Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-10-14 · Heft 41 (14.10.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 41 (14.10.1920)
Date
1920-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
81% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622109--4532-2625842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 lÉll, berethtlgung ©flangen wprdeeund tenkte frtthdf iKher die Blicke aller National)uden aul eine annatrehende Heimståtte, auf Palåstina. Sofange dieae Konaentration aar Stårkung des nationalen Qedankens viellefcht notwendig war, mag eventueS Ihre sekteraeitige Berechtigung augegeben werden.ln tiner Zeit aber, in der die Orundlagen aur KotOflisatfon Palåstinas errfchtet sind, in efner Zeit, in der es sich heransstettt, dal Palåstina in nicher Zeit bestimmt nlcht einma! ein Zehntel aller inden Wird aufnehmen kdnnen, in einer Zeit, wo nttt Mflhe endfich die Juden als gleichberechtigte Nation in den metlten Stenten anerkannt sind, bedetnet es direkt eine Gefahr und einen Verrat am Gesamtinteresse der jiidischen Nation, dieser Theorie der Galuthverneinung nicht mit gentigender Schårfe entgegenzutreten. Ich will hier nur einige der Folgen dieses „famosen" Schlagwortes, das sehr an die gebrfiuchliche Terminologie nationaler Chauvinisten erinnert, kurz streifen: Nicht nur, daB dieses Schlagwort alle Assimilanten, die bereits die Unmdglichkeit der Assimilation erkannt haben und in der absoluten Galuthverneinung mit Recht Jiidischen Chauvinismus und die Richtigkeit der Assimilation erblicken, von der ztonistischen Bewegung abgestoBen hat und noch immer abstdBt, nicht nur, daB dieses Schlagwort eine gute Waffe fiir die „Juden hinaus" rufenden fremdnationalen Chauvinisten bildet, daB ein Jude, der nicht nach Palåstina auswandern kann oder nicht wlU —' die Uberwiegende Majoritet .kann Ja ttberhaupt nicht auswandern — trotz seiner jiidischnatiotialen Qeftihles nicht Fremdling in dem Lande, wo er lebt, werden will, selbst der Palfistinabewegung hat dieses Schlagwort furchtbaren Schaden zugefilgt. Eben diese Oaluthverneinung war es, die es Jahre hindnrch verhindert hat, daB man sich im zionistischen Lager mit den Fragen der Sozialpolitik genflgend beschåftigte, die ebenso die Diskussion iiber das Verhåltnis zu den anderen Volkern in der Diaspora und in Palåstina gehemmt hat — auch dort wlrd inan mit den Arabern einen gerechten nationalen Ausgleich treffen miissen, was man aber zwanzig Jahre vorher schon hatte wis'sen und sich darnach einrichten mussen — die es schliefllich mit sich gebracht hat, dafi man den Fragen der ethischen Erziehung zu modemen Kulturmenschen und Uberhaupt den Fragts der tøgenderziehung zu wenig Oewicht beigelegt hat usw. usw. Aus dieser Theorie resultiert die „schbne" Folgerung mit den „Wirts- und Qastv61keru“, wonach die Majoritåt Uberall die Minoritat unterdrtlkken dttrfe, die Juden mit Fug und Recht als Fremdlinge in der Diaspora behandelt werden diirfen, wofUr sie dann in ihrer Heimstatte vollståndige Gewalt iiber die anderen dort lebenden Minoritåten anzustreben hatten. Das heiBt, genauer ausgedrtickt: Damit ein Zehntel der Juden in Paiastina vielleicht Mtmm Vdumfutirø* ato tot Zeit uitumschrAakté Hemcbift lusitai ktnii, was bei den zahfcnmåBfgett Mactrtverhfiltnissen und bei der Stellung der europaischen Regierungen