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Jüdische Volksstimme · 1920-08-26 · Heft 35 (26.8.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 35 (26.8.1920)
Date
1920-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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VOLKSSTIMME Biiiiltåritiit hftlbjfihri* .. . . K5 21.— ganzjåhrig . n 4a- DeutschOsterreich. Kronen 80.— Deutschland, ganzjåhrig . . , . Mark 35.— 9 % "4S1 4 : s? « J Redaktion ti. Administration: Brdnn, Krapfeng. 19. Inserate: der einspaltige Millimeterraum KC —*40. Unverlangte redaktionelle Beitrflge werden nicht honoriert Manuskriptet! ist Rflckporto beizufQgen. Jahrgang XXI. BBasaaBsaBBEBBaMEsama Brilnn, 26 Auguat 1920. 12 Elul 5680. Nummer 35. An alle Parteigenossen I Im Interesse der VergrGfierung und Erstarkung unserer Organisation ersuchen wir alle Parteigenossen um Verbreitung und Untersttitzung unseres Blattes. JOdische Wetthilfskonferenz. Am 5. August wurde die erste JUdische Welthilfskonferenz in Karlsbad erdffnet. Eine Tagung der Judenschaft aus allen Låndern, 28 Staaten waren dnrch 80 Delegierte vertreten, wie $ie bis npp noch nicht ^ésSiM'^rdt. Wohl waten afe zibnislHschén Kongresse der frtiheren Jahre, die zioriistische Jahreskonferenz vom Juli d. J. imposanter und gewaltiger, weil die Zahi der erschienenen Vertreter eine grdBere war, aber bei den zionistischen Kongressen war die gemeinsame Idee das einigende Band, die Bewegung als solche, wenn man Partei nicht gebrauchen solL Hier in førlsb&d trat zum erstenmal, so etwas wie ein alljiidischer Kongrefi zusammen, da Juden verschiedener PartQischattierungen anwesend waren.Aber trotzdem iiberwog das zionistische Moment. Warum? Weil langsam die Zionisten die einzigen sind, die wahres Interesse an allen das Judentum betreifende Fragen haben. Es fehlte die Alliance israelite universelle; es fehlte ICa, die Erbin des Baror Hirsch und es fehlte das Joint. Warum sich die Alliance und die ICA fernhielter wissen wir nicht, solite doch erstére im Vordergrundeeiner iUdis^n.-fWel|baI^W>hIerenz stehen Wéfcfié beraten wollte, wie, auf welchem Wege dei groBen wirtschaftlichen und kulturellen Not der Juden abgeholfen werden solite. Es kann doch fUglicl nicht gut angenommen werden konnen, daB die Alliance an den das heutige Judentum bewegende Fragen gar kein Interesse håtte. DaB die Alliance, die in frtiheren Jahren gerade auf kulturellem und sozialem Qebiete gearbeitet hat, — ob ersprieBlich odei nicht, tut nichts zur Sache, — so ganz von ihrei Tåtigkeit ablassen wollte, ist nicht leicht zu dertken, Joint meinte, und da diirften die beiden anderen groBen jQdischen Institutionen beigestimmt haben, daB die Zeit flir solche Kongresse noch nicht genug reif sei. Die Referate, die Klagen, die von der Red- FEUILLETON. MehrZeitl*) M a x B r o d. Dureb kein Verbrechen, keine Prostitution, kein Panama, kein iournalistisches Bubensttick hat unsere Zeit scbamloser und offenkundiger ihre Bloøe enthlillt als durch das unwillkttrlich ihrem Mund entiahrene, seitber millionenfach achtlos nachgesprochenb Sprichwort: „Zeit ist Geld.“ In der Tat, jgibt es ein brennenderes Zeichen fiir das durch méchanische Berufsarbeit degenerierte Scheinleben der Zeit, als dafi man das primåre, ja einzig reale materielle dut des Menschen, seine Zeit, auf den Nenner der Abstraktion von Gier und Kapitalismus zu bringen sich unterfing, statt umgekehrt, wie es ledem natflrlich fflhlenden Menschen zunåchst einfallen mUBte, das minder Wichtige durch das im Grunde einzig Erstrebbare, sofern tiberhaupt irgendein materielles Gut erstrebbar sein kann, auszudrQcken, also Geld durch Zeit. In diesem Sprichwort ist ein unsichtbares „sogar" dem Prådikat vorausgehaucht. „Zeit ist (sogar) Geld“, bestimmt der sicb selbst entwertende, wegweriende Moderne. „Geld ist (sogar) Zeit", wflrde der natttrliche Mensch leise, fast andåchtig murmeln nitt einera unwilligen Zusaramenschauern onderstaunen, daB sich etwas ganz *) Max Brod: „Sosialismus im Zionismu*;" 1920. R. LOwit Verlag, Wien. Max Brod hat den Abdruck lo UebenswBrdiger Welse gestattet* . Materielles, wie Geld, in jenes Grenzgebilde von Materie, und Geist, gewissermaBen in die reine Form, in das Formalprinzip des Geistes umsetzen lassen kann. Und es dilrfte ihm bei dieser Erkenntnis nicht wohl werden, denn in seinem lnnern klingt eine ganz andere Gleichung:‘„Zeit ist Seele." — Die Mbglichkeit, daB im Hebråischen die beiden Worte „Zeit" und „Erkenntnis" (Eth und daath) stammverwandt sein kdnnten, sei nicht behauptet, aber