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Jüdische Volksstimme · 1920-08-19 · Heft 34 (19.8.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 34 (19.8.1920)
Date
1920-08-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sti* 1 aus, dafl der Staat in Znkunft seinen Staatszweek, bezw. seine Existenzberechtigung und Existenzbedingung aus der Ffirderung nationaler, religioser oder okonomischer Herrschaftsbestrebungen ziehe. Solange dies der Staatszweek irgendwo bleibt, kann der Staat Seinen wirklichen Aufgaben, ein Rechtsstaat, ein Kulturstaat und ein Wirtschaftsstaat zu sein, nirgends genuge teisten, mag er weiche Staatsform auch immer besHzen, mag weiche Partei auch immer am Staatsruder sein. Der Mangel an dieser Erkenntnis ist. auch ein Sffick Assimilation, insbesondere dann, wenn von zionistfseher Seite in Asien nicht die Fehier vermieden werden, die in Europa zu einem immer von neuem aufflammenden Nationalitåtenkampf, zu einem sich stets steigernden Antisemitismus und endlich zu einem immer groBere Dimensionen anhehmenden Klassenkampf fiihren und auf diese Weise dert Zusammenbruch Europas beschleunigen. Es mag Ja heute noch verfrtiht sein, wenn Spengler Jetzt bereits vom Untergang des Abendlandes spricht. Tief traurig ist es iedenfalls, -daB nach 6 Jahren Weltkrieg noch immer fast alle Kulturvolker einschlieBHch der Juden dieselben durch Krieg und Revolution grilndlich ad absurdum geftihrten Ideen in nationaler und sozialer Hinsicht beherrschen. Wenn man immer noch nicht die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Abkehr vom Materialismus und Mammonismus als die oberste Vorbedir gung der Erneuerung des Kultur- und Wirtschaftslebens erblickt, sondern die diesbeziiglichen Hoffnungen in einem sterbenden Parlamentarismus, in Diktaturgeliisten oder gar in neuen åuBeren und Inneren Kriegen sieht, wahrhaftig, dann mufi man allen Jenen, welchen Europa sein Schicksal anvertraut hat, die Worte zurufen: „Morituri te salutant." Und diese Ideen, die Europa seinem Untergange entgegentreiben, die will man nach Asien importieren? Miissen dann unter solehen Umstdnden die in Palåstina einwandernden Juden nicht statt Kulturbringer als Verderben bringende europSische Eindringlinge angesehen werden, so wie sie heute in Europa als asiatische Fremdlinge gelten. Und in Europa? Kann es unsere A'ufgabe sein, wo bei keinem Volke sich die veralterten Formen eines chauvinistischen bourgoisen Nationalismus, einer statt verinnerlichter Religiositat nur konfessionelle Zwietracht zeitigenden Konfessionalismus und eines, zur konstruktive« Arbeit unfShigen, verfålschten Klassenkampfe tiberall Schiffbruch litten, alles dies zum Fundamente der Erneuerung des jtidischen Volkslebens zu machen. Neinl Sowohl in Europa wie in Asien milssen zur Ldsung der nationalen, religiosen und sozialen Fragen neue Bahnen eingeschlagen werden, soli nicht der Zusammenbruch des Abendlandes sich viel rascher vollziehen, als es die argsten Pessimisten ahnen und unter den Triimmern des sterbenden Eu- Aus der Richterzeit. Rabbi Samuel war ein Richter in einer palåstinensischen ’Stadt, die durch eine groBe Wasserkatastrophe sehr gelitten hatte, und wollte iiber eine beschådigte Brticke gehen, weiche noch dazu sehr schmal war. Er zbgerte, iiber diese Brticke zu schreiten, da kam ein unbekannter Mann entgegen und wollte ihm die Hånd reichen und iiber die schadhafte Brticke fiihren. Glttcklich ans andere Ufer angelangt, frug Rabbi Samuel den FQhrer, wohin er gehe. „Zu Gericht, Rabbi, ich håbe eine Streitsache mit einem Geschaftsfreunde, und du wirst, wie ich hare, in dieser Sache den Vorsitz haben." Hierauf entgegnete Rabbi Samuel. „In diesem Falle ist es mir unmoglich, den Vorsitz einzunehmen, da du mir gefållig warst, raich iiber diese gefahrvolle Brticke zu fiihren." Ein zwelter Fall. Rabbi Ismael, Sohn José, Besitzer groBer ULndereln, betrieb Ackerbau und Viehzucht. Dieser groBe Besitz machte ihn zum reichsten Grundbesitzer seiner Gegend. Unter seinen vielen Grundpachtern war auch einer, der sich erbot, nebst dem Pachtschilling zur Obsteszeit allwochentlich am Vortage des Sabbaths, somit am sechsten Tage der Woche, dem Rabbi einen Korb, geftillt mit schtinera Obst, aus seinem Garten zu bringen. Einmal