Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1920)
- Date
- 1920-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspr eiset halbjfthrig ....... , ganziahtig.. Deutsch&sterreich .. Deutschland. , KC 26.— . K6 50.— . K 90.— . Mark 40.— i \ i Redaktion u. Administration: Brflon, Krnpfedf. 19. Inserats: der einspaltite MllUmetefraum Kl —'41. Unverlantte redaktionelle Beltrlge werden afelit honoriert Mannskriptea Ist Rackporto beituflten. Jahrgang XXI. BrOnn. 4 |*oramk",MB »IHIIII, g, Cheiriwin #M|, Nummer 44. Die P. T. Empf anger, werden um gefl. dringende Bezahlung des Abonnements ersucht. Die Administration. Deutschnational und jUdischnational. Von Fabius S c h a c h. Wenn denken Gleiehes von Gleichem ableiten heiøt, so heiBt urteilen, eine Sache in ihrer Eigenart erfassen und sie in ihrer Natur und ihren Begleiterscheinungen betrachten. Die Ublichen Schablonen bringen uns nicht nur nicht weit, sondern sie iilhren uns irre und lenken uns vom Ziele ab. Mit den menie in die Tiefé. beruhren.- Das leich'tfértlgS Vergleichen ist das Utjerkmai des Diléftantentums. Der ernste Denker untersucht, analysiert und strebt danacb, ins Innere der Frage zu dringen. Denn lede Weltanschauung ist nur zu verstehen aus ihrém Ursprung, aus der Natur des Bodens, au! dem sie entstand, und aus ihrer Entwicklung. Die mechanischen Hilfsmittel, die geistreich sein wollenden Garnierungen und die schnell hergeholten Analogien bringen nur Verwirrung und nicht Klarheit. Nirgends ist es so schwer, in die Eigenart der Materie einzudringen, wie bei JikUschen FFagen. Es ist hier eine ganz eigenartige Welt, zu der nur die Liebe, das tiefe Empf inden den Schløssel gibt. Alles wlrklich Jiidische ist origluell und kano nur aus stch iieraus verstanden werden. Hier versagen alle Schemata und allé Kliigeleien, und die wissenschaftlichen uhd hypermodernen Spielereien geben, uns ein falsches Bild. Daher macht sich auf keinem Gebiete der hohle Dilettantismes so breit, wie auf dem des Judentums. Noch schlimmer als die Unkenntnis des Judentums Ist die faische psychologlsche Aulfassung vom Judentum. Das Judentum besteht nicht nur aus der Bibel, sondern aus der gassen religids-ethischen Entwicklung von Moses bis auf unsere Zeit. Uhd man versteht die Bibel garnichfc wenn man das nachbildliche Schrifttum nicht kenni. Und man versteht sie auch .nicht, wenn tpan das Volk der Bibel, die Juden, in ihren Anlagen und Sthicksalen nicht kennt. Kein Buch der Welt ist bis heute so verkannt worden, wie die Bibel. Selbst ihre e)ementarsten Orundsdtze, dia etnischen Såulen, auf denen sie ruht, sind ,. imjiKiischéfi Herzen lebt, begreifén? Wie sollen sie dem fedelsten und ifdchsten, das in der jlidischen Seele wohnt und nach Entfaltung schrelt, gerecht werden? Ja, der alte Zunz hat recht: man wird erst den Juden Yachten, wenn man das Judentum verstanden hat. Denn Judenheit und Judentum bliden eine innere Einhelt, und alle Versuche, sie von elnander zu trennen, mtissen an der Ewigkeit diéser Harmonie scheitern. Der Talmud driickt das kurz aus: „Gott, Israel und die Thogp sind eins." Nur da, wo die Juden in Harmoni« mit dem Judentum sich entwickeln, sind sie grofi und gewaltig, trennen sie sich vom alten, ewig neuem Judentum, dann verlieren sie leden Halt, nnd ihre Exlstenz hat keinen tiéfe^en Sinn mehr. Dieser Qrundgedanke wirdK von den meiSten nicht verstanden und daher flieBekjAglich neue Irrtflmer und: neue Trugschllisse. Nochlrfimer mtissen wir die Schmach erleben, dafi man die Einhelt und Qleichheit aller MenSchen, das Gebot ållgemeiner Menschenliebe, ja, alles Sch&ne und GroBe als Errungenscbaft des Christentums bezeichnet. Man gibt sich garkeine Mflhe, die alte Bibel aufzuschlageh. Selbst erste Schriftsteller sehen im Christentum einen Fortschritt gegenttber dem Judentum, well sie die Bibel nicht kennen, — nicht kennen wolleit. Ein sonst so frelér groBztigiger Geist wie Harnack konnte das Wort aussprechen: »Das Christentum ist nicht eine Religion, sondern die Religion.'