gewissermaBen — gewtinscht. Ich bin tief tiberzeugt davon, daB die mechanische Berufsarbeit ein Hauptfeind des Menschengeschlechtes, der Kern alles unedlen UnglBckes ist. Sie verstellt den Blick auf das Ewige, sie ist die Schleierhfllle, die das Gdttliche in wirkungslose Ferne riickt, sie hat nicht nur <Jie Arbeit, diese schone Urbestimmung des geradegewachsenen Menschen, in Atome zerhackt und dadurch denaturiert, sie wirkt auch (und das ist das Furchtbarere) in den MuBestunden nach, sie hat ilberall, wo Abstumpfung und Verrohung sich geltend machen, ihren Anteil, sie gestattet den erscblafften Nerven nur die gemeinsten Genusse, sie ist mitbeteiligt an allen Perversionen, an allen summarischen Qleichgttltigkeiten, an allen Rekorden, Bluffs,. Kinogreuelp, Sportlichkeiten, BrutalitBten, Alkoholismen, DUettantenauffUhrungen und Kriegen (die beiden letzteren haben eine geheimnisvolle Verwandtschaft, — beide gehen sinnlos liber Leichen hinweg). Nicht Hohn, tiefes Mitleid mit der fiberarbeiteten Menschbeit ist am Platze, deren feinste Organe systematisch flberreizt und abgetfltet werden. Immer tiefer sinkt sie in Unrealitat. In ihrem ganzen Sein maebt sich immer deutiicheres Nichtnertribtine des Kongresses gehdrt wurden, bewelsen leider zur Geniige, daB es hoch, aber sehr hoch an der Zeit sei, die Weltlage der Juden, ihre wirtschaftliche und soziale Not, ihre dringenden Kulturbediirf* nisse vor der breiten Oeffentlichkeit zu diskutieren. Unsere Tagespresse hat natUrlich auch von dieser jiidischen Tagung nicht so Notiz genommen, wie es der hohe und traurige Ernst dieser verdient håtte, aber damit haben wir uns schon abgefunden. Månner vom guten, alten Klang haben sich da zusammengefunden, das SolidaritStsgefiihl des Juden, das uns unsere Gegner sehr mit Unrecht so oft zum BOsen ankreiden, ist geweckt worden, denn de facto existiert es ja leider nicht. Wir sirid in Wechseibeziehung getreten mit den Vertretern der Judenschaft aus allen Låndern, haben Fåden wieder zusammengekniipft, die der Weltkrieg mit scharfem Schwerte auseinanderhieb, traten uns nåher und wollen hoffen, daB durch die Schaffung einer gemeinsamen Zentrale neue Hoff nungen auch får das Diasporajudentiim erbliihen werden. All* der Jammer und all’ die Not, die sich da vor uns aufgetan hat, die schauerliche und grandiose Tragodie des jiidischen Volkes hat, so wollen wir hoffen, ihren Hohepunkt erreicht. Das Moment der letzten Spannung ist gegeben durch die Beschliisse der zionistischen Jahreskonferenz und wir wissen nun, daB das entsetzliche jiidische Weltdrama in Palåstina einem gunstigen Ausgang entgegengeht. Die Arbeit der Diaspora ist riesengroB, ebenso gigantisch beinahe wie der Wiedcraufbau Palåstinas. Zu beiden Arbeiten benbtigen wir Menschen und Kapitalien und es kann die Losung beider nur gefunden werden in einer Zusammenarbeit aller Juden der Welt. Sein fiihlbar. Und das Wesen aller Erniedrigung (soweit sie nicht auf edles Ungliick zuriickgehen) entschliipft dem Beobachter, der sich an irgendeines der Verrohungssymtome klammert, ohne das Urphånomen „Zu wenig Zeit" im Auge zu behalten . . . So etwa geht es dem salbungsvollen Traktåtchenmann und ehrbaren Sozialkritiker, der gegen den Luxus der Frauen, gegen ausschweifend-erotische Toiletten, gegen die Vergroberung der Sexualitåt eifert, wie sie sich etwa in der Entwicklung des Tanzes von Sarabande und Menuett zum Beriihrungs- und Begattungstanze Tango deutlich genug ausformt. Man mochte ihm recht geben, mochte seine Argumentation noch bereichern, indem man darauf hinweist, wie die luxuriøse Frau die Industrie zu unerhdrter Entwicklung aufpeitscht, wie sie in deren klåglichster Etappe, in der Heimarbeit anrregend wirkt, gleichzeitig deren Bereicherungsinstinkt des Mannes anspornt, diesem Instinkt einen neuen unendlichen Sinn gibt und so am Imperialismus derV61ker, am Weltkrieg in aller Unschuld mltschuldig Wir(j, _ doch mitten in diesem Gedankengange schmeckt man etwas wie bbses Gewissen auf der Zunge. Nein, nicht die Frau ist schuldig. Ihr Luxus ist nur das letzte Hiilfsmittel, der Triarierkampf der Fortpflanzung. Ihre aufreizend hervorgehobenen Brtiste und Htiften mQssen den trage, in mechanischer Arbeit unlustig dahinflieBenden Strom der Månnlichkeit wie Schleusen aufstauen, hemmen, um ihm wenigstens stellenweise ienes GefåUe, jenes Minimum an Temperament zu geben, das zur Fortfiihrung des Zeugungsgeschåftes nun einmal unumgånglich notwendig ist. Die Månner wttrden es liber

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