Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1920)
- Date
- 1920-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44. cag~~i3 griffen und leder religiøs empfindende Jade hat el tiefe Ehrfurcht vor feder religiøsen Ueberzeuguilr vor leder Erkenntnis, die nach dem aattlichen ringt. Wenn aber immer wieder unser Judentun* verhøhaf wird, wttMJ<Hlt die KfWrti Zerrbild Féff ItttHscheit Wetøln miissen wir kahfi undfetøt, und unser heiUges Pi Lebens", v|ft«kUgen. An diese ip$ bl lebens werden %fr ii nert. All^^oltr&ien daran gi schen fiii JÉnsei ir'lfchmei Revolutionen Sti; Man hat'wohj mit mancftéfl mortungen aufgeråumt, die falschen Begriffe sind geblieben. Noch heute kann die christliche Sonne ohne jiidische Schatten nicht ihre Kraft zeigen, und will man die Grøfte des Christentums ad oculus demonstrieren, dann weist man hohnisch auf das. „veraltete, iiber wundene Juden tum?r< hin. Das tun nicht nur fanatische Antisemiten utid seichte Demagogen, sonder* auch fiihrende deister und berøhmte Sozialdemokraten. Herr PfifHpp Scheldemann, , der erste Ministerpræsident der Deutschen Republik- und der tiichtigste FUhrer der Mehrheitssozialisten, verøffentlicht im „Vorwårts" eine Betrachtung, in der er die Jiidischnationalen auf eine Stufe mit den Deutsehnationalen stellt und ihre Anschauurtgen als Gefahr flir die freiheitliche Entwicklung der, Menschheit schildert. Eine solche Verkenrnrng aller elementarsten jttdischen Begriffe ist um so bedauerlicher, da sie zu den verhflngnisvollsten Konsequenzen fiihrt und darauf hinaustøuft, daB der Jude erst frei werder, und dem hohen-Ideale der menschiichen Qleichheit dienen kann, wenn er sich von seinpm Ur element trennt und die jiidisch-biblische Weltanschauung preisgibt. In Wirklichkeit aber haben Jiidischnationale und Deutschnationale nur, den Wortklang gemein, sie gehen aber von ganz heterogenen Auffassungen des Lebenszweckes und des Gesellschaf tsideales aus und gelangen zu entgegengesetzten Erkenntnissen und Maximen. Es bedeutet eine Verkennung der . gescbichtlichen Perspektive, wenn man eine rein ethisch-religiøse Stromung von vor 3000 Jahren mit einer politischen Kampfpartei von. heute vejrgleicht. Und wenn man die jiidische Psydhe und die Quellen des geistig-sittlichen Lebens der Judenheit nicht kennt, dann kann man nur zu Paradoxien und billigen Weisheiten gelangen. Qilt schoi) jn .epifachen Dipgen der lateinische Satz als ri^ljlglirSfc.^uo faciunt iden^.non est!dem, so muflhiap, bpi|p. Vergleichen .yerschledener Zeiten und verschjedener Volksstfimme umso vorsichtiger mit dem Urtéji‘^ein, ,weil. die Weltanschauung hier nur aus der innérén Natur des Volkes und aus der Zeit verstanden. werden kann. Alle Terminini technici erweisen sicfi' meistens als unbrauchbar,; wenn wir an judische Dinge herantreten. Ich weiB nicht, ob man sagen kann, die Juden in Palæstina waren national, recfron fStretUte in Øéiltschland von heute gar keine Aehnlichkeit. Die Juden waren stolz auf ihre Eigen« to&NWfW&foTugfø und fllftr Sittenl|t ufl|?