Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1920)
- Date
- 1920-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt« 4 JCDttCHB V0UCS9TUME* HKMBMMMMdbC4ÉWt)esa9lnkaMMHMHMa3 Nr. 36. »r, der Fragte der Erwt Israel-Arbelt etnen beson* der$ groBen Raum in den Beratangen zu gewåhren. Herr Jakob Rosenheim (Frankfurt a. M.), lebhaft akklammiert, gab seinem Bedauern Ausdruck, daB das gesamte Zentralbilro der Agildas Jisroel, sowie die Delegierten aus England, Frankreich, Belgien naw. infolge der schwierigen Reiseverhåltnisse nicht rechtzeitig zur Tagung eintreffen konnten. Aus den so wichtigen iiidischen Zentren Polen und WeiBruBland konnte Uberhaupt, infolge der gegenwårtigen poiitischen Lage, nur ein Delegierter die Reisebewilligung erlangen. Der Redner dankte der Cechoslovakischen Republik und den PreBburger Lokalbehbrden fflr das besondere Entgegenkommen, durch das sie den Delegierten der Konlerenz die Einreise erleichtert und dadurch die Abhaltung der Tagung auf dem altehrwUrdigen Boden dieser Stadt ermoglicht haben, die so viele geheiligte Erinnerungen an gewaltige Fiirsten der Thora in uns wachruft. Die Abhaltung der Vorkonferenz in Preflburg sei ein gutes Vorzeichen fiir die Kenessija Gedola und den weiteren Erfolg unserer Arbeit. Hierauf ergriff Rabbiner Isaak Meir Lewin aus Warschau, der Schwiegersohn des Gerer Rebbe, das Wort zu langeren interessanten Ausfiihrungen in jiddischer Sprache. Der Redner gab einen erschopfenden Bericht iiber die Tatigkeit der Schlome Emune Jisroel, der polnischen Landesorganisation der Agnda, namentlich auf dem Oebiete des Unterrichts und der Erziehung. Er bemiihte sich sichtlich, die Bedenken des auBerst rechten Flligels der Orthodoxie in Polen und hierzulande (Munkacs, Kaschau usw.) gegen diese Tatigkeit der Aguda zu zerstreuen und nahm speziell die von den Schlome Emune Jisroel ins Leben gerufene „Messiwto", eine hohere talmudische Lehranstalt, die gewisse chassidische Kreise als eine Art Rabbinerseminar hinstellen, in Schutz. Der Redner wandte sich daneben in iiberaus heftigen Angriffen gegen den Misrachi in .Bolen und die Leitung der zionistischen Weltorganisation. Nach seinen Angaben zåhlen die Schlome Emune Jisroel in Polen 200.000 Mitglieder in 700 Ortsgruppen. 500 polnische Rabbiner gehdren der Organisation an. Der Redner kam im weiteren Verlaufe seiner Ausfiihrungen auf die Paldstinafrage zu sprechen und gab seiner persbnlichen Meinung Ausdruck, daB die Aguda dieser Frage groBere Aufmerksamkeit als bisher schenken mUsse, ohne jedoch zu pråzisieren, in welcher Art und in welchem Umfange er sich die Tatigkeit der Aguda in Erez Israel vorstellt. Zum Schlusse erstatteten noch Herr Goldschmidt (Halberstadt) und Herr Rabbiner Pollak (Wien) Bericht iiber die Tatigkeit der deutschen und der Osterreichischen Landesorganisation der Aguda. * * Dienstag um 7 Uhr abends sprach Herr Jakob Rosenheim aus Frankfurt a. M. im GroBen Saale der Bellevue in Anwesenheit von etwa 300 Personen iiber die Ziele der Agudas Jisroel-Bewegung. In einer einstUndigen gehaltvollen und rhetorisch wirkungsvollen Rede entwickelte er die Theorie und das Programm der Aguda. Leider kotinte auch er sich nicht enthalten, heftige Ausfalle gegen den Misrachi und