Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-12-02 · Heft 48 (2.12.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 48 (2.12.1920)
Date
1920-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
81% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622115--4586-2625882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 48. Itfit ft. von Freftitit, statt tuts utber zu befreien. Die Frei« heit fingt beim inneren Menscheu an und wahrhaft frei ist der, der seln Leben gase tabt, Wir sind dem sterilen Kritlzlsmus verfallen, well das Positive nur aus einetn starkinstinktlichen Empiinden folgt, Wir begeisterit uns schnell und erkalten noch schneller, werden irre an tuts selbst, protesteren und opponieren und getangen nicht zum Batten. Zwischen Sehnsucht und fat gåhnt eta# tidt Kluft, weflwir an sehr kltigeln,wtll der Skeptizisftus ons nie veriftSt Nur giiuMge Nataren sind harmoniscb, stad mit tittit etaig und kdnnen tchdpferiscfc wlrkttr. Dalet: trtrd es uns gehen wie dem „Oeschlecbte der Wttste*, wir tverden attf der Wanderschaft sterben, und erst die kunstige Generation wird das gelobte Land schauen. Flir diese neue Generation miissen wir kftmpfen und arbeiten. Sie miissen wir erziehen, daB sie besser und glOcklicher wird als wir* Wie? Es glbt keinen anderen Weg als den Gtauben. Nur aus dem Jådischen Leben kann das jiidlsche Empiinden, das jiidische Denken flieBen, und ohne Glauben gibt es kein jiidisches Leben. Erziehung fst alles* Erziehung zum Glauben* zur rechten und gerechten Auifassung des Lebens. Es mag banal klin* gen, und ist doch eine tiefe Wahrheit: Nur gute Juden werden eine gute jiidische Zukunft haben. Nur am Judentum kann die Judenheit genesen. Seien wir aufrichtig, das Palåstinabild, das uns heute entgegentritt, ist nicht sehr erfreulich. DaB die Anfftnge klein sind, erschreckt uns nicht. Sie werden zu Zeiten Esra und Nehemija nicht grdøer gewesen sein. Aber damajs waren es reine Idealisten, schlichte fromme Menschen und Fiihrer von gewaitlger Kraft, die das Mandat von der Geschichte erhieltenf Heute fehtt uns noch das alles. Es kommt nicht darauf an, wie viele nach Palåstina gehen, sondern wer sie sind. Unsere Auswahl erscheint heute schon nicht sorgfåltig genug, und sie kann sich rtichen und verhångnisvoll werden. Das Ungliick ist das Sprunghafte, die Ueberstiirzung. Wir suchen uns aus der Zerfahrenheit des Galuth zu retten, und — in Palåstina finden wir eine noch schlimmere Zersetzung, Kampf ohne Ruhe, wirfcschaftliche, soziale, polltische und kulturelle Streitigkeiten und nirgends eine einheitliche Linie. Damals kamen die Juden aus .ei n e m Lande, heute aus vielen, uåd leder hringt seine Fehier mit. Und damals waren alle einig im Glauben, und heute? Wir haben zu vie! Intelligenz, zu wenig schlichtes frommes Volk. Jeder, der nach Palåstina kommt, will Fiihrer, Orilnder neuer Ideen sein. Das ist keine gesunde Grundlage. Schlimmer als alle Uebel ist, daB wir nicht die richtigen Pioniere jtidischen Empfindens und jådischer Arbeit haben. Leute mit anarchistischer Moral, ohne fnnere Festigkeit, geh&ren nicht in ein aufbauendes Land hinein. Auch die fertigen Schablonen politischer und sozialer Natur passen nicht får das Judentum und nicht fUr Palåstina. Wir måssen erst zusammenwachsen unter uns und mit dem Lande, dann