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Jüdische Volksstimme · 1920-10-07 · Heft 40 (7.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 40 (7.10.1920)
Date
1920-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bezugspr eiset halbjihrig.Kø 21.— 4** /stut %; - Vj * *7 Redaktion n. Administration: Brilnn. Krapfsng. 19. ganzifihrig 40.— Deutschøsterreich . . , . . Kronen 80.— Dentschland, ganzifihrig .... Mark 35.— Inserate: der einspnftig« MiOfneterrautn Kø —'40. Unverlaatte redaktionelle Beitråfe werden nicht honoriert Manaskrlpten itt Rflckporto belcnfOgen. ^mmmmmmmmmmmamÉÉmammmstaaamåiå Jahrganø XXI. Brilnn, Nummer 40. aaaaaBBMi. mmit ■■ i,■ ■■■« m.t.v i.n ■■'■'■h.i. i , ■■iini.iia.ii - wSsssåsssMmmmKmmmÉMmmmmmtsaKsaesmamBsmaasamBBaså^am Internationalismus und Antisemitismus. Von. Siegmund Ur ab in. Wenn die Problemet der Psychologie von einem — wenn auch gebifdeten —- Laienpublikum beurteilt werden, so hørt man als eine der h&ufigsten Berner kungen die, daB die Charakterpsychologie des Weibes voilig tmerkl&rllch und unbegreiflich sei. Alle diejfCnigen aber, die dies behauptén, zeigen hiemit nur, wie Wenig sie vbn wahrer Psychologie verstehen. Denn der Charakter des Wéibes ist filr den Kenner das mathematisch genaiie Produkt, aller einwirkendé/i biologischeii, soziologischen und anthropoldgischen Faktoren, deren Kenntnis sifch allerdings einem welteren Publikum entzieht. In eben diesen Fehier, der ddrin besteht, daB man eihen oder mehrere der treibendem Faktoren fibersipht, und dann findet, daB das Produkt nicht stimme, .verfalien auch heute unsere mehr oder minder tiefisinhigen Erkldrer . des Antisemitismuses, die behauptén, daB derselbe auf mittelalterliche Vorurt«ié ■ zu^fiBk^uftihreii sei,; -,«er* -Sie>alle habsh trot25 efnes Schéines, von,JRichtigkéit unreoht. Denn der Antisemitismus ist nicht allein ein Hexen- oder AmmenmSrchen, oder ein Problem, der Wirtschaftspolitik. Der Antisemitismus ist das Resultat einer Menge von treibenden . Kråften, und wer diese alle nicht erkannt .und erfaBt hat, kann das wahre Wesen des Antisemitismus nie richtig beurteilen* Zu dieser Gruppe gehoren auch jene schwårme* rischen Phantastem die sich die Lbsung der Judénfrage durch die Revolutionierung der heutigen Wirtschaftsordnung versprechen, die erwarten, daB der Antisemitismus mit der- InternationaHsierung der Welt begraben werde. Zwar kann eine Verwirklichung der marxistischen Idee wirtschaftliche Ursachen ausschalten, die den Antisemitismus førdern, eine gesunde Volksaufklfirung Ammenmfirchen zu Boden sehlagen. Alle [ene aber, die glauben, daB damit der Antisemitismus begraben, und das Zeitalter der internationalen, weltumfassenden Menschenliebe angebrochen wfire, habén ihre Rechnung ohne die bedeutendste der einwirkertden Kråfte gemacht, lassen das unerbittliche Naturgesetz der Xenophobie auBer Acht. Unter Xenophobie versteht man die Abneigung eines jeden Lebewesens gegen alles Andersartige, eine Eigenschaft, die sich selbst in der Tierwelt deutlich bemerkbar macht,, und iiber die ntfr die grøBten Geister der Menschheit erhaben sind. Und solange Juden mit ihren eigenen Merkmalen unter der Vdlkern leben, wird-diese Kraft nicht aufhoren, st.orend auf. ihr Verhåltnis zu einander zu wirken. Und so wird man denn in den Tagen der Revolutionierung der herrschenden