Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1920-09-23 · Heft 38 (23.9.1920) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 38 (23.9.1920)
Date
1920-09-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2621806-2622069-2622106--4506-2625813
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9$. verschwlegeo werden solf, daB die A. H. der tinzel* nen Verbindungen for sie auBer ihrem Beitrag gewdhnlich nichts Ubrig hatten. Uns ist es allen bekannt, daB es eine Zeit gab. in welcher diese Form fast die alleinherrschende war, zweifellos gab es damals Griinde, die gerade diese Form der jiid. Studentenschaft als besonders richtig erscheinen lieBen. Es liegt mir auch ferne, diese Form fUr all dieienigen, die an deutschen Hochschulstådten studierten, unbegreiflich zu finden; si* cher ist es, daB w!r heute In der allergrdBten Mehrzahl iiber dieses erste Stadium der iiid. Verbindungs* form ftinausgewachsen sind. Es wird Saclie dieser Tagung sein, slch iiber diese Form zu einigen. Mein Vorschlag ginge nun dahin, daB jede Verbindung sich in einzelne Gruppen teile vielleicht entsprechend den „Kewuz.ot h“ der Schomrim — die Gruppe selbst konnte eventuell „Kewazah“ hei- Ben — und daB jede Gruppe eine intensive Ausbildung ihrer Mitglieder ilbernimmt. Es wåre auch erwfinscht, wenn ein einheitlicher Name fiir die Verbindungen zustandekåme, etwa so, wie fiir die jiid. Turnerschaft der Name „Makkabi" besteht — der Name „A k i b a" oder der irgendeines anderen gro- Ben Geistesjuden oder „Cheruth“ (Achduth). Ich schiage also die Bildung von Gruppen zu 3—4 Mitgliedern vor. Einer, gewolinlich ein Aeltcrer, ist der Obmann oder Fiihrer der Gruppe; aus den Obmånnern der „Kewuzoth" wird die Leitung der ganzen Vereinigung zusammengesetzt. Diese Bildung von kleinen Gruppen halte ich deshalb fiir wichtig, weil es leichter moglich ist, einen kleinen Kréis zu dauernder Zusammengehorigkeit und planmiiBiger Arbeit zu bringen als groBere Kreise. Wenn noch dazu kommt, daB sich in jeder „Kewuzah“ diejenigen zusammeniinden, die entweder bereits miteinander gearbeitet haben oder gerne miteinander arbeiten wollen, so isf das ein weiterer AnlaB, um das Gedeihen einer solehen Gruppe zu garantieren. Alle Ferialverbindungen zusammen haben einen Bund zu bilden. Wåhrend die einzelnen Verbindungen die Ausbildung ihrer Mitglieder durchzufiihren haben, obliegt dem Bunde die Vertretung samtlicher in den Ferialverb. vereinigten jiidischen Studenten nach auBen, nach innen die Leitung der Tåtigkeit der einzelnen Verbindungen. Der Bund erhålt von den Bundestagen, die jåhrlich stattzufinden haben, die Richtlinien seiner Arbeit fiir dieses Jahr. Um ein Beispiel zu bringen: Die Bundesleitung beschlieBt, daB såmtliche Mitglieder der Ferialverbindungen hebraisch lernen miissen. Fiir diejenigen Verbindungen, die an ihrem Ort keine entsprechende Lehrkraft besitzen, hat der Bund eine solche beizustellen. Oder die Bundesleitung nimmt die Durchfiihrung einer Statistik in Måhren und Schlesien in die Hånd, z. B. einer Berufsstatistik. Sie weist in diesem Falle der Einzelverb. ihren Wirkungskreis an, schickt ihr einen Musterbogen etc. etc. . . . Die Bundesleitung wird fiir 1 Jahr auf dem Bundestag gewåhlt. Wenn der Bund, wie mein Vorschlag