Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1920)
- Date
- 1920-08-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 84. von Prof. Qeddes und werden von Ing. Tischler ausgeftihrt. Bereits in diesem Winter werden einige Dutzend Håuser gebaut werden. Auch eine Knaben- und eine Mådchenschule sowie ein Kindergarten werden in dem neuen Stadtviertel gebaut werden. Konferenz der Ingenteure und Technlker Palæstinas. Jaf fa, J. C. B. Vom 1.—3. Ab (16.—IS. Juli) fand in Jaffa eine allgemeine Konferenz der Ingenieure und Techniker Palæstinas statt. Es wurden folgende Themen durchberaten: Stådtebau (Prof. Qeddes), technische Erziehung in Palæstina (Referent M. Hecker), chemische Industrie in Verbindung mit Ackerbau (Referent Ing. Klimker), Hygiene im Hæuserbau (Referent Barski), Hafenbau in Haifa (Ref. Ing. Katinka), chemische Industrie (Ref. Dr. Gurwitz), die Einwanderung und die Technik (Referent Ing. Popper). AuBerdem referierten Ing. Atkes iiber den Verein der Ingenieure in Siidafrika und Ing. Winkler Aber den Verein der Ingenieure in Mitteleuropa. Die Frauen Palæstinas und die Einwanderung. Jerusalem, J. C. B. Ende Juli fand in Jerusalem eine von Frau Henriette Szold einberufene Frauenversammlung statt, an der mehr als hundert Frauen teilnahmen. Frau Szold legte in ihrem Referat die Notwendigkeit dar, die Frauen zu organisieren, damit sie gemeinsam an der Fordcrung der Einwanderung und am Hilfswerk ftir die neuen Einwanderer teilnehmen. Es wurde die Grilndung eines Frauenverbandes beschlossen, dem sofort tiber hundert Frauen beitraten. AMERIKA. „Joint" fur Palæstina. Auf einer der letzten Sitzungen des Joint Distribution Committee wurde Dr. Bogen zum Generaldirektør der ganzen Hilfsarbeit und Wiederaufbautætigkeit der amerikanischen Judenheit bestimmt. Zum Hilfsdirektor in der Ukraine wurde Dr. Frank Rosenblatt ernannt. Auf Grund des Berichtes von Dr. Bogen beschloB der „Joint“ eine halbe Million Dollars fUr die notleidende jfldische Bevdlkerung in Polen, 200.000 Dollars fUr den Dedical-Unit in Palæstina und 105,000 Dollars ftir Hilfsarbeit in Palæstina zu assignieren. (J. P. Z. Z.) ENGLAND. Misrachistisches Massen-Meeting in London. Am 20. Juli wurde in London in der „Great Assembly Hall“ ein Misrachi-Massen-Meeting abgehalten, unter Teilnahme von tiber 4000 Personen. Chiefrabbi Dr. Hertz præsidierte. Nordau hatte in elnem Brief seinem Bedauern Ausdruck gegeben, an diesem Meeting nicht teilnehmen zu konnen. Sein Bedauern sei umso grbBer, da es immer eine besondere Freude ftir ihn sei, sich unter seinen Misrachi-Briidern zu befinden. — Ich wuBte es immer — so schreibt Nordau — und håbe es oft offentlich und privat wiederholt, daB, wenn das Judentum von heute existiert und gedeiht und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, es dies ausschlieBlich den strengglæubigen Juden zu verdanken hat. Ihre strenge Einhaltung aller Gesetze und BrAuche, aller Vorschriften und Gewohnheiten, aller Traditionen — groB und klein, wesentlich und unwesentlich — war die stæhlerne Rtistung, die das Judentum neunzehn Jahrhunderte hindurch vor Zernagen und Zerstoren, unaufhorlichen Verfolgungen, unausgesetzten Leiden und vor indifferenter oder feindlicher Umgebung geschtitzt hat. Das Aufleben unserer einzigen Rasse ist der Dank einer unentwegten Ausdauer und heroischen Treue Jener Juden, deren Festigkeit und Charakter sie zu einem Muster ftir die Menschheit macht. Der Chiefrabbi fiihrte in seiner Rede aus, daB die Wiedereinsetzung des Samstages als offiziellen Ruhetag ftir die jtid. Bevolkerung in Palæstina, ein kroBes Ereignis in der Geschichte des jtid. Volkes bedeute. Es sei dies eine Warnung ftir die zion. Ftihrer. Es sei letzt an ihnen, sich ebenfalls anzupassen und darauf bedacht zu sein, daB die gesetzestreuen Juden im Einhalten des Samstages nicht gehindert werden. Politisches Talent allein sei nutzlos. Die Ftihrer mtiBten durch die Massen und durch die Majoritat des jiidischen Volkes in Palæstina untersttitzt sein, welches ein jtidisches Leben zu ftihren wtinsche. Rabbi Fishmann