* Es wSre nicht schwer, sich davon zu fiberzeugen, daB alles, was im Christentum groB und gesund ist, nicht nur béreits in den Sch-iften des alten Bundes yorhapden jst, sondern *ucb Mer klarer,natttrlicher utid éftp! merksam lesen, well man fttrchtet, daB ddjih' ' ganze Gebftude falseher Vorstellungen, verkehrter Auffassungen und schlefer Kombinationen i& sich zerfallen wUrde. Das ist tief traurig, viel trauriger als alle Ver# kennungén, Schmdhungen und Verfolgupgen, die wir Juden zu érdulden haben. Denn, wenn sie unsere Réligion, unsere héilige Kultur, mit Spott und Leichtsinn behandeln, dann haben sie . das Hochste in uns verletzt. Nie haben wir aridere Religionen ange- FEU1LLET0N. Im Sturm. Erzdhlung von David Pi n sk i. (Aus dem JUdischen iibersetzt von Hermann Blument hal.) Zur Warnung fur leichtfertige lunge Leute und Zweifler erzfthlt mir eine fromme Fraii die nachfolgende Geschichte: „Am klaren Himmel zeigten sich schwarze Wolken. Zuerst waren sie weit in der Ferne, hinter dem Walde zu sehen, doch bald bedeckten sie den ganzen Himmel, Uber dem Stfidtchen. Vom Wihd gepeitscht kamen sie in wilder Eile daher. Der Sturm wirbelte Staubwolken auf und schleuderte sie bis zu den Wolken empor; entwurzelte B&ume und rifl die Ddcher von den Hdusern. Eine drttckende Finsternis senkte sich nieder, und der Tag ward zur Nacht. Die Menschen schlossen sich in ihren Hftusern ein und verrammelten TUr unu Fenster. Die Geslchter der Frommen wurden noch ernster und ihre Gemttter wurden noch mehr bedriickt. Gott groilt! Die traurigen Stimmen der Psalmbeter wurden noch inniger ... Eine alte Frau sah vom Qebetbuche auf, bliekte 'dureb die Brille zum Fenster hin und seufzte schwer. *) Aus dem im Jttdischen Buch* und Kunstverlag, Max Hickl, erscheinenden Bucbe „AuserwShlte Eraiblungen''. Eine Welle saB sie so und bliekte auf die Gasse hinaus. DrauBen wollte es nicht heller werden. Immer neue Wolkenmassen kamen, und der W|nd heulte. Die Alte konnte die Psålmén nicht weitersagen. Sie legte die Brille in das Buch, erhob sich und ging in das Zimmer ihrer Tochte'r. „Was sagst Du zu —" Sie sprach den Satz nicht zu Ende, denn die Tochter war nicht im Zimmer. Die Frau ging in die KQche und wieder ins Zinir mer, aber das Mddchen war nirgends zu sehen. Der Hut lag nicht am gewdhnlichen Platze. Mit zitternden Hånden offnete die Alte den Schrank — auch die Jacke fehlte,,. Das Mddchen ist nicht zu Hause. Und die Mutter hat ihr doch ausdrilcklich gesagt, daB sie wenigstens heute — am Schabbos-Tschuwoh*) — nicht zu jenem AbtrBnnigen, ienem gewesenen Studenten ge> hen soli. Das Gesicht der Ålten verdQstert sich wie der Himmel drauBen. Ein Zorn erwacht in Ihr, und sie blickt um sich, als wollte sie jemand schlageu oder etwas zérbrechen. „O. wår’ sie doch nicht mehr meine Tochter", schrie sie und erhob die Hinde zum Himmel Sie erschriekt nicht vor dep Pluch, den sie am Schabbos-Tschuwoh ausgestofien hat. Sie hitte am Uebsten noch mehr geflucht und gesehrien. Wenn sie die Tochter hier gehabt hitte, sie hitte sie geschlagen und bel den Haaren gezogett. Rasch warf sie ein Tuch fiber und lief in den Sturm hinaus. *) Sabbat 'der Bu&e. Sie wird die belden aufsuchen und ijbnen ihre Melnung sagen. Ein Blite fuhr aus den Wolken und der Donner grollté. Dann folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Die Juden im Stidtchen ingstigten sich sebr und ihre Seelen waren voll Andacht. Aber die Alte fQrchtete sich nicht vor dem Gewitter. Sie hatte die Augen voll Staub unoder Wind riB an ihrem Tuch und an ihrem Kleide. Sie sehritt tilchtig weiter, sah und hfirte nichts, und nur in ihrem Innern wQhlte es. Ihre kleine Figur schrumpfte noch mebr zusammen. Es schien, als sehsie noch schnellér als der Wind. Der Wind lagte hirtter ihr, und wenn er sie einholte, stieB er sie vorwårts uod sie sehritt noch schneller aus. Sie. errelchte die Wohnung des lvAbtrOnnigen,‘, riB die TOr auf und warf sie hinter sich zu. Die Menschen, die sich ,im Zimmer befanden, sprungen entsétzt von ihren Plitzen auf, Sie musterte sie mit einem wilden, f&indseligen Blick und rannte In die anderen Zimmer, die Toren hinter sich zuschlagend, daB es nur so drdhnte... Und der Donner groilte unausgesetzt. Es schien fast, als håbe sie. mit dem Donner gewettet, wer die Fenster und Tflretj mehr er?ittern machen wer de... Ein Knabe,’ der sich in einem Zimmer befaod, erschrajc so sehr vor ihr, daB er heftig zu weinen anflng. Und die Alte rannte von Zimmer zu Zimmer, aber sie fand hier weder ihn noch ihre Tochter. Sie elite aus dem Hause, aber auf der Schwelle hielt sie einen Augenbtlck an, hob die Httnde sum Himmel empor und schrie mit helserer Stimme: „Verbrannt soli dieses Haus werden.. ,1" Soeben erschienen: „Hickls ftldischer Volkskalender".