Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1920)
- Date
- 1920-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«pc S«H§ 8. Wir miissen der siegreichen Losung: Proletarier aller Låtider vereinigt Euch! die alte jiidische Losung beigesellen: Juden aller Lånder vereinigt Euch zur Aufbauarbeit des jiidischen Volkes. In der Erkenntnis der furchtbaren Sachlage hat die Welthilfskonferenz unter dem Schlagwort „schnelle Hilfe" alle Arbeiten 2usammengefaBt, die sich mit Jugend-, VVaisen-, |Kranken- und Greisen- Fursorge zu beschåftigen hatte, wåhrend man Berufsumschichtung, Arbeitshilfe, Rohstoffversorgung, Finanzen und Organisation anderen Kommissionen zugeteilt hat. Die wirkliche Arbeit der Konferenz kann ietzt erst beginnen. Die Tagung selbst konnte nur aber die Weltlage unterrichten, Anregungen geben und empfangen. Jetzt wird konstruktive Arbeit g eleistet wer den miissen. In erster Linie werden sich alle unsere Fiirsorgeinstitutionen des Charitativen entkleiden miissen. Da ankn nur eine groflziigige soziale Fiirsorgeaktion helfen, soweit dies in unserer Wirtschaftsordnung. ttberhaupt moglich ist. Die Welthilfskonferenz wird etvvas ståndiges bleiben und da ihre Exekutlve und ihr derzeitiger Prasident in dem Komitee der jiidischen Delegation vertreten ist und dieses wiederum mit dem Volkerbund in einen Konnex gebracht wird, so werden wir Juden endlich eine Vertretung, einen Fiirsprcch in der obersten Behorde der heutigen Welt besitzen. Und nur dadurch werden brennende Fragen, wie z. B. die Schulfrage, die Frage der Staatsbiirgerschaft und nicht zuletzt die Fliichtlingsfrage ihrer entgiltigen Losung zugefiihrt werden. Schon hat die Jiidische Delegation, schon hat auch die Welthilfskonferenz in der Fliichtlingsfrage an die Menschlichkeit des Staatssekretårs von Oesterreich, Dr. Renn e r appelliert und wir sind tiberzeugt nicht umsonst. Aber auch wir Cechoslovakischen Juden leiden an dieser Frage, ohne daB endlich einmal diese geplagten Wesen zur Ruhe gelangen. Momente hoherer staatsmånnischer Vorsicht haben uns^davon abgehalten, auch an unsere Regierung durch die Welthilfskonferenz einen Appell zu richten, damit endlich den wenigen Hunderten Menschen, die man so schon als polnische Flilchtlinge bezeichnet, Ruhe gegonnt wird. Dr. Motzkin, der den KongreB erbffnete, sagte: „Die Konferenz ist nur der Anfang einer Organisation, nur der erste Scfiritt zur Erfiillung der groBen Aufgaben der Rekonstruktion des Jiidischen Wfrtschaftslebens. Alle bisherigen Aktionen, so groBzugig sie auch gewesen sind, haben fast ausschlieBIich nur dem Åugenblick gedient; wirkliche Hilfe konne nur Aufbauarbeit sein." Und diese kann nur mit Hilfe aller, aber aller, Juden geleistet werden. —s— ihren sonstigen Geschæften vergessen. So miissen die Frauen, die Agentinnen dés Weltgeistes (Laforgue) in unserer reklamesiichtigen, nur noch auf grellste Farben reagierenden Zeit zur grellsten Reklame Zuflucht nehmen, wobei ich mich getrauen wiirde, den nahezu mathematischen Beweis zu erbringen, daB die Geschraiickthelt der Frauen eines Volkes zur natiirlichen Geschlechtlichkeit der Månner dieses Volkes im umgekehrt proportionalen Verhåltnisse steht. — Wie falsch ist es nun, auch noch die Frauen in