|ie WSfi^iil blstre®Éé*e Qiitet au seBfitzen ÉÉ3 zu wfteidige^— das l«r alfes. UeberBa#t ist 4ér hedtÉe chauvÉistisch geMfbte NatiønaUsmus itøé Erf«Hgensctød| relativ /Hettér Zeit ilftd er ent- Spflcht **fer der Natur, nOClt der Lehft tés Juden. Der Judfe hatte vøtfr Hausé åus etwasiUijivefseHes fti SeinerL Auffasstffig, und file MenscÉÉikebidec ItSiltd stets im Vordergrund seitier Well'éftdhauung. Séfne Lebenslehre — und das ist die Bibel — ist aufgebaut auf den høchsten humanen Prinzipien, und jede Engherzigkeit, lede menschliche Entrechtung liegt ihr fern. Nur da, wo die sittliche Zukunft geffihrdet wird durch die Bertthrung mit unreinen Volkern, sind die Vorschriften von einer scheinbaren Hærte, sonst aber ist die Bahn der Menschenliebe und der Gerechtigkeit filr alle, die das menschlich-gøttliche Antlitz tragen, streng und groBHenig vorgezeichnet. Das Judentum ist nicht so Iyrisch-weich wie das Christentum, weil es eben nicht ntir an das Gefiihl appelffert, sondern den jganzen Menschen fn seiner Oewalt haben will, aber in seinen realen Gesetzen und Geboten offenbart sich iiberall der Geist gottlicher Gerechtigkeit, tiefer Liebe und Barmherzigkeit. Das Christentum hat fast iiberall aus ittdischen Quellen geschbpft und den Inhalt nur in .fremde Formen ^egossen. Und was vielleicht im Gesetzbuche Moses nicht ganz zum Ausdruck kommt. das tritt uns gewaltig entgegen in den Wåchtern des lildischen Geistes und seiner Sittlichkeit, in den Pro« pheten. Wié soliten also die Bekenner dieser Lehre edelsten Mepschentums zu einer engherzigen, gehåssigen Lebénsanschauung nach Art der heutigen Deutsehnationalen gelangen? Ohne tiefere Quellenkerintnis, ohne Vcrståndnis flir die Psychologie des Judentums tritt Herr Scheidemann an dieses gewaltige Problem heran und er glaubt, „spielend" die schwersten Råtsel der Geschichte losen zu konnen. DaB dabei keine wirklichen gedanklichen Werte gewonnen werden konnen, ist einleuchtend. Herr Scheidemann schreibt: „Wås hat das Christentum so grofl gemacht? Seine neue Lehre von der menschiichen Gleichhelt!" Ach nein, die Lehre von der menschiichen Qleichheit war nicht neu, 'da# alte TeptMfftøl war es,- das die Meneshen als Kinder Gottes bezelchne<e,; ihnen gleiche Rechte gab. Und nicht diese aus dérn Judentum ilberriontmene Weltanschauung hat das Christentum groB urtd beriihmt gemacht, sondern die Verwåsserung dieses brundsatzes, die Konzessionen an die Macht. So lange das Christentum als jiidische Sekte die hfichsten Ideale verwirklichte, war es gering ån Zahl, ohrie Maclit und Ansehen. Auch das Judentum hætte groB und machtgebietend werden kQnnen, wenn es Dann riB sie die Tiir auf, lieB sie weit offen und stUrzte davon. Die Menschen im Zimmer waren sprachlos vor Ueberraschung. Ein schwerer Regen, der mit Hagel gemischt war, sturzte nieder, und der Sturm peitschte den Regen, dah man keinen Schritt machen konnte. Aber die Alte liei immer weiter und suchte alle Håuser auf, in denen sie ihre Tochter mit ihrem Geliebten anzutreffen hoffte. Sie hielt sich nirgends auf, sprach nirgends ein Wort, sonderu kam hereingestiirzt und war im Nu wieder fort. Sie mufl sie finden! „Aber wohin nun?