Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1920)
- Date
- 1920-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SeNt ». Nr. 43. KWt biiro in Prag, das dort eigentlich sehr wenig Exislenzberechtigung besitzt, denn flir Prag spricht tatsåchlich nur der Umstand, dafi es efefii englischen Konsul fteftetbergt, bat sein Åugtnmerk i« erster Li** nie auf Oderberg ond Lundertbttrg *tt rfchtetn Da mussen grøfte EmigratlonsbBros mit bezahlrøt Koften errichtet werdew, mit Weefiselstuben find Ans« kunitsstellen, damit unser« Ironier« niofci derart nus* gebeutet werden, wle es bis nun der Påfl war. Frei« wiliige Arbeiskråfte relchen da nicht mehr ans. Das sind Problemte, die uns am Vorabetlde des Dfstriktstages beschdftigen und die ernst und gewissenhaft am Distriktstage selbst behandelt werden miissen. Wir wUnschen der Konferenz den besten Erfolg und erwarten eine rege und reiche Tatigkeit nach derselben. Unser Ortsgruppensystem muB ganz neu gestaltet werden, die Institution der Vertrauensmånner weiter ausgebaut werden, der måhr.-schles. Distrikt muB zur Wahrheit machen, was die Fama von ihm behauptet, daB er der bestorganisierte unserer Republik ist. Und das soli und muB er sein, denn wir haben tatsSchlich die Leute dazu. Der Distriktstag wird am 31. Oktober den neuen Grundstein zur Hebung des Jiidischen Lebens in Mfihren und Schlesien legen und dazu rufen wir ihm aus vollstem Herzen „Hedad" zu und Jedem einzelnen Delegierten ein treues, jiidisches „Baruch habahl" Zu den Wahlen in Deutsch- Bsterreich. Die Wahlen flir den bsterreichischen Nationalrat sind vorbel. Das VerhSltnis der groBen Parteien zueinander ist im allgemeinen dasselbe geblieben, nur tlafl sich das Kråfteverhåitnis zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen zu Ounsten der letzteren etwas verschoben und die Grofldeutschen einige Mandate verloren haben; verheerend hat aber die reaktionSre Wahlordnung, die von den Christlichsozialen mit den Sozialdemokraten im trauten Verein zum Schutz der beiderseltigen Interessen und einer eventuellen zukiinftigen Koalition geschaffen worden war, auf alle kleinen Parteien gewirkt. Mit Miihe erhielt die „Biirgerliche Arbeitspartei dank der Persbnlichkeit Ottokar Czernins ein Mandat, wShrend die Jiidischnationalen und die Cechen ihr bisheriges Mandat verloren und ebenso auch die deutschen Nationalsozialisten, die christlichnationale „Oesterreichische Volkspartei“ und merkwurdiger Weise auch die Kommunisten leer ausgingen. Bei dieser Zusammenstellung des Nationalrates wird ebenso eine Koalition unvermeidlich sein, wie im friiheren, da keine Partei die notwendige Majoritlit all ein hat Ebenso unhaltbar wird daher voraussichtlich sich die Situarichtsstatte zu bewilligen und diesen Rechtsstreit vor demselben entscheiden zu lassen. Oberrabbiner Landsberger benUtzte den zufållig als Gast in GroBwardein weilenden Oberrabbiner Ullmann, Rabbiner zu Waitzen, bekannt durch besondere Klugheit und Gelehrsamkeit, zu dieser Verhandlung einzuladen und als d r i 11 e n Funktionar den frommen und strengen Rabbiner Reb. A. in einer von GroBwardein nahe gelegenen orthodoxen Gemeinde zu erbeten. Der beschiildigte Rabbiner wurde vorgeladen, und traf ptinktlich am Verhandlungstage ein. Im Beth-Hamidrasch saBen die drei Autoriteten zur Vorberatung, wahrend der beschuldigte Rabbiner im Vorzimmer der Berufung harrte. Oberrabbiner Landsberger meinté, daB man den beschuldigten Rabbiner nicht Knall und Fail nach einer vieljahrigen ersprieBlichen Wirksamkeit entlassen konne, schon mit Rttcksicht auf seine zahl« reiche Familie. Oberrabbiner UUmann schlug vor, daB man demselben eine RUge erteile, und er verhalten werde sowohl seiner Gemeinde als auch dem Gatten der gezwickten Frau Abbitte zu leisten. Oberrabbiner A., welcher stets sich strenger Manieren bellissen, behielt sich vor, den Missetater vorerst von Angesicht zu Angesicbt kennen zu lernen, ihn fest ins Auge zu fassen. Der bedienstete Schammes (Rabbinatsdiener) fiihrte den im Vorzimmer wartenden Rabbiner vor, welcher sich ehrerbietig und demutsvoll vor diesem bohen Gerichtskollegium verneigte. Er schilderte wahrheitsgetreu den