Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1920)
- Date
- 1920-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 89. JrøfSCBE VOLKSSTIMME* sprochen, sondern bloB der Name des Betreffenden notiert. Am Sonntag wird dann die „Summe" ausbezahlt. Es wird unbarmherzig gepriigelt. Unterleutnant Sziics ist ein sehr feiner Mensch, er lieB mit sich reden, ich gab ihm in mehreren Teilzahlungen etwa 6500 Kronen, woftir er mir mehr Freiheiten gewåhrte. Hauptmann Tipula und Oberleutnant Bohus sind wahre Wilde, sie behandelten uns, wie wenn wir verurteilte Stråflinge geweseir wfiren. Wir waren etwa 170 Mann, als man uns aus dieser Stadt fortbrachte. In TOlna gab es wieder einen guten Leutnant, einen Oesterreicher namens Honig, dem ich 14.000 Kronen gab, wofiir er mich in eine Kanzlei steckte. Dort konnte ich jedoch nicht lange bleiben, da ein ErlaB des Koposvarer Bezirkskommandos den strengen Befehl enthielt, Juden nicht in die Kanzleien zu nehmen, die jildischen Soldaten zu den strengsten Arbeiten heranzuziehen und jeden Juden, der sich marod oder krank meldet, mit 25 Stockstreichen zu bestrafen. Ich wurde abermals zu Grabungsarbeiten kommandiert und es regneten wieder die unbarmherzigsten Stockhiebe fur jede Geringfiigigkeit. Zu essen wird kaum gegeben. Will jemand fur cigenes Geld etwas einkaufen, begleitet ihn ein Mann mit aufgepflanztein Bajonett durch die Stadt wie einen Stråfling. Es ist ganz irrelevant, ob jemand wåhrend des Krieges Unteroffizier oder Wachtmeister gewesen ist. Auch das åndert nichts an der Situation, daB jemand Besitzer der goldenen Tapferkeitsmedaille ist. Er muB graben und pfliigen vom Tagesanbruch bis in die Nacht hinein. Fåilt der Mann um, dann kommt der Stock. Sie sagen ganz einfach, wer diese Arbeit nicht erlernt, wird erschlagen, der Schaden werde nicht grofl sein. So werden wir behandelt, gegen die niemals eine Anklage erhoben, kein Verdacht laut geworden ist und keinerlei Verfahren eingeleitet wurde, die wir nichts anderes verbrochen haben, als daB wir als Juden geboren wurden. Meine korperliche Konstitution ist schwach, ich wuBte, daB ich daran zugrunde gehen muB. Es ist einerlei, ob ich dort erliege oder wåhrend der Flucht erschossen werde. Ich bin daher geflohen, es Ist Gott sei Dank, gelungen. Ich hielt mich in zwei Nachbardorfern verborgen. Die Schwaben waren mir dabei behilflich. Denn das ganze Landvolk haBt die Horthy-Leute und wartet schon sehnlichst auf das Ende dieses Regimes. Es wartet darauf noch sehnsuchtsvoller, als es das Ende des Kommunismus herbeigesehnt hat. Ueberall im Lande sprechen die Leute schon davon, daB die WeiBen sich nicht einmal zwei Wochen lang mehr werden halten konnen. W. M. Z. Neuorganisation Im jiidischen Verlagswesen. (Vcreinigung des Jiidischen Verlags und des Weltverlags.) Auf dem Gebiete der jiidisch verlegerischen und buchhåndlerischen Tåtigkeit sind Verånderungen vor sich gegangen, die anstreben, der neuen Situation des Judentums und seinen um ein vielfaches gesteigerten kulturellen Aufgaben in vollem MaBe gerecht zu werden. Ein Verlag, der heute noch mit Recht „der“ Jiidische Verlag genannt sein, will, muB seine Ziele weiter stecken und seine Basis breiter grunden, als es friiher ndtig und moglich war. Er muB das Zentrum des gesamten jlidischep Geisteslebens der Diaspora sein; er hat die Vermittlerrolle zwischen Palåstina und den Galuthlåndern ebenso wie zwischen Ost¬ und Westjudentum zu iibernehmen. Neben dem deutschen Buch, das alle jiidischen Probleme der Gegenwart behandelt und uns das alte Schrifttum aufs Neue erschlieBt, hat er seine Aufmerksamkeit entscheidend der literarischen Produktion in unserer nationalen Sprache und den unserem Verståndnis besonders nahen Sprachen zuzuwenden. Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit hat zu Schritten gefiihrt, die einem umfassenden Unternehmen dieser Art die notwendigen Voraussetzungen durch die Gewinnung geeigneter Personlichkeiten und die Schaffung einer entsprechenden finanziellen Basis gegeben haben. Notwendig erwies sich zunåchst die Vereinigung des Jiidischen Verlages mit dem Weltverlag, der sich in der kurzen Zeit seiner Tåtigkeit eine beachtliche Stellung iu unse rer Bewegung errungen hatte. Statt zweier konkurrierender Unternehmungen haben wir ietzt eigentlich nur noch ein Unternehmen, das eine doppelte Firmenbezeichnung nur aufrecht erhålt, um unter sich wie nach auBcn seine Tåtigkeitsgebiete sichtbar abzugrenzen. Innerhalb des dem Jiidischen Verlag gesetzten umfassenden Rahmens, wie wir ihn eben umrissen haben, soli der Weltverlag nåmlich vorwlegend die gegenwårtigen jiidisch-literarischen Leistungen in den Låndern der Diaspora, besonders im deutschen Sprachgebiet, durch Heranziehung moglichst aller bewuBt judischen Autoren als geistiges Eigentum des judischen Volkes kenntlich machen und auBerdem das groBe Gebiet der sozialen Probleme, das fiir uns von besonderem Interesse ist, in weitgehendem MaBe berucksichtigen. Beide Verlage haben in der Person von Martin B u b e r eine oberste literarische Leitung gewonnen, durch die fiir eine wertvolle und gediegene Produktion Gewåhr geleistet wird. Besondere Erwartungen sind an die hebråische Abteilung des Jiidischen Verlages zu kniipfen; die von Jakob K 1 a t z k i n geleitet wird. Ein Beirat von hervorragenden hebråischen Schriftstellern ist in Bildung begriffen, und jetzt schon kann Achadhaam als Mitarbeiter genannt werden. Das hebråische Programm des Verlages sieht die Neuausgabe klassischer Werke unseres Schrifttums, die Schaffung wertvoller Lehr- und Leseblicher und die Pflege neu hebråischer Belletristik vor. Dem Jiddischen wird — vorwiegend seitens des Weltverlages — durch Uebersetzung bedeutsamer Erscheinungen der Weltliteratur ins Jiddische Rechnung getragen. Die vereinigten Verlage wiirden die groBe Aufgabe, die sie sich gesetzt haben, nur unvollkommen erfiillen, wenn sie nicht gleichzeitig um die Schaffung einer entsprechenden Vertriebsorganisation bemiiht gewesen wåren. Das jiidische Verlagswesen ist ein Ding fiir sich. Es kann schon in Deutschland flir das deutsch-judische Buch mit dem allgemeinen Buchhandel nur sehr bedingt rechnen, was allen Interessenten durch die Unbequemlichkeiten bei der Beschaffung jtidischer Bueher aus eigener Erfahrung bekannt ist. Er hat sich iiberdies fiir seine nichtdeutsche Produktion und seine auch vom Ausland stark verlangten deutschen Publikationen seine Absatzmdglichkeiten selbst zu schaffeh. Die Grundlage zu einem solehen gutorganisierten Vertrieb innerhalb und auBerhalb Deutschlands haben die beiden Verlage durch die Begriindung der „Ewer"-Gesellschaft m. b. H. fiir Buch- und Kunsthandel gelegt. Diese Gesellschaft, zunåchst'bestrebt, die Produktion der vereinigten Verlage iiberallhin zu verbreiten, wird dariiber hinaus in der Lage sein, jedes verlangte Buch sowohl jiidischen wie nichtjiidischen Inhalts, auch wissenschaftliche Literatur aller Gebiete auf schnellstem und zuverlåssigstem Wege zu liefern. Die Errichtung einer besonderen Auslieferungsstelle in Leipzig, der Zentrale des deutschen Btlchermarktes, und die bereits gesicherten Vertretungen im Ausland, leisten Gewåhr fiir prompteste Beschaffung aller Erscheinungen des Buch- und Kunsthandels. Es ist selbstverståndlich, daB der zionistischen, hebråischen, jiddischen und Palåstina-Literatur besondere Aufmerksamkeit zugewandt wird. Um allen Buchinteressenten fachmånnischen Rat erteilen zu konnen, hat die Gesellschaft eine bibliographische Auskunfts- und 'literarische Beratungsstelle eingerichtet, die jedermann auf Anfrage kostenlos beråt. Ueberdies wird ab 1. Dezember eine bibliographische Monatsschrift, die „E w e r‘‘-Z e i t s c h r i f t erscheinen, die aufier einer allgemeinen Information iiber wesentliche Neuerscheinungen kurze Essais, literarische Selbstanzeigen und Belletristik namhafter Autoren enthalten wird. Vorabdrucke aus Neuerscheinungen werden grdBtenteils im Originalsatzspiegel wiedergegeben werden und damit nicht nur den Inhalt, soridern auch das Bild des angekiindigten Buches vermitteln. Die Zeitschrift wird kostenfrei abgegeben. Es bedarf nur einer Postkarte mit genauer Adresse an die „Ewer“-Gesellschaft, Berlin N. W. 7, Dorotheenstr. 