Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-09-30 · Heft 39 (30.9.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 39 (30.9.1920)
Date
1920-09-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622107--4514-2625822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

»jouncn vounsTMMe* Nr. 39. M*a, itori nt dl^itttditffl i oder wie dit Wiener sateAi Oeschmåcker und Ohrfeigen sind verschiedeft. Wir selbstbewuBten Juden erfilllen unsere Pflieht, wenn wir die jiidische Liste Robert Stricker unterstfit2en und ohne Riicksicht auf die Chancen alle unsere Parteifreunde In der Cechosletafcei be« wegen, Ihren Verwandten und Bekannten tu Oesver« retch drfngllcftst ans Her* legen får diest Liste un« erschrocken einzutreten. Dar Primat das UnbawuBtan. Frei nøch Landtagsabgeordnetem Rabb. Dr. O. Thon, Krakau. — Aus dem Hebråischen iibertragen von Bernhard Zupttfk. Eine alte Streitfrage will unter den Geschichtsphilpsophen nicht zur Ruhe kommen: Was ist das Bestimmende der menschlichen Handlungen. Die Geschichtsphilosophen teilen sich bei Beantwortung dieser Frage in zwei Lager: in vernunftmåBige und geftthlsmåfiige Erklårer der histori« schen Tatsachen. Die ersteren wolien Alles von der Vernunft ableiten, indem sie dem Intellekt die fiihrende Rolle im Weltgeschehen beimessen. Wenn wir aber trotzdem håufig beobachten, daB die Weltbegebenheiten eher den Stempel der Unvernunft als den der Verniinftigkeit tragen, so hat dies weiter nichts auf sich, indem solches nur der Unzulånglichkeit des zu Fehlgriffen aller Art hinneigenden menschlichen Intellekts zuzuschreiben ist und dessen Kurzsichtigkeit, derzufolge er nicht in der Lage ist, den gar zu komplizierten Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen im voraus zu Uberblicken. Der vom Intellekt beratene Mensch irrt deshalb oft in den Mitteln und oft in den Methoden, nichtsdestoweniger aber ziehen die Menschen letzten Éndes doch nur die Vernunft bei allen ihren Entschliefiungen zurate und handeln nach ihrem Diktat, obgl'eich sie im Sinne des Spruches: „Errare humanum est“ auf Entgleisungen innerhalb der Fehlergrenzen menschlicher Berechnung und Voraussicht gefaBt sein miissen.Zugegeben die Berechtigung des von einem bekannten verschlagenen Politiker (Taillerand) herriihrenden Ausspruchs: „Es ist unglaublich, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird." Aber immerhin Verstand — wenn auch wenig Verstand — ist dabei, und von Verstandesoperationen nimmt Alles seinen Ausgang. Der Verstand regiert. D^eser Auffassung steht die andere gegeniiber. Nach dieser soli es helBen: Nicht der Verstand, sondern das Oefilhl, die Leidenschaft regiert, dies sind die Urfaktoren, die Treibkråfte, die die welthistorischen Prozesse zur Auswirkung und Reife bringen. Nicht die bedachtsame, ruhig und leidenschaftslos reflekterende Vernunft zeichnet der Menschheit die von ihr zu beschreitenden Bahnen vor, nicht von dieser holen sich Individuen und Kollektiviteten die Richtlinien ihres Handelns, sondern von Gefiihlen, Empfindungen und Trieben. Nun entbehrt letztere Ansicht keineswegs ihrer in der Erfahrung gegebenen, unleugbar triftigen Begriindung. Sie vermag auf viele groBe, folgenschwere Begebenheiten in der Geschichte hinzuweisen, Begebenheiten, die die Zertrilmmerung ganzer Welten im Gefolge