Alrmut zu Schaden komiftt. Da geht es den Deållchen und Cechen schon viel besser. & vergeht doch kein Sonn- oder Fettfiag, wo nicht in alten StraBen, in offentlichen Lokalen und auch in Privathåusern gesammelt wird, bald fur diesen bald fiir jenen Zweck und hiebei werden judische Passanten oder Parteien ganz gewiB nicht iibergangen! Aber hat man jemals schon von offentlichen Sammlungen fur judische Zwecke gehort? GewiB nicht, und wenn schon irgendein* mal herumgebettelt wird, so geschieht dies gewissermafien in verschamter, heimtlicher Weise, nur ja kein Aufsehen, nur ja nicht eingestehen, daB es auch eine judische Not und Armut gibt! Von Beteiligung an der Sammeltåtigkeit im rrcBe.cn Umfange ist bei uns schon gar nichts zu spii. en, da will schon gar niemand mithelfen und immer ist es wieder nur ein kleiner Kreis von Personen, denen diese wenig dankbare Aufgabe zufallt. Es ist hochste Zeit und fiir uns ganz und gar nicht beschåmend, wenn auch wir uns an dié Geffentlichkeit wenden, was fur den deutschen oder cechischen Armen oder Bediirftigen unternommen wird, das miissen und sollen wir fiir unsere judischen Armen auch versuchen. Dazu gehort aber in erster Reihe ernstes Wollen seitens aller Juden. Das Ueberwålzen der Fiirsorge fiir die Armen auf einzelne Vereine, deren wir mit Riicksicht auf die hiedurch entstehende Zersplitterung der Kråfte, gar zu viele haben, ist durchaus nicht am Platze, weil diese Vereine meistens einen bestimmten Zweig der Armenpflege fordem und so kommt es, aaB jener Verein, der die einfluBreichsten — ich sage nicht die arbeitsfreudigsten — Funktionåré hat, bei den Geldsammlungen am Bésten abschneidet. Jener Verein aber, der die „Verbindungen^ nicht hat, erhålt Vénil odér^"nichts,^ settr zttm Schådén jener Armen, deren Unterstiitzung er sich widmen will. Ueberhaupt ist es ein schwer fuhibarér Mangel, daB in aiéser Hinsicht die hier bestehenden humanitåren Vereine, die doch letzten Endes gleichen oder annåhemd gleichen Zwecken dienen, gar nicht vzusammenarbeiten, wenn sie schon — was zwar nicht ausgeschlossen wåre — gemeinsam arbeiten wollen oder konnen. Welche Ersparnis an Zeit und Kraft lieBe sich da erreichen! Auch die revolutionåre Episode ist dramatisch ausgezeichnet. Als echter Kiinstler unterstreicht Fingermann nie. Der Leser muB selbst die mit feiner Ironie gezeichnete Sehnsucht der osterreichischen Offiziere und Beamten nach ' den Herrlichkeiten Wiens begreifen, wo das Leben eine Kette von Lustbarkeit ist und wo fiber Nacht Millionen gémacht werden. Der Kunstler versagt es sich auch, das Pathos oder den Humor in der Freude der jiidischen Soldaten vor Augen zu bringen, wenn sie in einer kleinen Zeitung den Titel lesen: „Friedensunterhandlungen mit Ru61and“. Sie laufen sofort, um den Frieden zu feiem! Das ist ein Zug wirklicher judischer Psychologie. Inwieweit das Bild als Ganzes in richtiger Proportion zur Wirklichkeit des polnisch-jiidischen Lebens wåhrend des Krieges steht oder wie weit der Autor von gerechter Entriistung fortgerissen wurde, — das jeremiadische Motto des Buches gibt den .Schløssél zu seiner Stimmung — ist fiir mich schwer zu entscheiden. Der Sturm des Krieges hat die allgem. Kenntnis der europåischen Verhåltnisse verringert wie in den Zeiten der Finstemis. Aber selbst in dem ‘"ilde unseres bsterreichischen Jeremias ist die Finsternis nicht ganz undurchdringlich. Durch die ganze schauderhafte Weit des Ekels dringt heimlich, wie eine edle schéne Weise an einem zauberisch heiligen Sabbath das Zwischenspiel von Brane, dem armen Mådehen, das ttebér dfe letzten Kråfte bel dér Fabriksarbett ausgibt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.