lautet, ebenfalls in „Kewuzoth" elngeteilt wird, so wird eine von den „Kewuzoth“ des Bundes als Leitung gewahlt, die dann aus ihrer Mitte die Aemter eines Bundesobmannes, seines Stellvertreters, zweier Schriftfiihrer und eines Kassiers besetzt. Die Leitung hat die Pflicht, die gesamte Arbeit Wåhrend der Ferien zu dirigieren und sich iiber die geleistete Arbeit von den einzelnen Ferialverbindungen Bericht erstatten zu lassen. Ueber ihre elgene Tatigkeit und die der Einzelverbindungen lat deren Berichten hat die Leitung dem nachsten Bundestag zu referieren und sich das Absolutorium zu holen. Flir die Bundestagen hat jede.Ferialis der Leitung pro Kopf ihrer Mitglieder und Jahr einen bestimmten Betrag abzufiihren. Und zwar so, daB die Bundesleitung imstande ist, ihre Auslagen wahrend der Geschaftsfiihrung zu decken. Zum Bundestag haben nur jene Verbindungen Zutritt, die auf nat.-jud. Grundlage stehen, vom Bunde als Mitglieder anerkannt sind und ihre materiellen Verpflichtungen rechtzeitig erfttllt haben. Die Bundesleitung hat auch in Streitigkeiten zwischen den einzelnen Verbindungen zu entscheiden, gegen diese Entscheidung ist ein Appel! an den Bundestag statthaft. Die Bundesleitung hat die Pfucht, sich mit den bestehenden jiid. Studentenvereinigungen, resp. Biinden in Verbindung zu setzen und mit ihnen gemeinsam im Interesse »der jiid. Studentenschaft zu wirken. Der Bund der jiid. Ferialverbindungen hat die Pflicht, alle Bestrebungen zur Bildung eines Bundes såmtlicher jiidiseher Studenten in der £echoslovakischen Republik-sowie eines Weltbundes der jiid. Studentenschaft zu fdrdern und mit den an- „JODISCRfi VOLKSSTIMME* ■ i ii.. —. t ifHl * ' deren jfid. Verbånden der dechoslovak. Republik gu* sammen eine HilfsdFgånisation flir unbemittelte jUdische Studenten zu bilden. Wir stehen nun vor der Frage, ob sich der Bund dem N. R. oder dem D. K. unterstellen solle. Ich wiirde vorschlagen, daB sich der Bund nach keiner Richtimg festlege, sondern diese Entscheidung jeder Verbindung Hberlassen solle; die Iglauer „Hasmonåa" z. B. untersteht dem Volksrat, in dem sie vertreten ist, und damit natiirlich dem N. R. — Vielleicht bedeuten die ersten Schritte zur Verwirklichung der jiid. Schulc den Beginn einer wirkiich planmåBigen modernen Jugendarbeit. Solange aber ein zentrales Erzlehuitgsamt nicht besteht, wird die Jugend selbst nach Formen suchen miissen, In welchen ihre Erzlehung zu ernsten, ziel* bewuBten und guten Menschen stattzufinden hiitte. Einen Teil dieser Auf gaben baben in ihrem Wirkungskreise eben auch die Ferialverbindungen zu besorgen. Und nun stelle ich mir die Entwickelung beilåufig folgendermaBen vor: Alle Verbindungsmitglieder wissen, daB sie als jiidische Studenten* die G esch i c h t e ihres Volkes wenigstens in den groBten Umrissen kditnen miissen, daB sie iiber das Wichtigste aus seiner L i t e r a t u r alter und neuer Zeit orientiert sein sollen; daB sie ferner wissen miissen, welche Stromungen im modernen Judentum miteinander ringen, dafi sie iiber die gegenwårtig e Lage des jiid. Volkes unterrichtet sein miissen, namentlich iiber seine wirtschaftlichen Verhåltnisse und seine s o z i a 1 e Gliederung. Sie sollen schliefllich iiber das groBe Werk, das eine måchtige Stiitze der