hatten, welche Begebenheiten in keinem Falle in der Vernunft ihren Anfang nahmen, ia ihrem Wesen und Charakter nach aus der Vernunft iiberhaupt nicht entspringen konnten. Sehr håufig kann man eine Art Psychose, vulgo Massenwahnsinn, wahrnehmen, die weite Bevblkerungskreise erfaBt und sie notigt, Dinge zu begehen, so seltsam, so erschreckend grauenhaft, von denen sie gewiB Abstand nehmen wilrden, wenn sie — wenn auch nur fiir die Dauer eines Momentes — ihre Besonnenheit wiedergewinnen kbnnten. Wir alle erinnern uns des allgemeinen furchtbaren Wahnsinnsfiebers, das vor sechs Jahren ausbrach, wie fast die ganze Menschheit von Schtittelfrost und Kråmpfen gepackt wurde. Wurde damals die Vernunft nicht ganz zum Schweigen gebracht? Wurde selbe nicht von ledem EinfluB auf den Gang der Ereignisse total ausgeschaltet? Fast jedesmal, wann derartige Wabnsinnsausbriiche die Welt heimsuchen, der Herzen der Menschen sich bemåchtigen und dieselben in elnen unbåndigen Rausch versetzen, ist es unmdglich, deren Ursprung aufzudecken. Nur Eines wissen wir mit Bestimmtheit: In der fiberlegenden, nach reiflicher Prflfung ihre Urteile fållenden Vernunft ist dieser Ursprung nicht zu sucheti. Solcherweise mtissen wir nun zu dem Schlusse gelangen, daB elgentlich nur das Oefilhl das prådo« minierende Element im Oetriebe der Menschheltsge« schtehte darstellt. Es fragt skh nun: Was fiir ein GefBItl? Antwort: Es ist dies dasjenige Oefilhl, das im Laufe der Zeiten zu einem Instinkie verdichtet, unter die BewuBtseinsschwelle gedrungen ist und von da aus seine geheimnisvolle Wirkung SuBert. Die StSfkc dieses Instinktes liegt darin, daB er gleichsam als blinde, elementåre Naturgewalt in die Ersfeheinung tritt. Die unter der Herrschaft von Instinktet* stehenden Gemiiter entbehren, sobald sie in leidenschaftliche Erregung versetzt werden, iedes ordnenden oder zumindest bremsenden Prinzipes, das imstande wåre, die hochgehenden, wild brandenden, alle Dåmme niederreiflenden Wogen in ein rnhiges Bett zu leiten, oder gar irgendwelchem vernfinftigen Zwecke dienstbar zu machen. Volksinstinkte haben ihre Entstehungsgeschichte, auch sind bei ihrer Geburt Verstand und Bewufltsein siclierlich Pate gestanden. Aber durch langanhaitendes Vorherrschen wandelt sich Gefiihl und Gedanke sukzessive in ein derart triebhaftcs, dunkles Agens, das ohne unser Wissen und Wolien, ja oftmals gegen unser eigenes besseres Wissen und zielbewuBtes Wolien seinen autonomen Funktionen obliegt. Solch ein blinder, dem Ziigel der Vernunft spottender Instinkt ist auch der in so manchen Låndern und Zeiten wild grassierende JudenhaB, oder — wie man solehen seit letzteens zu nennen beliebt — der zoologische Antisemitismus: Dieser HaB hålt sich von allen Vernunfterwågungen wohlweislich ferne und hat mit den normallogischen Denkprozessen nichts gemein, er wurzelt im UnbewuBten. Daher ist er auch gefeit gegen jede wie immer geartete Argumentation, und konnen ihm wissenschaftliche Doktrinen und Forschungsergebnisse nichts anhaben. Es ist verlorene Miihe, mit dem Antisemiten zu rechten und ihm ad oculos zu demonstrieren, daB diese oder jene Anklagen gegen das jiidische Volk ganz aus der Luft gegriffen, daB diese oder jene Anschuldigungen zumindest nicht zureichend erhårtet, und andere hinwiederum arg iibertrieben sind. Ihr