Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1920)
- Date
- 1920-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mi i. wtcmcm #*%■ “ Paul Sandor und Leopold Kecskcméty. Ein 2eitbild aus Horthy-Magyafien. (Siehe den Artikel »Epilog zum Nttffiérus Ctøuaus", im Morgenblatt der „Neuin Presse vom 13. Oktober.) Paul Sftrtdor. Wer ist dieser Paulus? Stok .nennt er sich-Mitlgied der Ungarischen Nationalversammlusg, Die „Neue FTeie “ nimflrt demnacn gnådiglich seine Art_ Was ist Paulus noch? BewuBter Magyare, stok darauf, ein Sohn des Volkes zu sein, das ein stens unter Arpads Ffihrung in die Ebene der TheiB hemiederstieg. Paul Sandor ist nebenbei auch Jude, das heiBt er bekennt sich zur „jfi dischen Konfession**. H6rt es alle, die es haren wollen: Paul Sandor spricht: „Wir Ungarn jfi discher Konfession werden niemals anerken nen, daB wir zu einer Nationalitet oder jfidischen Nation werden sollen.** So spricht, so schreibt der Arpad-Ståmmling Paul Sandor. Und wie sprechen seine nationalen Oenossen, die mit ihm in der Nationalversammlung sitzen wie spricht zum Exempel, der magyarische „Kultus** — d. h. Bildungs-Minister Hailer? Sandor hat Ohren, aber er hort nicht. Doch wir blåttem weiter in der attgefuhrten Nummer der Tante aus der Fictitegasse, die alt, sehr alt geworden und lesen auf Seite 4: „Eine antisemitische Rede des ungarischen Kultusministers Haller.** In dieser Rede, die der Herr Haller in Arad hielt, gibt er folgende Worte von sich: „Das Volk Will, daB alles christlich und national sei im Empfinden, Denken und in der Tat.** Haller spricht von Schmarotzern und fremden Eindringlingen, das sind natiirlich die Juden, „die immer so laut schreien, daB man, wenn einer in Marmarosz verprfigelt wird, das Geschrei in Amerika vernimmt**. Genug. Jeder Jude lese diese Expektorationen eines Ministers aus dem Jahre des Unheils 1920 und, wer sich da nicht ins dunkelste Europa, nach Magyarien, und ins finsterste Mittelalter versetzt fiihlt, dem ist nicht zu helfen, auch Paulus Sandor nicht,. dem Bekenner der judischen Religion und Vollblut-Magyaren. Sandor und Genossen lassen sich von magyarischen Polizisten peitschen, von „Kultus-Ministern aus der Universitåt jagen, sie lassen sich Schmarotzer und Eindringlinge, Verråter und Kettenhandler schimpfen, lassen sich sagen, sie hatten sich von der Front, gedrfickt, aber stolz rufen sie aus: Speit uns in’s Gesicht, wir géhdren doch euerer ritterlichen Nation an, wir sind Ungarn judischen Bekenntnisses. Kann man von solehen Leuten nicht sagen: Verstockt ist ihr Herz, verklebt ihr Auge, verstopft ihr Ohr? Und, wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Gleich, gleich hinter der antisemitischen Redeleistung des BildungsMinisters Haller, lesen wir einen Bericht unter dem Ti tel: „Neuerliche antisemitische Ausschreitungen an der Budapester Universitåt.** Die erwachten oder erwachenden Arpad-Junglinge insultieren die H5rer, die ihnen nicht gefållen. Die Einschreibungen miissen suspendiert werden. Was geniert dies Paul Sandor und Genossen? Sie blei ben magyarische Patrioten. Die ungeheuerlich sten Anklagen werden, wie der Herr Sandor selbst zugesteht, gegen die ungarische Judenschaft erhoben, und dieser naive Herr meint, dies erwachenae magyarische Geschlecht, den Minister und die ganze antisemitische Sippe durch die Kraft der Argumente wiederlegen zu konnen. Den Juden werden von edlen magyarischen Rittern die K6pfe eingeschlagen und diese jfidischen Charaktermenschen genen hin und kiissen die Hånd Esaus, die sie geschlagen, ffihlen sich stolz, nicht der jfidischen, sondern der magyarischen Nation anzugehbren. Man glaubt, ein Kapitel aus des beriichtigten Dfibring’s Buche: „Die Judenfrage als Ra^enfrage** zu lesen, wenn man von diesen Vorgången in dem gesegneten Paschalik Horthys liest, von dem Minister, der dem Libéralismus den Kopf zeriritt, der Regierung, welche die Prfigelstrafe einffihrt, den Studenten,* die Juden aus der Universitåt verjagen und — den Juden, die sich stolz zur magyarischen Nation bekennen, weil ihre Vater und GroBvåter in Magyarien geboren wurden, weil sit dort gearbeitet, weil sie # Nf. 41 dasr Recht auf die . _ die fetzt als Verråter, Schmarotzer un dringlinge, als Wucherer und zefchnet werden, Sokhejgllfe zeitfft genwart, in åét, WserØlØtikhe Ttattøn zu neuem Leben erwacht ilt, sofche Fffichte zeitigt sie hi dem klassischen Lande der vtfficht- Holsten Assimilation. Sandor und Genossen kiissen die Hånde derer, die sie verprfigelt, halten den Ministem Und ihfen Henkern die Steigbfigel. Sandor, der edle Magyare und Bekenner der judischen Religion. Und, er hat einen Oenossen, der ist, man hfire, ein Rabbiner, ein Prediger und heiBt, — Sandor hat, zum ewigett Gedåchtnisae, im besagten Artikel der „Neuen Freien Presse** uns Seinen Namen kundgetan, — er heiBt Leopold Ketskemety, ist auch Doktor, Seelenhirt in Nagyvarad und hat das unsterbliche Verdienst, jfingst sein dreiBigjåhriges Berufsjubilåum gefeiert zu haben. Was will man mehr? Nach Sandor ist er ein besonderes Beispiel „fur den tiefsinnigen Patriotismus der ungarischen Judenschaft**. Und nun laBt uns hdren, worin dieser „tiefsinnige Patriotismus** dé9 Herrn Leopold Ketskemety besteht. Als er sein Berufsjubilåum feierte, wohnten seiner Rede, die er aus diesem Anlasse hielt, auch die Praemonstratenser, Calvinisten und — Rumånen bei. Welch’ eine Ehre fur unser Judentum! Passiert dies einem National-Juden auch? Und in dieser Rede sagte der „im biblischen Geiste wirkende Seelsorger der Judenschaft** — wie er sich åls solehen selbst bezeichnet, an Bescheidenheit leidet er eben nicht, der Herr Seelsorger —, also der Herr Rabbiner sagte: „Es gibt eine jiidische Religion, aber keine jiidische Nation.** Wenn dies ein Paulus Sandor von sich gibt, so entschuldigen wir den Mann mit seiner Unkenntnis der judischen Geschichte und Literatur, sagt dies aber ein Rabbiner, ein Seelsorger, wie er sich stolz nennt, dann mochten wir ihm raten, umzustudieren und keine Reden vor Praemonstratensem, Calvinern und — Rumånen zu halten. Ob die Juden, die zufållig vielleicht auch in der Horerschaft sich befanden, bei diesen Worterudes Herrn Ketskemety picht lachten? Es wircfaoch dort ih Nagyvarad nicht lauter Sandors und Ketskemetys geben? Auf alle diese Fragen erhalten wir keine Antwort. Aber jubelnd erzåhlt Sandor, daB Ketskemety nach seiner Rede von den Praemonstratensem und Evangelisch „herzlich begrfiBt** wurde. Von den Juden horen wir nichts. Sie scheinen ihrem Seelsorger kein „Jejascher Koach** zugerufen zu haben. Denn mit der magyarischen Nationalitåt ihres Herrn Seelsorgers waren sie wohl nicht ganz einverstanden. Oder doch? Und was taten die Rumånen? Die nahmen die Sache schief. Sie geleiteten den magyarischen Patrioten jiidischer Konfession mit aufgepflanzten Bajonetten durch die StraBen von Nagyvarad und sperrten Se. Ehrwiirden ein. Er sitzt noch heute, das heiBt am 13. Oktober, an dem Tage, da Sandors Artikel in der „Neuen, Freivon t dem ne inauwe- * durch den High Cdffimiåiiottér £ir Herbert Samuel feierlich erdffnet. Die ErOffnungsfeier gab AnlaB zu einig^ ^bedeuttt^volkm Mdge- Sir HeiM Saoael wies hf æhwf Er- Odnungsanspracfte daråuf hin, daB der Ruf »Mjisunderei^d sthdneren Stådtoi hnmer irtper wird. HiÉfcert Samuel waf Mtet vor fil Kriege Miflud einea ^Comiteei, der røglischen K^lerung gemeinsam Parlament eingeseSt war und groBe bezpg auf die Vtfbesserung des Sti sens ins Wok séfeen wollte, als der Krfeg ausbrach. Nunmehr will Sir Samuel mit aller Energie dazu helfen, daB die Ideen der Stådtebaubewegung, wie die Prof. Geddes vertritt, in Palåstina verwirklicht werden.