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Jüdische Volksstimme · 1920-09-09 · Heft 37 (9.9.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 37 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf. 87. r=«Mtaaerwss joamtm m&mmMs* BIRV 9» selbst tatsfichlich nationale sind,, werden sie es vottends durch. den Oelst der Sebule, als welchen wir die Summe der Wlrkungen bezeichnen kbnnen. die Unterrtcbtsstoli und -Årt, das VerhSltnls zwischen Lehrer und Schiller, zwischen Schulern und Schiilern uoterelnander auf Oelst und Seele des Kludes ausiiben. Und damit sind wir beim Kernkunkt der Frage angelangt. Fine Schule nåmlich, die rein formal, ohne Substrate die Kenntnisse beibringen konnte, kann es nicht geben. Nur an gewissen Stoffen kann das Kind in den Fertigkeiten geiibt werden. Welche Stoffe aber als zweckentsprechend fur Qeist. Qemiit und Seele des Kindes ausgewåhlt, vom Lehrer oder im Buche dem Kinde vorgelegt, bezw. nlcb vorgelegt werden, bestimmt den Qeist der Schule. Lesen z. B. Das Kind lesen lernen ist ein Problem der Pfidagogik. Es wird gelost. Aber an welchen Stoffen soli unser Kind mehrere Worte Und ganze Såtze lesend erfassen und verstehen lernen? Ist es da fiir das Qemiit und den Qeist unseres lUdlschen Kindes ganz bedeutungslos, ob es etwa eine Sage von einem braven, mutigen, edlen deutschen Recken, eine christliche Legende liest oder z. B. ein Stiick biblischer Qeschichte, eine lUdlsche Sage? Und ist es auf die Seele unseres Kindes, ja auf den Erfolg der Uebung ganz ohne Wirkung, ob das jUdische Kind zur Uebung in seiner stilistischen Gewandtheit eine Nacherzåhlung „Was ich vom Jesukindlein tråumte", „Das Osterei", „Mein Weihnachtsfest“, „Unsere Sonnwendfeier" u. dgl. schreiben. oder als Theina etwa den „Sederabend", „Wie ich den Chanukaabend verbrachte?" usw. behandeln muB? Macht es endlich keinen Unterschied, ob unser Kind nur die Qeschichte des deutschen oder Cechischen Volkes in ausfiihrlicher Darstellung erfåhrt oder ob es auch vernimmt, welch schone, menschlicli-herrliche Geschichté und Gestalten sein Volk der Juden hat? Ob es sich nur an deutschen oder dechischen Helden begeistert und nicht auch am Judentum Begeisterung Weckendes findet? Doch worin ist diese kurz gezeichnete Art der Unterrichtsfilhrung in den deutschen oder dechischen Schulen begrtindet? Eben darin, daB sie Schulen fur das deutsche oder dechische Kind sind, fiir Kinder, die alle aus dem gleichen christlich religiosen und aus dem gleichen deutsch- oder cechisch-volkischen Qeist des Elternmilieus kommen und in diesem Milieu bleiben, es beziehungsweise immer wieder erneuern sollen, fiir Kinder des Volkes, die hiezu bestimmt sind, weiter zu wirken im Qeiste und zurrt Wohle ihres Volkes. Und so wird in den Schulen dieser Kinder an ihnen durch Elternhaus und Milieu vertraute Sitten, Gebrauche, Anschauungen und Begriffe angekniipft, so daB diesen Kindern ihre deutsche bezw. dechische Schule die harmonische Fortsetzung ihrer blsherlgen Welt wird, ihnen eine Vertlefung und Erwelterung des Wlssens von ihretn Volke und damit eine geradlinlge, konsequente Erzlehung vermittelt. Und das jUdische Kind dagegen! In einem gewissen Kreise eigener, von der Lebensart der anderen ihn umgebenden Vdlker abweichender Sitten, Gebråuche, Anschauungen, kurz, im Kreise des jUdischen Familienmilieus und jiidischer religioser und geschichtlicher Tradition aufgewachsen, tritt