Wirtschaftsordnung, die friiher oder spåter kommen muB, sich eine alte Tra podie wiederholen sehen, die TragSdie des Judentums aus der Zeit, ,der J udenemanzipation. Denn ibensowenig, wte zu jener Zeij, da; dieOhettomauern ensSén^lh'Rahmert 'dés Staafe^ geééhil^i: srhrdéT werdep. si<?h die Hoffnungen vertrauensseeliger Juden erfiillen. Und sowenig wie damals das Zeitalter der wahren Gleichberechtigung angebrochen ist, wird diese in der Aera des weltumfassenden Internationalismuses durchdringen kdnnen. Denn wie sich die wahre Gleichberechtigung im nationalen Staatsburgertum niemals dekretiren lieB, und immer nur papierenes Gesetz geblieben ist, wird sich auch die restloSe Gleichberechtigung niemals durch das Dekret der Machthaber einer neuen Wieltordnimg; im internationalen, proletarisierten Weltbiirgertum einfiihren lassen. So sehen wir denn, daB der Glaube an die Løsung der Judenfrage durch die weltproletarische Bewegung, nur die leere, unerfUllbare Hoffnung sohWfirmeriScher Traumer, ein" Phåntorti unwissender lgndranten ist. Fttr die Løsung der judenfrage glbt es nacb wie vor nur eine Møgllchkelt: Die Schaffung etnøs iiidlschhatlonalen Zéntrums In Pa- Ifistfna* In dem die schmerzlichen Ehiwirkungen der Xeriophobie auf das Juden! um ausgeschaltet seln werden; denn erst ddrt werden wir reif sei uris an der InternationaHsierung der Welt zu beteiligen, wéil auch das Judentum nicht die eirizelnén Stufen dér Weltentwicklung ttberspringeri kann, und so wird auch die iiidische Entwicklung dieselbe sein nissen, wie die der ganzen Welt: Ueber das Stadium des Nationalismuses zum Internationalismus I „FootballgeisF*. Von W. Jabo ti nsky, Die Englander sind in gewfssem Sinne ein sehr braves Volk. Und gerade in dem' Sittnei der rør uns von hoher Bedeutung ist, gibt és kéin besséres. Aber man muB sie verstehén. Alle Uebel, die séit Allenys Ankunft Uber uns gekommen sind, efgaben sich y^rstande.n; ‘ Wir scifkfenin unserér ÉÉmfaurrg Bild de& Englånders, das aus’dem Zauber sehier Siege und aus Schlagworten, wie Sportsman und Gentleman, zusammengesetzt war, de ren eigentlichen Sinn wir nicht kannten. - .Diese in unserer Phantasie gebildete Vorsl^llung von dem Wesen des Englanders kann man fthgendermaBen charakterisieren: Wenn du von ihm elneu Wechsel auf 100 Schilling bekommeh hast und déren vergessen hast, und in die weite Welt gefahren bist,?o wird er dir — als Sportsman und Gentleman — bis ans Ende der Erde nachlaufep, er wird Aber FEUILLETON. Msine Sslbstbiographie.*) Von Max Nor dau. Ich bin in Pestdamals gab es noch kein Buda- Pest'~ am 29. Juli 1849 mitten in dem Durchetnandeir des in den letzten'Zttgen liegend.en ungarischep Fréiheifskampfes geborén. Drei Monate vor meiner Geburt muBten itieine Eltern aus ihref Wohnung in Pest fliehen und in einer Art Bauernhutte Zuflucht suchen. Sie retteten sich vor den Bomben der Qfner Festung, die Pest beschoB, nach dem Stadtw&ldchen, wo sie ganz schutzlos zwei schreckensvolle NAchtC verbrachten. Meine Mutter war damals von der Gefahr bedroht, daB ihre Schwangerschaft zu einém vorzeltigen Ende gelangen wurde. So fehlte wenig und ich Vurde ein Opfer der politischen Ereignisse. Das Søhicksal wollte es aber anders. Es mochte mir die Priifungen und VerantwortHchkeiten des Lebens nicht ersparen. Meine Mutter, die ich am 2. Jiinner 1900 in ihrem' 88. Lébenbiahre vérlor und die auf denr Patiser Friedhof Montparnasse begraben liegt, war eine geborene Nelkin aus Riga. Mein Vater, More Morenu #) Aus „JEine Oartenstadt fttr PalSstina'4, Festgab« zum 70. Geburtstag von Max Nordau. 