Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1920)
- Date
- 1920-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt a *.. HMiiim ii ■ »■M'.I. in inr—ii—iMi HjljlJl H| den Ssambattiøn fahrøn, und er wtrd dich m Térit ’ oder auf dem Gebirge Ararat tinden — dort wirdéf i sich vor dich hinstellen, dich begriifien und sagen: Kennen Sie mich nicht mehr? Ich schuldp Ihnen 100 Schilling* nnd jetzt bringe ich ilt limen mitsamt din' Zinsen. , Cinen solehen Englander glbt es in WirkMkelt nicht. Der wahre Englander ist ernst urid stiir geschåftig, er hat keine Zeit, dir nachzulaufeo, wenn du selbst detøeforderung, yergessen hasi Ef wird sich verpflichttn, dir 100 Schilling zu bestimmten Bedlngungen und an éhiéfn bestimmten Otte zu zafilen/ ^l dtt muBt danft an diesem l^ge erschelnen, ihm dén Schaldschein vorweisen und fordern, was dir zukommt. AuBerdem prflft er mit groBer Gen&uigkeit, ob der Schein nicht gelftlscht oder vordatiert oder ob sonst ein Irrtum unterlaufen ist. Wenn irgend ein Irrtum vorgekommen ist, wird er versuchen, den Schein fttr ungititig zu erklftren. Du muBt dann lordern, Zeugen und Beweise heranziehen, denn du bist zu ihm gekommen, um von ihm Geld zu fordem, und du mufit Beweise erbringen; Nur wenn du die Prflfung bestanden hast, erhfiltst du dein Geld. Sd handelt der Englander, besonder s, wenn der Wechsel ein politischer Vertrag ist. Politische Vertrflge sind nicht immer ganz klar und prazis abgefafit, so daB man sie verschieden auslegen kann, und ihre ErfQllung ist schWerer, als das Bezahlen eines Wechsels auf Geld, und ihre Folgen sind olt verwirklicht, und die Verantwortung ist unendlich schwer. Ist es also verwunderlich, wenn der Englander jedes Wort eines solehen Vertrages so auffaBt, Wife es ihm gefållt und nicht, wie.es dir gefållt? Besonders dann, wenn es sich um einen Ausdruck wie „nationales Heim" handelt, der noch keinen traditionellen Charakter und keinen bestimmten politischén Wert hat. AuBerdem: Warum soli man Jemandem eine politische Schuld bezahlen, der nicht zu fordern weiB? Was wird man mit seinen politischen Anspriichen tun, auch wenn man sie „beriicksichtigT'? Eine politische Forderung gleicht nicht einer Geldforderung. Auch ein Narr und ein Kranker weiB mit Geld umzugehen, aber politische Forderungen kann nur ein starker Mann oder ein starkes Volk stellen. Was fflr einen Sinn hat es, einem Schwåchling, einem Tråumer oder einem KompromiBler eine Selbstverwaltung, eine nationale Heimstatte oder gar eine Krone zu tibergeben, wenn man von vornherein weiB, dafi er da von keinen Gebrauch zu machen versteht? Man denke sich hinein in die Geschichte Englands,, man denke an die berilhmten Freiheitskåmpfe der englischen Kolonien, und man Wird auf Schritt und Tritt bemerken, da8‘ England seine politischén Schulden nur dem bezahlt, der sie mit Nachdruck zu fordern versteht ,und es hat damit recht. Fordern, fordern und nochmals fordern, bis auf den letben Pfennigl Wer diese Kunst nicht versteht, hat ke^ie Aussicht, gute Geschafte mit dem Englånder zu machen, weder in Geldangelegenheiten noch in politischén Beziehungen. Das weiB leder demobilisierte Soldat, der sich mit irgendeiner Forderung fflr mich und die Meinen Erwerb zu suchen, und fand ihn zuerst in