Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*W Mm a. ^.'fUi 0>j mvHaa« *u- ■& . -«=; m,L»j* Nr. 37 ■t».'Hni!.w;B. a* : .• l ..»e-lj* Tischri, — Uerichtstag. — Wir kånnen kiihn behaupten: Keine Høj«*, kein Bekenntnis håbe einen Monat, der dem gUche, In welchem unser Volk eine ganze Reihe von Pesten feiert, die ttH jOtes QroBe tind Qottliche, 4ftes Edle und Erhabene, Mies HeBre und Hifllfflliscllyøf Åttgen fiihren, daS des Menschen Herz bew|gt» setiten Qeist crregt. Tåg des Gerichts, Tag« an d&É^lie Posaune ertdtttt Wer derlkt da nicht* an das ^frofle, gigantische Oescfiick, das Menschen erniedrigt, Volker vernichtet, Throne stilrzt und wieder den Unterdriickten emporhebt, des Seufzenden Klage stillt, den Armen und Leidenden trostet. In das Sternbild der Wage tritt in diesem Monate die Sonne, ein tiefernstes Symbol bietet diese Himmelserscheinung uns dar. Die Qerechtigkeit halt die Wage in der Hånd und teilt jedermann sein Qeschick zu. Wenn wir am „Tage des Gerichts" das uralte, erschiitternde, geheimnisvolle Wort sprechen werden: „Unessane tokef", welches das gottliche Gericht in unnachahmlichen Tonen in unseren Ohren erdrohnen låBt, dann wird gar mancher derer gedenken, die durch menschliche Machtgier, Herrschsucht und Habsucht, — Imperialismus nennen sie es, die Gelehrten dieser Zeit, — in unsågliches Ungliick gesttlrzt wurden .... Das Feuer verzehrte, das Wasser ertrånkte sie, durch das Schwert fielen sie, Hunger und Durst vernichteten sie, und viele, viele in der Gefangenschaft vergingen sie durch Krankheit, Elend und — Sehnsucht. Welch’ ein Arsenal von Leiden erschlossest Du, Gewaltiger, der zermiirbten Menschheit! Aber auch die Måchtigen, die Måchtigsten, die aui den Thronen saBen und iåmmerlich zur Tiefe stiirzte«, wie Pharao und Belsazar erkannten die den Finger der Gottheit. Keine Philosophie, sei sie nun die des Griechen Plato oder die des juden Spinoza, moge sie vom menschlichen Irrenhause sprechen, wie die Schopenhauers, oder sich kiihn zum Uebermenschentum erheben wolien, wie die Nietzsches, vermag uns auf alle die Fragen Antwort zu erteilen, die sich uns an unserem „Gerichtstage", an dem Tage, da sie alle, alle vor dem våterlichen Hirten voriiberziehen, der Herde gleich, auf die Lippen drången: Wo liegen sie die Urgriinde alles Seins und wo die Abgriinde, in die alles Sein versinkt? Was ist der Sinn air dieses Ringens und Duldens hier auf Erden? Da fliichten wir uns, wåhrend diese ernsten Fragen uns bewegen, in unsere Vergangenheit, die so wenige unter uns kennen. Vor mehr, denn 600 Jahren, lebte in Siidfrankreich, das so bedeutende Manner in unserem jiidischen Voike hervorgebracht, ein Dichter und Denker, der, nach seinem Geburtsorte Beziers, Bedarschi, genannt wird, namens Jedaja ben Abraham Penini. Priifenden Auges betrachtete cr diese Welt des hohlen Scheins, der anmaBenden Pralilerei, der sich aufblåhenden Eitelkeit und hielt ilir einen Spiegel vor in seinem unsterblichen Gedichte, das er „Bechinath 01am“ (Priifung der Welt) benannte. Das Gedicht wurde viel gelesen und bewundert, seitdem Moses Mendelssohn Proben davon in deutschem Gewand mitgeteilt. Lessing und Goethe haben es hochgeschåtzt. Es wird also auch manches Kind unseres Voikes noch etwas aus ihm lernen konnen. Bedarschi singt und sagt; „Ein wildbrandendes Meer ist die Welt, weitreichend und grundlos, Eine Briicke die Zeit, schwebend dariiber gebaut... Und du Sterblicher, du Sohn des vergånglichen Staubs Ach, von dem Tage an, da du geworden ein Pilger der Erde, MuBt auf der Briicke du dich treiben, der schmalen, umher.