1920. Jiidischcr Verlag, Barlin. Haraw Rabbi Gabriel Ben Oser 'Ben Simcha Ben Mosche Ben Jossef Siidfeld — den Namen Nordau flihre ich gesetzlich seit dem 11. April 1874 — ist 1799 in Krotoschin, im GroBherzogtum Posen, geboren und 1872 inBudapest gestor ben. Mein Vater war Rabbiner. Sein Diplom hatte er. von den groBen Rabbinern „Chawath Daath“ und Rabbi Akiba Eger, érhalten, er tibte aber sein Rabbineramt. nicht aus. Vielmehr hatte er sich vorgesetzt, seinen Lebensunterhalt als Lehrer zu verdienen. So wurde er Erzieher im Hause des Prager Rabbiners R. Rappaport, alsdann beim PreBburger Rabbiner Rabbi Mosche Sofer und von dort kam er zur sFamilie Fischhof in Alt-Ofen. Der Østerreichische Politiker Dr. AdoH fischhof war durch sechs Jahresein Schuler. Mein Vater war ein streng religifiser Jude uiid von seinem liebrdischen und talmudischen Wissen legen seine Blicher in hetirdischer Sprache, Prosa und Versé, Zeugnis ab. Er selbst gab mir den ersten hebråischen Unterricht und ich war noch nicht neun Jahre alt, als er mit mir den Pentateuclr zum erstenmal duréh^ genommen Hatte. Zu Hause nannte er midt Simcha und den Vornamen Max wendete man nur in Gegen* wart von Fremden an. Mein Vater war elti typischer Maskil (Aufgekldrter), persønlich duréh und durch erfiillt vom Schuiohan. Arucb. wenugisich Wrdts roit einem Einschlag von MOdernisrtms und vøll Begei* sterung fttr die bertthmte „Mission des Judentums“, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts den verødeten PUtz des iQdischen VolksbewuBtseins elnzunehmen begann. Das Ergebnis war, daB seinen Schiilern, obwohl er ihnen die hebrdische Sprache beibrachte, das iiidische Nationalgeftihl fremd geblieben ist. Einige der Fischhofs wurden zu Muster-Assimilanten, apdere tauften sich, und ich selbst machte eine Assirpilationsphase durch, aus der ich mich nur mit grover Mtihe und sittlicher. Anstrengung herausgearbeitet håbe; In Pest besuchte ich zuerst die Iiidische Normalsphule, dann kam ich in das katholisché Staatsgymn^sium. und von der fflnften Klasse an in das kalvinistische Gymnasium, wo* ich die ReiféprUfung bestand. In beiden Gymnasien waren einige meiner ijehrer getaufte Juden. Ich erinnere mich noch, welchen Ekel die AbtrUnnigen durch ihre Frechheit, ihren upgartschen Chauvlnismus und ihren Antisemitismus in mir erregten. In meiner Gymnasialzeit erhlelt ich Unterricht im Talmud durch einen rlihrend bescheidenen Gelehrten, Herrn Freudenberg, und von Herrn Mannheimer einen grtindlich assimilatorischen „israel|tischenM Olaubensunterricht, der im Auswendiglernén eines vom GroBherzoglich Badischen Konsistorium approbierten „Katechismus der mosaischen Re- Ugion“ bestand. Der Religionsunterricht war rør alle meine Kameraden ebenso wie fttr mich eine Stunde dds Spottes und des Gelfichters, des Unbehagens und vjiderwillens, doch hatten wir fttr Herrn Mannheimer Achtung und Wttrdigung. Als ich auf die Universitet kam und dort meinen medizinischen Studien oblag, muBte ich anfangen, Øjp* Soeben erschienen: ^|Rl „Hickls judischer Volkskalender“.

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