ZwickrlfaU, reuevoll bekannte er seine Unbesonnenheit, wies auf die Liebe und Trtu« au teiner Gemeinde hin, die noch niemals Ge« tion gestalten, da sich die beiden groBen Parteien te« genseitig in der Ausfiihrung ihres Programmes hin« dem werden; der neu« Nationalrat wird auch keitt langes Leben haben. Efa Zustand herrscht, der we* der Reaktion noch Revolution ist, ein widerliches Oemjsch mit „freier" Unterdrflckung und »verknechteter" Freiheit, mit herrschetiden „Attsgebeuteten" und verh unger ten „Bourgøis". So wenig auch der neugewahlte Nationalrat positiv leisten, so ist es doch fiir die Juden Oesterreichs tief bedauerlich und traurig, daB der einzige nntionaljttdische Vertreter im osterreichischen Nationalrat sein Mandat verlor. Robert Stricker, der mannhaft und energisch die Rechte der Juden in der osterreichischen Volksvertretung geltend gemacht hat, der immer zur Stelle war, wenn es galt, die Juden gegen Angriffe von fechts und links zu verteidigen, wenn es galt, Stellung zu nehmen gegen den Antisemitismus in der Nationalversammlung, an den S$hulen, in den Comptoirs und Fabriken gegen den schwarzen, den blauen, ja gegen den roten Antisemitismus, der den Antisemiten einen Begriff gab von nationaljtidischer Politik — im Gegensatz zu assimilatorischer — der AufklSrung verbreitete iiber modernjiidische Postulate, der vor allem die V6lkerver-! standigung auf sein Panier schrieb, der einzige Schutz und Schirm der Jiidischen Bevolkerung m Oesterreich, er wird diesmal nicht seine Stimme erheben konnen im osterreichischen Nationalrat. Auch Anitta MUller, diese edle jiidische Frau, von deren segensvollen Tatigkeit alle jene Tausende und Abertausende, die sie gespeist, die sie gerettet und aufgerichtet hat, erzahlen konnen, sie wird nicht die Juden im Nationalrate vertreten. Antisemiten werden an beiden Stellen Uber das Wohl und Wehe Oesterreichs und des bsterreichischen Juden entscheiden. Wenn man das Zahlenverhaitnis der Jiidischen Stimmen vergleichsweise betrachtet, so bemerkt man eine Zunahme der Jiidischen Stimmen im jiidischen Hauptwahlkreise Wien Innen-Ost von 3400 Stimme« gegentiber dem Vorjahre, von etwa 8000 Stimmen in den anderen Wahlbezirken, in denen im Vorjahr eine Jiidischnationale Wahl unmoglich war. So sehr man nun in Jiidischnationalen Kreisen vor allem auf die aussichtslose Kandidatur S c h w a r z-H i 11 e r s im Wahlkreis Inncn-Ost, die *den Jiidischnationalen fiber 4000 jiidisché'Stimmen entZog, ohne jemandem Nutzen zu bringen und so sehr man andererseits auf die kommunistische Wahlagitation der Poalezionisten hinweist, eines moge man Ja nicht vergessen: im Wahlkreise Nord-Ost Wiens sind den Sozialdemokraten 50.000 jiidische Stimmen zugefallen gegeniiber 10.000 der Jiidischnationalen. Der groBte Teil der Juden hat sozialdemokratisch gestimmt. Man mttge sich daher nicht allzusehr ereifern iiber das zwar direkt unqualifizierbare — Vorgehen Schwarz- Hillers und Uber den in wirklich rilder Form gefilhrten Wahlkampf der Poalezionisten, fiir die zwar die legenheit hatte, eine Unzufriedenheit gegen ihn zu hegen. Das. Besdin beschied demselben, wieder ins Vorzimmer sich zu begeben, und das Urteil abzuwarten. Rabbi A., iiberrascht von der herrlichen Gestalt des Missetaters, bewunderte dessen Bart und mifibilligte dessen goldene Brille, erhob sich zur Erstattung seiner Meinung, schlug derb auf die Tischplatte und sagte: „Wer schafft diesen Menschen, ein Raw zu sein? Er muB kein Raw sein.“ Rabbiner Ullmann frug ihn: „Was soli er denn sein?“ „Ein Stationschef" meinte Rabbiner A, Hierauf replizierte Rabbiner Landsberger: „Dann diirfte es ihm viel besser gehen.