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Jüdische Volksstimme · 1920-10-28 · Heft 43 (28.10.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 43 (28.10.1920)
Date
1920-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43. Eine jiidische volksbewuflte Politik wird nuf dann Erfolg haben, wenn sie gekldrt und gelåutert ist in alien Fragen der jild'schen Renaissance, der jiidischen Moredne; der Wahltag in Wien war ein Schritt nach rtlckwSrts, hoffentiich folgen bald zwef Schritte nach vorwftrts! Fr, Sch . . z. In memoriam Adolf Jellinek. Zur 100. Wlederkehr seines Geburtstages. Emerson sucht den iiberw&ltigenden EinfluB grofler Manner unter anderem damit ztr erklSrcn, daB ihr Geist sich von selbst anderem mitteilt. Das gilt nicht allein von den ragenden RcprSsentanten des Menschheitsgeschlechts, sondern auch von den Verkiindern der Ideen, die einem bestimmten Volkstum Leben und Inhalt geben. Kaum zeigt sich dies bel einem groBen Manne der westeuropSischen Judenheit im vorigen Jahrhundert so deutlich wic bei Adolf Jellinek, dessen Gediichtnis diese Tage in uns erneuern. Nicht vom unermtidlichen Forscher und fruchtbaren Wissenschaftler sei hier die Rede, sondern von dem glanzvollsten Vertreter der jiidischen Kanzcl und dem Praktiker der jiidischen Erziehung der Kleinen und der Gro- Ben. Jellinek hatte groBe Vorg&nger auf dem Gebiet der deutschen Predigt unter den Juden; Manner, die teils der Gunst der Verhaitnisse, die ihnen die Rolle von Bahnbrechern zugewiesen, teils dem Geschinack ihrer Zeit und wohl auch oratorischer Begabung ihren Erfolg dankten. WShrend aber deren Wirken auf die enge Spanne der Jahrzehnte, in welchen sie schufen, beschrankt war und ihre homiletischen Erzeugnisse uns hente als vollig antiquiert anmuten, haben Jellineks Reden aus der Mitte des letzten Jahrhunderts noch nichts von ihrer Frische und Aktualitet eingebilBt. Ein Wolf, Kley, Salomon, Zunz (in seinen Predigten natilrlich), Herxheimer, Philippson, deren Arbeit dem Nachweis galt, daB das Judentum in der Moral seiner Umwelt nicht nachstehe, komite keine Dauer bescheiden sein. Anders Jellinek. Er vertrat den wahrhaft jiidischen, seiner Originalitet sich bewuBten Intellektualismus und verband ihn mit der dem jiidischen Volk eigenen und, wie er unermildlich zeigt, hoheren Gefiihlswelt. So wurde er der jiidische Prediger kat’ exochen. Um Jellineks Bedeutung als Prediger einigermaBen gerecht zu werden, muB man die Ideologic seiner Zeit und Umgebung sich vor Augen halten, von der er sich grell abhebt. Es war die Zeit der groflen, iibrigens begreiflichen Selbsttauschung der europåischen Judenheit tiber ihr Los und ihr Geschick. Es war die Zeit der Kompertschen Assimilationstypen, deren Judentum sich zwischen der romatischen Salbungsfiille der Pietatsreligion und der Mischehe bewegte. Es war die Zeit der Selbstver- „Ich beschirme und behtite Und beschtitze sie mit Huldi Ewig wahrt nur meine Gilte, Doch nicht ewig wåhrt die Schuld!" Auf, nach Zion! Bald vollendet Ist der Leiden Priifungszeit, Und der Herr des Lebens spendet Huld uns und Barmherzigkeit! Leopold Schwarz. Zion, Doln vorgess’ Ich nicht I (1905.) Zion, heil’ge Stadt der Stadte, Meines Lebens Luft und Licht: Wenn ich O f i r s Reichtum hatte, Zion, dein vergåB’ ich nicht! Keine Schåtze konnten blenden Meinen Dir geweihten Sinn; Nur zu dir wiird’ ich mich wenden, Zion, Stadtekdnigin! Perlen nicht und nicht Juwelen Gleichen Zion, deiner Pracht: Du erquickst die miiden Seelen, Giirtest sie mit starker Macht! Zion, heil’ge Stadt der Stadte, Meines Lebens Luft und Licht: Wenn ich O f i r s Reichtum håtte, Zion, dein vergaB’ ich nicht! Leopold Schwarz, roGmTMm* ståfndlichkeit des auch ons heste leider noch nicht fremden Ghettogeistes, der es als dankpfiichtfge Gnade ansieht, wenn der AndersgWubige es dem Juden nur entschuldigt, daB er geboren ist. Damals sprach Jelhnek bereits vom Rechte des Juden und vom Stolz auf die alte, ewig lunge iiberfagende Kultur unseres Volkes. Nicht ohne Interesse durf te es sein, wenn hier auf zwei seiner Reden aus dem Jahre 1862 hingewiesen werden soli, die er „Zion" betitelt und in welchen er der jiidischen Zionsliebe, wie sie sich ungeschwacht die Jahrtausende hindurch erhalten hat, die Qewalt seines Wortes leiht. Nachdem er die prophetischen Bilder geschildert, unter welchen der Verfasser des zweiten Teiles der Jesata-Reden Zions Wiederlierstellung und Neubegriindung schaut, erhebt die Frage: „Was aber ist uns Israeliten der Gegenwart Zion, was Jerusalem, was Palåstina, was das Land der Våter?" und sagt: „Das will ich heute beantworten, laut und offentlich vor den Ohren der Volker.'