erst kann eine neue iådische Weltanschauung entstehen. Qewifl wird das Judentum der Zukunft sozialistisch sein, weil es von der Idee gdttlicher Gerechtigkeit getragen sein wird, aber — nicht nach Marx und nicht nach Lenin. Wir werden den Sozialismus haben, der unserer Natur entspricht Heute måssen uns die Grundbedingungen genågen, die die Mogllchkeit einer gesunden Entwicklung geben. Eine Einigung ist wohl mogllch, wenn wir etwas beseheidener werden und nicht glauben, im Besitze der fertigen Wahrheit zu sein, wenn wir uns als Werdende und nicht als Fertige ftthlen. Und auch diese Demut und Selbstbeschrånkung kann nns nur aus dem Qlauben kommen. Mehr glftubige, hoffende, schlichte Månner, und die Zukunft Palåstinas ist gerettet. Aber Palåstina ist viel und noch nicht alles. Mehr noch als das JUdische Land ist das jådiscbe Volk, das immer zu mindestens siebzig bis achtzig Prozent in der Diaspora bleiben wird. Dieso Juden als Juden zu erhalten, ist das wlchtlgste und schwlerlgste Pro« Mern, Und auch hier drohen uns grofie Gefahren. Erschåtternd traurig sind die Pogrome der letzten zwei Jahre, noch trauriger aber die Vernichtung von timen heraus, die Verblassuog und Totung der iådischen Seele. Taufen, Mischehen und — Mlschjuden! Das ist das schlimmste. Auch hier m&ssen wir der ZerstOrung Halt gebieten und Ijauen, ohne Ueberhastung, ohne Ueberstårzung, Wir måssen etaer rubi« ges Entfalltung jådischen Lebens die Wege bahnen. Wir måssen aus alten Steinen ein neues Gebåude er« richten, in das wir mit unserer ganges tadividualitlt »JOPiftCM' fOtftftftfBMttF i >5. IWv. ‘.S ' '&■ htaetapassen, und es fflUÉ in der Architektur uud tø dér CBtadertmg mit unserer Zeit harmotttøréB, Woher ét Kraft ftehmen får das groBe Werk, wenn nicht aus dem Glauben an uns, unser Volk und unsere Zukunft? Auch hier ist die Religidsit&t die tiefte Quelle unserer StSrke. Auch hier glit es* alles Halbe, Zaghalte und Skeptische aus unserer Mitte zu hannen und den Atten Getst Israels, delt Geist schlichter GrflBe, walten zu lassen. Am Poste des Lichtes mnB es in uns helt wcrden. Nicht durch Kraft, sondern durch Idealismus kdnnen wir uns wieder aufrichten. Die Makkabåer solfen unsere Erzieher, unser Vorbild sein. Unser Idheftl ist unser innerstes Heiligtum, darin allein sind wir grofl und stafk. Werden wir wieder jådisch im Empfinden und Handeln, streben wir wieder nach Einhelt und Harmonie, nach sittlicher GrdBe und Selbstbefreiung, dann wird eine Judenheit erstehen, die groB, schdn und måchtig ist. Ein Sieg des Judentums. Von Bernhard Ewinger, Aus der Mitte der måchtigen Giurlande unserer Feste, die wie ein unversieglicher Sprudel eine Fttlle geschichtlicher Reminiszenzen hervorstoBen, strahit in diesen Tagen vom achtarmigen Leuchter in der jådischen Gasse mit einer schimmernden Helle das Fest der Makkabåer. Der Druck der Jahrhunderte und die Verseichtung des jådischen geistigen Lebens durch ein philistrdses, idealloses Zufriede^- sein verkråppelten dieses Fest zu einem lebiosen, aller Or&fie und HeiKgkeit barem Zeremoniell, die Hast des Lebens und das Drången zu einem Mimykryleben im europåischen Schmelztiegel verscheuchten den eigentlichen Gehalt dieses Festes und erniedrigten es nur zu einer bloBen wesenlosen Formel. Aber die diesem Feste entstråhmenden Strahlen brachen sich