Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1920)
- Date
- 1920-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.4S jomcm voumtim«- oder Thoraschmuck entwendet werden, so sind dae eben Beweise, daB die Mdntalitåt der Prager Gasse und ihrer Fuhrer seit dem Mittelalter sich nicht geåndert hat. Aber das Judische Rathaus, au dem hat sich selbst der roheste Pdbel des Mit* telalters nicht vergriflen, das war erst dem er* leuchteten 20. Jahrhundert #rbehalten. Wie hier mit Akten und Archivbestånden gehaust wurde, kann man ermessen, wenn man hort, daB die StraBen um das Rathaus weit und breit mit Papieren ubersået waren. Das Archiv der judischen Gemeinde ist vernichtet, zugleich das reichhaltige Archiv der Judenheit der ganzen Welt. Drei Thorarollen wurden in Fetzen zer* rissen u. auf die StraBe geworfen. Und warutn? Das weiB niemand. Habsburgerbilder, die man suchte, fand man nicht, dafur aber warfen die „intelligenten Fiihrer“ dem Pobel aus den Fenstern andere oft kostbare Bilder zu und bezeichneten sie als Bilder, der Habsburger, so wurde das Bild einer Dame, die ein Waisenhaus gestiftet hat, als Bild Maria Theresias, das Bild Montefiores als das Josefs II. und das Bild des fruheren Pråsidenten Dr. Rosenbacher als das Hindenburgs bezeichnet und die Wut der Menge aufgestachelt. Und da man die Kassaschliissel nicht erlangen konnte, die Kassen aber aller Gewalt Widerstand leisteten, lieB man seine Wut an dem Archiv aus. Die tschechische Presse hat die Tumulte iiberhaupt und ganz besonders die Ausschreitungen gegen die Juden bagatellisiert. Nur wenige ruhmliche Ausnahmen sind es, die diese Art Betåtigung nationalen Empfindens richtig und vorurteilslos gewiirdigt haben. Zumeist haben die tschechischen Zeitungen den Standpunkt der „Nårodnf Listy“ geteilt, die sich nicht entblodeten zu erklåren, einzelne unwesentliche Extratouren hat gewiB jeder verurteilt, aber im Ganzen waren die Prager Demonstrationen eine wurdige Demonstration, die von Disziplin zeuffte. Wundernehmen darf das so wenig, wenn man die Schuld der hetzerischen Tåtigkeit der Presse abmiBt, wie etwa die lendenlose Antwort des Burgermeisters Dr. Baxa auf die mannhafte Interpellation Dr. Singers im Stadtrat, wenn man sich der Anfeilnahme Dr. Baxas am HilsnerprozeB erihnert. Dauerfasten. Von Dr. F e I i x K a n t e r, Zwittau (Mahren). Der Lord-Mayor von Cork ist nacli 72tågigem Fasten gestorben. Alle Welt war erstaunt und hielt es flir råtselhaft, wie ein Mensch so lange Zeit ohne Nahrung leben konnte, leben auch nur in der Form des Nichttot-Seins. Nun uns Juden sind solche Dauerfasten und Dauerfaster durchaus nicht unbekannt. Der erste Dauerfaster, den uns die Bibel nennt, war kein geringerer als — Moses. Er selbst berichtet von sich, daB er zweimal je 4Q Tage und 40 Nåchte kein Brod gegessen und kein Wasser getrunken håbe (5. B. M. Kap. 9, 9 und 18). Das war aiierdings der grdøte Fastenrekord, den die heilige Schrift kennt. In den Btichern der Propheten wird von einem Dauerfasten uirgends ausdrttcklich erzahlt, nur die Einwohner von Ninive enthielten sich „jeglicher Nahrung, ohne Angabe der Dauer ihrer Enthaltung" (Jona, Kap. 