mechanische Berufe treiben zu wollen. Vollends die sogenannten Kriegsberufe der Frauen sind fertige Barbarismen. Man sehe diese Schaffnerinnen, diese Kellnerinnen usw. Die letzten Parzellen des menschlichen Zeitgartens werden seit vier Jahren spekulativ zu Bauplåtzen zertrampelt, plattgewalzt. Die GroBstadt hat einen neuen Weg in, die Seelen gefunden, sie hat das Nattirliche in seinem letzten Schlupfwinkel aufgespurt und råuchert es nun ganz radikal aus. Die bescheide Hoffnung auf Veredlung der Sexualitåt schwindet. Und nun der Trumpf allen Unsinns: durch Moralpredigt und Polizeivorschriften das Geschwiir heilen zu wollen, das man durch Zeiteinschniirung selbst hervorgebracht hat. Schniirt auf, gebt mehr Zeit! Dann verliert das Geftthl von selbst seine ungesunde Erhitzung, es kann sich konzentrieren und verteilen nach eigenem Lebensgesetze, statt nach der vom Fabrikschef erfundenen Hausordnung, die zwar fttr Hervorbringung moglichst zahlreicher Nåhnadeln oder Schrapnelle sehr zweckmaBig sein mag, in erotischen Dingen aber keine Unfehlbarkeit beanspruchen darf. Mehr Zeit, damit alles zarter und menschlicher geschehen kann! Als slebenundzwang-. jmt&em Nr. 36. Das Jiidische Waisenhaus in Briinn. Es mag dem UB«flgeweilltÉ& als iibertrieben klingen, ist aber leider doch z« Wahf, daB es in miserer Stadt ein jUdisches Waisenhaus gibt, von. dessen Existenz nur wenige unserer Volksgenossen eine Ahnung haben; es wird als etwas selbstverffåndliches angenommen, dafl eine Stadt, wie Brfiftn, eine bolche Institution bestizen muB, wer aber die Mlttel zur Erhaltung derselbeh beschafft, wie die Eflflhrung und Bekleidung der dort untergebrachten Waisen aussieht, dariiber scheint sich die groBe Menge unserer Judenschaft gar keine Gedanken 2u machen. Und doch wåre es unser aller erste Pflicht, uns etwas eingehender mit dieser Angelegénheit zu befassen. Das Waisenhaus, hervorgegangen aus Stiftungen einzelner Personen und Vereinen wird erhalten teils durch Subventionen Offentlicher KSrperschaften, teils Beitrågen von Mitgliedern. Die Subventionen, bemessen in der guten, alten Vorkriegszeit, miissen im Vergleiche zu den heutigen Lebensverhfiltnissen geradezu låcherlich gering bezeichnet werden; an eine ausgiebige ErhBhung derselben ist in Anbetracht der in Frage kommenden Behorden etc. kaum zu denken. Bleiben also nur noch die Beitråge der Mitglieder. Nun, da liegt die Sache aber schon ganz im Argen, und es ist flir die gewifl wohlhabende Brttnner Judenschaft sehr bezeichnend, daB unter derselben nur ungefåhr 400—450 als Mitglieder des Waisenhausvereines figurieren. Und man muB sich doch fragen, wie dies moglich ist in einer Stadt, wo es zweifellos viele vermogende Juden, einen jiidisch fuhlenden Mitteistand und eine volksbewuBte Jugend gibt. Hat denn das Schicksal der armen Waisen flir die meisten unter uns ein so geringes Interesse, daB wir zur Erfiillung einer selbstverståndlichen Pflicht erinnert werden miissen? Kann der Egoismus denn wirklicji schon so um sich gegriffen und von unserem Wesen Besitz genommen haben, daB uns ledes Empfinden fttr die Not jfidischer Waisen abhanden gekommen, welches erst immer und wieder wachgerilttelt werden muB? .Unser gesellschaftliches JUdisches Leben hat