zuletzt doch Bahn zu der in der diisteren Galuthnacht kauernden Judenseele, sie riittelten den in Seelen- und Herzenskråmpfen erstarrten Ahasver auf, sie durchgluteten und åberfluteten ihn mit dem Schwall von Kåmpfen ^d t Siegen, Tugenden und Entsehlflssén und •— der Schatz v#fc schlafender Energie kam ans Llcht. Der innerliche Gehalt dieses Festes, das Erlebnis einer Generation im Zustande der hochsten Not, Verzweiflung und Ohnmacht, die Bewahrung der kalten Besonnenheit mit zusammengebissenen Zåhnen, der tiefe Glaube mit dem zerknirschenden Schrei der Selbstanklage — stromten in den mit einem verklårenden seidenen Tråumergewinde umschlungenen Ahasver ein und es ertdnte in ihm der Marschrytmus der Makkabåer, der Pulsschlag eines nationalen SelbstbewuBtseins und verjtingernden Lebenswillens. Als eine fremde physisebe, mit einer Scheinkultur Ubertånchte Gewalt dem jådischen Volke das Leben verstrOmen lassen wollte, gflrtete Juda Makkabi, der Priester und Lehrer seines Volkes, das Schwert um seine Lenden, er erstickte die im Volke groBgewordene Ohnmacht, entflackerte das erkaltete Feuer, erhob'das Panier der Taf und erklårte dem geistesfremden, veraasenden Feinde den Krieg. Der Priester aus Modin konnte nicht ^usehen, wie ein in sinnlichen Zechgelagen und sadistischen Schauspielen degenerierter Hellenismus in der Ståtte der Verheifiung Triumphe feiert und seinem Volke den Strick um den Hals windet. Er funkte aus dem apathischen, resignierten und verzweifelten Teile seines Volkes, das der grlechischen Fåulnis noch nicht anheimgefallen ist, die letzte noch in ihm vorhandene Glut und zog es aus dem Abgrunde der Nonchalance auf die Hdhe der Tat hinauf. Und sein lohender Geist ersiårmte das Heiligtum. An der Spitze einer kleinen Schar, aber mit dem gottlichen, hdheren Ernst in der Brust åberwand Juda Makkabi unter Aufopferung alles Sterblichen den entarteten Hellenismus. Es war der Sieg Uber die spåtgriechische Frivolitåt, dessen åtzende Miasmen dem kleinen, Von biblischer Mentalitåt und hdherem Glauben durchdrungenem Håuflein ein Greuel waren. Das Judentum und die Bibel wurden gerettet. Und ob dieses Sieges zånden die Makkabåers&hne Lichter. Lichter der Kultur, der Freiheit und Gerechtigkeit, der Bråderlichkeit und Versdhnlichkeit, deren Strahlen zur Erheltang ih res Lebensweges Urnen greulich verdunkelt werden. Diese ergrauten, iugendfrlschen, ewlgen KSmpfer, die das Ungemach |von vier Jahrtausenden aui ihren Schultern schlepptn, stehen treti auf der Wache ihres Kulturhortes, sie scheuen keine Opfer, um ihn vor der Entweihung zu bewahren, sie druchrieselten mit ihrem Blute dåmpfende Scheiterhaufen, sie vegetierten, verachtet ttftd besudelt, gewflfft und geknechnet von einer hettfeaden Pobelbesifé* Jahrtausende in einem er* stleftenden OhettogezSun. Und zerhieben und zerbeult in Pogromen ttttd ImjuisTtionen, auch heute nøcb» Im Jahre des Selbstbestimmungsrechtes und des VBlkerbundes, schleudem sie, gleich einer leuchtenden Riesenfackel blendende Lichtschwaden Uber welte Weltstriche. Diese wandernden Lehrer der Verirrten sind im Laufe der Zeitenflucht zum unumstoBlichen Pfeiler der ganzen Menschheit geworden, die steifnackig von ihnen getragen wird. Wåhrend die wandernden Makkabåersohne Altåre fremder VSlker mit ihren Leibern bedecken, weint und