sehr problematiser war und ist, sollen nean Zehntel der Juden in dérglttsen Welt als Fretftélinge betrachtet und bedtlckt werden dilden. Das ist die konsequetite Folgerung der bisher noch nicht geniigend widerlcgten Oaluthverneinung. Es ist interessant und symptomatisch, daB nicht einmal Von allen jiidisch-sozialistischen Parteien dieser Auffassung vom nationateti Machtstaat energisch genug entgegengetreten wurde. Vom Standpunkts wahrer Demokratie wie , vom Standpunkte eines freien Sozialismus — wie es der marxistische Zwangs- und Staatssozialismus bestimmt nicht ist — muB Jeder moderne Kulturmensch, wenn er die Staatenbildung in letzter Zeit in Mitteleuropa genauer betrachtet, den Nationalstaat, wo er in Wirkiichkeit ein Nationalitåtenstaat ist und nationale Minoritåten unterdriickt, seine Berechtigung absprechen und einen Slaat bevorzugen, der es lediglich unternlmmt,' ein Rechts-, Kultur- und Wirtschaftsstaat, aber kein nationaler, konfesioneller oder Klassen-Zwangsstaat zu sein. Wir Juden, die wir in allen Staaten, einstweilen auch in Palåstina, als Minoritåt wohnen, miissen natilrlich fiir das Recht der jiidischen Minoritåten auf freie kulturelle und nationale und wirtschaftliche Entwicklung, fiir das Recht der Selbstverwaltung in den Oebieten, wo wir unserem Zalilenverhåltnis entsprechend nationale Autonomie verlangen konnen, eintreten. Durch die durcli den Weltkrieg hervorgerufene Zerspaltung grofler Wirtschaftsgebiete sind die Ju- .den nicht nur wirtschaftlich — ebenso wie die anderen V61ker — aufs schwerste gesehådigt, sie sind auch von einander getrennt und wegen ihrer Minderzahl in den einzelnen Staaten zur Ohnmacht verurteilt und daher dem nationalen Chauvinismus noch hlifloser ausgeliefert. Eine moderne jiidische Bewegung muB— wie es bei den modemen Kulturnationalen anderer Volker ebenfalls geschehen soilte — fiir den wirtschaftlichen' ZusammenschluB aufeinander angewiesener Staatsgebilde eintreten, sie muB die Rechte jeder bedriickten Nation verteidigen, sie muB vor allem die Vdlkerverståndigung auf ihre Fahne schreiben? d^an,\solange Deutscher u. Ceche, Pole und Ukrainer, Rumane und Magyare mit einander in Unfrieden leben werden, werden die Juden ais nationale Minderheit ebenfalls nie zur Ruhe kommen und die Intensitåt des jeweiligen Antisemitismus wlrd sich nach der ieweiligen Stårke des nationalen Kampfes richten, da ja der nationale Chauvinismus immer in den Rassenantisemitismus einmtindet und einmilnden muB. # # # durch’s Gebein unserem redlichen Gabben; denn da stand etwas anderes darauf auf allen den Tafeln, als wår’ verzaubert die Schrift wahrhaftig vom Teufel geworden. Und so sehr er die Brille auch putzt, es will sich’s nicht åndern, bis aus der Menge es vorlaut ertont: „Wie kommen denn plOtzlich diese Kimpetbriefel0) daher? Die bin ich anderen mechabetl"7) Und da fåilt es mit einem Male ihm wie Schuppen vom Auge; Sicher hat in der Eil’ er unlångst statt „Kimpetbriefel" grad' die Tafeln von Mosche rabbenu geschickt an die Tochter, die vor kurzem der Storch eben wieder ins Bein "mal gebissen. Weshalb rauBten an Grdfie und Form sie einander auch gleich sein?l Aber was solit' nun geschehen? Die Feier ganz fallen zu lassen, das war ja rein unmoglich und auch etwas ganz Unerbfirtes! Und wie Erleuchtung von oben Gberkommt es plotzlich den Gabben: Kdnnt nicht in diesen „Briefein" Ersatz fiir die Tafeln man finden? Sind doch beide hebråisch geschrieben, und beide Gebetel Und mit kurzem EntscbluB erklårt er, wenn auch mit Zdgern: „Da es doch stråfliche Sund’ ^år\ die Jahrzeit nicht zu begehen, rallsse aus dem, was zur Hånd, man beten ohne Bedenken." Und bevor noch jemand gewagt, einen Einwand zu machen, fing zu le&en er an und schneuzte sich doppelt vor Rilbrung, als all’ die Namen der Engel aus seiiiem Munde ertdnten, die sonst von Fenstem und Tilren herab die „Wochenstub" schQtzen, und dies alles zur Ehre der Jahrzeit von Mosche rabbenu. 1. Brauch. — 3. Stthnopier. — 3, Baehwelden. — 4. Moses, unser Lehrer. — 5. Gemeinde. — 6. Tafeln flire Wocheubett. — 7, Verebren. \yir sehen hier eine Menge von Fragen, die da der jiidischen Jugend auftauchen und auftauchen miissen, wenn sie den Gang der Weltgeschichte aufmerksam verfolgt und sich als Kulturmenschen mit den allgemeinen kulturpolitischen Problemenen beschåftigt. Alle der hier nur angeschnittenen Fragen bediirfen zur Ldsung und Beantwortung elner grflndlichen Diskussion. Wie notwendig diese endliche Aussprache, vollståndig frei von iedem Schlagwort, von iedem Fanatismus, ist, beweist ein Blick auf die furchtbare Zersplltterung der nationalfiihlenden Judenheit leider gerage jetzt, an einem historischen Wendeptmkte, wo grOflte Einigkeit zum Aufbau Palåstinas, zur Wahrung der Rechte in der Diaspora, zur wirtschaftlichen Selbsthilfe notwendig wfire. Um diese brennenden Fragen in ihrer Gesamthelt zur freien Aussprache und Diskussion, abseits von iedem Partelfanatismus und Dogmatismus zu bringen, um in diesen Fragen vor allem eine theoretische Klårung herbeizuftthren, hat sich in Wien die Vereinigung ^Jiidische Moderne" gebildet, in dem die auf moderner Grundlage stehenden national- und sozialfiihlenden Juden, besonder s aber die iUdischmoderne Jugend, zum Worte kommen sollen. Die „Jiidische Moderne" will die in iedem geistlg Jungen latenten åUmenschUchen, nationalen und sozialistischen Geftthle wecken und sie in ihre/ Gesamtbeit in Einklang bliden, sie will eine Harmonie zwischen Kulturnationalismus und freiem Kultursozialismus vertreten, sie will vor allem die Orundlagen einer Verståndigung der Juden als Volk mit den anderen Vdlkern feststellen. Sie will zelgen, daB Volkstuig mit Menschentum, Nationalismes mit Inter« nationtlismus vertinbar ist, daB das euuige Mitteiglied zwiscbeu Einzelindividuum und Oesaratmenschhelt die Nation ist und sein muB. : Fr. m . . z. Plenartitaiing des Z, 8. September n vom Anwesend: Thein, Adler, Dr. F. #eltsch, Insp. Sfbnitz-Prag, Dr. Federmann-Pilsen, Dr. Pick-Aussig, Feig-Gorkau, Dr. Herrmann-Måhr.-Ostrau, Finzi- Trappau, Dr. MeiBner-OImåtz. Gåste: Dr. Singer, Dr. Brod (J. N. R.), Dr. Margulies, Fréud (b6hm. Parteileitung), Dr. Resek (w. N.), Leo Herrmann, Landmann-London, BlumenfeU-Berlin. Tåtigkeitsbericht des E. K. Prag: Adler referiert tiber die Tfitigkeit des E. K. in der verfiosserten Periode. — . Das E. K. bcschåftigt sich in seinen Sitzungen mit der Frage der Palåstinafdderation D. Déutscii sowie der Anregung Kann, betreffend die Palåstina- Kommissionen. In beiden Fålien wurde eine zuwartende 1 laitimg eingenommen. In der Slovakei wurden vom Z. K. aus die Herren Dr. Reach und Epstein als Rodner entsendet. In Angelegenheit