“ Diese Worte mogen genugen, um den Menschen von seinem Hochmut zu heilen, den Menschen, der „auf die Giiter des Giiicks trotzt“. Gar mancher, der da meinte, den Kampf mit „den tosenden Wogen des Weltmeers1* auinehmen zu konnen, er wåre vielleicht von seinen „imperialistischen" Torheiten geheilt worden, wenn er die Worte des alten jiidischen Dichters gelesen und beherzigt hatte. Mogen es die tun, die in ihrer U nersa ttlichkeit und in ih rem Siegestaunjel nicht wissen wolien, wie morsch die Briicke ist, auf jjer wir taumeln. Die Weltgeschichte bringt fiir jedermann einen verhångnisvoilen Tag, einen Tag des Gerichts . . . --V er sd&nu ng. — Hcrrlichstcs Wort im ganzen. Sprachschatze, ein Wort, dft$ Liebe ansltreut, tHt das Sonftfenlfcht sich breitet fiber die dunkle Ettfé. Vor dietem Worte vefkriedhen sich die Dåmonefl des Hasses. dø Neides, der MiBgunst, die finstereh Gespenster, die seit *! Urzeitefl in unseren Herzen nisten, in ihr ØttfiRel und der MetlSch wird zum Høhepricster, der Versohnung erfleht fur sich, sein Hads und das ganze Volk. Nur wir Juden, die ihr als das Volk der Rache sclieltet, haben einen Versohnungstag, der atif deri Qerichtstag folgt, Wir gaben den Menschen die Gedanken der Qerechtigkeit und der Liebe. Wir miissen es nicht erst aus des Apostels Briefe lernen, unser Spruchdichter, mag er nun Salomo heifien oder anders, — was sind auch Namen, — hat’s uns gelehrt: „Alle Vergehungen bedecket die Liebe.“ Torheit ist es, die den Menschen zu seinen Vergehen und Uebertretungen verleitet, die den Zwiespait in ihm schafft, gleichsam den Graben zwischen dem Gott und Tier in ihm, aber iiber diesen Abgrund fiihrt eine Briicke, sie heiBt: Verzeihen, Vergeben, Versbhnen, das Wort unserer heiligen Sprache nennt es „Bedecken". Die Versohnung bringt die Erlosung. Und, wir haben diese erlosende Versohnung notwendig. Preiset nicht eine Kultur, die das Leben der Menschen mit allen Bequemlichkeiten ausstattete, aber die Versflhnung, die Erlosung uns nicht brachte .... Im wilden Klassenhasse zerfleischen sich die Menschen, erfinden Mordwerkzeuge, um sich zu vernichten. Die erhabensteu Gedanken und Begriffe, die von der Nation und-Religion, zu grausamen Schlaclitrufen wurden sie, unter deren Getose die Erde erbebt, die das Blut ihrer Kinder aufnimmt, das um Vergeltung aufsehreit zum Himmel. Und, wåhrend sie blindwiitig aufeinandcr schlagen, sprechen wir Juden an unserem Versohnungstage die Worte unseres Heilspropheten: „Ist nicht das ein Fest, das ich verlange? Oeffnen die Schlingen des Frevels, losen die Bande des Joches, und frei entlassen Unterdriickte und daB ilir jegliches Joch zerbrechet. Dem Hungrigen brich dein Brot, heimlose Arme bringe in dein Haus, so du siehst einen Nackten bekleide ihn und entziehe dich nicht deinem Fleische, dann wird, dem Morgen gleich, anbrechen dein Licht“ . . . Genug. Leset sie