die zionistische Bewegung zu richten. Von den Misrachisten behauptete er, daB auch sie die Thora nicht in den Mittelpunkt, sondern in eine stille Ecke stellen. Er hob den poiitischen Charakter der Aguda- Organisation hervor und nahm von diesem Standpunkte aus zu den verschiedenen jlidischen Gegenwartsfragen Stellung. Die Bestrebungen, den jttdtschen Massen in den ostlichen LUndern nationale Minderheitsrechte und eine national-kulturelle Autonomie zu sichern, lehnte der Redner fiir die'Aguda ab. Es geniige die Sicherung und die Autonomie der religidsen Einrichtungen. Auf die PalSstinafrage libergehend, klagte er iiber den unjiidischen Geist, der dort herrsche durch die Tatigkeit von Mdnnern, die der jiidischen Lehre und ihrem Geiste fernstehen. Es existiere zwar in der zionistischen Organisation eine gesetzestreue Fraktion, der Misrachi, der aber seine Aufgabe naturgemdB nicht erfiillen konne. Er wandte sich sodann gegen die VorwUrfe, die vor einlgen Wochen Herr Rabbiner Dr. Schdnfeld (dessen Namen er nicht nannte) der Agudaleituug gemacht hat. Wenn gesagt worden ist, diese håbe eine falsche Politik betrieben, so beteuert Redner, daB er und die anderen Herren der Agudaleitung keine Propheten seien und den Ausgang des Krieges nicht vorhersehen konnten. Die Agudaleitung hat seinerzeit in Konstantinopel mit derjenigen Macht verhandelt, die damals die tatsåchliche Herrscherin Palæstinas war, und sie hatte nicht die Absicht, irgendjemanden zu unterbieten. Selbstverstdndlich konnten wir damals nicht wissen, daB sich das Blatt wenden wird. Im ilbrigen seien seinerzeit in Konstantinopel auch zionistische Vertreter anwesend gewesen, die die damaiige Politik der Aguda gutgeheiflen hatten. Mit einem begeisterten Appell an die Anwesenden, sich dér Aguda anzuschlieBen, schloB der Redner seinen Vortrag. J. V. Z. Wifidsraufbau der Existenz der JQd. Kriegsinvaliden, Kriegerswitwen und -Waisen. (Memorandum an die jiidische Welthilfs-Konferunz.) 45.000 jtidischer Kriegsinvaliden, Tausende von jiidischen Kriegswitwen und -Waisen in den Låndern der alten osterr.-ungar. Monarchie sind ohne Existenz und Schutz! 4200 jiidischer Kriegsinvaliden, von denen 20 Prozent nach drztlichem Qutachten schwerstert Grades Invalide sind, nur in Wien. In den Spitftlen Galiziens, Ungarns und Deutschosterreichs liegen seit Jahren und Monaten Hunderte von iiidischen Kriegsinvaliden; ihre Wunden waren schon hingst geheilt, wenn ihnen eine entsprechende Filrsorge zu Teil werden wiirde. Tausende jiidischer Manner schmachten noch in der Kriegsgefangenschaft und Tausende junger Juden entweder blind oder ohne Arm oder ohne FiiBc darben in verschiedenen Stadten vor Hunger. Die jiidischen Gemeinden haben ihre Pflicht vergessen, die jiidischen Organisationen kilmmern sich um gesunde, arbeitsfåhige Menschen, es wird viel Uber Kriegsopfer und Greisen gesprochen, es werden Auslandsreisen organisiert; aber keine einzige/ jiidische Institution im Auslande dachte an die erholungsbediirftigen jungen Tuberkulose- und Malariakranken, blinden Invaliden, um ihnen neue Lebens- und Arbeitskraft zu geben, keine einzige groBere jiidische Institution widmete sich bis nun der Wiederaufrichtung der Existenzen dieser UnglUcklichsten. Der