brachte dieser Ptichter schon am ftinften Tage der Woche den Korb mit Tafelobst. Hieriiber erstaunt, frug ihn Rabbi Ismael welcber 4CPISCBE VGUSSTIMME" ropas die Mehrheit der europfihichen Juden btgraben werden, ehe sie tiberhaupt nach Palåstina gelangefi. * # # Daø dies nicht Phantasien eines Fieberkranken sind, beweist ein UeberbHck iiber die politische Lage in Europa und iiber die Situation der Juden besonders in den mitteleuropdischen, osteuropåischen und balkanischen Gebieten. Weder das russische, noch das osterreichische, noch das turkische Problem haben^durch die Zertrtimmerung RuBlands, Oesterreich- Ungarns und der Ttirkei eine Ldsung gefunden. Sechs Jahre nach dem Beginne des Weltkrieges herrschen in dem groBten Teiie Europas balkanische Zustånde, keine einzige Nation und keine einzige Klasse fiihlt sich von der Neuordnung Europas, weiche den Kampf Aller gegen Alle gesteigert hat, befriedigt, aber fast tiberall macht man die Juden fttr die heutigen unhaltbaren VerhSltnisse verantwortlich. Die Juden, weiche nach der Zertrtimmerung der GroBstaatén und Entstehung von Kieinstaaten atomisiert werden, nachdem sie auf den Schlaclitfeldern und in Revolutionen Hekatomben von Opfern bracliten, durch Seuchen und ungentigende Ern&hrung zu Hunderttausenden dahingerafft wurden, sie macht man nun verantwortlich ftir die Zertrtimmerung Rufllands, Oesterreich-Ungarns und der Ttirkei, filr eil kapitalistische Ausbeutung, ftir die politischen und sozialen Fehier der Liberalen, Demokraten, Soziald?mokraten, Kommunisten und Anarchisten - aller Lander. Die Juden sind Fremdlinge geworden in denselben Staaten, ftir deren Erhaltung sie auf den Schlachtfeldern gektimpft haben, besonders dann, wenn sie zufålligerweise dort kein Heimatsrecht haben. Selbst in Palåstina regen sich nationaler Fanatismus und konfessionelle Intoleranz gegen sie und der Pogrom hat auch vor den Toren Jerusalems nicht Halt gemacht, Ersieht man aus alledem immer noch nicht, daB die Judenfrage nicht aus dem ganzen Komplexe der nationalen, religiOsen und sozialen Probleme herausgerissen werden kann. An dieser Tatsache wlrd auch dann nichts getindert werden, wenn die Juden alltiberall als Nation anerkannt sein werden, wenn sie in alten Vertretungskdrpern von der Kultusgemeinde an bis zum Pariamente eine nationaljtidische Vertretung besitzen Werden, und wenn schlieBlich in den nåchsten Dez$nfiien, selbst eine halbe Million Juden in PalSstina angesiedelt sein werden. Alles dies kann eben nicht Endziel der zionistischen Bewegung sein, wie ich bereits am Krakauer Parteitag sagte, sondern nur Mittel zur Erhaltung und Erneuerung des jtidischen Volkes, die eben wie das gesamte Kultur- und Wirtschaftsleben der VSiker auch noch von ganz anderen Faktoren abhången. Darum muB gerade nach San Remo und angesichts der Hoffntmg auf baldige Realisierung der palastinensichen Heimståtte der Zionismus programauch Richter war, weshalb er diesmal abweichend von der Gepflogenheit das Obst schon am ftinften Tage tiberrelchen wolle. „Rabbi", antwortete der Richter, „morgen stehe ich vor Gericht, es ist der Vorabend unser es Sabbats und du Rabbi wirst in meiner Rechtssache den Vorsitz haben." „Pachter! Ich kann den Vorsitz nicht mehr tibernehmen, und der Gerichtsverhandlung tiberhaupt nicht beiwohnen. Du bist mein Pachter, und bringst mir auBer der Pachtgebtihr noch ein Geschenk. Das wtirde einer Bestechung gleich sein." Ein drltter Fall, Rabbi Ismael, Sohn Elischas, war ein Priester und erhielt von einem sehr reichen Schafherdenbesitzer die tibliche Erstlingswolle. Rabbi Ismael frug den Ueberbringer: „Wo befinden sich deine Schafherden? Ist denn in der Nåhe deiner Besitzung nicht gleichfalls ein Priester, dem du die Erstlingswdlle abliefern konntest?" „Wohl, Rabbi, doch morgen håbe ich in einer Streitsache mit einem Grenznachbarn vor G.erlcht zu erscheinen, wo du den Vorsitz fiihren wirst und da der Gerichtsort mir naher ist, so wollte ich die Erstlingswolle zugleich dir, Rabbi, bringen." „Da mQBte ich einer Bestechung geziehen werden, ich tibernehme den Vorsitz nicht", und schob die Wolle dem Grundbesitzer zurUck. Wien, im August 1920. Albert Ldw. Nf, 34, matisch, taktisch und organisatorisch sich zu einer allumfassenden judischen