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Jüdische Volksstimme · 1920-09-02 · Heft 36 (2.9.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 36 (2.9.1920)
Date
1920-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE VOLKSSTIMME Bøzag8pr«ls«l halbjåhrig.K5 21.— ganzjåhrig » 40.— DeutschOsterrelch.Kronen 80.— Deutschland, ganzjåhrig .... Mark 35.— * v' Redaktion u. Administration: Brønn, Krapfetig. 19. Inserat«: der einspaltigc MiIIim«terraum KC —‘40. Unverlangte redaktionelle Beitrflge werden nicht honoriert Manuskripten ist ROckporto beizufOgen. iahrgang XXI. Brllnn 2 September 1020 orunn, 19 Eyu| 5680< Nummer 36. An alle Parteigenossen I Im Interesse der VergroBerung und Erstarkung unserer Organisation ersuchen wir alle Parteigenossen um Verbreitung und UnterstUtzung unseres Blattes. Zum mahrisch-schlesischen Studententage. Von Dr, Hermann KadisCh. Unter ganz anderen Ausplzien tritt der diesmalige Studententag der måhrisch-schlesischen jildischnationalen Ferlalverbindtmgen in Léipnik zusammen, als seine Vorgånger. Innerhalb wie auBerhalb des jiidischen Volkes und seiner Jugend sind gewaltige Verånderungen vor sich gegangen, die nationalen, religiOsen und sozialen Fragen der Kulturmenschheit im allgemeinen und der Juden insbesondere sind in ihrem ganzen Umfange aufgerollt, das Hauptziel der zionistischen Bewegung, die palåstinensische Helmståtte als Emigrations- und Kulturzentrum fttr das jUdische Volk FEUILIET0N. Jugend-Erinnerungen. (Aus dem måhrisch-slovakischen Grenzgebiete.) Von Dr. Theodor Haas. Lang, lang Ist’s her, seit wir von Ung.-Hrqdisch aus auf Ferien nach Hause fuhren, ich als Obergymnasiast, mein Bruder als Untergymnasiast, und wir uns durch 2 Monate dem dolce fer niente hingeben durf ten, die Natur genieflen, und die reichlichen Frtichte unseres groBen Obstgartens, mehr oder weniger uns ahch bei den Erntearbeiten bftåtigten. Nachdem die dringendsten Feldarbeiten beendet waren, wurden wir alljåhrlich in die nahe Slovakei geschickt, um unseren nunmehr bereits im Frieden ruhenden mlitterlichen QroBeltern einen Besucb abzustatten. Es war eine vierstiindige Wagenfahrt, welche wir zu absolvieren hatten, um von unserem Heimatsorte W e 1 k a nach dem Ziele unserer Reise, nach Starå Turd oder, wie es damals oftiziell hleB, nach O Tura zu gelangen. Sieben Berge waren zu flberwinden, weshalb wir die Strecke in Familienkreisen „Klein-SiebenbUrgen“ bezeichneten. Bereits eine halbe Stunde nach Ausfahrt aus unserem Meierhofe passierten wir die måhrischslovakische (damals ungarische) Qrenze, an deren einen Seite ein weiB-roter Orenzpfabl die Aufschrift trug: Zetnå Morava, wåhrend au! dem gegenOberstehenden rot-welfl-grlinen Orenzpfahle das ungarische Wappen mit der Aufschrift: Magyarorszåg prangte. Nunmehr ist bereits der letztere Orenzpfahi ver* schwunden, zuglelch mit den ungarlschen Finanzern, geht seiner Verwirklichung entgegeti, die Juden sind — allen voran in der Cechoslovakei —-bereits als eigene Nation anerkannt, die ittdische Renaissancebewegung steht somit vor neuen Aufgaben, vor neuen Zielen in Palåstina, wie in der Diaspora. Filr die neue Zeit mit ihrer anders gearteten Arbeit benbtigt das iiidische Volk neue Menschen, als Pidniere der jiidischen Renaissancebewegung, die sich hur aus der jfldiscben Jugend rékrutieren kon-, nen, einer jtidischeu Jugend, die eriUUt ist vom Oeiste der jiidischen Moderne, deren Ziele ich in groBen Umrissen in einer Reihe von friiheren Artikeln in der „Jiidischen Volksstimme“ auséinandergesetzt håbe. * » » Der von Seiten der „Massadah" nach Leipnik einberufene Studenteutag der måhrisch-schlesischen zionistischen Ferialverbindungen, welchen mit wårmwelche damals die Qrenze httteten und jedem Wagen éntgegenliefen, ob nichts Verzollbares iiber die Qrenze geschmuggelt werde. Knapp an der Qrenze war bereits die erste slovakische Ansiedlung urimittelbar bei unserer Wiese. und wåhrend der Qrummeternte wurden wir dort Ofters von den Inwohnern mit Mllch und kråftigem, schwarzen Bauernbrode bewirtet, was uns der Abwechslung halber sehr gut mundete. Gleich hinter der Qrenze geht es steil bergaufwårts, in die Hiihenwelt der weiBen Karpathen. Langs des Waldrandes schlångelt sich der Weg auf der 580 m hohen Polana, und riickwarts gewendet, wie wir es bei der Hinfahrt gewohnlich taten, betrachteten