Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE OLKSSTIMME Bat agepr fiset halbjihrig ..KC 21.— g&UZiåhtfg » « « i < i » n 40.— Dwtstbcjlerrtieh . « . . r . Kronen 80.— Defctschlafd, ganzifttei* , « . . Mark 35.— mm '<£? Redaktion u. Administration: BrQnn, Krapfeng. 19. Inseratet der einspaltige Mitømetarraum K6 —’40. Unverlangte redaktionelle BeitrKge werden nicht honoriert Mannskripten ist RQokparto bflzafttgen. otttitooiacBac .■paseidk Brfinn 8 Stptambir 1980. ' 96 Elul 5880. Nummer 37. sssaasmmmmtåtfimMtss Achtung I Ittffflgo der hokan felBriapo ørsohelnt die nlckete Hammer utftsrf« Blottet am 23. September 1020« auffdas Jahr 5680. So groBe Erfolee der iungjiidische Qedanke auch im abgelaufenen Jahre aufzuweisen hatte, so kanrf man es doch nicht fflr die Jaden glttcklich schfitzen. Noch immer droht der Krieg in selner furchtbarsten Gestalt einem groBen Teil Europas, noch immer lodert die nimmersatte Krlegsfackel in den grøBten Judenlfindern, schreckt Kanonendqnner und Schlachtgetdse die friedlichen Bewohner welter Landstrecken ■ ■ < Wohin das Auge blickt, iiberall Jammer und Not, Armut und J}en$ fOnstet und flttchtig JudassQhne, gejagt, verlolgt und geschlagen. Wo das Land, in dem sich Juda zur Ruhe setzen kfinnte, wo das kleine PIStzchen, aul dem der nimmermilde Wanderer .aqsruben køn te? Eln Schrecken ohne Ende. Das ist das Gesamtresuitat des verliossenen Jahres; nur hin und wieder Lichtpunkte, welche die allgemeine Dlisterheit erhellen. Den Auftakt des Jahres 5680 gaben die weiflterroristischen Greuel in Ungarn. Dem ehemaligen Dorado dér Judenheit. Dieser QernegroB trotzt in seiner Brutalitet und Bestialitet ganz Europa und dokumentierte ganz deutlich die vøllige Ohnmacht der sogénannten GroBmfichte, auch die Ohnmacht des Internationalen Proletariates. Es ist ein Zelchen des allgemein anwachsenden Antisemitismus, es zeugt von dem schwachen Willen aller Machthaber und von dem vølligen Bankerott der vielgepriesenen europfiischen Kultur. Wir linden aul dem ganzen Erdenrund niemand, der ernstlich den Greueln dieser Horthybuben Einhalt gebieten kønnte oder wollte, diesen Bestien in Menschengestalt, diesen Morderbuben und Råuberbanden mit und ohne aristokratischen Ahnen. Die Judenheit der ganzen Welt hatte aulgerfittelt werden sollen aul der kiirzlich abgelaulenen Welthilfskonferenz, der Jammer, das Elend, das sich uns hier nackt darbot, geht spurlos an der Welt vorbei, die nicht sieht und hdrt, was sie weder sehen mag noch h&ren. Quieta non movere! Nur nicht rtihren, was einen direkt nicht tangiert, lieber den Kop! in den Sand stecken und Vogel-StrauB-Politik treiben, denn erschflttert von all* dem Jammer und der Not aufbrttllen und zur Wehr sich setzen. Es wirkt schon lficherlich und frazzenhaft, die Abhaltung all’ der Konlerenzen und Kongresse, denn parturiUnt montes nascitur ridiculus mus. Und wie der Menséhheit zum Hohn bricht im letzten Momenté ein Krieg aus, der wieder unzfihlige Existenzen vernichtet, der wieder Unglflckliche, arme Menschen als FlQchltinge hinausspelt in die ungewisse, linstere und leindliche Zukunlt. Einen Lichtschipujttr Jjildete San Remo, blldete die Jahreskonferenz 4er allweltlichen zionlstischen Organisation, die aber nur dann imstande sein wird die Ziele zu erreichen, welche die Jahreskonferénz gesteckt hat, wenn das gesamte Judentum geeint ist. In schweres Dunkel ist die Zukunlt gehUllt. Volt Wolken und Nebel. Nur der ZusammenschluB aller Juden kann da Bresche schlagen, nur ein Zusammenwirken aller, denen das Judentum am Herzen liegt. Aus all den Konferenzen, die im abgelaulenen Jahre abgehalten wurden, schreit die Not. Gellt der Rul nach dem schnøden Mammon. In allen unseren Arbeiten sind wir lahm gelegt, weil an allen Ecken und Enden die Geldnot grinst. Alle Resolutionen, alle Beschlilsse sind Fetzen Papieres, so lange uns ihre Verwirklichung unmøglich ist. Und unsere Juden horen es - und verschliefien ihre Taschen. Werden zugeknøplt und verschlossen, wenn es zum Gelde kommt. Sind kurzsichtig und politisch unklug, wollen nicht fiber die Kirchentfirme ihrer Heimat sehen, Ireuen sich ihres Lebens, wenn es ihnen nicht an dieses geht, und wiegen sich in Sicherheit — diese Toren — wenn eine Qewitterwolké ungefåhrlich vortiber gezogen ist. Es ist gerade zu unbegreillich, wie kurzsichtig unsere Juden sind, denen man sonst Weitblick nachsagt, es Ist unbegreillich, daB sie erst dann in ihren Geldsack greiien, wenn die Not am høcbsten Ist. Und die Not ist Ifir sie nur dann am høchsteh, wenn es sich um ihre elgene Person handelt, aber voratiszusehen, vorzubauen, das ist ihnen schéinbar