Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1920)
- Date
- 1920-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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-£v w ty* '^v -*'.. Nf. 84 OttøtSCHE VOUCasnMMF* S«ft« 3. Stlfflifiw, zappelnd in des Mtseheti riicksichtslosester Verkehraschranken aaf der verzweifelten Suche nach den beschefdensten Lebensnotwendigkeiten im Zeichen des Selbsterhaltungstriebes, btiBte allmåhlich eln betråchtlich-tragender Teil jiidischen Qeistes den Åusdruck der Selbstachtung ein, mit ihm auch ienes starke volkische BewuBtsein, das immer dort zur AeuBerung.gelangen solite, wo die Saat des Hasses in die Halme schieBt. Mit dem letzten Quentchen Glauben auf Reinhaltung des jiidischen Genius, verkroch sich der Eine in den weltabgeschiedenen Talmudwinkel glimmenden Geisteslebens, wåhrenddeB der Andere mit Hintansetzung seiner ganzen jiidischen Natiirlichkeit filr Weib und Kind sorgen mtiBte. Der Druck und HaB von auBenher kneteten den mit starkem Lebenswillen und Familiensinn erfiillten Juden zur niedrigsten Kråmcrseele und haBlichsten Menschenmaske herab. In diesem MaBe breitete sich immerzu gåhnender die gewaltige un- Bberbriickbare Kluft zwischen dem einsamen korperverschmachtenden idealen Oelehrten und der nach realen Werten lagenden, kriecherischen Trodlernatur; Extreme, wie sie vielleicht der bekannte Gustav Meyrink in seinem „Golem" am treffliclisten zti formen verstand. Als In westeuropfiischen Staatsgebilden die Gbettomauerrt zusammenstilrzten und die Juden durch wirtschaftliche Motive und sprachliche Kultur ihrem AuBenumkreis åhnlich wurden, lagen und liegen noch heute die Dinge im Osten, wo kompakte Judenmassen ein eigenes Kulturleben fiihren, ganz anders. Man kdnnte feststellen, dafi die chassidische Bewegung des Balschem vorerst die Erhaltung rein jiidischen Geistes erheischte; ein Sich-Gott-Annåhern, eine erldsende Isoliertheit. vor der profanen jiidischen Kramermasse, die in ihrer Wesensart ein SpieBbiirgertum darstelle. Der Chassidismus war die schdnste, geistige, evolutionare Erscheinung des jiidischen Galuth und wir sind noch heute nicht recht befahigt die Tragweite seiner Kraftausstrahlungen zu ermessen. Im Westen, wo die politische Emanzipation letzten Endes nur auf Assimiliertheit und Vermaterialisierung jiidischer Denkungsart ausging, kanri man von derårtigén revolutionaren Differenzierungen jiidischer Auffassung nicht sprechen. Man entrlickte sich im westeuropåischen Horizonte allmahlich der jiidischen Vergeistigiing und gottlichen Affinitat, der Glaube an das mystische Jenseits „olam haba" an den „Anteil am ewigen Leben" fiir den sie ihr diesseits preisgeben soilten, wurde ihnen mit den Zeitlauften ein Begriff der Unverstandlichkeit. Und weil es ihnen eben an jener ostlichen, mystisch-abstrakten hingebungsvollen Extase und Erhebung zum tiberirdischen Transzedentalen mangelt, erachten sie es umso notwendiger sich in Geniissen und Bequemlichkeiten irdischen Daseins auszuleben. Trotz ihres Konfessionsbekenntnisses war den Westjuden der religios-kategorische Imperativ immer etwas. Fremdes gewesen. Anders im Osten. Hier stehen wir nicht vor dem oppurtunistisch-gefarbten Rationalismus einer Religionsgemeinschaft, sondern vor zwel geistigen Ringkampfern, vor Bejahern und Verneinern der Ideale, vor Chassidim und Misnagdim. Die Grundverschiedenheit in den Lebens- und Weltbetrachtungen