kommentierte Herzls Ausspruch: „Wenn Sie wollen, daB dies nicht ein Traum sein soll“ dahin, „Selbst wenn ihr orthodoxe Juden — es nicht wollt, wird es verwirklicht werden“-—' aber nicht in dem Geiste miserer HeijfiMlE VfMJCSStlMttlF1 ligen Thora. Abg. H. Farbstein gab einen Bericht tiber die Pogrome in Polen. Hermann Struck ftihrtc die Worte des ehemaligen Chiefrabbi von Holland an. Dr. J. H. Duenner sagte einmal zu ihm, daB i nicht verstehen konne, wie ein Jyde orthodox sei ohne gleichzeitig Zionist zu sein. Er betonte, daB der wichtigste Punkt die Behandlung der Chinuch-Frage sei. Nach Reden von Rabbi Trunk (Kutno), Mr. Bublik (Neuyork), denen man groBe Ovationen darbrachte, wurde eine Resolution gefaflt, in der auf drei groBe Ereignisse der jtid. Geschichte hingewiesen wird: Das Exil aus Aegypten, die Zeit von Esra und Nehemlah und die gegenwtirtige Periode. Vor 2000 Jahren, als die Rtimer Palæstina erobert hatten, hatten sie Mtinzen mit einem Tituskopf und der Inschrift: „Judaea capta Judaea victa“ geprtigt und heute ist in demselben Lande die Entscheidung gefallen, daB die Juden wieder eine eigene Nation werden. Es sprachen noch Dr. Waxman und Rabbi Sadowsky aus Amerika, ebenso Rabbi Brodt aus Polen. Eine Dank-Resolution an die britische Regierung, die alliierten und assoziierten Mtichte und an die zion. Ftihrer wurden einstimmig angenommen. (J. P. Z. Z.) POLEN. Die itidische Immlgrationsbewegung in Polen. Warschau, J. C. B. In einem Interview mit einem polnischen Journalisten wies der Leiter des polnischen Emigrationsamtes Dr. Mlynarski, mit Zufriedenheit auf das Zunehmen der jiidischen Zuwanderung aus Polen hin. Nach seinen Berechnungen gibt es gegenwtirtig in Polen ungefæhr 250.000 Juden, die in Amerika bemittelte Verwandte besitzen und die nbtigen Reisespesen von ihnen bekommen konnen. Aber infolge Tonnagemangels wird das Ueberftihren dieser Menschenmenge nach Amerika nicht weniger als 2 Jahre in Anspruch nehmen mtissen. „Die polnische Regierung — åuBerte sich Dr. Mlynarski — untersttitzt diese Auswanderung aus humanittiren Grtinden." 500—1000 Visa tægltch nach Palæstina., Auf Wunsch der „Hajas" fand zwischen dem Vertreter des amerikanischen Konsulates, einem Vertreter des Arbeitsministeriums und dem Referenten der „Hajas" eine Besprechung statt, beztigl. der Schwierigkeiten beim Erlangen der amerikanischen PaBvisa. Der Vertreter des amerikanischen Konsulates erkltirte, daB die Zahl der tæglichen Visa demnæchst von 250 auf 500 bis 1000 gesteigert werden wtirde, nur mtisse sich das Konsulat diesbeztiglich noch mit Washington verstændigen. (J. P. Z. Z.) Araerlkanisches Konsulat nach Lemberg. Auf Grund von Schrltten, die die Delegation des Jtid. Nationalrates ftir Ostgalizien bei ihrem Aufenthalte in Amerika einleitete, hat die amerikanische Regierung eingewilligt, einen amerikanischen Konsul in Lemberg zu akkreditieren, um den galizischen Emigranten die Erlangung der PaBvisa zu erleichtern, die bisher nur in Warschau erhæitlich waren. Zum Konsul in Lemberg wurde der ehemalige amerikanische Konsul in Brtissel und Paris ernannt, der seine Agenden in einigen Wochen, nach Zustimmung der polnischen Regierung, aufnehmen wird. (J.P. Z. Ztiricb.) Hauptversammlung der Organisation der Kultusgemelnde-Angestellten. Die Organisation der Beamten und Angestellten der isr. Kultusgemeinden in der Csl. Republik in Prag veranstaltet am 29. und 30. August d. J. die erste Hauptversammlung in Prag (jtid. Rathaus), zu welcher das Eisenbahnministerlum den Teilnehmern eine 33prozentige ErmtiBigung ftir die Hin- und Rtickfahrt in der III. Wagenklasse der Personen¬ oder Schnellztige bewilligte. Die Teilnehmer mtissen sich mit einer Legitimation ausweisen, welche die Organisation tiber Ansuchen sofort einsenden wird. Von Woehe zu Woclto. Jtidische Not. Seit dem 5. August tagt in Karlsbad die allgemeine jtidische Hilfskonferenz. Es ist dies keine Parteitagung, weil Juden aller Schattierungen und Lænder daran beteiligt sind. Die einzelnen Referate, die da gehalten werden, geben ein erschtitterndes Bild von jttdischem Elend und jtidischer Not. Sti* 5. Pogrome, nichts ais Pogrome. Raab, Totschlag, Mord grinst uns aus diesen Referaten entgegen. Welch furchtbare TragSdie die Rede des russischen Vertreters S1 i o s b e r g. 37a Millionen jtidische Seelen wohnen in SowjetruBland, 37a Millionen Juden hungern. 