Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1920)
- Date
- 1920-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt* B. JGOKCOB VOLKSSTUMC* Nr. 36. ist in erster Linie — wenn auch nicht »usschliefllich. | — die bisherige Erziehungsmethode daran sdiuld. Wie soli dies anch bei der jfldischen Jugend, die nnsere zukUnftigen Vorkftmpfer und Ftihrer flir eine schwere und harte Zeit wird reprftsentieren miissen, anders aussehen, wenn sie in allen jenen Fragen nicht gentigend, oder nur thit Schlagworten, infor* miert wird, die sicl) auf das Verhlltnis zti anderen Vblkern, tiber die Stellung znm religidsen und so* zlalen Probletne beziehen. Sowohl in Palflstina, als auch in der Diaspora stehen wir heute vor einer ganz anderen Situation als zu den Zeiten, als Theodor H e r z 1 den „J u* denstaat1* und „Altneuland" schrieb. Staaten sind von der Bildflåche verschwunden, neue entstanden, soziale Theorien, die frilher als die alleinseligmachenden galten, sind durch die Entwicklung widerlegt, auch innerhalb des Zionismus haben sich manche Anschauungen, — wie zum Beispiel die sogenannten Oaluthverneinung — als unhaltbar er* wiesen. Unter solehen Umstitnden galt es nicht mehr an eine Jugenderziehung auf den bisherigen alten Grundlagen, die heute kein tragbares Fundament fUr einen modernen Zionismus, geschweige denn fiir seine Jugendbewegung bilden kdnnen, fort* zusetzen. Es wtire nun der verhtingnisvollste Fehier des måhrisch-schlesischen zionistischen Studententages — wie es bei so vielen tihnlichen Veranstaltungen studentischer und nichtstudentischer Natur geschieht — den grddten Teil der Zeit mit Debatten iibeT die Organisation, internen Vereinsstreitigkeiten zu ver* geuden, zum SchluBe einige Resolutionen zu fassen, tiber die prinzipiellsten Fragen aber zur Tagesord* nung iiberzugehen und alles der neugew&hlten Verbandsleitung zu tibei Iassen. Es soil nicht damit die falschQ^Anschauung ausgesrpochen werden, daB die Mdglichkeit vorliegt, gerade anltiBlich dieser studen* tischen Tagung das groBe Problem der neujiidischen Auigaben in der Diaspora und in Palæstina in seinem ganzen Umfange zu erortern, geschweige denn einer LOsung zuzuiilhren; immerhin aber muB dieser Studententag klar und deutlich die Stellung der national* itidischen Jugend innerhalb des Zionismus, ihre Stellung speziell zur Nationalit&tenfrage und zum so* zialen Probleme prtizisieren, sie muB tiber Wege und Mittel beraten, welche die Erziehung in Bahnen leitet, die es ermoglicht, die heranwachsende jtidische Generation gleichmSBig zu modemen Juden und modemen Staatsblirgern zu erziehen, harmonisch in sich selbst, harmonisch mit ihrem Volke und harmonisch mit den Ideen des ethischen Kulturmenschentums. ir. : .v meinde. Der Ruf der Frdmmigkeit der dortigen Judenschaft war weit verbreitet. In Myjava pflegten wir in frilheren Jahren Station zu rnachen, solange der Arzt Dr. K. lebte. Er war ein guter Freund unserer Familie und tibte Seinen tirztlichen Beruf in tiuflerst humaner Weise aus, wie dies auch in einer Monographie tiber My)av$. riihmend hervorgehoben wurde. In vorgerttekten Jahren trat er zum evangelischen Glauben tiber, und starb, korperlich und seelisch zerriittet, ver^ltnismtiBig jung. Keine Glocken wurden geltiutet, kein Kadisch wurde gesagt, und nicht einmal ein Qrabstein schmtickt die letzte Ruhestatte dieses -humanen Arztes. Von Myjava bis Starå Turd sind die Kopanicen zahlreicher, denen wir auf unserer Fahrt begegnen. Die Kopanice Poradie hat insoferne geschichtliche Bedeutung, als dort im September 1848 die slovakischen Freischaren Hurbans eine entscheidende Niederlage erlitten. Die nationale Bewegung hatte in jener Zeit, in welcher, ausgehend von Paris, eine nationale Freiheitswelle tiber ganz Europa sich ergoB, auch vor den still dahinlebenden Slovaken nicht Halt gemacht, und insbesondere Josef M. Hurban, der evangelische Pfarrer des nahen Hhibokd bei Senic, hatte die Bevdlkerung dieser Grenzgegend, welche mit ihrem evangelischen Glauben auch eine gewisse slavische Tradition beibehalten hatte, aus ihrer Le* thargie aufgertittelt. Ungefdhr 8000 Mann wurden gesamrøelt, welche von Myjava auszogen, und, unaufhdrlich von neuen Zuzttglern verstdrkt, sich nach Osten gegen Stard Turd und mach Silden gégen Brezovd wandten. LeP der .war diese erste Frelheitsbewegung der Slovaken, gerade