dieser Gruppen ist in der religldsen Auffassung zu finden. Wahrend bei den Chassidim das Gesetz mit dem Feuer des Entzlickens ganz. kritiklos ausgeiibt wird, sie mit Gesang Gott erfitllen, in unbeschreiblicher Extase Au g in Aug der Schechina (gbttl. Glorie) huldlgen, auBert andererseits der Misnagid einen Hang zum Konkreten, neigt in seiner Griibelei zum Skeptizismus, gelangt auf Irrwege und verfailt in den Zustand der Melancholie, die im Osten landiaufig mit „moroh schechauroh" bezeichnet wird. Uberirdische Romantik in Antagonie vor empirischem Realismus. Der Chossid kommt seinen religloseu Pflichten wie ein ergebener Geistessoldat nach, erfttUt mit der grdBten Ehrfurcht vor der Macht der Oberlieferung. Jede spontane WillensauBerung ist ihm Sflnde, Dissonanz im Verhaitnis des eigenen Willens, zum Willen des Gesetzes. In einen solehen inueren Konflikt gerat der realistische Misnagid, dessen Seele dadurch einer Zerrissenheit untergeordnet wird. Der Chassld ist Gefuhlsmensch, Poetiker; der Misnagid trockener Vernunftmensch, Prosaiker — Elemente die so frappant auseinander sind und eine auBerordentliche jfldische Zweiheit darstellen. In einer meisterhaften Skizze „Zwischen zwei Berg*“, hat der ostjtidische Novellist Jizchak Leib Perez dfeses Doppelspiel gekenntzeichnet und nur Heinrich Heine war es gegebep solche Wesen in sich selbst, tn einem lebendigen Parodoxon, das man fn literarisch kritischer Sprache romantlsché Ironis nennt, harmonisieren 2u kdnnén. Auch in der Art des Talmudstudiums liegt die Varitat zweier Empfindungswelten. Der Chossid hångt an jenen Teil der talmudischen Wissenschaft, den man mit „Agada" bezeichnet, ein Marchen- und Legendenborn sprudelnder Phantasie, unzahliger Gleichnisse. orientalischer Teppichbuntheit... kunstlerische Werte aus denen auch Bialik viel geschdpft, Motive die er glanzend bemeiBelt hat. An den haarspalterischen. rabulistischen Teil des Talmud, an die „Halachah" klammert sich der.niichterne Misnagid, der nur in rechnerischen spekulativen Fragen des Rechts oder Ritus seelische Befriedigung findet. Dieses jetzt uns bereits charakteristisch-erscheinende Fiir und Oegen jiidischer Wesenssache, tritt viel klarer In der Rolle des Juden als politischem Faktor entgegen. Am rechten Fliigel der Oeschåftspolitiker, der Assimilant, der Kahaljude, welche: seine offentliche Sendung rein subjektiv auffaBt, ein Typus unausstehlichen Renegatentums wie man es bei keiner anderen Volkszugehorigkeit aufzutreiben vermag; Kreaturen die an ihrer falschen Fahne Worte der Freiheit, des Friedens und Fortschrittes heften, nebstbei in Zeiten grofiter Volksgefahr ihre Positionen feige verlassen oder zumindestens der Vogel-StrauB-Politik verfallen. Solche ethisch-wenigeittwandfreie Gestalten sind Abkommlinge jener eingangs erwShnten, durch den Zwang der LebensverhSltnisse zur erniedrigten Kramernatnr umgemodelten Judenseele, die uns von der Macht der Vererbung, nach Jahrhunderten der Verfolgung als mifihchster Charakterzug menschlicher Verfallenheit ilberliefert wird. Sie erscheinen auch im Presse- und Journalistenleben, zumeist an der Spitze liberaler Ueberparteiblåtter, die man anderswo gerne zu „Judenbliittern" stempelt, weil sie eben in den Hånden des schlimmsten Judenteils ruhen, jener in allen Staaten gleichmåBig treibenden Kraft, welche Presse, Finanzwelt und eigenes Tascheninteresse in eine Gedankenschale hiillt, sich leitenden