138.000 Juden wurden pogromiert, massakriert, gemordet, ruft unser Wladimir Temkin aus Kiew, der Vertreter der ukrainischen Judenschaft. Eine halbe Million Kriegswaisen sind zurflctøgeblieben, die das jtidische Volk erhalten und erziehen soli. — Krampf sich unser Herz ob dieser unsagbaren Not nicht zusammentL Schtimen wir uns nicht, wlr Juden der Cechoslovakei, daB wir nichts, so gar nichts zur Linderung dieser Not getan haben? Wo sind unsere Reichen und GroBen, wo das warmftihlende, jtidische Herz? Schon hat Stid-Afrika, von dem ungeheueren Elend erschtittert, zur Unterhaltung der Waisen 140.000 Pf. geschickt, schon gelit Kanada, Amerika daran, Tausende Waisenkinder aufzunehmen, zu adoptieren. Nur wir stehen wieder einmal zurilck. Wir, in deren Mitte der KongreB tagt. Die Cechoslovakische Judenschaft, die in erster Linie den Schrei des Elends gehort hat, geht achtlos daran vortiber. Wæhrend 400.000 Kriegswaisen verelenden, wtihrend 37a Millionen Juden dem Hungertode preisgegeben sind, nachdem 138.000 grausam zu Tode gemartert wurden, lebt das kriegsgewinnerische Karlsbader jtidische Publikum in Saus und Braus. Verspielt ttiglich bei Roulett und Baccarat Tausende von Kronen, bankettiert, soupiert, champagnisiért, foxtrottet — und trottelt dahin, mit Kokotten und die es werden sollen oder wollen, legt ihnen Diademe und Brillanten zu FtiBen, um zu Hause mit Stolz erztihlen zu konnen, man wåre mit den schonsten Weibern von Karlsbad zur Reulnon gegangen. Jeder Scham bar, jeder Menschlichkeit fremd, und ohne jedes soziale und Solidaritætsgeftihl, ja diesen zum Hohne promeniert dieses elende Parventipublikum auf der Kollonade, diese aufgedonnerten und aufgeblasenen Weiber, die aus Pflanz gar nicht mehr wissen, wohin sie sich die Brillanten stecken sollen, und denen man am liebsten einen Ring durch die Nase ziehen wollte, um sie als abschreckendes Beispiel der Mit- und Nachwelt zu zeigen. 138.000 Juden sind in der Ukraine zugrunde gegangen, doppelt und dreifach soviel in Polen und RuBland, von Ungarn nicht zu reden. Stidafrikanische und amerikanische Juden sind zu helfen bereit, und in Karlsbad, das von Millionæren wimmelt, hat sich niemand gefunden, der auch geholfen hætte. Es ist ein Hohn, wie er uns in der Weltgeschichte noch niemals entgegengegfinst hat, es sind Zeiten, die beinahe an Sodom und Gomorrha erinnern und fast wtire man gezwungen, zu bitten, daB Schwefel und Pech dieses gottverlassene und gottvergessene Judentum tiberschtittet. Diese Schtidlinge unseres Volkes, ftir die alles leiden muB, was anstændig in unserem Volke ist, und die wir nicht abschtitteln kbnnen, weil sie sich wie Kletten an das Volk htingen. Indolent, geistestrtig, mammonstichtig, von den furchtbarsten menschlichen GeiBeln der Habsucht, dem Neide u. dem verfluchten Tanz ums goldene Kalb gepeitscht, suchen sie Erholung in den verschiedensten Btidern und lassen die armseligsten Volksgenossen und Brtider verludern, verkommen, verhungern, — einzig und alleim dem leichtsinnigen Gedanken hingegeben — Amerikas Juden sollen helfen. Das „Joint" soli Abhilfe schaffen. Wenn die gesamte zivilisierte Welt — diese Bestie in Menschengestalt — nicht' so ganz verkommen ware, wahrlich die 400.000 Waisen wtiren schon versorgt; diese Aermsten der Armen, die mehr denn dreifach unglticklich sind: als Juden, als Arme und als Waisen. Schauerhaft ist der Chor der Karlsbader Referate. Totschlag, Mord, Elend, Armut. Im Zeitalter der Hochzivilisation, in den Zeiten des grdflten Reichtums, der groBten Ueppigkeit. Hier in Karlsbad sehen wir die Reversseite unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, und wer da nicht zurtickscheucht, wem es da noch nicht graust vor der Menschenbestialitæt, wahrlich dem ist nicht mehr zu helfen.