- „Wir erwarten eine starke Einwanderung nach Palåstina, sagte Samuel. Die Stådte werden wachsen. Es wird eine zentrale Stådtebaukommission von der Regierung einge9etzt werden, férner in den groBeren Stådten — Jerusalem, Jaffa, Haifa, Tioeriås — lokale Komitees gemeinsam mit den Munizipalbehorden und diese Kommissionen werden die Eiitvvicklung der Stådte beaufsichtigén. Heute isi Jerusalem das typische Beispiel einer schlechten Stadtanlage. Die néuén Stadtteile sind ganz planlos und zufållig entstanden. Das muB anders werden. Palåstina muB in einem Oeiste erneuert werden, der wiirdig seiner groBen Vergangenheit ist. Nicht ein fremder Stil .darf nach Palåstina eingeschleppt werden, denn auch die besten und erfolgreichsten Baustile Europas sind nicht wert, nach dem heiligen Lande verpflanzt zu werden. Der Geist des Landes Wird einen palåstinensischen Stiel schaffen.** Nach dem High-Commissioner sprach der Burgermeister von Jerusålem arabisch fiber das Zusammenwirken von Ost und West beim Neuaufbau Jerusalems. Dawid Yellin fibersetzte die Worte des Bfirgermeisters ins Hebråische und dankte fortfahrend, namens der jfidischeri Gemeinde von Jerusalem, Sir Herbert Samuel' fur sein Interesse am Aufbau Jerusalems, um den alle Juden tåglich beten. Zum SchluB sprach Ussischkin namens der zionsitischéh Organisation. Er betonte, daB die Berufung Prof. Geddes nach Jerusalem der Initiative der zionistischén Organisation zu verdånkeri ^sei; Vbf eiifigen Tagen am Jom Kippur håben 15 Millionen Juden darfiber im Gebet geklagt, daB alle Stådte bltihén, nur Jerusalem zerstort ist. Diesmal habé Sir Samuel, der Statthalter von Palåstina, mit seinen Brfidern zusammengebetet. Jetzt heiBt es vom Gebet zur Arbeit fibérzugehen. — Die Ausstellung bleibt durch 14 Tage geoffnet. en“ erschien. Wehmfitig klingt der Artikel in die Worte aus: „Er befindet sich noch in der Haft, weil er sein U n g a r t u m nicht verleugnen wollte.** Wir aber scHlieBen dieses lehrreiche Zeitbild aus Magyarien mit den Worten: Ein Jude, der aus Liebedienerei Fremden nachkriecht und seine jfidische Nation verleugnet, sich verprfigeln lånt und, als Rabbiner, auf der Kanzel den Prfigler rfihmt, hat kein besseres Geschick verdient. Das sei die Lehre fur Sandor und den Seelsorger Ketskemety und ihre Genossen. E i n J u d e. t . _ StSdtebauausstellung in Jerusalem. Jerusalem, M. Oktober. J. C. B. Prof. Parick Geddes, der békanntlich im vergangenen Winter in Jerusalem fiber Auftrag der zionistischen Organisation die Plane ffir den Bau der lebråisehen Universitåt auf dem Skopusberge entworfen, verbrachte den Sommer wiederum n Palåstina und hat jetzt in Jerusalem eine Stådtebauausstellung (Town plannings exhibition) zusammengesteUi Die Ausstellung ist in dem groBen Gwåude der Knabenschule untergebracht worden und wurde am 84. September Marcus Brann als pSdagogischar Geschichtsschreiber. Es gibt Menschen, deren Hingang uns den schmerzlichen Ausruf erpreBt: Hier ist eine Lficke entstanden. Und wir Juden empfinden das Klaffen einer solehen Lficke leidvoller, als andere Valker, denn nicht viele sind es, die sich mit ihrem ganzen Konnen und Wissen in den Dienst unseres Volkes stellen, welche die, namentlich in unseren Tagen, leider brodlose Wissenschaft des Judentums und ihre Verwertung zu Nutz und Frommen unserer so beleh« rungsbedfirftigen Jugend betreiben. * Zu diesen Månnem, die sich ganz dem Dienste unseres Volkes weihten, immer belehrend und unterrichtend, ehrlich und unverdrossen arbeitend und wirkend, gehfirte der nun auch dahingeschiedene Marcus Brann, fiber dessen Bedeutung als Geschichtsschreiber „ffir Schule u. Haus** wir an dieser Stelle einige Wprte sagen wdllen. Geschlechter wurden durch ihn in unsere groBe Vergangenheit eingeffibrt, 6eine Schulbficher, mit Herz und fiberquellender Begeisterung geschrieben, sind wabrhaft klassische Lese- und Lehrbficher. Nicht im trockenen Schulmeisterstile abgefaBt, das Wesen der euizelnen Abschnitte unserer vielgestaltigen Geschichte klar hervorhebend, volf kfinstlerischer Gestaltung, so sind uns diese Bficher die besten Wegweiser und Begleiter des Unter* richts in der jfidischen Geschichte, wåhrend der Jahre, da wir sie in der Schule. benfitzten, gewesen, und wir bragen nur einen -Tett der Dankesschuld des Lehrers ab, wenn wir tøre*