3, 7). Hingegen wird von der Kbnigin Esther erzahlt, daB sie und alle Juden in Susa drei Tage und drei Nachte fasteten, immerhin eine reprttsentable Leistung. Denu nach einer von einem englisehen Qelehrten entwickelten „Fastenlehre4* sollen die ersten drei bis ftinf Tage die argsten sein. „Die gauze physiologische Wirtschaft gerat aus der Ordnung, der Kdrper muB sich aus sich selbst ernhhren. Es ist eine Probe auf die Standhaftigkeit des Willens, der in diesem Stadium des Fastens nicht selten der Schwdche des Fleisches erliegt." Als Dauerfaster wttre auch Daniel zu nennen, der drei Wochen hindurch „gefastet" haben sollte (Daniel, Kap. 10, 3). Freilich berichtete er selbst von sich, daB kein „liebliches" (d. h. besseres) Brot kein Fleisch und kein Wein in seinen Mund kam. Ob darunter vollstandige Abstinenz von Speisen und Trank zu verstehen ist, geht aus diesem Berichte nicht hervor. Aus Vers 12 aber ist ersichtlich, daB es sich um ein Fasten Im eigentlichen Sinne des Wortes handelte, wenn nicht das mit „Kasteiung" oder „Entbehrung" zu Qbersetzen wSre. Esra hingegen fastete nur bis Abend (Esra 9, 5 und 10, b), ebenso wird nicht gesagt, wie lange Nehemia gefastet håbe (Nehemia, 1, 4). Der biblische Dauerfaster ist und bleibt demnach Moses mit seiner vollståndigen Abstinenz von zweimal 40 Tagen und N&chten. Von seltenen Fastenkiinstlern weifl hingegen der Talmud zu berichten. So soli Adam als freiwillige BuBe nicht weniger als 130 Jahre gefastet haben (Erubin 18 b). Bekannt ist die talmudische Erzfihlung von. Rabbi Zadok, der 40 (?) Jahre gefastet hatte, damit Jerusalem nicht zerstort werde (Qittin 56 a). Er war aber furchtbar abgemagert und nicht imstande, feste Nahrung zu sich zu nehmen (das. vergi. Rascht 7. St.). Chone Hamagel soli sogar 70 (?) Jahre ohne Speise und Trank — geschlafen haben. (Taanit 23 a.) Bei dieser Gelegenheit sei auf die AusfUhrung des arztliohen Mitarbeiters des Londoner „Daily Mail“ hingewiesen, der Mhnliches von indischen Fakiren berichtet. „Diese sonderbaren Manner, die sich nur in Indien finden, haben die Fahigkeit, sich in einen Traumzustand zu versetzen, und darin viele Wochen ohne Nahrung und Wasser, ia selbst ohne Luft zu verharren." Dr. Harley erzahlt in den „Medical Times*': Diese Fakire werden in eine Gruft gebettet, wo sie in ihren flefen Schlafzustand sechs bis acht Wochen verbleiben. Nach dem Wiedererwachen sind sie bleich, eingefallen, schwach und ausgezehrt, erholen sich aber allmahlich wieder. Ein deutscher Arzt, der lange in Indien lebte, erzahlt von einem Fakir, der so lange in einem KellergewBlbé begraben lag, daB das das Korn auf der die Gruft bedeckenden Erde griinte, ehe er 'wieder lebendig ans Tageslicht kam. Sir Henry Lawrence håbe diesen Fail untersucht und die Mitteilung wahr befunden. Es ist noch — so fttgt der Mitarbeiter des „Daily Mail“ hinzu — keine Erkiarung gefunden filr die auBerordentliche Kraft, sich in einen totahnltchen Zustand zu versetzen. Der Talmud nennt solche, die d a s g a n z e J a h r und solche, die i h r g a n z e s Leben gefastet haben. Mar, Sohn Rabina’s, hat mit Ausnahme von drei Tagen das ganze Jahr