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Jüdische Volksstimme · 1920-12-02 · Heft 48 (2.12.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 48 (2.12.1920)
Date
1920-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Einø mannhafte Tat. Asoth aeforim barbe ejn kéz velohag barbe jegiath bosar. „Des vielen Buchertnacheiis ist kein Ende und viel Geschwåtz wirktermiidend“, sagt der weise Koheleth (12, 12), Dieser Aussprucb konnte wohl mit Recht auf die gegenwartige widerwårtige Judenhetzkampagne an* gewendet werden. Die Presse? Der Journalismus — heute die erste Macht im Staate — dient fast ausschlieBlich diesem inhumanen und unlauteren Zwecke. Wir stehen unstreitig im Kains-Zeichen des Antisemitismus, der „Schmach des Jahrhunderts“. Der beispiellose JudenhaB und die unerhdrte gewissenlose Volksverhetzung und Aufreizung treiben bereits die giftigsten Bliiten und tragen leider auch schon die herbsten Frtichte, die schwersten Judenverfolgungen und die grausamsten Massakres. Es war sonst ein Privilegium der klerikalen Partei JudenhaB zu ziichten und zu betreiben, heute — der Umsturz hat sich eben auch auf dieses Gebiet erstreckt — ist’s hauptsåchlich die Bauempartei, die deft Aritisemitismus auf ihren Schild gehobeti und zur Staatsraison gemacht hat. Unter den vielen „wiisten Rufern" und Adepten des Antisemitismus hat sich der Abgeordnete Josef Hudec durch seine Broschiire jjZidovékå otåzka“ (Die Judenfrage) besonders hervorgetan und ist durch die altbewåhrte Methode des columniare audacter, semper aliquid haeret zur herostratischen Beriihmtheit geworden. Hat nun der Klerikalismus bislang sein Messer zur Abschlachtung der Juden ad maiorem dei gloriam an der angeblichen Verstocktheit und dem steinharten Herzen derselben gewetzt, so tun es jetzt die Herren Agrarier in der Weise, daB sie ihre eigenen Sunden des Wuchers und der Aussaugung des Volkes uns Juden in die Schuhe schieben und so die Wut der Gasse von Sich ab- und auf Uns hiniiberlenken. Doch wie låBt der Altméister Goethe den Mephisto sich vorstellen? Ich bin „éin Teil von jener Kraft, die stets das Bose will und stets das Gute schafft“. Der Antisemitismus diirfte wohl auch ein TeiL jener Kraft sein,> da er trotz der unleugbar bosen Absicht und unverkennbarer schlimmen Folgen schon manch Gutes bewirkt hat. So zum Beispiel, daB sich emst und ehrlich denkende und ihrer Verantwortung dem Gesamtjudentum gegenfiber bewuBte Juden wohl huten, AnlaB zur Klage und Grund zu den angedeuteten Beschuldigungen zu geben. Auch hat der Antisemitismus bei uns Juden eine Gegenaktion ausgelost. Zunåchst auf literarischem Gebiete. Vor mir liegt eine Broschfire,.betitelt: „Na obranu 2idovstvf“ (Zur Verteidigung des Judentums). „Kritische Bemerkungen zur Broschiire des Abgeordneten Josef Hudec, von Fr. Friedmann", sonst auch 1§ éalom. Da das Judentum seit fast zweitausend Jahren stets angegriffen und verfolgt wird, ist es nur selbstverståndlich, daB es auch an seine Verteidigung denken muBte. Die Verteidigungswaffe Israels in der Diaspora war jedoch stets nur das Wort, das gesprochene wie das geschriébene, huaptsåchlich aber das geschriebene Wort. Die Zahl der apologetischen Schriften ist daher auch ziemlich groB, ihr Wort jedoch selir verschieden. Denn nicht immer war der rechte Mann am richtigen Platz, und oft reicht die Kraft fur die gestelite Aufgabe nicht hin. Wie ist nun das vorliegende Werkchen — 50 Seiten Kleinoktav — zu wenen? In erster Reihe selbtverståndlich nach seinem eigenen toneren Werte; aber auch die Personlichkeit des Verfassers darf hier mit in Betracht gezogen werden. Wer den Autor selbst oder auch nur von setoer journalistischen Tåtigkeit her kennt, wird seine Anspriiche und Erwartungen ziemlich hoch stellen und nur Gutes und Gediegenes erwarten. Als MaBstab darf wohl seine kurze und doch so klare und meisterhafte Darstellung des Talmud, welche in der cechischen Juristenzeitschrift „VSehrd“ und nachhér auch in den „Zidovské Zpråvy“ erschienen