sich gewiB nicht iiber den Mangel ån Verbindungsmoglichkeiten zu beklagen; es gibt Vereine und Korporationen leder Partei und Schattierung, Ja so viele, daB ein „weniger" gewiB mehr bedenten wiirde; soilte es da nicht moglich sein der Waisenhausangelegenheit einenbreiteren, wtirdigeren Raum einzuråumen als sie derzeit unter den hiesigen jiidischen Institutionen genieBt? Die wirtschaftliche Lage des Waisenhauses ist eine so trostlose, daB unter derselben das Befinden der Kinder, deren Ernåhrung und Bekleidung leiden mUssen. Ist schon die Ftihrung des Haushaltes einer ste Nebenwirkung werden dann eines Tages zur Ueberraschung des Herrn Superintendenten auch die Damenkleider einfacher geworden sein. Man wende nicht ein, daB mechanische Arbeit yielen Befriedigung gibt, ja Oliick bedeutet. GewiB, die schwatzenden Mådehen rings um groBe Tische, an denen sie Taschenbatterien fabrizieren, ftihlen sich wohl. . . Aber will ich den (wie Dostojewskis „Groflinquisitor") Gliick bringen? Das, worauf es ankommt, ist im strengsten Sinne nur Eines: Konfrontation mit dem Unendlichen. — Aus niedrigem Gliick entsteht alle Schmach der Welt, aus fleiBigei Hånden brodelt sie auf. Ich bin mir vOllig klar dariiber, daB die DurchfUhrung meines Programmes eine Katastrophe bedeuten, daB es die Menschheit nicht leichter haben wird, — sondern viel schwerer als heute, Ich weiB: In Schnapsbutiken werden sich die Freigelassenen drången, in Kinotheater wird man Extraschichten einlegen mUssen, Kabaretts werden ganze Stadtviertel pachten und fiir ihre „kiinstlerische Zwecke“ umbauen, und der SUBigkeitsraorast Wiener Operetten wird bis an die Wolken spritzen. — Aber ich weiB auch: die Menschheit, die nur durch die spanische Wand ibres eisernen Arbeitseifers 'derartigen VergnUgungen entzogen blieb, war um nichts besser als diejenige, die sich diesen Vergnttguogen, nachdem die Schranke gefailen, nun wirklich hingibt. — Im Gegenteile: wenn uberhaupt noch Hoffnung ist, so ist es Hoffnung auf das Entsetzen, das Uber die ibrer Augenbinden entledigte Welt hereinbrechen wird. wenn sie ihre Hohlhelt ins Gigantiscbe gesteigert sieht. Die Menschheit eimnal in dies« peinliche Si« arthen Familie heuttutage mit unsagbaren Entbehrungen und Not verbunden, wie schwer ist erst die Erhaltung einer InstiMln, wie es ein Waisenhaus ist, wenn die Mitte! pÉzu iftøher mehi und mehr versijfcen. Wenn einijjlfdie Not so grofi gtWOrden, daB |(ahrung und BefigMung léhlert, dann iÉpi kein Beschdnigen, dann mW|asclp|ttlfe geschalÉR Werden, um einem tiei Wfechalflendefi Zustdlif ein schneiles Ende zu berefilii. Im Waisenhause Sifl$ zur Zeit 19 Waiseft untergebracht und wehff a^die Leitung in ihr«#Wirkungskretse alles fut, um die Fortftthrung des Hauses zu ermoglichen, die Beschaffung des Mehrbedarfes an Geid scheint ihr doch,nicht gelungen zu sein, denn sonst diirfte es nicht vorkommen, daB Aufnahmsgesuche um die, auf den Belagsraum noch freicn 15—16 Plfitze, aus Mangel an Mittebl nicht gii nstig erledigt werden konnent , Die Ernåhrung der Kinder ist, wie bei den heutigen Verhåltnissen wohl erklårlich, keine derartige, wie sie im Interesse der kbrperlichen Entwicklung der Kinder wttnschenswert un$l anzustfében wåre; wåren geniigend Geldmittel