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Jüdische Volksstimme · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Besois preltti htlbjlhflf . # . . . . . . Kfi 26.— sansllhrif ....... . KC 80.*— Dtutsohdtterreich , . . . . . . K 90.—* Deutseklaad . . . . . , . Mark 40.— Redaktion o. Administration: Brite* Kripftfts. ** Inserat«: der •intpilti*« MfflimaterrattmKi —*4i. Unverltngte redaktlontUe BettxAc* w#rtt*ateSt honorlert Manutkripten Ist RIMtjporto beteaflro ...lim ' iy |l ii■ >■*■*éiiijfHfritijiiJiii— ■ Jahrganø XXI. Brflnn. «< •*»•»« ••## Biunn, , Kritnr USI. Summer 48. Materialiemus — Krankheit unieur Zait. Das Fieberdes Materialismus ist die Krankheit' unserer Zeit, dte uns ergriffen, unsere Begriffe verwoiten und unsere Sinne geschwåcht hat, und uns so weit zu bringen droht, daB wir Wahnsinnigen gleich von fixen Ideen gequalt werden, daB unsere eigenen Sinne fiber uns lachen und spotten* und wir die ganze Welt statt in dem natflrlichen Sonnerilicht, im Glanz des Goldes sehen. Das tiefe Blau des Himmels komrat uns dann vor. wie eine Kuppel von Saphir, das yolte Grfin der Walder und Wiesen erscheint uns dann alsgroBér Teppich von lauter Smaragden zusammengewebt, und statt dér herrlicberi.^terne,. die fiber uns glånzen, erblikken wir nur strahlende Demanten in den prachtvollen Månfel derNåcht riingesetzt Die ganze Séhaffen kr—A statt der Dornen Rosen, statt der Himmel sehen! Hdlle _ , itrsind, wo tauatmen, unzlhlige Håmmer schlagen, urizåhlige Feuerherde gluhen. Und indem wir: so schrecklich fiebem, kommen nun Leute und verlangen wir sollen uns wagen Idealen ergeben! Wenn die ganze Welt nur fur die wahre Wirklichkeit, nur fur den greifbarén; Vorteil, fur das irdische Heil lebt, da sollen wir uns zu idealen Narren mach$n, itøerall statt des dunklen nur das Helle, FEU1LLET0N. Oas polnische Judsntum im im Abgrund. Von Israel Zangwill. Ueber Jakob Fingermanns Roman »Menseben im Abgrund" schreibt Israel Zangwill im Londoner Tagblatt »The Jewish Times" unier dem oben' angegebenen Titel eirien langeren Aufaata,’ dem wir Nachstebondes entnebipen: Binem gesehenkteri Gaul soli man nicht ins Maulaehen und da Jkkdb Fingermanns neuer Roman WM en s che n im Ab g run d“*) dem Scbreiber dieser Zeileri gewidmet ist, kann dies als AnlaB betrachtet werden, nicht zu kritisieren. Aber eben so wie der junge Autor gerade darauf Gewicht legt, meine vor der Oeffentlichkeit abgegébeae Meimrag zu horen, ebenso kam ids nicht davon abstdien, sie ihm zu sa* gen. In Wirklichkeit ist auch das, was er enthfillthat, fiberaus ernst und drångt nach taghel« lerBeleuchtung. Als Hsfrringeræann mir mitteilte, was fiir tto Bucherschreibe, die Tragddie des poliMsdien jb^ttitinft'#ki»end des Krieges, — da wrteh stttdidk'ld Sehilderungen von Måaseoaustreibuiigen vorbereitet, auf antisemi- Ti« beziehen durch Max Hickl Verlag, BrUml Adtorgase I. den | Leben aller Schonheit, jedea Zaubers entkleiden? Wollen wir in langen Ztigeit Sus dénrBe- Und doch! Gleichwie die Erdkugel samt c^er trinken, nach dem alles SfiBe,alles Liebliall ihren Pflanzen, all ihren lebendigen Ge-, che sich daraus verflfichtigt hat? Wåreesnicht schBpfen warme Sonnenstrahlen braucht, be- <Jasselber als diese Welt in eine Wflste zu verdarf der Mensch der Ideale. Und wenn all ihre undern, wo nur nackte, steilen Feisen yør uns Såtze nur Trug und Lug wiren,v auch dann uufragen, wo leere, monotone Ebenen sich ausmiiiBte der Mensch an sie glauben; Und wiren breiten? Wire es nicht dasselbe, als den Frfihihre Forderungen nur ein Morgendunst, der l!n£ von unserer Erde davonzujagen tuld einen unterm ersten Hauch der Sonne sdiwindet, dann ewigen Winter herbeizurufen, der himmiischen mfiBten wir doch den Glauben hegen: der . Kuppel das tiefe Blau zu nehineh, der Scanie durchsichtige Dunst wir4 allen Sonnenstrahlen golden Olanz, den Bergen ihré dunkfen trotzen. Und wåren die herrlichen Zukunftsbil-1 Walder, ihre reine Luft, ihre grflnen Tåferl? "Es der nichts anderes, alsv sdidne . Luft-Phantome, hiefie doch dann die Liebe aus der Bttat zu die in der Ferne schwében' und imerreichbar reifien undjede sind, dann miiBten wir dbdh .glauben, dhB die. hannen. Bilder eine Wirklichkeit bésitzen, 4én wir sie Wir Juden