nicht gegeben. Sie sind imstande Millionen an vorgeschriebeneri Kontributionen innerhalb 24 Stiinden aulzubringen — und es blieb ihnen noch immer etwas zurfick — wollen aber nicht imstande sein, Tausendé im Jahre znsamrnenzulegen, wenn sie der Not und dér Peitlché entrfickt sind. UBeschuwo, uBéfilo, Uzedokoh. Von Millionen Lippen wird der Satz aiisgespro« chen werden, aber die Seéle und das Hérz werdfcd die Lippen nicht høren, denn die Herzen Sind yerstockt unddie-Seeleh umnebeit. Ein Jahr des Jammers und der Not geht zti Ende. In Palfistina winkt die. Oase der Ruhe und déS Friedens, allen Juden eine Zulluchtsstfitte und eiit Heim. Nur an uns ist es gelegen, dieses Heim wohnhalt und traulich zu machen; nur in unserer Kralt liegt es, die neue jlidische Heimat zu einer Perle sozialer und wirtschaltlicher Gerechtigkeit zu machen. Noch wird Europa von der Kriegslurie bedfoht, noch herrscht das Schwert und das Blei, wo Pilug und Egge herrschen soliten, noch ist der Not kein Ende — aber von Zions Felsenspitze winkt unS Friede zu und eine Heimat von ungeahnter Schortheit breitet sich vor uns aus,. ein leenhaltes Mfirchenland, aber wir wollen nicht, oder noch nicht Soli die Heimstfitte auch im neuen Jahre ein Mfirchen bleiben? FEUILLET0N. Rosch-haschonoh Im Osten. Von E. KO ni g. Schofargeblfise, welkende, lallende Blåtter, kahle Stoppelfelder, jagende, bleierne Wolken ... ein regelrechtes Gesetz der heiligen Natur, die fiber die QroBe Erde ihren dunklen Schlalmantel breitet. Doch leiert seit 6 Jahr en das ittdische Volk im Ostlichen Europa die Neujahrstage in Stimmungen, die viel verzweifelter ausklingen als so manche sentimentale Herbstempfindung. Es mfiBten béreits die Schicksalsschlftge unserer Ostlichen Brfider innehalten, wenn in den letzten Jahren ihre Reihen von allen Todcseventualit&ten, die im unsano-taukef- Qebete aulgezfthlt werden, gelichtet sind. Im Jahre 1914 ein wicbtiges Erzittem vor den Rosch-haschonoh-Tagen; ein hartes Qottesgericht begann in den hOberen Sphfiren fiber das Judenvolk zu tagen. Sie vertyefien angesichts der Kriegsgreuel ihr Hab und Gut um das Leben unschuldiger Kinder, Frauen und Greise in Sicberheit zu bringen. Sie fibernachteten in Wftldern, in einaamen Baubrahfitten, sie wateten durch morastige, Iremde (legenden .. . Spott und Hohn lolgten getreu ihren Spuren and was sje in den Tagen der Not immer mithatten, das war die hellige Schrift, ein Sidur oder Machsor. Und sie beteten, fasteten und weinten, die Einen irgendwo in ungarischen Nestern verstreut, die Anderen in dumplig-leuchten mfihrischen oder steirischen Barackeniagern, die dritten wieder wo Anders, in einer lfirmigen GroBstadt hoch fiber hunderten von Stiegén. Und sie beklagten gebrochenen Herzens ihr Los, taten BuBe in den lolgenden Aseres jmei tschiwot und begrillen dann das Gewaitige des Jom-hadim im Volisten Sinne des Wortes, So verging die Zeit in der Vfllker wechselndem Kriegsglfick. GeflUchtete Juden kebrten heim, wenn auch diese Heimstfitten abgebrannte, von Plerden verunreinigte Ruinenreste darstellten. Aber der Glaube an den nahen Fr leden gab ihnen Hollnung das Zerstdrte von Neuem aufzubauen. Da drang ein heimtfickischerer Feind als es der Krieg selbst war in ihre Mitte. — Der lurchtbare Typhus machte sich an seine Menschenernte heran, er tobte unbarmherzig, mfihte und mfihte ... Die BehOrden versiegelten alle OlfentUcben Geblude, um die Ausdehnnng dieser Brut zu vgrhindern; auch die ittdiscben Got* teshfiuser urarden verrammelt. Ein Minjan durite nicht zusammentreten, so daB am Rosch-haschonoh- Fest wie an den darauflolgenden Feiertagen ein Jeder, den noch das Schrecklichste nicht ereilte, ganz allein Ifir sich in seiner Behausung ohne Scholarblasen den Gottesdienst verrichten mufite. Dann kamen die Jahre nach dem groBen Umsturz. Bewaflnete polnische Belreier umzingelten jlidische Bethfiuser und belreiten arme Juden von ihren Bfirten oder gar von ihrem Leben . . . Wie in der unglficklichen Ukraine die Jmej nauroim geieiert wurden und noch heute nach den markerschfitternden Pogromtagen begangen werden, Ittrwahr, besser daran nicht zu denken. Und heuer? Noch immer drOhnén im Osten grausige Wallen, noch immer liieBt Menschenblut in Strømen und dazwischen das alte, edle, teuare Judenblut, das Blut des Sfindenbocks. Gebrochenen Herzens, gedemfitigt, unglttckllch, in Pein und Not betrfinen heute unsere Brfider und Scbwestern im Osten ihre Machsorim. Am VersShnungstage møge der Gott Israels nicht fiber sein Volk, sonden) fiber der Menschbeit Wahnsinn richten.#^ ØV* Soeben erschienen: „Hickls fttdischer Volkskalender“.