Machthabern zu Kriegszwecken hergibt und wenn es die Notwendigkeit erheischt die offentliche Meinung verkauft. Das Muster eines solehen Machthabers, war der von Karl Kraus so heftig bekåmpfte unlSngst verstorbene, hochbegabte Moritz Benedikt, verantwortlicher Chefredakteur der „Neuen Freien Presse". Am linken Fliigel der jiidische Idealist, voller Entbehrungen, „im Haupte Adler, die FfiBe im Kot", wie Grabbe sagt, steht er vor uns. Unbeugsam wie einst sein Vorahne am Scheiterhaufen den Mårtyrertod erlitt, trågt auch er heute mit seelischer Erhabenheit die Last irdischen Leids, das in politischer Verfolgung gipfelt. Gibt es eine reinere Gestalt als den jiidischen FreiheitskMmpfer der heiligen, selbstlosen Erscheinung auf russischen StraBenbarrikaden im Kampfe gegen Schergen des Zarentums? Der jiidische Revolutionar ist, wie beispielsweise Martin Buber in seinem uniangst gehaltenen Nachrul fiir Landauer sagte „ein Mann, der ganz und gar bis in seinen Leib hinein mit allen Teilen seines Wesens auf unmittelbare Verwirklichung gestellt ist, nicht auf Politik, sondern auf unmittelbares Tun und Le ben." Und findet man edlere IdeentrSger als jene ersten Bilu- und jiingsten Schomrim- oder ChaJuzim- Pioniere, die sich unter Voraussetzung hingebungsvolisten Entsagens der Bodenarbeit ihrer Sehnsuch PalMstina widmen? Menschenkinder, die jedes Unternehmen, jedes Wort auf seinen ideellen und ethischen Gehalt priifen, die unter ungeheuer-moralischer Devise, im Verzicht auf ieden irdischen Spie- Berwert die Lebensbedingung ihrer Individualitat unterordnen und den Begriff der Existenzfahigkeit vor dem der Existenzbedingung vollig trennen. Eine treue Reproduktion dieser einzig dastehenden inueren Anomalie der jiidischen Psyche ist die åufiere ZerwUrfelheit, die sich in unserer-staatsbiirgerlichen sozialpolitischen Betatigung hervorhebt. Einerseits spekulatives Festhaiten an die bestehende Macht, eifriges Patriotentum, Judentum als kaiseristische Saule, Huldigungskorporationen bezylind^rter und befrackter Kultusgemeinderate vor Monarchen, konventionelle Vaterlandsliebe als Åusdruck angeborener Ghettoschwache. — Andererseits Juden als radikale Demokraten, wie oft numerisch schwach, doch in der heftigsten Obstruktion; konsequent bis zum AeuBersten, zah gegen jegllche Anfeidung, stramm schlagfertig in der Argumentation, wuchtig in unverwQstlichem ZielbewuBtsein. Und wie die Suche nach einem Mitteldmg zwischen Moritz Benedikt und Karl Kraus, zwischen dem kaisertreuen Millionar Gnttmann ond Friedrich Adler vergebens ist, so klaffte ein endloser Abgrund zwischen Herrn Ballin dem Judenfreunde des Exkaiser Wilhelm und dem Unabh5ngigen Hugo Haase. Unsere Umwelt st6Bt im Parlamentarismus wie sonst im Offentlichen Leben einzig und allein auf dieses ihr unerklSrliche tragische, judische Kuriosum. Der Repråsentant eines &emåBigten Mittelstandsjuden ist ihr fremd, weshalb uns auch bitterschwere Anschuldigungen und leidenschaftliche Vorwiirfe des Antisemitismus zwischen Kapitalismus und Bolschewismus pendeln lassen. Hier liegt der Grund jiidischer Sundenbock-Elastizitat, ja, der verblendete Judenhasser geht in der Sphåre eigener Unorientiertheit vor diesem rStselhaften Phanomen so weit, daB er sich dem absurden Glauben smgibt, soziale Weltrevolution, Problem der Soziali. 