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Jüdische Volksstimme · 1920-09-02 · Heft 36 (2.9.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 36 (2.9.1920)
Date
1920-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 88. JtfefcCBt VOUCSSTtMMfiP* 7S» sierenden Frauenfeigheit. Oa schwarmen einige steller wie Sforim in „Fischke der Krumme", schrei- Schriftsteller in ihrem verderbten Geschmack fiir Wespenteillinien und Leichenbiasse, und das Leserpublikum eifert ihnen auf Kosten der Gesundheit nach. Besonders grofi ist der EinfluB, den diese Geftlhlsliteratur auf die Liebe gewonnen hat. Es fst soweit gekommen, daB man glaubt, man dilrfe nicht anders Uber sie reden- und nicht anders in ihr handeln, als mit augenverdrehender Extase oder im sentimentalen Dusel, daB man gesunde, kraftige Menschen, die ruhig und verntlnftig Uber die Liebe zu reden wagen, als Seelenkrilppel, die jeder erhabenen Empfindung bar sind, als wilste Rohlirtge verschreit. Wenn wir nun dies bedenkend, uns in der Literatur der gesamten Welt umsehend fragen, wie es moglich wdre, besonders unserer Jugend einen gesunden Lesestoff zu bieten, der sie geistig anregt, ohne zu schaden, so werden wir in der gesamten Weltliteratur nur eine finden, die vollig einwandfrei ist, die jiddische. Es iSt eine Eigenart der jiddischen Lite ratur, daB sie mit AusschluB unbedeutender Ausnahmen Gefilhle stets so wiedergibt, wie sie dem gesunden Durchschnittsmenschen wirklich zu eigen sind, und daB sie daher Ueberschwenglichkeiten vermeidet, eine Eigenart, die iibrigens leicht erklarlich ist. Denn die Degeneration eines Volkes, dessen sichtbarstes Zeichen die Ueberschwenglichkeit der Gefilhle ist, fiihrt den Untergang eines Volkes herbei. Die groBcn Vdlker des Altertums, wie Griechen und R6mer sind unter deutllchen Degenerationserscheinungen zu Grunde gegangen. Nur das jiidische Volk, das sich durch die eigenartigen Umstånde seines Schicksals von der Degeneration freigehalten hat, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Und so ist es denn auch natiirlich, daB die Literatur jenes Volkes, das bis vor wenige Jahre in dieser Beziehung einwandfrei geblieben ist, auch eine einwandfreie Literatur besitzt, eine Literatur, in der es keine psychologische Extase gibt. So kann man ein Dutzend Novellen von Scholem Alejchem oder Jitzchok Leib Perez lesen, ohne in einer einzigen derselben etwas von „Liebe" zu finden, wie man dies von fast jeder Novelle der modernen GefUhlsliteratur voraussetzen kann. Scholem Alejchem hat einmal eine umfangreichere Novelle geschrieben, „Die erste jiidische Republik". In derselben werden 12 Juden und eine Jtidin auf eine einsame Insel verschlagen. Und der moderne Westler erwartet jeden Augenblick, daB der Dichter erzahlt, wie alle 12 Juden der einzigen Frau die Kour schneiden, denn sie ist, wie der Dichter gleich anfangs bemerkt, jung und hiibsch. Und so ist man fast erstaunt, wenn man die launige Novelle zu Ende gelesen hat, ohne daB dergleichen vorgekommen wdre. Welcher neuzeitliche Schriftsteller håtte so etwas gemacht? Jiddische Schrifthiebei konstatierte, daB derselbe in genau demselben Stile erbaut war wie der Tempel in Starå Turå und jedenfalls noch viele andere alte Tempel in Mdhren und der Slovakei. Nunmehr ist der alte Tempel in Stard Turå wegeu