der Redaktion von kleinen Blåttern, dann aber, von meinem achtzehnten Jahre an, beim „Pester Lloyd". Im Frflhling 1873 verlieB ich Budapest. Viele Jahre håbe ich in meinem jetzigen Wohnort, Paris, keine Berflhrung mit dem Judentum gehabt und das einzige Band, das mich noch mit meinen Brildern verkniipfte, war auBer meiner frommen Mutter, der „Jichus“ meiner Familie, auf den ich sehr stolz war und, ich bekenne es, geblieben bin. Erst das Anwachsen des Antisemitismus weckte in mir das Bewufltsein meiner Pflichten gegenilber meinem Volke und die Initiative fiel meinem teuren Freunde Herzl zu. zu dem ich in Paris in sehr nahe - Beziehungen trat. Er wies mir den Weg zur Erfflllung meiner Pflichten gegenflber meinem Volke. Ich hoffe von ganzer Seele, daB der Zionismus dem iUdlschen Volke seine Erldsung bringen wird. Mir hat er schon das Bewufltsein gegeben, daB mein Leben einen Zweck und einen Inhalt hat, und in dieser Zeit moralischer Schwåche und Anarchie ist das ein geniigend wertvoller Besitz, um lede Anstrengung zu lohnen und fflr alle Niedertracht bedenkenfreier Feinde zu entsehådigen. Paris* den 20. Juli 1909. .t jmaem tøucmtu*«* an Kriegsmfoisteriuffl in London weadet. Und dieses wtiBten auch — in politischer Hinsicht — die Australier und Kanadier, die England in der Stunde der Gefahr zu Hilfe eliten uttd dies wieder tun wer« den, wénn es ndtig sein wirA WeÉi ich diese Tatsachen feststelle, so will ich dån guten Ruf, den der Englånder ais Sportsman und Gentleman geniefit, nicht. leugnen odef abschwåchin. Diese seine Vofzåge erkenne ich voll an. Wollt Ihr wissen, wer sie nitiit anerkennt? Alle die« lenlgen, die sagen: Es ist nicht schon, zu fordern, iafit ihn, er årgert sich — alle diese sehen nicht die Vorzflge des „Gentleman". Der Englander zttrnt nicht, wenn man das, was einem zukommt, mit Nachdruck fordert, und gerade daran erkennt man, daB er wirklich ein Gentleman ist. Der Englander ist nicht kleinlich, engherzig oder rachsiichtig. Er wird versuchen, den Vertrag zu seinen und nicht zu deinen Gunsten auszulegen; er wird sehr lange mit dir rechten und wird dich ntit einer Arbeit ermuden, die der des Sysiphns gleicht, der verurteilt war, einen Stein einen Berg hinaufzuwaizen. Aber wenn du dein Recht bis zum letzten forderst und ihn restlos flberzeugst, dann — aber auch nur dann — zeigt er dir die wahre GrtiBe seiner Seele, denn er hauft nicht in seinem Herzen kleinlichen Zorn dariiber, daB er „uhterlegen" ist; im Gegenteil, — er wird sagen: „All right", wird dich einladen, ein Glas Whisky mit Soda mit ihm zu trinken zum Zeichen des Friedens und der BrflderlichKeit, und wird dich als lieben Freurid ansehen. So, nur so wirst du erkennen, daB er ein wahrér Sportsman ist — ein Sportsman, der den Mann, der ihn im Boxkampf oder FuBballspiel besiegte, ehrt, wenn er nur alle Spielregeln beobachtet hat: wie gesagt: Play the game. Den Ausdruck „play the game" kennen wir auswendig, aber auch ihn haben wir nicht verstanden. Wir dachten, daB diese Regel den Englånder, der einwilligte, mit uns ein historisches FuBballspiel zu spielen, vefpflichtet zu straucheln, wenn wir straucheln. Das ist Unsinn. Die Ueberzeugung und Erklårung dieses Ausdruckes ist: Beachte die Spielregeln. Und die erste dieser