polnische und ungarische ^taat kiimmert sich Uberhaupt nicht um die jildischen Frontopfer des Weltkrieges, im deutsch-osterreichischen Staate sind 50 Prozent der jiidischen <riegsinvaliden, als nach Polen, Ukraina oder Ungarn zustandig Uberhaupt ohne jeden Schutz und Hilfe, es droht ihnen sogar die Ausweisung. Jahrelang trotzten dem tausendfachen Tode die Tuden-Soldaten im SchUtzengraben und gaben ihre Existenz hin zum Schutze des Staates, wie auch der iiidischen Gemeinden. Physisch und materieil zugrunde gerichtet, fanden sie zurUckgekehrt, anstatt der Heimat, niedergebrannte Håuser, verwUstete helder, die Frauen und Kinder im Hunger und verzweifelten Elend. Haben die Staaten der alten Monarchie vergessen, daB ihre Grenzen auch mit jtidl- '^hem Blnt" verteidigt wurden, hat insbesondere Ungarn vergessen, daB die Juden Ungarns im Kriege!ie treuesten und fanatischestcu Staatsbiirger und FrontkSmpfer waren?! Kein Staat, der Anspruch auf Zivilisation hat, darf hilflos zuschauen, wie seine besten SShne, die ihm ihre Olieder geopfert haben, zu Grunde gehen und sich nicht der Sonne freuen diirfen, keine jiidische Gemeinde darf långer dulden, daB nur ein Bruchteii ilirer Mitglieder verkrUppelt, gebrochen, hilflos herumirrt. Die gesittete Presse rufen wir auf Protest zu erheben, daB Tausende jttdischer BUrger, die ihr Bestes zum Schutze des Staates geopfert haben, ohne leden rechtlihcen und materiellen Schutz dastehen. Nun gilt es, diesen UnglUcklichsten Opfern des Weltkrieges beizustehen, wie sie es sich um uns alle verdient haben; aber nicht durch Almosen kann das erreicht werden; nur der planmåfiige Wlederaufbau ihrer vernichteten Existenz vermag dauernd wirksame Hilfe zu bieten. Heilanstalten zur Wiederherstellung der Gesundheit, Werkståtten fiir die Arbeitsfflhigen, Helme fttr die Erwerbsunfåhlgen und die Kriegswaisen, Prothesen fiir die Kriegskrtippel, Hunde fiir die Blinden, Konsumgeuossenschaften, Bekleidungsstellen, Kreditanstalten, freie Gårten ftlr die Feldarbeit, flir die sich ein groBer Teil der Krigsinvaliden besonders eignet — sind notwendig. 60 Prozent der jiidischen Kriegsinvaliden gehoren dem Handwerkerstande, 25 Prozent dem Mittelstande, 15 Prozent der Studentenschaft. Fflr die Ersten miissen spezielle Werkståtten errichtet werdeu. fiir die Letzteren die Berufsumschichtung erinfiglicht, fiir alle der staatliche Schutz erkåmpft werden. Der Verband der jiidischen Invaliden und Heimin Wien (II, obere DonaustraBe 65) hat bereits das Wiederaufbauwerk im obgenannten Sinne begonnen. Die jiidische Welthilfskonferenz hat bereits schnelle und konstruktive Hilfe beschlossen. Auch die Solidaritet der jiidischen Kriegsinvaliden aller Lander wollen wir anrufen zum Beistand und gemeinsamer Arebit. Die jiidischen Kriegsinvaliden aller Lånder fordern wir auf zur Schaffung eines Wcltverbandes, um mit gemeinsamen Mitteln die Existenz der jiidischen Kriegsinvaliden und der Kriegshinterbliebenen wiederaufzubauen, um geschlossen den Schutz des Staates zu erkåmpfen uiul die Hilfe der jiidischen Oefefntlichkeit. In den Rahmen der jiidischen Welthilfszentraic muB cin jildisches Kriegsinvalidenamt gegriindet werden, dessen Aufgabe wåre: der planmåBige Wiederaufbau der Existenzen der