'rung und dgl. Dinge, als Domane jiidisch-kapitalisti. cher Interessenpolitik anzusehen. Es ist ihnen eine vorttbergehende Erscheinung, wenn Sozialisierung a Untemehtnungen, die Niederlage der groBindustriellen Judenburgeosie bedeutet, nichtsdestoweniger miissen kleinbiirgerliche und proletarische Judenmassen der groilenden, schwarzen Reaktion unschuldige Pogromopfer liefern. Eklatant treten diese einzig dastehenden Verhåltnisse im letzten Jahre ungarischer Ereignisse hervor. Unter Bela Kun wurde das magyarisch-patriotisch-jiidische Kapital zermiirbt, unter Admiral Horthy als Reichsverweser, macht sich der weifle Terror an die Ausrottung jiidischen Volkstums als Trdger freiheitlichen Oedankens heran. Diese gewaltige Seelentragodie, die sicherlich keine Nation auf Erden weder jemals erlebte, noch jetzt erlebt, ist die verunglimpfte Frucht unserer okonomisch-abnormen Lage der Diaspora, die den jiidischen Geist in zwei diametrale, wiederstrebende Wesen zerschmettert hat. Es wirft sich nun die Frage auf, in welchem MaBe die Konstellation einer solehen inneren, jiidischen Zerriittung zur alten ganzgeformten Seelcnharrnonie mdglich wåre. Die Losung dieses geheimnisvollsten aller Råtsel, fiele als Aufgabe modernjiidischen Sozialethikern zu; denn der moralische Tiefstand als Schwache der Ejnen im Kampfe ums Dasein gegenfiber dem zahen, sich durchringenden Gigantentum der Anderen, ersehnt eine Brticke, die nur das aufbauende Licht einer neuen jiidischen Ethik auf Grund einer sozial-okonomischen Wiedergeburt des jiidischen Volkes, zu schlagen imstande wåre. Die JOdische Welthilfskonferenz. Die iiidlsche Tragodie in der Ukraine* In der zweiten Sitzung der gegenwårtig in Karlsbad tagenden Welthilfskonferenz erstattete Ingenieur W. Temkin den folgenden Bericht iiber die schreckliche Lage der Juden in der Ukraine: Das grbBte Unglilck fiir das Judentum in der Ukraine war stets der Wechsel der Macht. Jedesmal, wenn die Macht von einer Hånd in die andere iiberging, entstanden die ftirchterlichen Massakers. Selbst unter den Bolschewiken ist dies nicht ganz vermieden worden, obschon im ‘allgemeinen die neue Macht der Bolschewiken den Exzessen ein Ende machte. Am schrecklichsten war die Ausschreitung, deren sich die Banden Petljuras und einer Reihe anderer Generale schuldig machten. Man hat tatsdchlich Bauche aufgeschlitzt, Schadel zertrlimmert, Frauen und Madchen vor den Augen ihrer Manner und Eltern geschandet. Und dies geschah nicht bloB durch Banden, sondern durch organisierte Armeen einzelner Heerftihrer. Die Behorden haben von ^sen Pogromen gewuBt und sie zum Teile selbst inszeniert. Ein Kommandeur hat unmittelbar vor dem Pogrom einen Befehl hinterlassen, in welchem er die Juden warnte, sie als ungllickliches Volk titulierte und sie fragte, ob sie denn nicht fiir ihr Leben besorgt seien. Als der Pogrom ausbrach, dauerte er sechs Tage und an jedem Tage wurde er wie eine bestimmte Arbeit . um 6 Uhr mit Musik zu Ende gefuhrt. Zuerst waren die Pogrome nicht so filrchterlich, wie sie spater wurden, aber échon die ersten Pogrome versetzten die Juden in hdchste Besorgnis und Angst. Das war schon zu Ende 1918 und anfangs 1919. Die Parole, unter der diese Pogrome gemaeht -wurden, war: Heilige Ukraine, Tod den Juden! Erst am sechste« Tage, als der Biirgermels'er von Proskurow, kein Jude, unter der grbBten Ernledrlgung dem Bandenebe! die FUBe kliBte, fand der Pogrom ein Ende. Furchtbar waren dann die Aprilpogrome von Struck, einem anderen General. Vier Stadtchen wurden ab-