Zu'kunft unseres Volkes sein soli, das Palåstinawerk, aus eigenem Wissen urteilen konnen und ihre Pflicht ist es, ihr Wissen vom Volke, seiner Literatur und Geschichte durch die Kenntnis der hebr'åischen Sprache und womoglich auch des Jid'dischen wirklich zu erreichen. Einen anderen, nicht minder wichtigen Teil der Erziehung sehe ich auch in einer konsequenten, unablåssigen korperlichen Ertiichtigung des jfidischen Studenten. DaB da T u rn- und Sportlere i n e nur die Kråftigung eines gesunden Korpers erzielen konnen, d. h. eines Korpers, der nicht etwa durch Alkohol, TabakmiBbrauch, andere Gifte, oder durch sexuelle Ausschreitungen verwfistet wurde, ist eine selbstverståndliche Saclie. So, korperlich und geistig auf der Hohe stehend,»wird der jiidische Student nicht nur fUr sein Leben ausgerustet seini sondern auch vollauf befåhigt, sein em Volke und, was ich fiir nicht minder wichtig halte, dér gesa m t e n Mens ch h e i tzu dien en. Un'd dienen wollén wir diesen beiden mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, lichtere Zeiten vorbereitend, eingedenk 'des wundervollen Wortes Herzls: Kein Amt ist begliickender als das eines Dieners am Licht. Resiimiereud will ich nun kurz* meine A n t r å g e verlesen. I. Einzelverbindungen: 1. Die Verbindung fiihrt den Namen jiid. akad. Ferialvereinigung Akiba (Herzliah, Cheruth, Achduth, Atid . . .) in X. 2. Jede Vereinigung zerfållt in einzelne Gruppen, Kewuzoth. Keine Guppe, Kewuzah, soli mehr als 4 Mitglieder haben. 3. Jede Kewuzah wahlt sich einen Leiter, der die Kewuzah in der Leitung der Vereinigung zu vertreten hat. 4. Die Leitung der Vereinigung besteht aus deii Leitern der Kewuzoth. II. Bund: 1. Samtliche jiid. Ferialverbindungen von Måhren und Schlesien vereinigen sich zu einem Verband, der heiBt: „Bund lud. akad. Ferialvereinigungen in Måhren und Schlesien.** 2. Mitglieder des B. J. F. kdnnen nur jene Ferialvereinigungen sein, die auf dem Boden des jiidischen Volkstums stehen und ihren vom Bundestage festgesetzten Verpflichtungen nachkommen. 3. Der Bund zerfållt ebenso wie die Einzelvereinigung in Gruppen, Kewuzoth. Eine Bundeskewuzah darf hochstens 3 Ferialvereinigungen umfassen. 4. Alljåhrlich findet wåhrend der Hochschulferien eine Bundestagung statt, die von allen F. Ver. zu beschicken ist, Jede Ferialvereinigung entsendet bis zu 10 Mtgl. ie 2 Delegierte, fiir jede weiteren 10 Mtgl. einen Delegierten mehr. 5. Vom Bundestage wird eine Bundeskewuzah 2ur Bundesleitung gewåhlt. Dfese kewuzah stellt den Bundesobmann, sefnen Stelivertreter, 2 Schriftfiihrer, 1 Kassler. Jedes Jahr soli eine andere Kewuzah zur Leitung berufen werden. 6. Der Bundesleitung obliegt: a) Vertretung nach auBen; b) Bestimmung der Arbeit in den einzelnen F. V. fiir das laufende Jahr nach den Beschliissen des Bundestages; c) Einberufung der jåhrl. abzuhaltenden ordenti. Bundestagung und iiber Wunsch von mindestens Va der Vereinigungen auch einer auBerordefltlichen; d) Forderung des Zusammenschlusses såmtl. iiid. Studentenverbånde zum Bppd der jiid. Studenten in der dechoslovak. Republik; e) Forderung der materiellen Wohlfahrt der Bundesmitglieder und nach Mdglichkeit der ganzen jiid. Studentenschaft. 7. Die Bundesleitung hat denu Bundestage Rechenschaftsberichte zu erstatten und sich von ihm das Absolutorium einzuholen. 