gefastet (Pessachim 68 b). R. Chija, Sohn Åsohis, hat so lange gefastet, bis er daran starb (KiddugChin 81 b). R. Josua wurden die Zåhne schwarz — åls Folge fortwåhrendén Fastens (Chagiga 22 b), ebenso R. Simon (Nasir 52 b). Dieser fastete, weil er R. Akiba und jener (R. Josna) weil er Samai beleidigt zu haben glaubte. , Sehr httufig wird im Talmud von einem v i e rzigtfigigen Fasten erzahlt. So wird von R. Huna berichtet, daB er vierzig Tage fastete, weil ihm belm Anlegen der Tefillin eln kleines Versehen unterlief (Moed Katan 25 a). R. Chisda fastete vierzig Tage, weil er glaubte, R. Huna beleidigt zu haben, und R. Huna fåstete vierzig Tage, weil er glaubte, R. Chisda beleidigt zu haben (Baba Mezzia 33 a). R. Josef fastete dreimal zu je vierzig Tagen; ebenso fastete R. Sera dreimal zu je vierzig Tagen, als er nach PalSstina zog (Baba Mezzia 85 a, vergi. Marschal 7. St.). Eine groBe Rolle spielt das Dauerfasten in der Kabbala, namentlich als BuBe und SUhne filr begangene SUnden und Frevel. Doch davon soli hier nicht die Rede sein. Aus vorstehender Probe aus dem babylonischen Talmud ist aber zu erseheti, daB der verstorbene Lord-NJayor von Cork mit seinem 72tågigen Fasten noch lange nicht den Hauptrekord auf dem Gebiete des Dauerfastens geschlagen hat. Konstltulerung d. Keren Hajessod im Sacho-slov. Staat. In Anwesenheit des Vertreters des KontinentalbUros des Keren Haiessod, Herrn Kurt Blumenfeld aus Berlin, fand am 21. November die konstituerende Sitzung der Keren Halessod-Kommission fttr den Cechoslovakischen Staat statt, die trotz der unsicheren Verhåltnisse sehr zahlreich beschickt war. Vom Zionistischen Zentralkomitee waren anwesend die Herren: Robert Adler, Dr. Weltsch, Ing, Slonitz, Prag; Dr. Federmann, Pilsen, Alex. Feig, Gdrkau, Dr. Pick* Aussig, Dr. Hermann, MShr.-Ostrau; ferner nåhmen teil: Kurt Blumenfeld, Emil Waldstein, Otto Zucker, Mi a. Rudolf VodWka, Prag (får des Kirsti Haiessod), Dr. Emil Margnlies, Lsitmsrit* ond Ernst Freud, Prag (fttr die Parteiieitung), Georg Langer (Misrachl), Emil Kafka, Prag (fttr den Nationatfoad), Dr. Kondor, Dr. Sipos, Bratislava, Julius Kohner, Teplitz, Doktor Drachmann, Brttnn. Nachdem Vorsitzender Norbert Adler die Sitzung erdffnet hatte, wurde gleich an die Erledigung der fiuBerst reichhaltigen Tagesodrnung geschritten, die følgende Punkte enthfeft: 1. Konstituierung des Keren Hajessod im Cechoslovakischen Staate. 2. Kontoeinzahlungen. 3. Budget. 4. Quittungen, Zeichnungsformulare. 5. SchStzungskommissionen. 6. Mindestbcitrag. 7. Annahme vop Wertpapieren, Kriegsanleihe. 8. Einsetzung eines Fachkommitees von Bankbeamten. 9. Verhaitnis zum Nationalfond. Der besondere Arbeitseiler, von dem die Tagung beseelt war, ermdglichte es, daB trotz der kurzen zur Verfttgung stehenden Zeit ttber sttmtliche Punkte der Tagesordnung sachlich beraten werden konnte und Beschliisse gefaBt wurden, welche die Arbeiten fttr den Keren Hajessod in der Cechoslovakei auf eine feste Grundlage stellen. Es wurde zum L Punkt der Tagesordnung ttber Antrag Adler-Margulies* beschlossen, eine Zentraikommisson des Keren Hajessod zu bilden, welche die Arbeiten des Keren Hajessod