“ fragte sie sich, als sie das letøte Haus erreicht hatte. Sie machte sich wieder auf den Heimweg, denn . sie hoffte, daB sie die Tochter zu Hause antreffen werde. Als sie nach Hause katp und die Tochter nicht vorland, warf sie sich auf feinen Stuhl und begann zu iammern. Da ertohte ein furchtbarer Donnerschlag, daB das Haus erzitterte. Die Menschen im Stadtchen erschraken fOrchterlich und blickten, durch die Fenster, ob drauflen nicht ein Ungliick geschehen sei. Mit bebenden Lippep sagten die betenden Juden die Fsalmen her. Die alte Frau hørte aber den Dcnner nicht. Sie saB da und weinte iammerlich, doch pldtzlich fingr sie tant zu schreien an: „Sie soli nicht mehr lebend nach Hause kommen. Tot soli man sie mir bringen, Herr der Welt!“ Und wie zur Antwort grollte der Donner, und der Sturm bUes pfeifend um das Haus. Dann raffte sich die Alte auf und elite noch einmal in den Sturm hinaus. Der Wind stieB sie vorwdrts und bewarf sie mit Kot und Regentropfw. Sie elite?um Wfildchen vot der Stadt. Gewiø! Éie Quantitit auf Kosten der Qualit&t årringen wollte. Es sah davon ab, weil es schon fruhzeitig erkannte, daB eine Yftfassunft die daS fange Leben und es in Éta Dienst des Gottlfehen stellt, Wr alle VøIKif-paBt. fis erkatinte, daB die Verwiltmg des Men&ÉÉn eine Auf gabe cftfErziehung dlpi Wort und ffi ist, und daB diesi firziehung sihmt im kleinen Kféise sehr seftwierig fil ufld noch SChwieriger wird, -fe groBer der Kreis urtd je ver- Mrietféflartiger seillé Elemente sind. So nahm es das Martyrium déf Verkinming atrf sich, um scinem héiligen Bernfe geffecht zu werden. Es gab seine GrundsStze, die Lehre der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, der ganzen Menschheit, die Verwirkiichung dieses Ideals aber versuchte es da, wo die besten Anlagen daflir vorhånden waren, im Volke Israel, das ein Mustervolk, ein „Priesterreich" werden solite. Die Weltherrschaft uberlies das Judenttim seinen beiden Tochterreligionen und nie war es neidisch auf ihre Verbreitung und ihre Macht. (SchluB tolgt.) sind sie dort spazieren gegangen, und sie wird ihnen im Wirtshaus oder sonstwo begegnen. Auf der DorfstraBe, die ins Freie fiihrte, horten die Hunde ihre schnellen Schritte und begangen aus den Hutten, wohin sie sich verkrochen hatten, laut zu bellen. Aber die Alte achtete nicht darauf, sondern sah immer vor sich auf den Weg, der zum Wøldchen fiihrte. Im Freien wiitete der Sturm noch starker. Der Weg war mit zerbrochenen Zweigen bedeckt und auch einige entwurzelte BSume lagen da. Plotzlich hielt die Alte inne. Einige Schritte vor ihr lagen zwei Menschen auf der Erde, die vom Blitz getroffen waren. Die Gesichter der Toten waren kohlenschwarz. Die Frau erkannte ihre Tochter. Die Hånd des Mådchens lag unter dem Arm des jungen Mannes. Die Frau wollte einen Fluch ausstoBen. Ihre Augen leuchteten fieberhaft, und sie wollte ihrem Herzen Luft machen und laut herausschreien, daB das Madchen dieses Ende verdient hatte. — Docb plotzlich sank ihr Kopf auf die Brust herab. Ihre Augen wurden matt und glanzlp§, ein Zittern ging durch ihr en Kørper, und eine Miidigkeit Ubermannte sie, daB sie sich kaum auf den FiiBen balten konnte... Der Donner grollte, Blitze zuckten und der Sturm lieulte — aber im Innern der alten Frau war es ganz still geworden. Sie lieB sich vor der Leiohe ihrer Tochter auf die Knie nieder, breitete ihre zitternden Hænde ttber die Tote und støhnte mit heiserer, klangloser Stimme: „Henietschka! Mein Tøchterchen., .1" MSfir.