wie auch iene nach dem Umsturze im Mederne Weltilteretor und jiddische Literatur. Von Siegmund U r a b i n. Es sei nicht der Zweck meines Beginnens im Nachstehenden eine Abhandittttg liir die Literatur* geschichte zu schreiben, fttr jenen Wissenszweig, der in der modernen Wissenschaft ungeftihr dieselbe Stellung einnimmt. wie der Qeselischaftskiatsch in der guten Gesellschaft, jenc Wi$senschait,-.die trotz ihrer sch&dlichen Einfltisse, die kein denkender Psychologe tibersehen kann, von unseren psychojogisch blinden PSdagogen in den Schulen gelehrt wird. Wie gleichgtiltig kann es uns sein, daB z. B. Rousseau, der Verfasser des groBen pådagogischen Werkes „Emile" seine eigenen Kinder, die er mit einer Grisette hatte, in Findelhausern verkommen lieB, wenn er nur mit seinem Werke, das leider noch heute viel zu wenig beachtet wird, Unsterbliches schuf. Vielleicht konnte er infolge materieller Verhailhisse nicht die letzte Konsequenz aus séiner eigenen Lelire ziehen, und so wollte er als Feind von Halbheiten nichts Halbes an seinen Kindern tun. Wie gleichgtiltig kann es uns sein, dafl Zola ein VerhSltnis mit einer Btiuerin mit Genehmigung seiner unfruchtbaren Gattin unterhielt. Nichts kann besser zu uns sprechen wie die Werke, die er schuf. Alle jene Skribenten aber, die uns „Intimes aus dem Leben" dieses oder jenes Meisters erz&hlen, die die Toten nicht ruhen iassen wollen, und immer Neues aus ihrem Privatleben verdffentlichen, tun nichts anderes wie jene zischenden Vetteln, die stets Intimes aus dem Leben ihrer Mitmenschen zu erztihlen wissen. Und so ist denn dieser Wissenszweig, wenn er in den Schulen gelehrt wird, eine vorziigliche Vorbereitung zur Ausbreitung giftfgen Klatsches im Leben. Und wenn die Pådagogik die Kopfe der Jugend mit Jahreszahlen und Btichertiteln von Btichern fiillt, die alle zu lesen und geistig zu verarbeiten weit tiber das Vermogen selbst des strebsamsten und talentiertesten Schillers geht, so erzieht sie nur das leichtfertige Urteilen tiber Dinge an, von denen man nichts versteht und nichts verstehen kann. „Audi Schopenhauer hat sich widersprochenl" Dies horte ich einst ein kleines, rosiges Gtinschen altklug auf den Vorwurf des Widerspruches antworten. Und ich hatte wetten mflgen, daB die Kleine noch nichts von Schopenhauer gelesen haben mochte. Aber wozu hatte sie dies auch nfltig, weifi sie doch aus der Literaturgeschichte salbungsvoll schwatzender Literaturprofessoren, daB Schopenhauer sich widersprochen håbe. — So will denn ich diese erbarmlichste aller Wissenschaften heute weit seltwarts liegen la'ssen, und die Weltllteråtur und jiddische Literatur nicht mit den Augen eines ztinftigen November 1918, zugleich mit einer vorwiegend gegen die Juden gerichteten Pitinderung verbunden. Hiedurch verscherzten sie sich aber auch das Wohlwollen der kaiserlichen Truppen, an deren Seite sie gegen die magyarischen Expansionsgeltiste zu kampfen berufen waren. So kam es, daB bei Bre- -zova am Berge Bradlo und bei der Kopanice Poradie, welche wir auf unserem Wege passieren, reguiares kaiserliches Militar gemeinsam mit den ungarischen Gardisten gegen die Slovaken kampfte, und deren weiteren Vormarsch verhinderte. Die slovakische Freiheitsbewegung war damit unterdrtickt, und die Ftihrer, unter ihneu auch Hurban, muBten nach Mahren fltlchten, wenn ihnen ihr Leben lieb war. Weit war es Ja nicht, die Grenze låuft oben langs der Berghbhen, welche uns linker Hånd begleiten, und von deren hOchsten, der Javorina (968 m) man eine weitreichende Aussicht genieBt, nach Mahren tiber die ganze Marchebene mit dem beiderseits anschliefienden HUgellande vom Hostein bis zu den Polauer Bergen, nach der Slovakei tiber das Tal der in unztibligen Windungen silbern dahin schiangelnden Wag von Sillein tiber TrenCin bis zu dem vielttirmigen Tyrnau und zum Hiihenzuge der kleitien Karpathen bei PreBburg. Wie oft waren wir dort oben, und hatten un$ an dem herrlichen Ausblicke ergBtzt! Nach 4sttindiger Fahrt sind wir in S t a r å T u r d angelangt. Ein alterttimlicher Zug lagert tiber der ganzen Gegend, die althergebrachte Tracht der Bevdlkerung, ibre breite, klangreiche Sprache, die kajtholische und die evangelische Kirche und der alt«, aus der Hussitenzeit herrtihrende Glockenturm. Aber auch vom jtidischen Standpunkts war der Haudh der Yergangenheit deutlich