alle, alle diese gdttlichen Worte und saget uns, dan« nicht, daB ein „neuer Bund" erst uns die Liebe geboren håbe. Diese Liebe wurde nicht von u n s zur Schlacht- .bank gefiihrt, sondern von denen, die sie mit heuehlerischem Lallen aiif den Lippen tragen und ein Meer von Blut und Tranen schaffen, in dem sie versinkt. Doch uns wurde gelehrt zu verzeihen; und so soli denn dieser allerhelligste Tag tins niahnen, daB unsere Bibel uns zuruft: Rache dich nicht, trage keinen Hafi nach, laB’ allen, auch deinen Feinden, das gdttliche Gut ztiteil werden das da heiBt: Versohnung . . . ‘ — E r n t e. — Und ein Freudenfest beschlieBt den Tischri. Wie es sicli ziemt nach dem Tage des Gerichtes, nach dem Tage der Versohnung. „Zur , Abendzeit wird es Licht." Schones Prophetenwort, gedankenreicher Ausspruch. Der Tag ist gekommen, da der Mensch, nach schwerer, saurer Arbeit, sich freuen kann der Friichte seiner Tiitigkeit. Bauern waren sie unsere Vfiter im Lande Kanaan, rangen, im Schweifie ihres Angesichtes, dem harten, oft storrigen und starren Boden die Friichte ab. Und der Herr segnete ihre Arbeit und sie dankten ihm dafur. In Hiitten saBen sie, die waren schon geschmiickt mit Blumen und grUnem Gezweige. Friedenshiitten. Hiitten, in denen ihre Lieder ertonten. Lieder voll Kraft und Schwung, Lieder der Freude, der Freiheit, des Friedens. Der Jude vermag sich auch zu freuen. Freude wird ihm sogar geboten, wenn sich auch nichts so schwer gebieten låflt, als Freude. Und doch viei liegt in Uem Worte: „Du solist dich freuen an deinem Feste.“ Was wåre das Leben ohne Freude? Das ist’s, was uns fehit, die Freude. Freude im Herzen, Freude erwecken in des Nebenmenschen Herzen. Mitfreude, um wie viel hbher steht sie. als das Mitleid, Der Jude freute sich seines Gottes. Ist er in meinem Beistande, was vermag der Mensch iiber mich, so sang er mit seinem Psalmisten. Mit Genugtuung konnte er auf alle die Måchtigen blicken, die, besiegt, zu seinen FiiBen lagen, und konnte sich seines Gottes freuen. der es nicht zugegeben, daB sich die Feinde iiber ihn freueu. — Qerichtstag, Vereohnungstag, Erntetag, welch’ tiefsinnige’Reibenfolge von Festes- *eiten. die der Tischri uns schenkt. Durch Nacht ztim Licht. „Das Licht der tGerechten ist wie das des Morgenglanzes, esJMra imstø heller, bis 2um Mitt«f“t ts fiihrt zufpPhlicltt« Ettlte niÉT def diisterfn Tffinensaat. iflw wenn die Festeittéft 211 Ende wftt, dann erst ktt ddifTag, den uøéf Volk als di|r4er eigentlichHw’reuértieiftifihnet, W?;Tag, an deå es» mit dem Hleseirtifir IllOrah, ÉelPreudenzeft SdhlieBt. Die ^fcrah H^rd Hétndet,' jfÉir man betinm an diesent lage Mdef ihre Vofc^Ung. So geht^im menschlieljen Lefrøl. Ende und Wang berflhreft sich im éwigen Kreislaufe der Natur und des menschlichen Daseins. Einer aber ist „der feste Pol in der Krscheinungen Flucht", ohne Anfang, ohne Ende. Das ist unsere Freude, jiidische Freude, „Simchath Thorah" .... Tischri. Herbsteszeit. Die Stiirme des Winters nalicn. Mancher zagt. Was wird lins die dunkle Winterszeit wieder bringen? Mit Grauen denkt an sie der Leidende, der Kranke, der Arme, der Hungernde, der Heimiose. Wozu aber haben wir Tage des Gerichtes, der Versohnung, Freudentafce der Ernte? Jetzt ersf