wir die måhrische Qrenzgegend, welche sich, je hdher wir stiegen, desto weiter unserem 31icke darbot, rund um die Wallfahrtskapelle auf dem Antoniberge bei Blatnitz iiber die March bis zu deu Berghohen von Buchlau. Am Glpfel angelangt, andert sich plotzlich das Panorama. Wir séhen vor uns weit ausgebreitet einen groBen Teil des oberen Nqitraer Komitates, die unzahligen waldbedeckten Hohen, manche derselben von Ruinen gekront, in unmittelbarer Nahe, unweit von Sobotischt, die Ruine BranS, in weiterer Entfernung, gegen Wag-Neustadtl zu, die Ruine Cachtlce (Csejte), einst der Sitz der schønen Qrafin Elisabeth, Bathory, welche im Blute junger Mådehen badetw um ihre Reize zu erhohen. Jnmitten der Waldesgruppen werden in groBeren oder kleineren Intervallen Ansiedlungen sichtbar, bestehend aus einem g;6Beren oder geringeren Komplex von Hausern, die sogenannten Kopanicen. Ihr Ursprung reicht zurlick auf die Religlonskampfe des spaten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Ihre Elnwohner sind die Nachkommen der Hussiten. sten Wlinschen alle jene verfolgen werden, die von der Meinung ausgehen, daB eine ihre Zeit verstehende, mit Enthusiasmus erfiillte volkstreue und sozial empfindende, auf ethischen Grundlagen basierende jUdische Jugendbewegung das Fundament bilden muB, auf dem sich die jtidische Zukunft aufbaut, — wird seiner Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn er uns eine diesen Anforderungen geniigende neue Generation heranziehen bilft. Hier sind wir nur bei einem der heikefeten Punkte angelangt, bei der Frage, ob die ganze bisherige Erziehungsmethode, die man der jiidischen Jugend — und zwar nicht nur von assimilatorischer Seite her, sondern auch vielfach von jildisch-nationaler und zionistischer Seite her angedeihen lafit, in ihren verschiedenen Verbindungen und Vereinen den Anforderungen der neuen Zeit geniigt. Darauf muB, so hart es auch klingen mag, mit einem entscheidenden Nein! geantwortet werden. Weder vom Standpunkte der modemen Juden, noch vom Standpunkte des Kulturmenschen kann man von den bisherigen Erziehungsresultaten befriedigt sein. Dié QUte der Erziehungsmethode kann an ihren Frflchten beurteilt werden. Wenn man die traurige Tatsache konstatieren muB, daB der geringste Teil, der die verschiedenen Mittei- und Hochschul-Verbindungen und -Vereine verlassenden geeignete Kampfgenossen fur das jiidische Volk stellt, — sei es, weil er nicht die nOtigen Fåhigkeiten besitzt, sei es, weil ihm die Opférwilligkeit fehit, die Begeisterung, die er beim Bierglas an den Tag gelegt hat In die Tat umzusetzen, dann mmmBmBSSmmSSSSgmSSBmSSSSSSmSm3mmmBmmSiSammimmSSSSm der Bdhmischen Brilder und der evangelischen Sekten, welche im Laufe des 15. bis 17. Jahrhunderts, Insbesondere nach der Schlacht am WeiBen Berge (1620), ihre bohmische und måhrische Heimat verlassen muBten, auf der Slovakei, wo Religionsfreiheit herrschte, gastlich aufgenommen wurden, und in den ausgedehnTen Wåldern der an Måhren angrenzenden Qebiete Land zur Urbarmachung und Bewirtschaftung erhielten. Auch heute sind die Einwohner dieser Gegend zum groBten Teile noch evangelisch, wenn auch durch die in Ungarn mit Erfolg tåtig gewesene Gegenreformation ein Teil der dortigen Bevolkerung wiederum zum katholischen Glauben zuriickgefiihrt wurde. Neben der evangelischen und der katholischen Bevblkerung finden wir in dieser Gegend auch das iiidische Element stark vertreten, verhåltnismåfiig viel dichter, als dies in Måhren der Fali ist. Auch diese Tatsache ist eine historische Folgeerscheinung der Beschrånkungen, welchen die Juden in Måhren bis zum Ende des 18. Jahrhundertes ausgesetzt waren, indeni die Hochstzabl der dortselbst systemistierten Familien fixiert war, und nicht fiberschritten werden durfte. Zufolge dessen sahen sich viele måhrische Jaden veranlaBt, nach der benachbarten Slovakei auszuwandern, und die Namen vieler slovakischer Judenfamilien lassen bei der engen Verkniipfpng der måhrisch-jiidischen Familiennamen miUgewissen Juden-1 gemeinden darauf schlieBen, aus welcher måhrisenen Gemeinde die betreffende Familie einst in die Slovakei eingewandert ist. Nach zwelstiindlger Fahrt haben wir die Stadt M y j a v a erreicht, einen der grOBten Orte des Neu* traer Komitates, zugleich eine alte, grofle Judenge-

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