moget die schlagendsten Argumente ins Treffen fuhren, er laBt sich durch nichts beirren, sie prallen an ihm wirkungslos ab. Oftmals stehen wir ganz perplex, ganz wie versteinert vor den schrecklichen und wahmvitzigen Beschuldigungen, mit denen man uns von gewissen Seiten iiberhåuft. Wir wissen es ja am besten, wir wissen es leider.allzugut, daB nicht einmal ein Fiinkchen Wahrheit in diesen Dingen enthalten ist. Wir stehen verdutzt und begreifen nicht die Anklager, es will uns scheinen, daB es bei diesen einfach im Oberstiibchen nicht richtig ist. Wo in aller Welt, fragen wir, ist doch der Verstand dieser Leute hingeraten? Solite ja doch eine kurze Ueberlegung hinreichen, um sich von der Haltlosigkeit, ja von der plumpen Absurditat dieser Behauptungen zu iiberzeugen. Leider aber ist dies eben das punetum saliens, dieseri Leuten ist jede Besinnungsfåhigkeit abhanden gekommen, indem sie dem Instinkte absolute und unumschrånkte Gewalt iiber sich einråumten. Es liegt fiir uns ein Ungliick, eine tiefe Lebenstragik in dem Umstand, dafi uns gegeniiber stets nur dieser nackte urmenschliche Instinkt hervorgekehrt wird. Aus dem Arsenale des finstersten Mittelalters holt man die Waffen zu unserer Bekampfung und leitet man die blindwiitigste, Kxitikloseste Gehåssigkeit durch alle gangbaren Kanåle, um so die Brunnen der fiffentlichen Meinung in Anbetracht unser zu vergiften. Zwar sind solche Instinkte auch nicht von Ewigkeitsdauer und vom allgemeinen Gesetze des Entstehens und Vergehens ausgenommen. Auch diesen wird einmal das Sterbeglocklein gelåutet werden, einmal, nach einer Zeit. Nur vollzieht sich dieser ProzeB doch ein wenig zu langsam, und wird es immerhin noch Generationen geben, die nicht in der Lage sein werden, die ererbten Voreingenommenheiten abzustreifen. Zwar sahen wir zuweilen im Laufe unserer langen Wanderung im Exile solche „Wunder“, daB namlich hie und da neue Menschen und neue Lehren auftauchten, denen es durch vieljahrige angestrengte und gefahrvolle Arbeit schlieBlich gelang, die destruktiven Instinkte in der menschlichen Gesellschaft zu entwurzeln und an deren Stelle edle Humanitat und liberale Gesinnung zu verbreiten. In Gemeinschaften, die bereits zu klar em Verstehen und Reife des Urteils erwacht waren, war solche Aufkiarungsarbeit immerhin nicht ohne leden Erfolg. Aber in solehen Gemeinschaften, die noch Im Nebel vorgefaBter Meinungen befangen, in elnem von unbestimmten Trieben beherrschten Dasein dahindåmmern, dort gibt es nur sehr knappe Aussichten auf eine derart grundsatzliche Aenderung. Auf welche Weise denken wir aber, uns gegen die erdriickende Alfgewalt der blinden Instinkte zu schiitzen? Mit Hllfr unserer flflehternen, kiihl die Worte abwagendetl und sich tiberaus vornehm gebardenden Vernunft! Das heiBt, die unflitigsten Angriffe mit Glacéhandschuhen parieren. U^d wir ruhmen uns noch dessen, ja, wir rBhmen uns g e r a d e dessen. „Schaut ihr Leute: Wahrend die ganze Welt in einem wahnwit2igen Rausche dahintaumelt, haben Wir — tind nur wir — unsere Niichternheit uns bewahrt. Und wenn es wirklich ab und zu einem Einzelnen oder einer mehr oder minder grofien Anzahl von Einzelnen gelingt, durch Verstandesmittel, durch KlugheitsmaBregeln sich aus der Patsche zu helfen, so mochte man schon gerne geneigt sein, darin den