reden sie zu uns in lauter, eindringlicher Sprache, 'niahnen den, der sich seines Besitzes freuen kami, an die Piiichten des Besitzes. Gewaltige Gedanken bewegen die Menschheit in unseren Tagen, Gedanken, die zur Tat drången, Gedanken, die das Angesicht dieser alten Erde neu gestalten m&chten. Wir kennen die Zukunft nicht, der wir entgegengehen, langsam kommt sie hergezogen. So mahnen denn die Tage des Gerichts, der Versohnung, der Ernte die, die Macht in Hånden haben, derer zu gedenken, die im Leid und Elend seufzen. Dem Tage des Gerichts folgt der der Versdhnung, måchtig ertont sein Wort von der Versohnung, der Ausgleichnng der Gegensåtze in der ringénden Menschheit. Und der Erntetag warne uns vor Eigennutz und Selbstsucht. Hat dich der Herr gesegnet, verhårte den Herz nicht, spende mit voller und offener Hatid. Lassen wir Licht und Freude wieder einziehen in dicse dunkle und diistere Welt, dann werden diese Tischri-Tage ihren wahren Segen verbreiten, der Tag des Gerichts, der Versohnung, der Ernte. Zum Tischri 5681. Dr. M. G r ii n i e 1 d. Warum jiidische Schulen? So ist denn die jiidische Schule geworden und mit ihr ein neues Kampfobjekt oder vielmehr ein neues Objekt, an dem unsere bunten Gegner, die es nicht iiberwinden und verstehen konnen oder wolien, daB es Juden gibt, die nicht HSrige des einen oder anderen Voikes sein, sondern sich selbst gehdren wolien, ihre Gegnerschaft erproben. Und mit welchen Argumenten gehen sie die junge Schule an! Nur beleidigende Dummheit oder geriebenste Schlechtigkeit vermag, an dem Kernpunkt vorbei, just blinde Schlagworte den diversen Lesern vorzuwerfen im Glauben an deren Urteilslosigkeit und Unverståndnis. „Wozu“, fragen die Herren Israeliten und die es sein wolien und ihre famosen Kompagnone in „freiheitlichen" und antisemitisch-nationalen Lagern, „wozu denn noch die j il d i s c h e Schule? Soli die Unterrichtssprache die deutsche sein, so ist es doch eine deutsche Schule! Und bei Cechischer Unterrichtsspraqhe håbet ihr ja dann wieder eine éechische Schule! Oder wollet ihr gar einen Cheder? Oder denkt ihr an eine konfessionelle; Schule? Ist es gerade nicht gut, daB eure Kinder so friih als moglich den Umgang mit den anderen lernen, mit denen sie im Leben spåter in Berufsverbiudung treten werden? Usw.“ Die so fragen, gehetr von der stillschweigenden Voraussetzung aus, daB die Schulen entsprechend ihrem Typus lediglich ein bestimmtes MaB von Wissen beizubringen haben, das Wissen, das die Kinder ftir das Leben brauchen, und da dieses Wissen in der Ausdrucksform einer Sprache vermlttelt werden muB, darum gebe es, in den Verhåltnissen unseres Staates gesehen, bechische und deutsche Schulen, und zwar lediglich der Unterrichtssprache nach. Wie åu&erlich aber dieser Gesichtspunkt erfaBt ist, zeigt schon die Tatsache, daB die Sprache im Leben und Kampfe der Vfilker bei uns allzu sehr als nationales Kriterium und Kampfmittel erklårt und gehandhabt wird, sodaB diese Schulen naturgemåB Gefahr laufen, nationaldeutsche und nationaldechische schon durch die Unterrichtssprache zu werden und nationalisierenden Zwecken zu dienen. Soweit hun die béstehenden Schulen der Cechen und Deutschen nicht schon durch die Unterrichtsspreche