der Kletschanovoer Pogrome hat das Z. K. Schritte beim J. N. R. unternommen, welcher eine Untersuchungskommis» sion aniåBlich seiner Reise in die Slovakei dorthin zu beschloB. Die Reise dUrfté im Oktober . . Palåstinaamt: Die Hauptarbeit des Z. K. bestand in der Regelung der Palfistina-Emigration. Infolge der besonderen Verhåltnisse in Polen, Bolschewikengefahr und Militårflucht, hat sich Jetzt* ein groBer Zustrom von Fltichtlingen in die Cechoslovakei ergossen. Diese Emigration findet groBen Widerstand von Seiten der Regierung und der BevSlkerung, sodail ihnen die Polizei den Aufenthalt in unserem Staate verbot und sie nach Polen abschob, woselbst den Militfirfliichtlingon Todesstrafe wegen Desertion drohte. Viele dieser FlUchtlinge wandten sich zwecks Beschaffung von Påssen an die Palåstinaåmter; es ist jedoch selbstverståndlich, daB die Palåstinaåm-! ter, hier sehr streng \ orgehén miissen und ausschlieBlich Chaluzim Pfisse versorgen kdnnen, da ia die zionistische Organisation fiir diese Personen die Verantwortung trågt Und ilberdies durch ungeéignete Personen das Palåstinawerk aufs Hdchste gefåhrdet werden kann. Aber auch bei den-Chaluzim érgaben sich in der Paflversorgung mannigfache Schwierigkeiten. In neuester Zeit sei durch die Ånwesettheit sowie verschiedene Interventionen des General-Sekretårs der Londonner Leitung, Landmann, die 'Scbwierigkeit der Paflversorgung fast gånzlich aus dem Wege geråumt worden. Allerdings Ist die Situation durch die eingetretene Arbeitslosigkeit in Palåstina neuerdings sehr erschwert. Deshalb hatte das Z. K. Herrn Landmann angeregt, am 14. Oktober in Måhr.-Ostrau eine Besprechung mit allen Palåstinaåmtern der Cechoslovakei und der benachbarten Lånder abzuhalten, was Herr Landmann zusagte. Herr Landmann intervenlerte auch beim Minister Dr. BeneS zwecks Regelung der Fllichtlingsfrage und bereitet eine Intervention zur Unterbringung der Fltichtlinge in Låndern, wo Arbeitermangel herrscht, vor. Das Z. K. wird sich fiir die JZukunft ganz den Aufgaben des Aufbaues zur VerfQgung stellen, wåhrend die FiUchilingsfiirsorge einem neuen Komitee unter FQhrung des Joint obliegen wird. Nach diesem Referate iibernimmt Herr Adler das Pråsidium der Sitzung. Langer berichtet iiber die Ostslovakei und Karpathoruflland. In Karpathoruflland wurde die Abhaltung einer Vertrauensmånnertagung vorbereitet, deren Zusammentritt nach dem slovakischen Distriktstag erfolgen solite. Karpathoruflland birgt grofle MSgUchkeiteu fiir den Zlonismus und besonders fiir die Emigration nach Palåstina. Vorlåufig sei die zionistische Organisation dort sehr schwach. Sekr. Landmann, London, referiert tiber die Chaluzfrage. Die weite Entfernung der Londoner Leitung von den Låndern, in denen eine Chaluzfrage bestehe, håbe neben ihren Fehlenfden Vorteil einer weitschauenden Perspektive. Momentan seien in Palåstina 2000 Personen ohne Beschåftigung. Es darf daher kein jnittelloser nach Palåstina geschickt werden. Die britischen Konsulate haben das Recht auf Empfehlungen des Palåstinaamtes Wien zu erteilen oder ein laisser passer auszustellen. Diese Empfebtung mufi von einer bestimmten Person, welcbe durch die Londoner Leitung nominiert wird, vollzoges werden. Dies« Nominieryng der Londonner Leitung entsenden stattfinden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.