waren doch immer die einmal doch erréicheii werden; tind wåren alle J dauémdsten Idealisten^ wCnrt uns atich unsere Hoffnungén nichw atiderrø als.lockende feihdlMiel Welt dos j Tråume, die tins im LeEfei uns anziehen, und genkiissen,'uhs :lafe tuschen und lea von den Audfé schdnen mBBtén denne _, ___ ___ raume 'eme sch^é Wfrklichkeit, daB die KQsse wirklich nus grøébeti, die Trånen wirklich abgewischt. Wir Iragen aber: Sind unsere Ideale, unsere ' Gedanken, unsere Hoffnungen an eine schdnere Zuktinft unseres unglucklichen Volkes auch nur eiiie Liige, eiii bloBer Trug? Sollen wir sie wegwerfen und ohne jede Begeisterung in unserer Brust in die Mitte des jetzlgen schweren Lebenskampfes treten? Wollen wir unser tische Verfolgungen, Pogrome und Nadelstiche, wirtschaftlichen Boykott, Beschuldigung der Preistreiberei, Beschuldigung des Verrates von jeder und aller Invåsionsarmeen. Zumindest hatte dort infolge unser«: Blockade meiner Vorstellung nach Hunger herrschen mhssen. Aber das GegenteU traf ein: Wenn auch die Armen noch årmer Sind als Qberall, so steigt uns doch der Geruch von gebratenen Gånsen und irischgebackenén wéiBen Brdtchén in die Nase, der Samowar singt, der Champagner perlt und Tanzmusik gibt wiegenden, schwebenden Rhytmus. Die altén Chassidim bangen nicht um ihre Birte und sind von keinén Gefahren bedroht. In ihren fettigen, abgeschabten Kafian gehullt, sitzen sie vertieft in ihre mystischen Bhcher, auf deren Blltter leise das Wachs ihrer Lichter tropft die ganze Nacht hindurch und lernen auf Kosten emés reicheren Chassids. Sie finden durch seise Glté ein Festmahlaus Wurst, Eiern und Branntwein. Bei einer Hochzeitsfeier sitzt die Braut mit den Brautfiibrerinnen weiB gekleidet (der Brautigam HBt nach dem Brauch in Polen seine Anwesenheit riur erraten). Die Musikanten spiélen larmende Weisen, der Marsebalik HBt frdhliche Réørie hdren. Reiche Eheitiinrier und Vlter kaufen blitzende peschmeide fiir ihre Fraiieri' und Tdditer. Ari der Bdrse und in den Criia wird rfihrig sp^iuliert. In deri The^em schmiicken scbdne Damen to duftigen Tolletien dié Lpgen; bei den KMrieniischen wird eifrig gmtoit und Haufen Rubel gehen von Hana zu rand. Und doch ist die ganze Oeecbichte eine ful uafeBbere TrtiBdit eettiste Degeoerfr schuldigt, denn wir habenr in Jahrtausenden Wjri' wv i". w Und wir dQrféri årø iri d^r Zuktis| die jildischen Ideale nicht als ittiérfltissigen Ballast dreist uber den Rand des Schiffes Wérféri, in dem wir das Meer des Lebens durchfahren. Denn es kann einmal geschehen, daB wir uns nach ihnen umschauen werden — uri^sie-liegen in der Tiefe; des Mééres, fiber sit wljzen sich Unmassen sturmiSdier Wellen., Wj^dfpen unsere heilsamen Hoffriungeri nié^auffiæn* die schonen Hoffnungen, welche uns in den schweren Augenblicken deri reichstén Tr<?8t bririgen, tion. Es ist die Geschichte eiries Volkes im Abgrund. Der Verfasser hat eine Situation von urigewohnlicher Schlrfe geschaffen. Er hat zum Schauplatz Lublin gewlhlt, eine polnische Stadt, fiber die der Krieg faktisch nie hingotpgen ist, obwohl dort Regimenter ffir die Front formiert wurden. Aber obwohl Lublin unberfihrt und ruhig die kleine lébéntote Provinzstadt bleibt, welcher bloB ihre Juden Beweguqg geben, streckt doch der'unendliché Krieg tausend Arme aus, um alles, was dort an Grariung und Sitte herraéht,; zu VVrinr-jSiré* des Krieges hdreri Wir kejri iri^ém^uche herrscht nicht die zaubéfische Rethortik, riiit welcher die Seele des Englåndérs den Krieg Uirihfillt hat. Und doch gibt ' dere Anklage g^ei^ den jfis die/wiirøe unbewuBt aus dem zarten uno 2ugteich brutaten^Buche^t5nt.^Wctol fli^t kein Aqr^ton fiber davor, daB'dié Sichérheifbål#eriden WBÉlJrotz all‘ der satten ZuWodiihjHt/«^ dort.hetrséht. Schwindel und ÅU8gel^s^i!|é!t"N fiberålL Da haben wir die ’ tråurigétt Érfcejmteåe. des Krieges' ohne die erldsende Heltohrift^teli. Der moraliscben PeéVwélcbe von, aen Schlachtfeldem herhaucht^ die . doch nicht entrinnen; ihnen irihewohneridéri hauptsåehhdijedoch^i^bbifeder Behandlung, der sie unteiworfen stod. hier zeigt sich die Verfolguag des pote Judentums — die mehr negativ ist als i dis WeJgerung, ihnso sucfc our dte f Iben

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