und den Einlauf der Gelder zu kontrollieren hat. Da die Institution des Keren Hajessod kein zionistisches Parteiunternehmen ist, sondern zu den Aufgaben des gesamten Judentums gehort, sind mdglichst viele Nichtzionisten in die Zentralkommission zu berufen und zu diesem Zwecke wird dieselbe mit dem Kooptationsrechf ausgestatteL AuBer den bereits fungierenden Mitgliedern dieser Zentralkommission werden vorl&ufig die Herren Oberrabbiner Dr. Brody, Dr. Max Brod, Ernst Freud und Rudolf VodiCka, Prag, gewåhlt. Den Distriktsleitungen, bezw. den Vertrauensmånner-Versammlungen des Keren Hajessod bleibt es vorbehalten, die auf ihr Qebiet entfallende Anzahl von Vertretern in die Zentraikommisson des Keren Hajessod vorzuschlagen. Beztiglich des 2. Punktes wurde nach långerer Debatte folgender BeschluB gefaBt: Die fttr den Keren Haiessod gezeichneten Gelder sind unter Bentttzung von Erlagscheinen oder durch eine Bank an das einzige in Prag zu errichtende Konto ohne leden Abzug zu ttberweisen. Ueber die Art des Kontos soli ein- Komitee von BankfachleUten und Juristen entscheiden, in wélchés die Herren'Dr. Gtttig, DV. Ooldstein, Eisenstein und R. VodiCka delegiert werden. — Gleichzeitig spricht sich die Zentralkommission entschieden gegen jede Zersplitterung der Geldgebahrung des 'Keren Hajessod aus. Dem Wunsche der Misrachi-Fdderation Bratislava nach gesonderter Registrierung der Gelder, die von Misrachisten Uberwiesen wurden, wurde entsprochen mit der Bestimmung, daB diese Gelder als solche zu bezeichnen und sofort * unter gleichzeitiger Verståndfgung des Btiros der Misrachi-Fbderation in Bratislava separat zu buehen sind. Punkt 3. Das Budget wird mit einigen kleineren Abfinderungen angenommen, bel welcher Gelegenheit der Grundsatz ausgesprochen wurde, daB dié Spesen auf das Minimum zu beschrttnken sind. Der Keren Haiessod ist unbedingt als Selbstzweck zu betrachten, die Propagandamittel fttr densetben haben die Lokalorganisationen selbst aufzubringen. Dieses Prinzip wird auch auf die zionistische Presse ausgedehnt. P u n k t 4. Die Administration des Keren Hajessod wird in der Weise geregelt, daB Zeichnungen fttr den Keren Haiessod auf besonderen Zeichnungsformularen zu erfolgen haben, die von dem Sekretariate in der kttrzesten Zeit fertigzustellen sind. Die Besttttigung der eingezahlten Betråge wird durch Intcrrimsscheine erfolgen, welche von den Hauptgeschaftsstellen des Keren Haiessod in der Cechoslovakei ausgestellt und welche durch Zertifikate des Lon* doner Hauptbttros des Keren Hajessod abgeld&t werden. Auf diesen Umstand ist die Aufmerksamkeit der Jttdischen Oeffentlichkeit zu ienken, da diese Zertifikate verzinsliche Wertpapiere des Keren Haiessod insoferne darstellen, als ein bestimmter Teil desse!* bei in rentablen Unternehmen (Elektrizitåtswerke, Bewåsserungsanlagen, Industrieunternebmen usw.) angelegt werden soli, an deren Reingewinn der Inhaber der ausgestellten Zertifikate partizipieren soli. Punkt 5. In Anbetracbt des Bescblusses der zionistischen Jabreskonferenz in London wird die Erwartung ausgesprochen, daB die Zionisten der Cechoslovakei in der Leistung des Maaser der gesam-