Regeln lautet: Schlage den Ball ab, urid zwar mit Kraft und ohne das Ziel zu verfehlen. Wenn du statt dessen zogerst und Komplimente machst, das groBe Britannien, das Land der Gerechtigkeit, preist und glaubst, es wird dir ebenso begegnen, so irrst du. Im Gegenteil: es wird das Spiél fortsetzen und dich schlagen, und wenn du auch darin weinst und klagst, so wird er dich nicht trOsten, sbndern wird dir eine Lehre får die Zukunft geben: „Kicki" ~ Das was fflr die Englåndér gilt, trlfff auch fflr die in‘England lebenden und erzogenen Juden zu; auch sie haben den Footballgeist von ihrer Jugend an in sich aufgenommen; auch sié lassen nur gelten, wer zu iiKicken" versteht und verachten den Schlemihl; auch sie haben in sichdie gesunde Atmosphfire der Insel aufgenommen, die diese groBe Lehre beherrscht: das Recht gehort nur dem, der es fordert. „J. RJ‘ Die Soziallslerung des Rabbinerstandes.*) Von Dr. J. E i s e n b e r g. DobfIS-Prag. IL Der Wunderrabbi Lewi Jizchak aus Berditschev, auch diese von seinen Verehrern ihm zugeschriebene Anekdote mdge die nachfolgende Betrachtung einléiten, pflegte in eigener Person das sog. Selichothklopfen zu besorgen. Er konnte sich nåmlich nicht entschlieBen, dieses untergeordnete Amt dem Gemeindediener anzuvertrauen, der es vielleicht nur halb durcbgefflhrt båtte. Der Rabbi weckte aber von Haus zu Haus, sowohl bei Juden als auch Nichtiuden. Am Vorabend des Versflhnungsfestes verrichtete er das Gebet: „O Herr der Welt, meine Gemeinde verdient es wirklich, daB Du ihr ein gesegnetes Jahr spendestl Ich riet Juden und Nichtiuden zu den Vorta^sgebeten auf. Letztere aber, die den Ertrag ihrer Felder unter Dach und Fach setzen, kamen nicht, wohl aber unsere Glaubensgenossen, die Deinen Segen fflrs kommende Jahr erst erflehen miissen. Gewåhre ihnen Deine Oflte und Milde." Eine Reihe von *) Vgl. Nr. 5 (Juli) der Monatsschrift „Véstnik- Mitteihmgen der ittd. Beamtenorganisation", Nr. 24 der „Jfld. Volksstimme" und Nr. 20 der ,^Ugem. Zeitschrlft der Judenheit", Berlin, Nr. 40. Fragen und Klagen richtet der erste Teil dieses Aufsatzes ån dfe Leitungen unserer Kultusgemeinden, sowie auch an die eitizelnen Berufsgenossen. Sie bezwecken, daf2utnit,. daB nur eine Vertesellschaftiichung^ des jUdischen Beamtenstandes b e i d e n T e i 1 e n in der se harten Nachkriegszeit Halt und Sltttze gewåhren nfid ihre Zukunft sicherstellen kdnnte. Die Erwaftttng, daB b e 1 d e T e i 1 e die vorgeschlagenen Mittel und Wege als zweckdieniich fladen wflrden, verursachfe die Abfassung des Aufsatzes, Eine ganze Reihe von Zuschriften, die aber nur Berufs- und Leidensgenossen, welche die drlikkenden Verhåltnisse besonders schwer tragen, richteten, bezeugen, daB eine Umgestaltung des herrschenden Systems unbedingt notwendig sei. Es sind Dokumente des Elends, schwerwiegende Anklagen gegon die traurigen Zustånde in unseren Kultusgemeinden. Aus Bahmen und Måhren erklfiren Koliegen ihre „Zustimmung zur Verwirk« lichung der praktischen' Gedanken und Vorschlåg e", welche die „S o z i a 1 i s i erung des Rabbinerstandes" zur Voraussetzung hat und sagen* Dank fflr die vortrefil ich en Worte und Antråge, die der Aufsatz enthålt. Einer derselben f i n d e t die angegebenen Mittel und Wege fiir r i c h t i g