Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1920)
- Date
- 1920-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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\ \' Side 3, Wr,35. Dtr Jihfésbéltra* der Mitglieder betragt 20 KC, ein fflr heute geltrift sehr gcrlnge Betrag und es soli in Brflnn keine JUdische Familie geben, welche dem Waisenhausverein nicht als Mitglied ångehdren wflrde. Es ist dies kein Opfer, es ist bioft unsere Pilicht n—n Die JUdische Welthilfskonferenz. Frau Anitta Miiller iiber die Jiidische Not in Wien« Verschiedene Redner haben daraui hingewiesen, wie schwer es fåilt, von Landern, die friiher nicht spezieile Lånder des Judenleids gewesen sind, jetzt diesbeziiglich sprechen zu miissen. Aber ietzt, wo ein Ueberblick von allem jiidischen Elend gewonnen werden soli, darf man nicht in den Zahlehwahnsinn verfallen. Wir wollen Not Iindern und miiSsen von der Heiligkeit des einzelnen Menschenlebens und miissen auch von dem Elend weniger Juden reden, wo nicht Massen im Elend leben. In Oesterreich ist es nicht so schlimm wie in anderen Landern. Dennoch herrscht auch dort groBe Not. Vorerst die Not der FlQchtlinge, die nach Wien kamen. Es waren dies wåhrend des Krieges ungefahr 150.000, die der Staat, da sie doch seine Biirgér waren, mit Unterstiltzungen bis zu 2 Kronen tåglich bedachte, eine Summe, mit der nicht einmal ein Laib Brot gekauft wurde. Wir halfen, wie wir konnten. Die Juden von Wien haben sich ja in groBziigiger Weise bewahrt. So taten wir wahrend des Krieges. Dann kam das Heer nach dem Zusammenbruch und wir muBten wieder helfen, wo wir konnten. Doch noch andere Not war in unserem Staate. Zu Beginn des'Krieger half der Staat den Fliichtlingen, die seine wirklichen Martyrer geworden waren. Nach dem Umschwung wurde der Martyrer zum lastigen Auslånder, filr den das arme Oesterreich nicht langer sorgen konnte! Die Stadt stellte nach Ende des Krieges ihre Unterstiltzung. ein. In dieser Hinsicht half das Joint. Wir sind nicht mit allem einverstanden, was das Joint getan hat. Aber hier ist nicht der Platz, darilber zu sprechen. Wir werden das anderweitig und nicht in vorgerflekter Stunde tun. Die Lander, die Deutschøsterreich mit Lebensmitteln versorgten, haben sich ietzt; hermetisch abgeschlossen. Sie. ersehen nus der, Statistik von Pirquet den ungeheuren Prozentsatz der unterernahrten tuberkulSsen Kinder in Deutschøsterreich. Wir sind ein armes Land und im scharfen politischen Kampfe geben die Juden den Siindenbock ab. Samtliche jUdische Fliichtlinge miissen Wien laut RegierungsbefehI verlassen, da sonst mit Verhaftungen gegen sie vorgegangen wird. Wir brauchen vom Ausland auch hierin Hilfe. Und es schmerzt uns ‘ sehr, daB wir bitten miissen, die wir friiher gegeben haben, und beneiden Amerika, daB es geben kann. Es gibt in Wien 36.650 hilfsbediirftige Juden, erwerbsunfahige Invalide, Witwen und Kinder. In Ztindholzschachteln zu verpacken. Nur die Anspannung im Qeiste, in den Bahnen des edlen UnglUcks ist Wirklichkeit. Und man komme mir nicht mit dem in seiner Arbeit rotbackigen Amerika: Ich glaube es wohl, daB diese Leute, die nur mechanisch arbeiten, frøhlich, ja kindisch werden. Es besteht sogar ein diktatorisch notwendiger Zusammenhang zwischen der nichts als zielbewuBten Fabriksstadt und der Magic City, ihrem aus allen Geleisen schlagenden idiotischen „Vergniigungs‘‘-Ort. Diese unheimliche Stille im groBen Bankhaus und drauBen der chaotische Drehorgeliarm; die feine verderbtlistige Arbeit am Diplomatentisch und drauBen scheinbar „unbekUmmerter" Sport, aber doch mit Punktzåhlen; der gutgeolte gleitende, geradezu unmerkliche Betrieb tind unweit wolliistiges Rasseln und SchOtteln der Wackeltopfe; dies schweigend verbissene Auf-einen- Punkt-Starren der Arbeiter und vor dem Tore die frenetisch jauchzende Rutschbahn; der glashelle durchsichtige Verstand des alles aufklårenden Clearingverkehrs und nebenan fetteste Farbenaufgepatzt, chromgelbe und preuBischblaue Schnorkel, in sich rotierende schmerzstrahlende Lichthallen der Ringelsplele. —» Dieses Leise und dieses Laute, sie schJeBen nicht nur ørtlich nebeneinander in die Hohe, sie gehøren auch innerlich als komplementåre Erscheinungen