Baufdlligkeit bereits auf moderne Art umgebaut worden, die alte hergebrachte Form ist verschwunden, und mit ihr auch ein groBes Stiick jUdischen Kulturlebens. Die alltdglichen Tempelbesuche haben aufgehort, denn die Zahl der dortigen Juden ist zusammengeschrumpft, sodaB kautn am Sabbathen die erforderliche Zahl der Tempelbesucher erreicht wird. Insbesondere die Pogromweile, welche im November 1918 Uber die Slovakei sich ergoB, und selbst ir. den kieinsten Orten nicht Ualt machte, hat die Zahl der Juden auf dem flachen Lande stark reduziert, da auch ihre wirtschaftliche Existenzbedingungeu sehr unterbunden wurden. Selbst Angsttaufen sind vorgekommen. (Vgl. meinen Artikel: „Der slovakische Bergjude" in Nr. 3 ex 1920 dieses Blattes.) Aber auch fiir mich hat diese Gegend aufgehort, die personliche Bedeutung zu besitzen, welche sie frUher fiir mich hatte. Meine Eltern haben ihren Wohnsitz gewechselt, und ich werde kaum mehr Gelegenheit haben, wieder die Fahrt durch „Klein-Siebenbiirgen" zu nnternehmen. Hdchstens wenn einmal die Bahn diese Gegend durchfahren wird, an deren Verwirklichung wir durch 2 Jaferzehnte gearbeitet haben, und welche jetzt, nach Wegfall der bis dahin das'Hiudernis bildenden staatlichen Grenzen, verwirklicht werden soli. Aber die Stimmung wird nicht mehr dieselbe sein wie ehedem. Tempora mutantur et nos mutamur in illis! ben ganze Romane, ohne in denselben von Liebe zu schwarmen. Wenn aber unsere jiddischen Poeten doch einmal von Liebe zu reden anfangen, wie schOn und rein wissen sie es zu tun. Jitzchak Leib Perez schreibt einmal einen Dialog zweier Liebenden „Im Mondschein" betitelt. Zwei Liebende sitzen im Mondschein im Park und plaudern miteinander, zwei Liebende, die es sich nie eingestanden haben, wie lieb sie einander sind. Still und traurig redet Malke, die einen wildfremden Menschen heiraten soli, denn sie nie gekannt hat, von der Zukunft. Betriibt und melancholisch antwortet Jossel. Dann fdngt er an, behutsam von der Liebe zu reden. Da,weredn keine heiflen Schwure geschworen, keine feurigen Kiisse gewechselt oder sentimental geschwdrmt. Vernfinftig und traurig redet Jossel von der Liebe, behutsam, um Malke nicht noch weher zu tun, wie ihr schon ist. Und wenn dann unser Held zum Schlusse seine Malke erhrlich fragt, wie man im Osten fr8gt, wenn sich zwei arme Leute heiraten wollen: „Willst Du, daB zwei Tote mit einander tanzen gehen?" da ist der Leser mehr ergriffen und erschiittert, wie von der riihrseeligsten Schwdrmerei landldufiger, neuzeitlicher Dichterlinge. Und dies ist auch fiir den jiddischen Schriftsteller charakteristisch. Er bleibt stets nilchtern und kalt, selbst wenn er die starksten Wirkungen erzielen will, seien diese heiterer oder tragischer Art. Nilchtern und sachlich erzahlt der jiddische Dichter und weiB dennoch zu packen. So erzahlt Scholem Alejchem in einer wunderbaren, feuilletonenhaften Novelle,. „Die drei Kopfchen" betitelt, das Leben dreier jiidischer Kinder, von denen der Aelteste wohl um die 4 Jalire alt sein mag. In der polnischen Fabriksstadt geboren, nie aus dem engen JudengdBchen gekommen, liaben die kleinen noch niemals einen Baum oder Strauch gesehen, kennen weder Wiesen noch Gras, haben keinen Begriff von der Welt. Nur der Aelteste, der den Cheder besucht, „weiB alles", wie seine Geschwister