und lehnt nur den Streik, als eines Rabbiners unwttrdig, ab. Damit stimmt auch besagter Aufsatz iiberein, der einen eventuelle« Streik a limine ausschlieflt. Andere Zuschriften fiigen noch hinzu, daB die im Aufsatz vorgebrachten Beschwerden und Wflnsche ihnen aus der Seele gesprochen seien und daB sie gerne ihre Mitarbeit leihen wollen, um die Vorschlåge in die Tat umzusetzen. Nur eine Cechische Zuschrift urteilt sehr pessimistisch und behauptet, in Oesterreich sei der Rabbiner ein notwendiges Uebel gewesen, die Republik håbe ihn aber vollståndig flberflflssig gemacht. Das Judentum gehe nåmlich der Auflosung entgegen und eine eventuelle Sozialisierupg des Rabbinerstandes wflrde diesen ProzeB nur beschleunigen. Also, daB die Gemeindebeamten darben, kann dem Judentum nicht schådlich wer den, wohl aber eine Aktion zur Festigung ihrer Lage?! Difficile est, satiram non scribere! Ist es nicht herzzerreifiend, wenn ein talmudisch gebildeter, graduierter Landrabbiner klagt, man mflsse den geringsten Arbeiter beneiden oder wenn ein anderer in seiner Erbitterung sogar den Tag verflucht, an welchem er sich fflr diesen Beruf entschieden hat? Freilich sind man* che Koliegen mit ihren MeiriringsåuBerungen noch im. Rflckstande^ was wohl als Saumseiigkelt oder Nachlåssigkeit ausgelegt werden mflsse. Oder haben dieienigen Recht, welche behaupten, daB die Kcptgånger der Protektion oder NutznieBer der Anarchie diese Bewegung zu obstruieren Grund hatten? Doch soliten auch d i e s e bedenken, daB vielleicht schon die nåhe Zukunft Stflrme und Gefahren entfesseln konnten, welche auch ihre scheinbare Sicherheit erschflttefn 'wflrden. Symptome sind genug hleffir vorhanden! Vestigia ter rent! Nur die ålteren Seelsorger, die von der Gesellschaft nichts mehr erhoffen und ihr auch nichts mehr zu bringen vermflgen, kdnnen wohl ruhiger in die Zukunft schaUen. Diese halten sich deshalb auch von leder Aktion im Interesse des Standes fern. So erklårte einmal ein Seelsorger, der das 80. Lebensjahr schon långst flberschritten hatte, und sein Amt, wenn auch mitteis Vertreters, noch immer „V e r s i e h t", er schlieBe sich kelner Organisation mehr an, da er so wie so nicht mehr lange zu leben håbe. Da wu'rde ihm allerdings geantwortet, er erinnere an jenen Rabbiner aus Galizien. welcher einen zum Tode verurtetiten Glaubensgenossen zur Richtståtte begleitete. Es war ein heifler Sommertag und der Weg ftthrte tiber Berge und Tåler. Beide wischten sich wiederholt den SchweiB von der Stirne. Da sprach der Rabbi: „Ja ia, R. Jfld, Sie sind besser daran als ich, denn S i e haben nur den e in e n Weg vor sich, d a h i n, wåhrend ich noch den Rflckweg in dieser mflrderischen Hitze zu machen håbe!" - Es ist freilich zu verurteilen, daB dielenigen, welche sich scheinbar sicher w&hnen, den Bestrebungen der anderen fern steben. Und diese Uneinigkeit in den Reihen der géistigen Ftthrer der Gemeinden wird von letzteren weidlich ausgenfitzt. So drohten manche, sie wflrden die Gotteshftuser sperren und die Religionsdiener arifs Pflaster setzen, wpnn letztere Ihre Forderungen nicht zurttckziehen wflrden. Freilich darf diese Drohung nieht ernst genommen werden. da unsere Gemeinden nicht einmal auf nebensftcblicbe Einrtcbtungeo verzichten tnbcli-