8. Auflosung des Bundes kann nur an einem Bundestag beantragt und an einem hiezu eigens einberufenen a. o. Bundestag beschlossen werden. Zvveiter Verhandlungstag. Am zweiten Tage wurden die Verhandlungeti mit einem ausgezeichneten Referate fiber „Nationale Erziehung" von Goldschmidt (Giskalah, ProBnitz) eroffnet. Der Referent teilt sein Referat ein: a) in korperliche Erziehung, die erworben werden soli durch Turnen, Sporten, Wandern und manuelle Arbeiten; b) I. in geistige Erziehung in'der Familie: Pflege jiidiseher Wiegenlieder, der hebråischen Sprache von Jugend auf, Pflege der jiidischen Geschichte, Literatur, Ueberlieferung religioser und nationaler Gebråuche und Feste. 2. in der Schule: nationale Erziehung durch Kindergarten und Schule. 3. Erziehung in den jiidischen Vereinen. Bildung von Mittelschiilervereinen, unbedingte Unterordnung der Studentenorganisationen in die zionist. Weltorganisation. Weckung des jfid. Volksbewufltseins bis zum 14.—15. Lebensjahr, von da ab Vorberéitung der Jugend fiir den Eintritt in das politische Leben. Aufklårung der Jugend im sozfalen Sinrie, dabei Warnung vor zuweftgehender Eiitwurzelung. Vorbereitung der Jugend fiir Palåstina, Vortråge, intensive Pflege der hebr. Sprache. ABléhnuhg zuweitgfehénder Vergeistigung der Jugend. Heranbilduhg einer kleinen Anzahl hervorragend Begabter zu Fiihrern der Bewegung. Berufsumschichtung. Tatkråftige Utiterstiitzung der Chaluzbeweguiig. Heranbildung von Chaluzim aus eigener Mitte. An der Debatte beteiligten sich die Bb. Fleischmann, Beer, Werner, Hein, Borger, Elbért, Scfmitzer. Referat Dr. Gustav K oh n (Briinn): „Jiidische Schule.** Der Referent beweist ihre Notwendigkeit durch einen Ueberblick. Bespricht Wesen und Formen der Schule; weist auf den kolossalen Lehrermangel (namentl. flir Volksschulen) hin; die Wichtigkeit der Lehrerausbildung. Erwåhnt des gro- Ben Einflysses des jiidischen Lehrers auf das Kind und dessen EinfluB auf das Haus. Doch ist Selbsierziehung die Voraussetzung fUr das Gelingen der RenaiSsance des Judentums. Wir miissen nicht nur andere, wir miissen bessere Menschen werden! Die Arbeit des jfidischeii Studenten bestéhe im Werben, Agitieren, Geldaufbringung, Mithilfe an der Schaffung eines Kulturbundes. Referent sieht von Fassung einer Resolution ab. Referat Fritz Kohn (Geulla, Olmiitz): „Stel- Iungnahme zu den jiidischen Parteien." Ein in seiner ganzen Anlage vorztigliches Elaborat. Referent hat den Kern seiner Sache wirklich erfaBt, durch sein Referat der Tagung ein geistiges Niveau gegeben, das wir allen unseren Konferenzen wfinschten. Nach langer Debatte wurde folgende Resolution mit 20 gegen 3 Stimmen angenommen: „Die au! dem Studententage in Lelpnlk versammelten Vertreter der Jfid. akad. Ferialverb. sind sich tn Ihrer Ueberzeugung elnlg, dafi die heutlge Gesellscbaitsordnung durch eine neue zu ersetzen sel, die sich auf Grundlage sozlaler Gerechtlgkeit aulbaut. Trotzdem ist die Studentenschaft nicht gewillt, sich in die einzelnen sozialistischen Parteilager zu begeben, weil sie dadurch eine Zersplitterung unserer Krkfte und emg, Hemmung unserer groBen Aufgabne befflrchtet^ml ’åiL

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.