“ Der Stationschef der Bahnstation, wo der strenge Rabbi A. seinen Wohnort hatte, besaB einen gleicli groBen schonen Bart wie der beschuldigte Rabbi, demzufolge lebte Rabbi A, in der Meinung, daB ein soleher Bart zu den Attributen eines Stationschefs zåhle. Das Besdinurteil lautete, daB der beschuldigte Rabbi vor seiner Gemeinde ein Stindenbekenntnis ablege, dem gekrSnkten Gatten der gezwickten Frau Abbitte leiste und auch bei der Frau selbst sich geziemend entschuldigen moge. Nachdem der Rabbi voll und ganz diesen Verpflichtungen entsprochen hatte, zog neuer Friede ln der aufgewtlhlten Gemeinde ein. Der schOne Bart wurde dem Rabbi ohne Ktirzung bewilligt, auch die in Gold gefaBten Augenglftser, und selbst die sonst zum Fleischeinkauf' zur Fleischbank erschienenen Frauen akzeptierten mit VergnUgen den hdflichen Morgengruø des rehabilitierten Seelsorgers. Albert Lbw. judischnationale Partei entschicden nicht das richtige VerstSndnis und eine gerechte Beurteilung aufbringt, man mdge lieber die Tatsache der 50.000 jUdischen Wahler ins Auge fassen und sich in Zukunft darnach rlchten. Man wies Wåhrend des Wahlkampfes gegen die Jiidischnationalen nebst den gewohnllchen Schlagworten der Assimilanten auch mit einigen Recht auf das Fehlen eines positiven Wirtschaftsprogramms bei den Jiidischnationalen hin; es ist natUrlich und auch fiir die Zukunft festzuhalten, dafi eine nationalJUdische Volkspolitik die Interessen sSmtlicher produzierender Stfinde vertreten und daher unbedingt den Klassenkampf, — der sowohl den Berufen der Mehrzahl der in Handel und Industrie arbeitenden Juden als auch der spezifflen Struktur des Jiidischen Volkes nicht entspricht, — mit aller Energie verwerfen miisse, dafi daher eine moderne jiidische Volkspolitik weder auf Seite der Bourgoisie noch auf der der Marxisten stehen kann. Neben d?m alten Kohlcrglatiben, daB die Sozialdemokr. eine Judenschutztruppe sei, war es leider vor *'•'< ’ '• verworrene, vollige Unkenntnis in den eii-v: :.i .lokonomischen Problemen verratend, oberflåchliche Beurteilung der sozialen Frage von den meisten jiidischnationalen Fropagatoren, die fortwfihrende Verwechslung der Begriffe „Sozialistmis“ und „Sozialdemokratie", welche die Wåhler verwlrrte und unsicher machte. Fortw&hrend suchten manche judischnationale Redner die Notwendigkeit und Niltzlichkeit der Sozialdemokratie nachzuweisen und stellten schlieBlich die JUdischnationalen Kandidaten als die besseren Sozialdemokraten hin (was wieder eine Verwechslung der Begriffe „Sozialdemokraten" und „Sozialisten" ist). Diese bisher betriebeue Art der Agitation ist fUr jede weitere Arbeit unmbglich. Es wird endlich einmai eine etwas bessere Aufkldrung iiber sozialOkonomische Begriffe platzgreifen mUssen, es wird die Notwendigkeit einer nationalsozialen — aber nicht marxistischen — Politik fUr das jUdische Volk sich heraussteilen. Als wichtiger FOrderer dieser sozialokonomischen Klårung wird die in Wien gegriindete Vereinigung „Jiidische Moderne" wirken, die alle wichtigen, die Juden und ihr Verhfiltnis zu allen kulturpolitischen Problemen betreffenden Themen an ihren Vortrags- und Diskussionsabenden grUndllch erortern wird. In der „Jiidischen Moderne" werden Kulturpolitiker aller Schattierungen, aller Parteien, aller Stromungen in der Judenheit zum Worte kommen, es wird sich schlieBlich eine Synthese zwischen allen extremen Auffassungen der nationalen, sozialen und religiosethischen Fragen heraussteilen mUssen, eine Synthese Im Sinne eines vdlkerversohnenden _Kulturnationalismus, eines freien genossenschaftlichen Kultursozialismus, alles im Sinne wahrer Religiositdt, wahrer jtidischer Ethik. Ein lude bin Ich! (1912.) Ein Jude bin ich! Frei will ich bekennen, DaB ich vom alten Stamm auch bin ein Reis; Schamrote 1^18^ auf meiner Stime brennen, Gåb’ als VerrUter ich mein Inn’res preis. Ein Jude bin ich! Soli ich wohl mich schåmen, Von Mosis und von Davids Stamm zu sein? Soli ich zur Feigheit meine Zuflucht nehmen, Weil Juda stets noch tragt der SchmUhung Pein? Soli meinem Stamm’ ich feig den RUcken wenden, Zu den Ver ratern Juda’s iibergehn? Soli meiner Eltern Blut ich schimpflich schanden? Nein, neiu! Da mtifit’ ich ja mich selber schmahn! Ein Jude bin ich, und ich will es bleiben, Zu meinen Ahnen steh’ ich fest und treu; Mag faules Fallholz feig an’s Ufer treiben, Ich bleib’ bei meinem Stamme, ohne Scheu! Leopold S c h w a r z. Auf, nach ZlonI (1905.) Auf nach Zionl Strom’t in Scharen Heim zur heil’gen Gottesstadt; Denn der Herr wiU oifenbaren, Dafi erfUllt sein Wort sich hat; „Einstens bring’ ich die Versprengten Wieder in ihr Heimatland, Ich befreie die Bedrangten, Ftthre ile mit fe»ter Hånd."