Triumph der Vernunft iiber den Instinkt, des BewuBten iiber das UnbewuBte zu erblicken. Damit hat es aber lange nicht seine richtige Bewandtnis. Gerade darin, in dieser unserer vermeintlichen Oberlegenheit, auf die wir glauben, uns zugute tun zu diirfoM ’ . i unsere beispiellose Schwåche. Wir wiederholjn: Diese unsere vermeintliche Ueberlegenheit ist u.isere Sclnvache gegeniiber der iibrigen Welt. Weil eben unsere kiihl abwågende, kritische Vernunft bei uns in permanenter Tåtigkeit ist, deshalb gelang es uns nicht, in unserem Innern, die im Daseinskampfe einzig ausschlaggebende, sieghafte Kraft des blinden Instinktes groBzuziehen. Es bleibt als Regel feststehen: Im Kampfe mit Urtrieben, mit Instinkten, mufl blofles Vernunftråsonnement unterliegen. Wenn daher das UnbewuBte — im Kampfe mit dir — zum Sturm gegen dich anrennt, so diene deiner Verteidigung gleichfalls das UnbewuBte als Wehr und Harnisch. Hillle dich in den Felsenpanzer des Instinktes, des gesunden, von des Gedankens Blåsse nicht angekrånkelten Selbsterhaltimgstrlebes. Stehe felsenfest auf deinem Posten, behaupte dein Dasein einer Welt von Feinden gegeniiber. LaB aber dieses dein Dasein nicht bloB im labilen Reiche begreiflicher Abstraktionen, in der ewig schwankenden Domåne der Vernunftspekulation verankern. Nein! Besser basiere dein Dasein, deine Daseinsberechtigung, auf den keine weitere Begriindung aufweisenden — noch irgendwie benOtigenden — gesunden und ungeschwåchten W i 11 e n zum Leben. Die Lelden der Jild. Soldaten fn der Horthy-Armee. In der letzten Nummer des „Az Ember" lesen wir: In unserer Redaktion erschien der 25jåhrige jiidische Bankbeamte.und machte, mit der Bitte, seinen Namen zu verschweigen, um seine Angehorigen vor Racheakten zu bewahren, folgende Mitteil ung: * Im Kriege wurde mir, wie aus meinem Abriistungszeugnis und der Invalidenlegitimation hervor« geht, der Knochel am FuB durchschossen und ich wurde Invalide. Nichtsdestoweniger wurde ich jetzt bei der Musterung geeignet befunden, nur weil Ich Jude bin. Mein Einjåhrigenrecht wurde mir aberkannt und ich wurde als UnverlåBlicher in eine Arbeitergruppe eingeteilt, wiewohl mein gewesener Bataillonskommandant tiber mein Verhalten das nachfolgende Zeugnis ausgestellt hatte: Ich, Endesgefertigter, Kommandant des Genannten wahrend eineinhalb Jahren, beståtige, daB derselbe politisch verlåfilich ist, an kommunistischen Bewegungen nicht teilgenommen und bei leder Gelegenheit seinen Dienst einwandfrei, den Vorschriften entsprechend, in ehrenhafter Weise versehen hat. 10. Juli 1920. Bela Martonffy de Csikszentgyfjrgy und Csikszereda i m. p. Kon. ung. Major, Milit.-Bez.-Komdt., Budapest. Zunåchst wurde ich nach Szekszard gebracht und dort in die Arbeitergruppe eingeteilt. Diese Arbeitergruppe besteht, von ein bis zwei Eisendrehern abgesehen, aus lauter Juden, besseren Kaufleuten und kleineren Beamten. Wir wurdert aufs Feid um« graben geftihrt und muflten von 4 Uhr morgens bis 8 Uhr abends ununterbrochen arbeiten. Niemand von uns hat jemals Feldarbeiten gemacht und wir waren von der ungewohnten Arbeit bald erschopft. Dann folgte die Priigelstrafe. Låflt jemand die Schaufel vor MUdigkeit sinken, wtrd keln Wort ge- Soeben erschienen: „Hickls Jlidischer Volkskalender^.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.