meinen. Er hat gelernt die Broche tiber die BaumfrUchte zu sagen, und weiB daher, daB es Baitme gibt. Aber gesehen hat er niemals einen solehen. Zu Schewies pflegt man im Osten die Stuben mit frischem Gras zu bestreuen, mit „Griinem", wie man im Osten sagt. Und der Dichter schildert die Wirkung dieses Brauches auf die Kinder, die nur einmal im Jahre, bei diesem Anlassé Gras sehen konnen. Er schildert es uns, ohne Sentimentalitdt, ruhig und sachlich, aber man urteile selbst, ob er dabei nrcht ans Herz zu greifen ver-' steht, wenn er ungefåhr folgendermaBen schlieflt: „Und die kleinen Kdpfchen legen sich alle drei auf den Fufiboden, schmiegen die Gesichtchen in das duftende Gras, und kllssen das weiche, wonnesame, wunderschone, das man „Grilnes" nennt, das man zum Festtage braucht, und auf dem Markte kauft... „Alles bekommt man auf dem Markte, sogar Griines! Alles kauft der Vater, alles brauchen Juden, allen haben sie! Sogar Griines! Sogar Grilnes!" Konferenz der Agudas Jisroel in Bratislava. Die ursprilnglich nach Wien fiir der den 4. Elul d. J. einberufene Vorkonferenz der Agudas lisroe], in der der Zeitpunkt, der Ort und das Programm fiir die geplante Kenessija Gedola, den ersten Weltkongrefl der Aguda, hatte festgesetzt werden sollen, ist infolge der Pafl- und Reiseschwierigkeiten fiir die osteuropdischen Delegierteu nach Bratislava verlegt worden. Die Eroffnungssitzung fand Dienstag den 11. Elul (24. August) vormittags im Etablissement Bellevue statt. Es waren mit EinschluB der leitenden Personen der hiesigen Agudagruppe, der wenigen Misrachisten usw. kaum zwei Dutzend Preøburger Stadtbewohner zu der mit so groBer Aufmachung angektindigten Qffentlichen ersten Sitzung der Aguda- „Weltkonferenz" erschienen. * » Von der Tagung der Agudas Jisroel in Bratislava, die vorausslchtlich bis Anfang ndchster Wochei dauern wird, war bisher nur die Erdffnungssitzung am Dienstag der Oeffentlichkeit und der Presse zugdnglich. Die welteren Verhandlungen sind' interne Beratungen, zu denen auch die Vertreter der Presse keinen Zutritt haben. Die Eroffnungssitzung am Dienstag wurde von; Herrn Rabbiner Pollak aus Wien erbffnet, der Herrn[ Mt 9. Oberrabbiner Akiba Schreiber (Bratislava) ersuchte, die Deleglerten zu begrfiøen. Oberrabbiner Schreiber wies in seiner Begrii- Bungsansprache darauf hin, daB das jiidische Volk gegenwartig vor sehr wichtige Entscheidungen gestellt sei. Wir leben in einer sehr ernsten und krisenhaften Zeit, der jiidische Volkskdrper blotet aus tausend Wunden, und die Berichte, die aus dem Osten zu uns gelangen, stellen alles in den Schatten, was unsere Briider an entsetzlichen Leiden in den letzten Jahrhunderten erduldet haben. Die gewaltigen Umwllzungen haben auch das jildisch-religiose Leben nicht unberilhrt gelassen. Ein rapider Niedergang des Limmud-Hathora sei zu verzeichnen, eine erschreckende Abnahme dés Besuches der Chadarim und Jeschiboth, die Verwahriosung eines groBen Teiles unsejrer Jngend, die vielfach Irrlichtern und falschen Idealen nachjage. In solehen krisenhaften Zeiten wdre es ein Verbrechen, mit dem Rettungswerk fiir die Erhaltung von Thora und Mizwoth noch langer zogern zu wollen, den ZusammenschluB und die Zusammenarbeit der Gleichgesinnten, der Jeréim in allen Ldndern noch weiter hinauszuschieben. Unsere Weisen lehren