Renaissancebewefung ausgestalten. Je mehr seine Grundtendenzen aufhdren, bloB das Schibolet einer Fraktion inrjtidischen Volke 2ii sein, sonder^ seine Gedankengtage in immer weitere Kreise ijk jtidischen Volke#- ond auch anderer Vtilker eit^drungen sind, um spu$£6Ber werden seine Aufgajl^ und die Pflichten seiner Vertre* ter gegen das efgene Volk wie gegeif die Kulturmenschheit. Panta rhei muB das oberste Glauhm^bekenntnis aller deren bilden, die namens des jtidij^pben Volkes wirken wollen, panta rhei speziell Feldruf der jtidisch-modernen Jugend bilden. Wer sich der ganzen Bedeutung dieser Devise mit dogmatischen Schlagworten nationaler, konfessioneller oder sozialer Natur entgegenstellt, verkennt die Lebensbedingungen des Jtidischen Volkes, die unzertrennbar sind von seiner Mission, Vorkampfer zu sejn der Vtilkerverbrtiderung und des sozialen Neuland ln der Diaspora wie in Paiastina. Die jiidische Doppelsiale. (Psychologischer Beitrag zur LOsung der Judenfrage.) Von E. K5nig. In dem breitlaufigen Bogenrund unserer Volkerumgebung leben noch heute Schuldbegriffe wenig urteilsfahiger Menschenmassen, die nur die Kollektivverantwortung kennen und das eigenmachtige Vorgehen eines Volksangehdrlgen, an dem ganzen Volkskorper heimsuchen. DaB der Weltkrieg ftir diesen Atavismus genug Beweise erbracht, wtire tiberfltissig zu betonen, wie es ebenso klar ist, daø tihnlich-gefailte Urteile iiber Juden, den Einzelnen ftir die Gesamtheit btiBen zu lassen, nichts anderes als Exaltationen unbtindigen Judenhasses bedeuten. DaB uns Nationen nur die Monopolisierung des Preistreiber- und Gaunerunwesens tiberlassen, anbei jiidische Kultur wer te eines Spinoza, Heftie, Auerbach, Ehrlich, Rathenau, Brandes oder Einstein auf eigener Tafel ankreiden, beweist hinltinlig, dlB in unserer Gasse zweierlei Judenseelen nebeneinander hausen. Die eine dunkel, htindlerisch, wucherhaft, einer jeden Ethik bar, jeden unternommenen Schritt kalt erwagend, iiber Leichen stolpernd, schlau, ein saugender Vampyr, wie wir joft in antisemitischen Biattern karrikirt werden. — Die zweite, seibstlos, klug bedacht, eine „Nathan"-Seele, ideal in Tat und Glaubenswillen, vorbildlich in spendender Armenliebe und unerschtttterlichér Familienausgepragtheit. — Nun fehit der Grenzpfahl zwischen Ideal und Vorteilswie Zweckmafiigkeitskombinationen, zwischen Holte und Paradies, skrupelloser Verruchtheit und Gtite, wobei sich die brennende Notwendigkeit ergibt durch kritisches Beleuchten eine reine Scheidung zweier entgegenwirkenden Pole vornehmen zu miissen. Es fragt sich vorerst, ob diese krasse Zweiheit als GrundriB jtidischer Rasseneigénart anzusehen ware, oder ob hier vielmehr sozial-Okonomische Zwangslagen spaterer Zeiten das jiidische Volk im ethischen Sinne in zwei jtid. Lager zu spalten vermochten. Zur Losung eines solehen Dilemma tragen in erster Linie geschichtswissenschaftliche Belege bei. Die alten Hebråer werden in der heiligen Schrift nicht immer als mackellos gezelchnet, sie waren oft harlntickig, dabei voiler Wankelm.ut wie Moses selbst klagte, doch zugleich ein Volk Gottes und menschlichsten Rechtsempfindens. Renan meinte, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, kennzeichne den jtidischen Qeist. Ihr Gemeinschaftsleben und Heldentum war pulsierend, warm, wie wir es heute an Anderen, die nach eigener Erdscholle duften, bewundern. Der heroische Kampf der Makkabtier, der Auf stand Bar Kochba’s, der Heldentod Rabbi Åkiba’s, sie liefern nicht Beweise jtidischer Verzweiflungseruptionen, sondern der Entfaltung jtidischer Innenkraft und unbeugsamer stolzer FreihelMuBerung. Ihre Intensivitåt war von der hohen BewuBtbeit eigener, gesunder Daseinsfflhrung diktiert und getragen. — Die Hidische Janusseele wie wir sie heute kennen und die solchermaBen durch ihre innere Kontrarittit keinesfalls imstande ist die im Menschengefilhl verankerte kiagliche Idee des Juden« hasses umzustoBen, ist eine widerwtirtige Ausgeburt der Diaspora. Wir haben im langwlerigen GårungsprozeB des Exils das prachtvolle Gewand Jenes reinen Instinktmenschen, der in seiner Frlsche und brutalem Naturalismes fern von jeder Dekadenz war, abgelegt. In fremden Landstrichen, "unter fremden

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