* „Es gibt bereits viele Israeliten, welche auf die von uns gestellte Frage in der klirzesten Weise erwidern. Fraget sie: Was ist auch Zion, was Jerusalem, was das Land Israels? Und sie antworten euch: Nichts, ein leerer Schall, ein bedeutungsloser Ton, ein totes Wort. Unser Blick, sprechen sie, ist nicht nach Osten gerichtet, Zion kommt uns nie in den Sinn, Jerusalem liegt uns fern; wir gehdren mit Jedem Gedanken und mit all’ unseren Gefiihlen dem Lande an, in welchem wir geboren, und dem Volke, in dessen Mitte wir erzogen sind. Fiir uns gibt es kein Land Israels, kein Zion, kein Jerusalem, wir sind vom Scheitel bis zur Zehe nichts als Patrioten, deutsche, slawische, ungarische Patrioten! Wohlan denn! Auch ich und meine Gesinnungsgenossen, auch wir bekennen uns als Sohne unseres Vaterlandes, auch wir beschåftigen uns mit dem Wohle desselben und nehmen den wårmsten Anteil an allem, was dessen GroBe und Ruhm zu fordern imstande ist, und doch behaupten wir, daB jedes jiidische Herz fiir Zion schlagen, fur Jerusalem sich begeistern muB! .. Palæstina, dieses einst so schone und herrliche Land .... gewShrt uns einen tiefen Einblick in das innerste Wesen und in die Urbestimmung des Judentums. Ist es etwa zufdllig, daB ein so hoh&P?'Wert auf den Besitz Kanaans gelegt wird? Zufailig, daB Abraham die VerheiBung wird: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben! Zufailig, daB der beiden folgenden Patriarchen dieses Versprechen wiederholt wird? Zufailig, dafl Gott Moses auftrågt, Israel zu verkiinden: Ich will Euch bringen in das Land, welches dem Abraham, Isak und Jakob zu geben ich meine Hånd erhoben? Zufailig, dafl Israel so viele Schlachten schlagen muflte, um in den Besitz dieses Landes zu gelangen? Gab es in der alten Welt gar seinen unbewohnten Boden mehr, der Raum gehabt hatte fiir das israelitische Volk? Nein! Das kann 'uimmermehr zufailig sein! . . . „PalUstina muB jedem jiidischen Herzen teuer sein, nicht bloB wegen seiner Lage und Beschaffenheit, in denen das urspriingliche Wesen und die urspriingliche Bestimmung des Judentums sich abspiegeln, sondern auch wenn wir es vom allgemein menschlichen Gesichtspunkt aus betrachten; denn zuvorderst ist es das Laud der wichtigsten historischen Erinnerungen fiir Israel! . . . In der zweiten Zionsrede bemerkt Jellinek einleitend: „Vielleicht hat meine letzte Rede in manchem Zuhorer das Bedenken hervorgerufen, ob denn die nachdriickliche Hinweisung auf Zion nicht unserer freundlicheren Stellung im Staate Abbruch tue, ob es denn ilberhaupt an der Zeit sei, jetzt vom Lande unserer Vater zu reden. Darum will ich heute auseinandersetzen, daB, le teurer Zion unserem jildischen Herzen ist, desto treuer sind wir Israeliten unserem Vaterland! , . . Und willst du wissen, Israelit, auf welche Grnudlagen dein Zion gebaut war, welcher Gelst Im Lande deiner Vater herrschte, so brauchst du bloB den kleinsten Teil deiner Gesetze . . . zu lesen. Zion war frei. Ist es etwa nationalre Dtlnkel, wenn Israel Zions Boden heilig nannte? Verdiente das Land nicht, als ein heiliges gepriesen zu werden, welches im grauen Altertum iedem flUchtigen Sklaven die Freihelt gab, wåhrend in der neuen Welt ein unmenschlicher Kr leg gefiilirt wird, weil Zions Geist der Freiheit doch keinen Raum findet?.. Allein nicht bloB die Erinnerung an das, was Zion einst war, sondern auch die Hoffnung auf das, was Zion einst sein wird, sol! unser jiidisches Herz begeistern.Soli Zion einst den Staub abschtttteln, die Schmach abwSlzen, umflossen vom Licht* Mni glans das