zueinander. Zwei Exzesse entgegengesetzter Richtungen, — doch einer ohne den andern unmoglich. Ich glaube aber, mit dieser Frohlichkeit und ihrem vor Ernsthaitigkeit berstenden ArbeitsmotoK nichts zu tun haben, — erst das kann einen Menschen so richtig frøhlich machen.' iJØMCBB V0W3OT1MME* ■**———***» Hl ■■iwi -f m i— AusQbung eines Erwerbes ond trottdem hilfsbedflrftig sind vor allem Mitglieder des Mittelstandes und der geistigen Arbeiter. Auch die Jiidischen Kinder sind zum groBen Teil mitbetroffen von dem Elend Wiens, indem sich unter ihnen 30.000 Unterernåhrte befinden, welche in sehr zahlreichen Fålien ein Opfer der Tuberkulose werden. Auch der Geburtenriickgang ist ein ungemeiner. Die Siechenhåuser sind leer, weil keine Wåsche flir die Betten da ist, die Sterblichkeit ist ungeheuer. Ich weiB, unsere Not ist nicht so groB wie die im Osten. Doch sagen mir meine Petenten auf solche Entgegnung stets: Wem sich’s trefft, dem ist’s schlecht. Wir verlangen Bruderhilfe, wir wollen nicht Almosen, wir wollen nur Arbeit, daB wir wieder ein frøhliches Volk werden wie einst. (W. M. Z.) Die jUdische Welthilfskonferenz in Karlsbad. Karlsbad, 13. August. J. C. B. Heute wurde die Welthilfskonferenz nach einer feierlichen Ansprache Sokolows und einer Reihe Ansprachen anderer Delegierter, wie Ehrenpreis, Prof. Dr. Simonsen, Rottenberg, Sliosberg, Salzmann (Canada), Staatssekretår Rachmilewicz (Kowno), Motzkin geschlossen. Es wurde eine aus 29 Mitgliedern bestehende judische Welthilfszentrale mit dem Litze in London tind eine Pgliedrige Exekutive gewålilt. Vor dem Schlusse der Konferenz wurde ein Hilfsaufruf an alle an der Konferenz beteiligten Staaten sowie an die gesamte Judenheit, verlesen. Es wurde auch beschlossen *einen Trostaufruf an die Judenschaft der Ukraine zu richten. Sir Stuart Samuel Pråsldent der jiidischen Welthilfszentralc. Karlsbad, 15. August. J. C. B. Sir Stuart Samuel wurde zum Pråsidenten der von der jiidischen Welthilfskonferenz geschaffenen judischen Welthilfszentrale, Leo Motzkin zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees gewåhlt. Die Welthilfskonferenz fUr die Jiidischen FlUchtiinge in Wien. Karlsbad, 14. August. J. C. B. In Anbetracht der durch die Ausweisungen, geschaffenen kritischen Lage der jiidischen Fliichtlinge in Wien, hat die Welthilfskonferenz nachstehendes Telegramm an den Staatssekretår ftir Aeufieres Dr. Karl Renner abgeschickt: Staatssekretår Dr. Renner Wien Staatsamt flir AeuBeres. Die seit dem 5. August in Karlsbad tagende jiidische Welthilfskonferenz erhålt Mitteilung iiber massenhafte Ausweisungen von in Wien wohnhaften jiidischen Fliichtlingen. Da tieren Riickkehr in ihre friiheren Wohnorte infolge des dort herrschenden Kriegszustandes derzeit unmøglich ist, ersucht die jiidische Welthilfskonferenz Euer Wohlgeboren den Ungliicklichen den weiteren Aufenthalt in Wien zu ermoglichen. Die Konferenz hofft, daB Sie in Ihrer Eigenschaft als Staatssekretår filr AeuBeres auch aus Menschlichkeitsriicksichten ihrem Ansuchen entsprechen werden. Pråsidium der judischen Welthilfskonferenz. Plenarsitzung des Comitees der Jiidischen Delegationen. London, 17. August. J. C. B. Die in Karlsbad stattgeiundene Vollsitzung des Koraitees der jiidischen Delegationen bei der Friedenskonferenz hatte eine Fiille von Fragen zu erørtern. Die Besprechung dauerte zwei Tage und nahm 4 Dauersitzungen in Anspruch. Nach einem tlbersichtlichem politischem Referate des Vorsitzenden Nahum Sokolow und des Qeneralsekretårs Herrn Leo Motzkin iiber die bisherige Tåtigkeit des Komitees zum Schutze der btirgerlichen und nationalpolitischen Rechte der Juden in den vielen Låndern und iiber die bevorstehenden weiteren Aufgaben zwecks Ueberwachung der in dert Friedensvertrågen bereits gewåhrleisteten Rechte, wurde die Debatte erøffnet, in der sich Vertreter der Jiidischen Kongresse in Amerika und Kanada, ferner die bevolhnåchtigten Delegierten der jiidischen Nationalrate, der Ukraine, Polens, Lettlands, Litauens, Rumaniens, Oesterreichs, der Cechoslovakei, Ostgaliziens und ein Vertreter aus Deutschland lebhaft beteiligt haben. Der jiidische Nationalraf in Litauen war durch den Minister fflr jiidische Angelegenheiten Dr. Solowejczyk (Zionist), den Staatssekretår fiir Finanzen und Pråsidialmitglied des jiidischen Nationalrates Dr. Rachmilewitsch (Agudas Jisroei) und durch den Referenten fiir sozialwirtschiftliche Angelegenheiten beim jiidischen Nationalrat Dr. Goldberg (Demokrat) vertreten. Die Deiegierten der einzelnen Lånder referierten ausfiihrlich iiber die Haltung ihrer Regierungen zu den »Fragen der judischen Autonomie und unterbreiteten dem Komitec der jiidischen Delegationen die Wiinsche ihrer Nationalråte fiir die Zukunft. Es wurde netierdings allseits unterstrichen, daB das Komitee der jiidischen Delegationen sich jeder Einmengung in Territorial- und Grenzfragen zu enthalten håbe und lediglich fiir Schutz und Ueberwachung der biirgerlichen und nationalen Rechte der Juden in allen Landern zu sorgen hat. Die eigentlichen Beratungsgegenstande der Plenarsitzung waren die Fragen der Vorbereitung einer permanenten interterritorialen jiidischen Vertretung im Hinblick auf den Volkerbund, ferner das Verhåltnis dieser ståndigen jiidischen Vertretung zum Volkerbunde, wobei allseits der Wunsch ausgesprochen wurde dahin zu wirken, aus dem 15 Millionen kopfigen judischen Volke eine offizielie Vertretung im Volkerbunde zuerkannt werde. In dieser Richtung wurden bestimmte Beschliisse gefaBt, die noch zunåchst teihveise ausgedriickten Bedenken des Herrn Sliosberg (Petersburg) betreffend einer judischen Permanenzvertretung, einstimmig gefaBt wurden. Ueber Antrag des Generalsekretårs Herrn Motzkin wurde auch einmiitig beschlossen die vorzubereitende interterritorielle jiidische Vertretung durch Vornahme von Neuwahlen der judischen Nationalråte in den einzelnen Låndern und zwar auf weitester demokratischer Basis zu wåhlen, damit sowohl in den judischen Nationalraten als auch in der obersten permanenten interterritorialen Repråsentanz i samtliche Parteien #und Klassen des jiidischen Volkes vertreten sein konnen. Behufs Sicherung der Finanzen fiir die Existenz und die ungestorte Arbeit des Komitees der judischen Delegationen haben sich die judischen Kongresse und Nationalråte der einzelnen Lånder fiir die baldige Aufbringung bestimmter Summen verpflichtet; SchlieBlich wurde auch die Frage der Bildung einer jiidischen Sektion filr die Propagierung des Volkerbundsgedankens unter den Juden eingehend besprochen. Es wurde ein Juristenkomitee eingesetzt, um dem Komitee der jiidischen Delegationen in Kiirze hieriiber praktische Vorschlåge zu unterbreiten. Nach einer einhelligen Vertrauens- und Dankkundgebung fiir die bisherige erfolgreiche Arbeit des Komitees der jiidischen Delegationen, wurde die Sitzung geschlossen. Rundschau. PALXSTINA. Der palastinensische Mitarbeiter der J. P. Z. berichtet: Der diesjåhrige 31. Juli wurde in Jerusalem als wirklicher „Sabbath Nachmu" empfunden. Die Ankiindigung, daB Sir Herbert Samuel an diesem Samstage die groBe Synagoge bestichen wiirde, elektrisierte die jtid. Bevolkerung. In der Synagoge selbst wurden groBe Vorbereitungen gctroffen. Der Besuch war nur gegen Eintrittskarten gestattet. Die StraBen, die Herbert Samuel mit seiner Bcgleitung, darunter Oberst Storrs, Bentwich, Nurock u. A. zu FuB passiertc, waren von einer dichten Menge besetzt, die beiderseitig Spalier bildete. Piinktlich um 8 Uhr betrat Samuel die Synagoge. Nach Verrichtung des Morgengebetes und Vorlesung des Thora-r Abschnittes durch Rabbiner Filosoff in sephardischer Aussprache, wobei die verschiedenen Rabbiner zur Thora „aufgerufen“ wurden, wurde Samuel mit „Maphtir“ beehrt. Als er mit lauter Stimme den ersten Satz der Haphtorah „Troste Dich mein Vqlk“ zu verlesen hegann, erglånzten Tranen in den A*igen aller Versammelten. Alle empfanden diese prophetischen Worte, laut vom Munde des High-Commissioners wiederholt, als wirklichen Trost und giinstigen Ausblick in die Zukunft. Auch Samuel bediente sich der sephardischen Aussprache. Nach Verrichtung des Mussaph-Gebetes, verlieB der Oberkommissår die Synagoge, der ganzen Gemeinde laut „Sabbath-Schalom*1 wlinschend. Auch auf dem Rttckwege drångten sich die Juden selbst auf die Dåcher. um Samuel bejubeln zu kønnen, der von dem ihm bereitetmi Empfange åuBerst gerQhrt war. Am Jaffaer Tore bildete eine Kompagnie der jtid. Legion