es mit dem Beginne des Schulbesuches in eine ihm im Wesen fremde Welt von Anschauungen und Geftihlen, in die es sich neu einfiihlen muB. éein milieumUfliges jiidisches Wesen, Ftihien und Denken muB es, vielleicht trotz anfanglichem instinktiven Strauben, um — und abbiegen, zumal es im Rahmen des allgemeinen Unterrichtes, der dem Kinde das Wissenswerte gibt, etwas Wissenswertes vom Judentume nicht erfahrt. Man wende da nicht ein, daB unser Kind ja eigenen Religionsunterricht genieBt! DaB dieser das entsprechende Qegengewicht nicht ist, haben wir an uns erfahren und erfahren es an unseren Kindern. Und er kann das Qegengewicht nicht sein, aus zweierlei GrUnden. Bei der geringen Stundenzahl, die dem Religionsunterrichte eingeraumt wird, kann die UeberftiUe des Stoffes: Religionsgeschichte, Volksgeschichte, Lithurgie, Lesen des Hebraischen, Uebersetzung des Pentateuch und der anderen Blicher nur mangelhaft bewaitigt werden. Hiezu kommt noch eln zweiter, psychologischer Qrund. Im Rahmen des allgemeinen Unterrichtes wird das Wissensnotwendige* Wissenswerte und das Wissenschaftliche gelehrt. Welchen Eindruck auf die Seele unseres Kindes muB es denn machen, wentt es im allgemeinen Unterrichte nichts vom etbischen Werte des Judentums erfåhrt, wenn alle menschliche QrdB» ,un4sgroBd MenseWiehkeit prinzipieli nur an Persflnlichkeiten des anderen Volkes gezeigt wird, dessen Schule unser Kind gerade besucht! Was erfahrt unser Kind vom Judentum im allgemeinen Unterricht? Bestenfalls nichts! Totgescbwlegen ist das Judentum, doch das Kind kann nur erkennen, daB das Judentum tot Ist. Denn es drftngt sich durch diese „wissenschaftliche“ Totschweigung unserem Kinde notwendig der Qedanke auf, daB das Judentum nichts Qleichwertiges aufzuweisen hat. Dies aliein ist schon die Wirkung einer konstanten Verschweigung des Judentums 1 Und wenn es erst vom Judentum etwas erfShrt, wie wirkt denn das? Was erfahrt es denn iiberhaupt vom Judentum? In der Qeschichte sind paar Seiten dem Volke der Juden gewidmet, in der Qeschichte des Altertums. Schon diese Abtrennung der jiid. Qeschichte lediglich in die Zeit des Altertums ist bezeichnend! HeiBt es nicht, den Weiterbestand des jildischen Volkes leugnen? Und welch herrliche Bereicherung muB gerade die jiidische Qeschichte im Rahmen der allgemeinen Qeschichte bieten nicht etwa durch weitere Vérmehrung der aktiven Kriegsgeschichte, sondern durch die aktive, hdchst aktive Gelstesgeschlchte! Doch von diesem Qeiste weht nicht eln Hauch unserem Kinde entgegen. Was das Kind vom Judentum vernimmt, ist schiefe Darstellung des Stoifes durch Lehrer und Buch, auf dem Grundton der InferioritSt der semitischen Rasse iiberhaupt gestellt. Zunt Beispiel der Kampf zwischen Rom und Karthagol Dieser ist doch ein reiner Wirtschaftskampf! Aber nein! Tieigriindig muB man sein: es ist der Kampf zwischen Abend- und Morgenland! Qenau so. wie wenn alle Volker des Abendlandes gekåmpft hatten gegen alle Volker des Morgenlandes! Und der Sieg Roms? Es ist der Sieg des arischen Gelstes iiber den semitischen, als ob militdrische Kraft absolut Beweis wdre fiir geistige Kraft! Ist das Ubrigens noch wirklich wissenschaftliche Qeschichte? Sololien stundlich wirkenden Einfliissen auf die Seele unseres Kindes kann der Religionsunterricht nicht entgegenwirken, wegen der geringen Stundenzahl nicht und nicht infolge der Bedeutungslosigkeit, zu der ihn die nicht