vorhanden, miiflte in dieser Beziehung sofort Wandel geschafft werden und wir hoffen, daB die erste Aufgabe der Leitung, sein wird, fiir eine Aufbesserung der Kost sowohl quantitativ afå auch quaiitativ zu sorgen. Was aber die Bekleidung der Kinder betrifft, so Ist sie eine derart elende, daB es Wunder zu nehmen ist, wenn die Kinder, die wie die Vagabunden aussehen, nicht von der Polizei mitgenommen werden. Wie sehr das Geftthl der armen Kinder darunter leiden muB, in einer derartigen Bekleidung unter andere Kinder gehen zu miissen, welche Verbittérung die verlassene Walse ergreift, wenn sie empfindet, wie sie in allem und jedem sich von jenen Kindern nur nachteilig unterscheidet, denen liebende Eltern zur Seite stehent Die Schande fiir einen solehen Zustand wiirde auf uns alle zurttckf allen, wenn wir nicht sofort alles aufbieten diesem ein Ende zu berieten. Alle sogenannten humanitåren Aktionen miissen in der Wichtigkeit der Waisenversorgung zurtickstehen und es wåre ein unausloschlicher Makel fiir die Brttnner Judenschaft, wenn sie fiir die ittdischen Waisen, diesen doppelt und dreifach Armen, kein Mitgeftthl, kein Erbarmen mehr ttbrig håtte. Wir rufen alle, alle Juden zur Mitarbeit, zur Hilfe auft Wir rufen die Eltern jener Kinder zur Mithilfe auf, denen es vergonnt ist, ihren Kindern ein trautes Heim zu bieten, jene Eltern, die im Glttck ihrer Kinder ihr eigenes Gliick erblicken. Wir rufen zur Mithilfe auch unsere tatkråftige jOdische Jugend, die im Schutze des Elternhauses aufgewachsen, das bittere Geftthl des Verlassenseins nicht empfunden hat. tuation zu bringén, daB sie vor Iauter Nichtstun nicht weifi, was sie tun soli, ihr diese Verantwortung fttr sich selbst allen Ernstes aufbttrden, ihr die Durchschnittsmelancholie 'ihrer Existenz vor Augen stellen, die durch tausend Wurstelprater durchzuftthlen sein muB, wenn es nichts mehr gibt als Wurstelprater, und keine Ausrede: Heut’ hab’ ich mich halbtotgeschunden" zur Verffigung steht, — das ist der eigentliche Sinn und Kern meines Vorschlages. „Sie sind also ganz einfach fttr Faulenzerei: Nun haben Sie sich endlich demaskiert. Aber das SchSne und Sittliche der Arbeit liegt doch darin, daB jeder Arbeitende sein Aeufierstes an Energie einsetzt. DaB er das Letzte aus sich herausholt. Das ist das Glttck der Arbeit. Nicht etwa die leere Beschåftigung, das Hinwegscbwindeln der Zeit: nein, Energie ist Glttck. Ist nicht der am intensivsten arbeitende Mensch der Gegenwart, der Amerikaner, frdhlich in seiner Arbeit, von einer geradezu kindiseben Lustigkeit? Ihr „tråge dabinfliefiender Strom voa Månnlichkeit" ist eine Erfindung, eine Ausgedaehtheit, die nichts mit der Praxis zu tun hat. — Hochste An^>annung des Menschen ist der Sinn moderner Arbeitsorganisation. Schfaffe Faulpelze, Pflastertreter. wucherndes Un* kraut wollen Sie an Stelle einer stramm erfreulichen Vegetation zttchten." Es ist selbstverståndlicb. datB der „Fachmann", den ich håbe auftreten lassen, eine nicht unbetråchtliche Anzahl von Gegenargumenten gegen meinen Zeitschutz bereit hålt. Diesmal1ist er mit dem »So« phisma mit der bdebsten Anspannung" gekommen. AIs ob es nicht gleichgttltig wåre, nichts zu tun oder mit hdchster Anspannung tåglieb zwanzigtausend