jiid. Kriegsinvalidcn- Witwen und -Waisen und die schnelle Hilfe. Davis Erdtracht (Wien), Leiter der Wiederaufbauaktion der Existenz der jiidischen Kriegsinvaliden, Kriegswitwen u. -Waisen. ■ : 'M ,* é Hilfskonferenz der Iiidischen Kriegsinvaliden und Helmkehrer. Der Verband der jiidischen Invaliden und Heimkelirer in Wien (II. obere Donaustrafle 65) beabsichtigt im November d. J. eine Hilfskonferenz der jiidischen Kriegsinvaliden und Heimkehrer aller Lånder einzuberufen. Die Konferenz wird sich u. a. mit foigenden wichtigsten Fragen befassen: Schaffung eines Weltverbandes aller jiidischen Kriegsbeschådigten; wirtschaftliche Hilfe (Berufsvermittlung, Berufsumschichtung und finanzielle Hilfe); sanitåre Hilfe (Heilanstalten und Heime); Rechtshilfe (Filrsorge des Staates und Rechtsschutz); Ftlrsorge fiir Kriegerswitwen und -Waisen. Såmtliche Verbånde, wie auch einzelne Kriegsbeschådigten, die Interesse fiir das groBe Hilfswerk bekunden, werden ersucht, mil dem obgenannten Verbande in Verbindung zu treten. FUr die Leitung des Wiederaufbaues der Existenz der jiidischen Kriegsinvaliden, Kriegswitwen und -Waisen: Davis Erdtracht, Dr. Lowensohn. Rundschau. PALÆSTINA. Samuel iiber die Entwickluug. Beim Empfange einer Deputation der Jerusalemer Handelskammer am 26. Juli erklårte Herbert Samuel, dafl binnen kurzem ein neues Gesetz iiber den Landerwerb herauskommen werde, was sicherlich viel zur Entwicklung des Handels beitragen wird. Die Bahn von Ludd nach Jaffa wird bald Wirklichkeit werden und in 2—3 Monaten wird eine breitspurige Eisenbahn direkt von Jaffa nach Jerusalem fiihren. Samuel fUgt noch bei, daB man in Europa glaube, daB Jerusalem infolge der vielen Gemeinden eine Ståtte des Zwistes sei. Aber die Handelskammer, in der alle Nationen und Parteien vertretea sind, beweise, daB friedliches Zusammenarbeiten leicht moglich ist. Er hoffe Europa in naher Zukunft den Bewels erbringen zu konnen, daB in Jerusalem Frieden und Einigkeit zwischen allen Religionen und Gemeinden herrsche. J. P. Z. Z. XII. Sitzung des Waad Hazmaul. Am 29. und 30. Juli fand in Jerusalem die XII. Sitzung des Waad Hazmani statt, wobei auBer den Mitgliedern auch Jabotinsky und die Mitglieder des Waad Hazirim, Dr. Eder und Dr. Ruppin, anwesend waren. Dr. Thon berichtete iiber die verschiedenen Vorfålle seit der letzten Sitzung, die diverse beschlossene Schritte hlnfållig gemacht haben. Der Waad Hapoel håbe beschlossen, sich an den Oberkommissar betrefis Durchfiihrung der Gleichberechtigung der hebråischen Sprache zu wenden und hat eln diesbezugl. Memorandum ausgearbeitet. Auf die Rundfrage wegen der Einberufung der Delegierten- Versammlung haben sich 135 Delegierte fiir die Beibehaltung des Waad Hazmani bis zum Zusammentritt der Deleglerten-Versammlung ausgesprochen, wahrend 65 dafiir waren, daB ein Waad aus den Delegierten gewåhlt werde, der vorlåufig die Geschåfte fiihren soli. Es wurde beschlossen, sich fiir die eheste Einberufung der Delegiertenversammlung u. zw. ungefåhr fiir die Zeit der Feiertage einzusetzen. Jabotinsky referierte des langeren iiber die Legion. Die Debatten zogen sich auch iiber die zweite Sitzung hin und es wurden wichtige Beschliisse iiber die Erhaltung und Entwicklung der Legion wie auch