verstehenden Eltern und vielleicht auch Lehrer. die aber alle eben dem Qeiste der andersnationalen Schulen erlegen sind, herabbagatellisiert haben. Und selbst der beste Religionsunterricht kann durchaus nicht einmal den Begriff eines edlen, stolzen Judentums wecken, wenn zu der wissenschaftlichen Wirkung des Unterrichtes noch die direkte oder versteckte Verjjpbnung und Verachtung des lUdlschen Kindes und des Judentums hlnzutrltt, vor der sich unser Kind verschamt und in Schmerz duckt, und die unser Kind zwingt, sich selbst, seine Eltern, sein Judentum fiir ausgestoBen zu betrachten, geradezu Gott zu danken, daB Er es gefiigt, daB es die Schule des so hervorragenden anderen Volkes besuchen, daB es den Weg, ein Mensch zu sein, dort gehen darf. Ja, mit der Selinsucht und dem Neide eines Paria, zieht es unser Kind hin zum anderen Volke und es kann, kann doch meist nicht sein Judentum uberwinden, fuhlt es sich ja doch mit zarten, aber innigen Faden dem Judentum verbunden, fuhlt es sich ja doch andersartig und wesensfremd! Erkennen wir da nicht, wie in der Seele unseres Kindes glelchsara etwas bricht, wie es nur etwas Halbes, wirklich nur Mlnderwertiges wird, da es die briichige Stelle seiner Seele, seines Charakters nicht zu heilen vermag? Und dies hat der Qeist der andersnationalen Schule verbrochen, dies haben die andersnationalen Mitglieder und Lehrer unbewuBt getan, an deren Umgang unser Kind sich so friih hatte gewohnen sollen, denen man es ja nicht entziehen soli, weil es spater in Berufsverbindung mit ihnen zu treten hat. Aber so seelisch haltlos geworden, soli unser Kind den Lebenskampf gleichwertig den Kindern der anderen Nationen in Ehren bestehen? Nein, nicht Entfr.emdung von der Umwelt bedeutet die eigene jUdische Schule, sondep unser Kind erst ftir die Umwelt zu einem geradlinig erzogenen, festen, aufrechten Menschen machen, ihm erst die Wtirde als Mensch erhalten, ihm den Boden und den Qeist der Schule bieten, durch den es die Harmonie zwischen Elternhaus und Unterricht fUhlt, Mensch und Jude bleibt, der er bis zum Schuleintritte gewesen. Mag auch in deutseher oder dechischer Sprache unterrichtet werden, uns ist jede Sprache der Galuth im Grunde unausweisliches Notausdrucksmittel flir unseren Qeist, diesen aber festhaiten. und als Qeist der Schule unserer Schule aufprågen, das heifit eine jUdische Schule baben. Und wie? Kftnnte jemand alten Ernstes behaupten, daB dann unsere Schal« efne konfessionelle ist? Etwa deshalb, weil sie nur von Kindern jUdischen „Glaubens" besucht werden soli? Nein, auch unsere Sebule ist eine allgemeine, auch die Tore unserer Schulen stehen allen offen, Jaden und Nichtjuden. Und unsere Ehre wird es sein, es dahin zu bringen, daB sich das nichtjiidische Kind in unserer Schule so wohl fuhlt wie in der eigennationalen. Oder ist unsere Schule etwa konfessionel!, weil sie tatsåchiich vielleicht nur von jUdischen Schiilern besucht werden dUrfte? Ja, hat schon jemand andersnationale Schulen oder Klassen, welche nicht von Juden besucht werden, als konfessionelle Schulen bezeichnet? Nein, der Qeist macht die Schflle! Und ist es schon eine konfessionelle Schule, weil unser Kind nicht mehr das christliche Gebet Wird sprechen horen, wenn wir die Wftnde der Schulzimmer mit Bildern jUdischen Motivs schmUkken? MuB das Lesebuch mit Bildern einer Weihnachtsnacht usw. versehen sein, sonst ist Kultur nicht denkbar, sonst