ist, angefåhrt werden, jtjpftcm YournmiMe* Der Verfasser iat unbedtogt eine Kampf* natur, åuBerst schlagfertig und fOhrt etoehaarscharfe Klinge, alleto er gebraucht sie mit MaB und fuhrt sie mit Eleganz. Der logische Aufbau seiner Beweise ist geradezu niederzwingend, sein Sarkasmus åuBerst scharf, doch nie* måls beleidigend oder verletzend. Von der vorzuglichen psychologischen Begabung des Autors zeugt wohl der Umstand, daB er (S. 6, 9, 10) die Infinuation des „jhdischen Materialismus“ nicht nur durch treffende Zitate aus der heiligen Schrift, dem Talmud und der spåteren Literatur, sondern in erster Reihe und hauptsåchlich durch packende Fakten aus der Geschichte des Cechischen Volkes selbst und auch der anderen Vdlker restlos widerlegt. Emphatisch ruft er (S. 11) aus: „Ja, Materialisten waren sie, diese mittelalterischen Juden, gegen die idealistischen Christen ihrer Zeitt Wurden doch in den Uferstådten, wo die frommen Schåflein vom Strandrecht lebten, regelmåBige Messen gelesen und Bittprozessionen abgehalten, damit nur recht viele Schiffe stranden und ans Ufer geschleudert werden. Was lag denn daran. daB hiedurch Hunderte Menschen zugrunae gingen und aber Hunderte zu Betilem wurden?! Das war freilich kein Materialismua Wie ganz andere ethische Begriffe hatte der zeitgendssische Jude, den der gelbe Fleck, die auffallend abstechende Kleidung, der Speichel und die Faustschlåge seiner Nåchsten, der Bekenner des Glaubens der Liebe, zur realistischen Auffassung vom Leben zwangen; aber in seinem Innern, da war er seto eigener Herr, da errichtete er sich seinen himmelragenden Tempel des hochsten Idealismus.“ Sehr treffend ist auch die Gegenuberstellung der Gebråuche und Zeremonien der verschiedenen Volker bei der Aufnahme des Junglings in den Verband und in die Rechte des Volkes. „Wahrend bei den alten Volkern dem herangereiften Jiingling als Zeichen seiner vollen Geltung und Berechtigung vom Stammeshauptling ein Speer, Schwert oder auch ein Schild uberreicht wurde, wurde und wird heute noch der herangereifte judische Jiingling feierlich zur Tora aufgerufen, wp er durch den Vortrag etoes Abschnitte3 aus den Propheten seine Reife und seine Wurdigkeif fiir die Aufnahme. in den Volksverband dartun muB.“ Eine entschiedene und scharfe Abfuhr erteilt der Verfasser (S. 44, 45) den Assimilanten. „dieu, wie er (S. 49) sagt, „nur seiten gute 6echen werden, immer aber schlechte Juden sind.M Ueber die Fulle des Gebotenen, sowie iiber den reieben Zitatenschatz und die allseitige Be lesenheit des jungen Autors muB man unwillktirlich staunen. Es ist wahrlich ein sehr lehrreiches Buch auch fiir Nichtantisemiten, ja sogar auch fiir Fachleute. Es soilte darum auch in deutscher Sprache erscheinen, damit es den weitesten Kreisen zugånglich gemacht werde. Es solite in keinem anståndigen Hause fehlen! Die Verteidigung des schwer verlåsterten und hart bedrångten Judentums in diesetr Werkchen aufgenommen zu haben darf daher als eine mannhafte Tat, als ein Kiddusch haschem bezeichnet werden. M. F. Rundschau. Taguw* der zionistischen Vertrauensmånner aus Bdhmen. Am 21. November 1920 fand to Prag im Sitzungssaale des Jiidischen Nationalrates eine Tagung der zionistischen Vertrauensmånner aus Bdhmen statt, zu der sich laut Pråsenzliste 29 Vertrauensmånner aus Bdhmen eingefunden haben. Die verhåltnismåBig geringe Teilnahme ist auf die letzten Prager Unruhen zuriickzufuhren, durch welche sich viele Vertrauensmånner abb al ten lieBeh. Nachdem der Generalsekretår de? Keren Hajessod får Mitteleuropa, Herr Kurt Blumenfeld aus Berlin, uber das Ziel und den Zweck des Keren Haiessod* sowie uber die Bedeutung dieser Aktion und die bisher to anderen Staaten geleistete Arbeit ausfuhrlich berichtet hatte, entsoann. sich eine lebhafte Debatte. ar der tosbesondere die Herren Friedrich Mautner, S«M $.; VoltavereinZion, Prag, Emil Deutsch,Voltaver* ein, Reichenberg, Norbert Adler, Obmann- Stelivertreter des zion. Zentral*Kom., Dr. Hugo Hermann, Måhr.