ein2igen Oottes sich erheben, nicht mehr das Grabmal, sondern die erneute Quelle der jlidischen Oeschichte werden, so muB Israel die grofltc Volikommenheit zu erreichen streben . . . Darum, Israelit, soli Zion deinem Herzen teuer bleiben, Zions Vergangenheit wie Zions Zukunft!" Diese wenlgen, mit Riicksicht auf den engen Rahmen dieses Aufsatzes nur auszugsweise angcfiihrten Satze sollen als Proben der andauernden Aktualitet Jellineks gelten. Nichts ist so geeignet, ein Kriterium fiir die Enge oder Weite des Blickfeldes eines jiidischen Predigers des letztverflossenen Jahrhunderts abzugeben, wie sein Verhåltnis zu Zion und der nationalen Besonderheit des jiidischen Volkes. Réchnet man hiezu, daB der Ruf: Fiir immer los von Zion! in der Dogmatik des Reformjudentums, dem ja Jellinek immerhin zuzuzåhlen ist, geradezu den obersten Rand angewiesen erhielt, so wird man es gewiB nicht flir unbegrilndet finden, wenn das bewufite Judentum den Manen Jellineks dankbare Verehrung zollt. Dr. R. — W. M. Z. Rundschau. PALXSTINA. Anklage gegen den Waad Hazirim. AniaBlich des bevorstehenden Zusammentritts der Delegiertenversammlung, tritt der „Doar Hajom" mit einem auBerst scharfen Artikel „Wir klagen an" gegen den Waad Hazirim auf, ihn beschuldigend, daB er ganz ins Schlepptau der linken Parteien geraten sei und gegen den ausgesprochenen Willen der Bevolkerung auf dem, jetzt nach-San Remo und Ernennurig Samuels ganz ilberfliissigen Zusammentritt der Delegiertenversammlung beharre. Die s. Zt. unter dem Eindruck der Osterunruhen stattgefundenen Wahlen, hatten langst ihre Qttltigkeit verloren. Damal^handelte es sich darum, dem einmiitigen Protest der Bevolkerung Ausdruck zu verleihen, weshalb auf die Parteizugehorigkeit der einzeinen Delegierten' wenig Riicksicht genommen wurde. So sind die linksradikalen Parteien, die auch sonst durch das Wahlsystem verschiedentliche Bevorzugungen genossen, zu einer iiberwiegenden Majoritat gelangt, die keioeswegs dem Willen der paiastinensischén Bevolkernng entspricht. Jetzt sind nicht nur alle Orthodoxen geschlossen gegen die Delegiertenversammlung, sondern auch noch zahlreiche andere fiihrende Personlichkeiten, deren Aeufierungen, wie die Oberrabbiners Kuks, Ben Jeliudas und Prof. Slousch der „Doar Hajom" als erste einer nachfolgenden Serie? wiedergiht. Ganz besonders wendet er sich gegen Ussischkin, den er als „Boged" —• Verrater — bezeichnet, der nur um an Brandeis und an den Amerikanern Rache zu nehmen, sich jetzt den von ihm erst unlangst so. sehr bekampften Extremisten, ganzlich verschrieben håbe. Er wolle jetzt seinen Willen der jiidischen Bevolkerung aufzwingen, ohne zu bedenken, dafl der Zusammentritt der Delegiertenver- Jhnmlung von nachtraglichen Folgen fUr das paiastinensische Judentum begleitet sein konnte. J. P. Z. Verbllllgung der Lebensmitte!. Um zur Verbilligung der Lebensmittel beizutragen, hat die Regierung di ebisher bestehende Pflicht der Fischer, einen Teil ihres Gewlnnes der Dette Pitblique Ottomane abzufiihren, enthoben. Da es sich bei dieser Steuerleistung um eine groBere Siimme iiandelte, erwartet man, dafl die Fsiche in Paiastina jetzt bedeutetid billiger erhaltlich sein werden. Die Fischerel, die bisher Staatsmonopol war, wurde als frei erkiart, sodaB die freie Konkurrenz sicherlich die Preise bald zum Sinken bringen dtirfte. Flnanzdepartement flir SchSdeit. Das Finanzdepartement bei der Regierung hat hegonnen. die SchSden an die jiidischen Familien, die sie bei den Unruhen in Jerusalem erlitteii hatten zu vergiit^n; es wurden fiir diesen Zweck 20.000 Pfund bestimmt. Die Schåden wurden von dem juridischen Departement des Waad Hazirim angegeben und von der Regierungsuntersuchungskommission bestatfet. Eine Chaluzlmkonferenz In PalMstlna. Jerusalem, 8. Oktober. J. C. B. In Anwesenheit von 51 Delegierten wurde auf dem „Karmel" eine Chaluzimkonferenz erdffnet. Hauptgegenstand der Verhandlungen war zu Beginn die Frage der Vereinigung der verschledenen Arbeiterorganisationen. Die Vertreter der Poale Zion verlangten das „Jid-

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