35. In den Rahmen der „Ewer‘‘-Gesellschaft geh8ren endlich die „Ewer“-Buchhandlungen, von denen eine bereits in Berlin besteht, wåhrend die Errichtung weiterer geplant und teilweise schon in Angriff genommen ist. Die „Ewer“-Buchhandlung, Berlin W. 15, Knesebeckstr. 54-55-hat bekanntllch eln reich* haltiges Lager in allen jiidischen BUchern und darttber hinaus an allgemeinen wissenschaftlichen literarischen und kiinstlerischen Erscheinungen des Buchhandels. Nach ihrem Muster werden die Neugriindungen vorgenommen werden. Geschfiftsftihrung und Lektorat des jOdischen Verlags und Welt ver lags besteht aus den Herren: Dr. Martin Buber, Dr. Viktor Jacobson, Dr. Gustav Krojanker und Alwin Ldwenthal. Die Geschåftsfiihrung der „Ewer"-Gesellschaft Iiegt den Herren Dr. Viktor Jacobson und Alwin Lowenthal ob. Die „Ewer"-Buchhandlung in Berlin wird von Herrn Dr. Ahron Eliasberg geleitet. Alle fiinf Herren bilden ein gemeinsames Direktorium, dem das Oesamtunternehmen untersteht. Rundschau. PALXSTTNA. Stoppen der Palåstina^Immlgratlon. Die Zionistische Exekutive hat telegraphisch alle zionistischen Landesorganisationen angewiesen, vorlåufig die Erteilung von Einreise-Erlaubnissen nach Palåstina einzustellen, infolge des dort herrschenden Mangels an Arbeitsmoglichkeiten. Empfehlungen sollen ev. nur an Personen erteilt werden, die sich iiber geniigend Mittel fiir den Lebensunterhalt eines Jahres ausweisen. J. P. Z. Z. Vorbereitungen zum Wlederaufbau. B. Goldberg diirfte anfangs Oktober nach Haifa kommen, um dort eine groBe Fabrik von M8rtclsteinen zu errichten. Eine Vereinigung mit einem Kapital von 100.000 Pfund wurde zu diesem Zwecke gegriindet. Ingenieur Seidner, Bevollmåchtigter von Kremenetzky, solite Ende August nach Jaffa kommen, um dort eine groBe Ziegelfabrik, an der zur Hålfte die Haboneh-Gesellschaft beteiligt ist, zu errichten. Die Haboneh allein, wird bis Jånner an den FiiBen des Karmels — in der Nåhe des Polytechnikums — 20 neue Håuser in Haifa aufbauen. Russische Chaluzlm nach Palåstina. Konstantinopel, 9. September. J. C. B. Das Schiff. „Montazah" hat von hier 120 jiidische Pioniere samt ihren Familien aus RuBland nach Jaffa aufgenommen. Es sind durchwegs Bauarbeiter. Der Eisenbahnverkehr in Palåstina. Jerusalem, 10. September. J. C. B. Anfangs Oktober w auch die Eisenbahnverwaltung der palåstinensisc Zivilregierung unterstellt werden. Die Bahnlinie ra—Lydda wird im Laufe des Monates Oktober d bffentlichen Verkehr zugefiihrt werden. Riickkehr Ussischkins. Ussischkin hat sofort nach seiner Riickkehr nach Jerusalem am 18. August seine Arbeit im Waad Hazirim wieder aufgenommen. Wie der „Doar Hajom" vom 20. August berichtet, werden vorerst keine Aenderungen im Waad Hazirim eintreten. Als Mitglied der in London gewåhlten Exekutive wird Ussischkin an der Spitze der Palåstina-Arbeit stehen, zusammen mit den Mitgliederh des Waad Hazirim, Dr. Eder, Dr. Ruppin und A. L. Joffe. Betreffs der Ncuordnung des Waad Hazirim diirfte erst die Entschei-h'ig nach dem Eintreffen Weizmanns, Julius Simons und eines Vertreters von Amerika in Palåstina fallen. Ihre Ankunft wird fiir Oktober erwartet. J. P. Z. Z. Versammlung des Waad Hasmani. Fiir den 24. und 25. August war eine Versammlung des Waad Hasmani einberufen, zur Verhandlung des Berichtes iiber die Londoner Jahreskonferenz und die dadurch im Lande geschaffene Lage, wie auch zwecks Vorbereitung der Delegiertenversammlung. J. P. Z. Z. Am 24. August wurde in einer Versammlung des Zentral-Waads des palåstinensischen Misrachi unter Beriicksichtigung der in London gefaBten Beschliisse die Erziehungsfrage, wie auch das Emigrationsproblem behandelt. — Dr. Isaac Weizmann von der Sanitåts-Station hålt får die Neuankommenden in Jaffa Vorlesungen iiber Malaria und die entsprechenden Abwehr-Mittel. Der Vorlesungssaal befindet sit in den Råumen der Geschåftsstelle des „Hapoel-Hazair“ In Tel-Aviv. — Am 17. August kamen nach Palåstina mehrere Teilnehmer der Londoner Jahreskonferenz aus Amerika und Kanada, darunter Dr. Friedmann, Prof. der Anatomie an der Universitåt zu Montreal, Weinstein aus Neuyork und Fri. Griinfeld. — Zu Ehren der nach Palåstina gekømmenen Misrachiflihrer, Rabb. Fishmann, Rabb. Abramowitz und Rabb. Schapiro (Polen), fand am 19. August in