-schles. Distriktstag. Ani 31. Oktober und 1. November d. J. fand in Briinn die Tagung des ordentlichen D. T. der måhr.- schlesischen Zionisten statt. Standen bisher die Tagungen dieses Distriktes stets auf der Hohe ihrer Aufgaben, muB von der heurigen Tagung vorbehalt- Ios gesagt und anerkannt werden, daB die sich weit iiber das Niveau einer ordentlichen Tagung erhob und den nachhaltigsten Eindruck des Ernstes hinter- HeB, mit dem diesmal an die Losung der flir alle Zionisten derzeit wichtigsten und schwierigsten Aufgabe, der Behandlung der Organisation filr die Aktion des Keren Hajessod herangetreten wurde. Das ausgezeichnete Referat iiber den Rechenschaftsbericht und das Referat iiber die Finanzgebahrung sowie iiber den Nationalfond nahmen diesmal einen sehr kleinen Raum der Tagung ein, Organisationsf ragen wurden iiberhaupt nicht behandelt, es wurde die volle Aufmerksamkeit der Behandlung der Organisation des Keren Halessod zugewendet und diese Frage wurde nicht nur theoretisch behandelt, sondern auch praktisch augefaBt. Wenn die Aussichten filr die bevorstehende Aktion nach: den ersten prak« t/schen Ergebnissen beurteiit werden kønnen, — es wurde von einigen Delegierten des Distriktstages Vs Million Kronen gezeichnet — dann kann der bevorstehenden Aktion fur den Keren Hajessod die allergiinstigste Prognose gestellt werden und die mahr,-schles. Zionisten werden mit Stolz darauf hinwelsen konnen, daB sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch bei dem Aufbaue Palæstinas ihre Pflicht voll erfuilt haben. Ganz ausgezeichneten Eindruck machte das Jugendreferat des Herrn Ing. Frischer und die daran anschlieBende rege Debatte gab ein Bild der in unserer Jugend heute herrschenden Stromungen zum ZusammenschluBe. Der BeschluB, einen eigenen Jugendtag dem? nøchst einzuberufen, wird sicherlich allgemeiner Zustimmung begegnen. Der Distriktstag hat nachstehende Beschliissc gefaBt:? 1. Keren Hajessod: 1. Der am 31. Oktober und 1. November 1920 in Briinn tagende ord. D. T. der mæhr.-schles. Zionisten erkiært, daB es Pflicht aller Zionisten ist, fiir den Palæstinagrflndungsfottd (K. H.) im Simle der Beschliisse der Londoner Jahreskonferenz MaUsser, d. j. 10 Prozent vom Vermogen bezw. durch 5 Jahre 10 Prozent vom Einkommen, zu geben. 2. Der D. T. hælt es fUr notwendig, daB zur Organisierung der Aktion før K. H. und zur Kontrolle der Gebarung ein Komitee gebildet wird, das aus dem Zion. Z. K. nebst Vertretern jedes Distriktes und sonstiger jfidiseber Kreise besteht. Die Tætigkeit des Komitees vollzieht sich nach den Weisungett det Londoner Zentrale des K. H. 3. Der D. T. empfiehlt jeder Ortsgruppe die Schaffung einer aus Vertretern der gesamten Judenschaft zusammengesetzten Pal.-Komitees, event, als Sektion der Kultusgemeinde-Vertretung. 4. Fttr die Arbeit fiir K. H. wSre insbesondere auch die Mitwirkung der Landesverbflnde der Kul* tusgemeinden sowie aller anderen jQd. Organisationen und Kørperscbaftøn zu gewinnen. 5« Der mæhr.-schles. Distrikt entsendet In das nach Punkt 2 zu bildende Komitee die Herren Leo Krleger, Mfthr.-Ostrau und Dr. Drachmann, Briinn.