ståhnt ihre verlassene Mutter Erez Israel und ruft ihnen mit Phanpharenschall zu: Genug der Brunnen habt ihr schon in der Fremde gebaut, umsonst vergeudet ihr eure Potenzen und Energien, denn der europåische Eisenhagel zerzaust und zerstårt r:.', genug der Lichter fUr andere Volker, die eucb mi i-t kennen und nicht horen wollen, wendet e’.i:!: 3i \ ).i Uicsen blutrånstigen Qotzen, die nach eurer Seele lechzen, es ist schon Zeit in die eigenen Zelte zu gehen, brechet die bisherige Untreue zu mir, richtet mich auf und ich werde euch mit Mutterliebe pflegen, euer Schopfungsgebåude, das auf stiefmåtterlicher Erde lochrig wird, mit meinen Sfiften durchtrånken und seine Wurzeln festhaiten. Der Schofar dråhnt und wehe, wenn kein Echo widerhallt. Wenn wir heute inmitten dieses gewissenerschåtternden Posaunenklanges das Fest des Sieges des jådischen lauteren, volkserhaltenden Geistes begehen, dårfen wir nicht vorbeigehen åber die ledigliche Mår vom Oelkråglein, das in der Volksphantasie platzgriff. Seien wir wårdige Sohne unserer Sieger, setzen wir ihr Werk fort, reiflen wir uns schon endlich heraus aus den Klauen des westeuropåischen Kosmopolitismus, aus diesen mordenden, schwitzenden Maschinenrfiumen, aus diesem blindwåtigen, gierigen Gehaste nach einem Mehrwert, der uns mit einem hirnentleerenden, marksaugenden Genusse b'etåubt. Dringen wir ein in die Goldschatulle unserer Vergangenheit, von der uns eine iåhe Anomalie des Galuthlebens weggerissen hat, nehmen wir in uns das Judentum und den Geist der Makkabåer-auf, den Geist der Makkabåer von Emmaus, und Betsur, der Makkabåer aus der Ukraina, Polen und Ungarn, die mit ihrem Blute die reiBendé europåische Bestie måsten, der Makkabåer von Paris und San Remo, der Kåmpfer und Wegbahner des jådischen Volkes, der Makkabåer von Jerusalem und Galilåa, die mit ihrer Brust das jådische Heiligtum beschirmen — und wir werden keine Wåste får den Ruf unserer gequålten Mutter sein. Erfassen wir die Begriffe: Vaterland, Sprache und Volk, Begriffe, die uns die Flut der Galuthjahrhunderte weggeebbt hat, ziehen wir alle in geschlossener Phalanx unter die schon aufgerollte Fahne der Tat und wir werden erstarken, wie einst die Makkabåer im Kampfe auf beiden Fronten: auf der inneren Front mit dem Quietismus und Passivitåt der Massen und auf der åuBeren Front mit dem knechtenden, europåischen Machtgotzen. Die Prager Judentumulte. So und nicht anders kann man die letzten Ereignisse bezeichnen, denn so weit sich die Gasse gegen die Deutschen wendete, war sie es angeblich in nationaler Aufregung. Den Juden gegentiber versorgt selbst dieses fadenscheinige Argument. Wenn Juden auf der Strasse geprii« gelt wurden, wenn bei Juden unter Mitwirkung von Staatsbediensteteb Gelder, angeblich fur die Egerer tschechische Schule erpreBt wurden, so stelft das in Prag nichts Neues dar. Wenn bei dem Besuche der Hochschul alle Gashahne geoffnet wurden, wenn im Weinberger Tempel, es der Rabbiner, der dem „intelligenten“ pabelfuhrer, seine Korrespondenz mit Massaryk, Kramar und anderen Fuhrern der Nation zeigt, dies alles nichts nutzt, um den Tempel vor „Durchsu« chung“ zu schutzen, wenn in allen judischen Vereinslokalen derartige Hausdurchsuchungen vorgenommen werden, wenn silberne Leuchter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.