wahrnehmbar. Ctelehrten betrachten, sondern mit den einiaehen deftihlen eines chrlfchen, gesund denkemfen Menschen, und will versuchen, ihre Uinfliisse auf ihr Leserpublikum festzustellen. Wenn wir das chftrakteristische Merkmal der modemen, beletristlschen. Weltliteratur in einem Worte zusammenfasseit wollen, so 'kdnniff wif sie die Ressentiments- oder Geftihlslite'ratur nennen. Denn. tiberschwenglities Geftiht, Sen timen talit at, pathetischc Extase spfelen in ihr die erste Rolle. Eine Ersctoeinung, die hetttzutage in etasichtigfR Faclikreisen nicht mehr in Frage gestellt wird, dit deutiicli sichtbaren Degenerationserscheinungen in der modemen Kulturmenschheit mSgen wohl die Ursachen poetischer Riihrseeligkeiten und Schwtirmereien sein, eine Erscheinung, die Max Nordau in seinen Abhandlungen tiber „den Inhalt der poetischen Literatur" und tiber „die Naturgeschichte der Liebe" trefflich bchandelt hat. Das Bestreben Alltagliches zu vermeiden, und Hesonderes, AuBergevvobnliches zum Stoffe der Romane und Buhnenwerke zu rnachen, ftthrt unsere SchriftsLlier vom gesunden, aber gewflhnlichen Dnrchschnittsnienschen weit ab, zur Beschreibung der absonderliclien, psychologisch nicht mehr einwandfreien Menschen, deren Nervensystem bereits deutliche St6rungen aufweist, wenn sie auch noch nicht reif furs Irrenhaus geworden sind. Ueberaus treffend urteilt dariiber Nordau: „Ein urteilfåhiger und namentlich fachlich gebildeter Leser, glaubt sich in einer Klinik, wenn er sich in der poetischen Literatur timsieht. Nichts als Kranke und Siechlinge!" Die schtidlichen Einfltisse dieser Literatur auf das Leserpublikum Iassen sich gar nicht genug hervorlieben, weil sie der breiten Masse vollig unbekannt sind. Man spricht sehr viel von dem Nutzen der Literatur in Bezug auf die Bildung, von einem Nutzen, der sich auch gar nicht leugnen lfiBt, aber man tibersieht vdllig, welchen Schaden dieselbe anrichtet Aber ein soleher Schaden besteht und ist viel bedeutender als der, der bertichtigten Rftuber- und Indianergeschichten. Denn diese vermSgen nur die K8pfe der Jugend unter 12 Jahren zu verwirren und werden schon im etwas reiferen Alter des Lesers keinen Gefallen mehr finden. Viel nachhaltiger Ist dagegen das Uebel, das unsere moderne Geftihlsliteratur durch ihre Einfltisse auf die Reiferen und Erwachsenen hervorruft. Da kommen einige Schriftsteller daher, und erkltiren die Frauenfeigheit ftir einen besonderen Reiz des weiblichen Geschlechtes. Und das weibliche Leserpublikum Ist sogleich bemtiht, den betreffenden Idealgestalten nachzueifern, und die erst affektierte Frauenfeigheit wird durch die Macht der Autosuggestion zur bleibenden, um sich greifenden, demorali- Insbesondere erinnert daran der alte, damals noch uneingefriedete Friedhof auf einem steilen Berge unweit der Kalvarienkapelle. Dort ruhen viele Generationen meiner ratitterlichen Vorfahren, der Familie Bustin oder, wie der ursprtingliche, auf den Grabinschriften noch ersichtliche Namen lautet, Bustinue oder Bostanai, nach der Familientradition die Nachkommen jenes Bostanai, w.elcher, ein Abkfimmling Kbnig Davids, im babylonischen Exil zur Zeit des Vordringens der Mohamedaner unter dem Kalifen Omar dortselbst der Rosch Geulah (Exilfttrst) war, und im Jahre 642 eine persische Prinzessin, namens Dara, als Frau heimgeftihrt hatte. (Grtitz, V. S. 113 ff.) Es ist bedauerlich, daB Familientraditionen so wenig gepflegt werden, nur von Mund zu Mund tiberliefert werden, und daher mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Es lieBe sich aus den einzelnen Familienchroniken so manches Bild tiber die Vergangenheit der einzelnen Judengemeinden und in weiterer Folge der gesammten mtihrischen und slovakischen Judenschaft zusammenftigen, wtihrend es so der Vergessenheit anheim fttllt. Eine besondere Ehrfurcht erftillte uns, wenn wir den im Hofraume des Hauses meiner OroBeltern befindlichen Tempel betraten, in welchem sich die kleine Gemeinde zweimal ttiglich zum Gottesdienste zusammenfand. Auf Stufen ging man hinunter, der Plafond bestand aus vielen Wfilbungen, welche mit alierlei Bibelzitaten ausgefiUlt waren. Der AUnemor stand in der Mitte, und auf einem Balkone rtickwårts befand sich die durch Vorhtinge abgesonderte Frauenschul. Ich war angenehm tiberrascht, als ich sptiter einmal den alten Tempel in Holleschau besichtigte, und