uns: Wenn Du ein Zeitalter siehst, das Liebe fiir die Thora empfindet, da magst Du Zerstreuung walten lassen, in der Vereinzelung ftrtben. Wenn Du aber in einem Zeitalter lebst, in dem die Liebe zur Thora geschwunden ist, so sammie die Freunde der Thora in ein Lager. Die Agudas Jisroel hat sich die Losung sAmtlicher jildischer Gesamtheitsaufgaben im Geiste der Thora zum Ziele gesetzt. Hiebei kann sie keinen Unterschied machen zwischen Aufgaben rein geistig-religioser Natur und Aufgaben politischer und wirtschaftlicher Art. Vom jildischen Konig wird gefordert, daB er die Thora auf allen seinen Wegen mit sich fiihre und — nach einer geistreichen Deutung des Chassam Sopher aus ihr alle Geschehnisse seines Lebens ablese. Der Jude soli eben aus der Thora seinen ganzen Lebenswandel herauslesen. Das setzt auch voraus, daB wir uns in allen unseren Bestrebungen an den Anschauungen unserer Gedolim und Thorakundigen orientieren milssen. Der Ewige ist nur dann Kdnig in Ieschurum, wenn die Stamme Israels sich unter der Filhrung der geistigen Spitzen des Volkes sammeln. Der Redner gab schlieBlich seiner Zuver« sicht Ausdruck, daB dem ehrhchen Streben der Agudas Jisroel, die diesmal auf dem in der Geschichte des Judentums denkwiirdigeh Boden PreBburgs tage. wo soviel Geonim und Zadikim segensreich gewirkt haben, voller Erfolg beschieden sein werde. Er wiinsche der Aguda, daB sie sich nach den Worten des Propheten innerhalb der thoratreuen Gemeinschaft nach rechts und nach links ausbreiten und eine immer zahlreichere Anhångerschar finden mfige. Herr Kultusvorsteher Leopold Ungar begrilBte hierauf die Delegierten im Namen der hiesigen ortiiodoxen Oemeinde und gab seiner Meinung Ausdruck, daB die Aguda keinen Kampf wolle, vielmehr die Stdrkung des Thorajudentums auf friedlichem Wege anstrebe. Herr Benedikt begrtiBte die Tagung im Namen. der Aguda-Organisation der Slovakei und PreBburgs. Oberrabbiner Koloman Weber richtete an die Tagung^ als Leiter der orthodoxen Landeskanzlei herzliche VVorte des Willkommens. Die Låndesorganisation der orthodoxen Gemeinden in der Slovakei stelle sich in ihrem Kreise die gleichen Aufgaben, wie sie die Weltorganisation Agudas Jisroels fiir die Gesamtheit erstrebt. Wir wollen alle die Erhaltung und StUrkung der wahren, unverfdlschten Orthodoxie. Zwei Ziele sind es, die die Agudas Jisroel hauptsachlich verfolgt: erstens die Ldsung samtlicher jiidischer Oegenwartsfragen in voller Uebereinstimmung mit den Satzungen der Thora, zweitens speziell die Entfaltung einer Tatigkeit im Heiligen Lande, in dem Sinne, das alles, was dort geschieht und noch geschehen wird, so durchgeftihrt werde, daB das Land auch weiterhin ein helliges Land bleibt. Insbesondere milssen die kostbaren sittlichen Gttter, die wir dort besitzen, der Jischuwhajoschon, der uns so sehr am Herzen liegt, aufrecht erhalten bleiben. Dr. Rosenbaum sprach im Namen der Jugend. Die Frage der Jugend sei es eigentlich, die hier auf der Tagesordnung stehe. Die Aguda-Jugpnd erwarte von der Konferenz Anleitung zur positiven Arbeit, zur Anwendung ihrer Kråfte an der richtigen Stelle. Insbesondere soli uns die Konferenz Richtlinien geben, auf welche Weise wir fiir Erez Israel intensiv arbeiten sollen. Namens der Jugend bittet der Re ’-

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