ist unsere Schule konfessionen? Wenn die andersnationale Schule die christlichen Feiertage unterrichtsfrei gibt, wir die jUdischen — ist dann unsere Schule konfessionen? Ja, ohne daB unsere Schule einer bestimmten religiosen Richtung im Judentum dienen wird, soli sich auch unser Kind skiner Feiertage freuen, soli Schule und Haus im Oleichklarig der Freude finden und neidlos iiber seine Feste jubeln. An uns ist das konfessionen? Nein, blind sind die Argumente gegen die jUdische Schule, kurzatmig und lahm. Wir werden ruhig weiter miseres Weges gehen, um das junge und kleine Werk zu stiitzen und weiter und hoher auszubauen. Berliner, Brief. Von FabiusSchach. Will man ein klassisches Beispiel dafUr haben, daB auch die grofiten StUrme da, wo der innere Stofiwechsei fehit, keine groBen Aenderungen hervorzubringen vermag, so braucht man nur die jUngste Qeschichte der deutschen Juden zu studieren. Die groBten Ereignisse ziehen an ihnen vorUber, ohne einen grofien Eindruck zu machen. Viele von ihnen sagen immer noch ihre alten SprUchlein von dem alleinigen Heil der Assimilation auf, sie verneineti lede Judenfrage und singen ihr „Deutschland, Deutschland iiber alles". Was helfen alle Zeichen der Zeit, wenn man sie nicht sehen will? Die Judenhetze wUhrend des Kapp-Putsches im Monat MUrz war so schlimm, daB sie beinahe die Qluthitze einer Pogromstimmung erreichte. Die klugen jUdischen Politiker aber hielten sie fUr eine voriibergehende Erscheinung, und als die fUnftågige monarchische Herrlichkeit zu Ende war, glaubten sie, daB alles ein boser Traum war, und sie erwachten nicht zu neuen Erkenntnissen und gesunden Taten, sondern zu neuen Spielereien. In Wirklichkeil aber war die Kapp-Epoche die Ouverture zu einer Musik, die ihren Resonanzboden im Volke hat. Es war ein etwas abgeUnderter Text zu den alten Melodien, die vielen sehr gelåufig sind. Das liat man wthrend der Wahl zum ersten republikanischen Reichstag sehen konnen. Was man da erlebte, lUBt sich nur als Psychopathie bezeichnen. Die unmoglichstetø, wahnsinnigsten Dinge Uber Juden und Judentum wurden verbreitet, und leider auch geglaubt. Nicht einmal im Mittelalter w&ren solche Marchen moglich. Das ist pathologisch und låBt sich nur durch den Mangel einer gesunden Auiklårung des Volkes und durch die erhitzte Phantasie erklåren. GewiB, die FUhrer sind gewissenlose Demagogen, die sicherlich Uber all die Torhelten innerlich lachen und mit dem Volk ihr Spiel treiben. Aber sie wUrden dieses gefahrliche Experiment nicht wagen, wenn sie nicht die Voikspsyche kannten und genau wtiBtsn, welch dankbarer Boden hier fUr den JudenhaB vortianden ist. Ihnen ist das Ratsel nicht unbekaimt, daB alle niedrigen Leidenschaften in den groBen Unratsbecken des Antisemitismus. mtinden. Darauf bauen sie ihre Politik, und in diesem Zeichen siegen sie. Hatten die rechtsstehenden Parteien den JudenhaB aus ihrer Agitation ausgeschaltet, dann wåre ihre Suppe so fad wie die Kriegssuppeu und es fehlte ihren Reden und Flugbiattern jede. Wttrze. D°r Erfolg der reaktionaren StrOmungen ist gefåhrlicW fUr die Entwicklung Deutschlands als fiir die det’^^en Juden. Traurig und beschSmend aber ist die Tat«mche, daB viele Juden trotz der drohenden Gestalt des Antisemitismus konservativ g ewahlt haben. Man kGnnte es kraB ausdriicken und sagen, diesen Leuten stehe die Riicksicht auf

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