-Ostrau, Viktor Kohn, Prag. , a. m. teitoahmen. Nach dem SchluBwørte des Referenten Wurde beschlossen: 1. Die Tagung der zionistischen Vertrauensmånner aus Bdhmen erklårt es als die unbedingte Pflicht etoes organisierten Zionisten, Maasser zu leisten; 2. Die Tagung der zionistischen Vertrauensmånner aus Bdhmen fordert samtliche zionistischen Ver* eine auf, unverzuglich Vertrauensmånner, bezw. Kommissionen einzusetzen, die den Vereinsmit* gliedern bei der Festsetzung ihrer Zeichnung fur den Keren Hajessod mit Rat beizustehen haben. Jiidische Massenauswanderung. Von der polnisch-ukrainischen Grenze sind nach Warschau Nachrichten Uber das Einsetzen einer jUd. Massenauswanderung; aus der Ukraine gelang:t. Infolge der neuerlich ausgebrochenen verstSrkten Feindseligkeiteh zwischeflfe den Bolschewisten und Ukrainern håbe sich eine Masse von sage und schreibe 200.000 jUd. FlUchtlingen in Bewegung gesetzt. Sie lassen all ihr Hab und Gut vogelfrei zurttek und marschieren — Richtung Westen — hauptsUchlich nach Ostgalizien und der Bukowina. Warschau ist bereits von FlUchtlingen aus der Ukraine UberfUllt. Die JUd. Organisationen halten permanente Beratungen ab und strengen all ihre Kratte an, um das Los dieser unglUcklichen FlUchtlinge zu erleichtern, deren einziges Sinnen und Trachten die Auswanderung nach PalUstina und Amerika ist. Laut einem bei dem Joint Distribution Committee eingetroffenen Telegramm, sind mehr als 10.000 jttd. FlUchtlinge aus der Ukraine und der Krim auch in Konstantinopel eingetroffen. Sollten sich diese Hiobsposten bewahrheiten, — und nichts gestattet an deren Richtigkeit zu zweifeln, wenn auch vielleicht die Zahlen im ersten Schreck ein wenig hoch gegriffen sind — so hatten wir es hier geradezu mit einer neuzeitlichen Wiederholung der einstigen Volkerwanderung zu tun, wie sie die Ceschichte seit beinahe 1500 Jahren nicht kennt. Was eine derartige Wanderung ins Dunkle hinein im allgemeinen und ganz spezlell bei den jetzt im Osten herrschenden Zustanden fUr die Betreffenden bedéutet, das dUrfen wir, wollen wir nicht an allem verzweifeln, uns, so weit vom SchuB wir auch sind, nicht mal in Gedanken vorstellen. Tatsache ist, daB sich leider die Voraussagungen, daB es flir die ukrainische Judenheit in der Ukraine selbst keine Rettung mehr gebe, leider nur allzu richtig erwiesen. Jetzt heiBt es zumindest alle Kratte anstrengen, um diesen UnglUcklichsten der UnglUcklichen, denen die Flucht aus der ukrainischen H511e vielleicht doch noch gelingt, Milfe zu bringen. Wir zweifeln nicht, daB die jUd. Organisationen im Westen, vor allem in England und Amerika ihre Pflicht und mehr als diese in diesem so traurigen Momente tun werden. Der Verband der Ukrainischen Juden in London hat eine von GrUnbaum, Farbstein und Podlischewski unterzeichnete Mitteilung erhalten, wonach in letzter Zeit in der Ukraine neuerliche, von den Bolschewisten und den Banden Petliuras veranstalteten Pogrome stattgefunden hatten. Warschau sei von FlUchtlingen UberfUllt, die auf die Ausreisembglichkeit nach Amerika harren. Die Not sei groB und rascheste Hilfe tue not Misrachi. In der Sitzung des zionistischen Zentralkomites vom 17. Oktober wurde to Anwesenheit des Sekretårs Muller von der Misrachi-Foderation to Bratislava iiber die Form der Zusammenarbeit zwischen der zionistischen Organisation und dem Misrachi in der Tschechoslovakei verhandelt. Auf beiden Seiten kam der Wille zum Ausdruck, das Verhåltnis so zu gestalten, daB es ein einiges Vorgehen in den eemeinsamen Angelegenheiten ermoglicht, und so die Arbeit fur die verbtodende Idee fordert, andererseits aber die Selbståndigkeit der beiden Organisationen wahrt und ihre Rechte nicht schmåleri Die Form, auf die man sich nach långerer Debatte einigte, wurde to dem folgenden BeschluBe fest* gelegt, zu den auch das zionjstische Exekutivkomite to Bratislava seine Zustimmung erteilt hat. Der Misrachi entsendet zur Beratung der-

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