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Jüdische Volksstimme · 1920-08-19 · Heft 34 (19.8.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 34 (19.8.1920)
Date
1920-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE VOLKSSTIMME Bezngspreise: halbjfihrig. . . K6 21.— ganzjåhrig ....... Deutschdsterreich. Kronen 80.— Dentschland, ganzjåhrig . . . . Mark 35.— Redaktion n. Administration: BrQnn, Krapfeng. 19. Inserate: der einspaitige Millimeterraum KC —*40. Unveriangte redaktionelle Beitrflge werden nicht honoriert. Mannskripten ist RQckporto beizufQgen. Jahrgang XXI, firllnn, 19. August 1920. 5. Elul 6880. Nummer 34. An alle Parteigenossen I Im Interesse der Vergrofierung und Erstarkung unserer Organisation ersuchen wir alle Parteigenossen um Verbreitung und Untersttitzung unseres Blattes. Die Juden in Asien und Europa. , Von Dr. H, Kadisch. Seitdem die Idee des palfistinensischen Emigrations- und Kulturzentrums seiner Verwirklichung nfther geriickt ist, erreichen Asien und seine Vdlker eine erhdhte Aufmerksamkeit von Seiten des itidischen Ge$amtvQjkes..WqHen dip,Juden tatsachlijph ^flSéTnationale Politik," dann kann sie nur eineWéltpolitik seih, eine Politik mit groBen Zielen, dann erfordert sie aber auch eine prinzipielle, scharf umrissene einheitliche Stellungnahme zu allen, auch unser Volk beriihrenden Zeit- und Streitfragen. Die politische und soziale Entwicklung in der letzten Zeit hat deutlich gezeigt, daB nicht nur die Wirtschaftspolitik eine Weltwirtschaftspolitik sein muB, sondern daB auch zwischen den nationalen Fragen der einzelnen Staaten, ia sogar der einzelnen Weltteile und insbesondere zwischen ihnen und der Judenfrage ein organischer Zusammenhang besteht. Nicht nur in Europa, auch in Asien ist die Nationalitdtenfrage in ihrem ganzen Umfange aufgerollt FEUILLETON. Die Unbestechlichkeit der Richter im Judentum. Nach Bibel, Talmud und M i d r a s c h. Schon die Bibel lehrt, die Unbestechlichkeit zu wahren, die Bestechlichkeit zu verpdnen, und heiBt es in der Bibel ausdriicklich „Die Bestechung macht blind den Scharfblickenden und verdreht die Worte der Gerechten." Die Annahme eines Geschenkes, welches Vorteile dem Geber bietet, der zu einer Bevorzugung unberechtigt ist, kann zu einer Parteilichkeit und Verletzung der Amtspflicht verleiten. Moses, der Ftihrer Israels, sprach zum Volke: „Nicht den Esel Eines unter ihnen håbe ich weggenommen, und nicht Einem unter ihnen ein Leid getan.“ „Von keinem Einzigen håbe ich wie ein Herrscher eine Abgabe gefordert." (Numeri K. 16, V. 15.) Der Richter Samuel, Prophet in Israel, sprach: „Hier bin ich, zeuget wider mich, vor dem Ewigen und seinen Gesalbten. Wessen Ochsen håbe ich genommen? Wessen Esel håbe ich genommen? Wen håbe ich bedrBckt? Aus wessen Hånd håbe ich ein LOsegeld genommeo?" (Samuel K. 13, V. 3.) und nur jene kurzsichtigen Kirchturmpolitiker komiten dariiber iiberrascht sein, fiir welche das Wesen einer Realpolitik im Haften an den Einzelereignissen des Tages gipfelt und welche die groBen historischen Zusammenhdnge ignorieren und den Paralcllismus in der Entwicklung der Valker iibersehen. An dem Tage, an welchem europ&isché OroBmåchte angeblich im Namen. des SelbstJ^3tiunniint^techtes der; Valker — difficile est satyram non scribere — die Vdlker Asiens, Afrikas, Amerikas und Australiens auf jdie europdischen Schlachtfelder riefen, da war es fiir die sogenannten „Ideologen" zum Unterschied von den „Realpolitikern" ziemlich klar, daB friiher oder spater auf Grundlage ebendesselben Selbstbestimmungsrechtes England, Frankreich und Italien es eines schfinen Tages in die Ohren schallen wird: „Asien den Asiaten! Afrika den Afrikanern! Australien den Australern!" — Amerika zieht sich ja bereits von den europaischen Handeln zuriick und laRt Wilson als Hauptvertreter der Intervention in Europa fallen. Es ist in gewisser Hinsicht ein Verhangnis, daB Der Talmud lehrt (Ketubot) „Der Richter sei von Gottesfurcht durchdrungen, als liege drohend ein Schwert neben ihm und weit offen die Holle.“ Der Richter darf bei Gericht die eine Partei nicht mehr als die andere anhdren. Wenn zwei Parteien vor dem Richter in ungleicher Bekleidung erscheinen, so muB der Richter darauf Riicksicht nehmen, daB nicht die eine Partei mit schfinerem und wertvollerem Gewande der anderen Partei gegentiberstehe, er muB es moglich machen, dafl der Aermere $|ne gleiche Bekleidung erhalte. (Sinhedrin 6.) „Der Richter darf nur auf das Vollstandige Riicksicht nehmen und muB sich vorher genau und griindliche . Ueberzeugung verschaffen.'1 (Nidu.) „Dec Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit solist du nachtrachten, damit du Iebest.“ (Deutron.) K. 17, V. 20. „Kennet kein Ansehen im Gericht; den Kleinen wie den GroBen hbret; fttrchtet euch vor Niemand, denn das Gericht ist Gottes. (Deuteron, K. 1, V. 17.) „Wo ist ein grofles Volk, das so gerechte Gesetze und Rechte hatte, wie diese ganze Weisung. Diese Oesetzesbeobachtung verschaift euch den Ruhm von Weisheit. (Deuteron, K. 4, V. 8.) „Nur das Urteil jenes Richters, welcher zu gleicher Zeit das Richteramt versieht und als Richter angestellt ist, durfte gewurdigt werden. (Sinhedrin.) „Der Beschuldigte darf nur in seiner Anwesenheit verurteiit werden. (Balea Mesia.) „Nicht auf fest gemauerten Stufen steigt der Richter zum Richterstuhl hinan, sehr oft sind die f gerade in dem Momente, wo Asien erwacht und sich vom Joche fremdnationaler Herrschaft und vielleicht auch von fremdnationaler Ausbeutung befreien will, daB gerade in diesem Momente die Juden im Begriffe sind, auf Grund eines europfilschen Mandates ihr historisches Erbe in Pa- 1 astina anzutreten. So droht denn die eminente Gefahr, daB dieselben Juden, welche in Europa den Chauvinisten aller Vdlker als as 1 a t i s c h e Fremdlinge erscheinen, in Asien wieder von den Arabern und Syrern als e u r o p a i s c h e Eind r i n g 1 i n g e betrachtet. werden. Vollzdge sich diese traurige Tatsache, so wird dies kelneswegs ein Beweis dafar sein, daB die Assimilanten mit ihrer Anschauung recht haben, sondern vielmehr, daB es noch immer viele Zionisten verschiedener Schattierung gibt, die noch nicht mit den Jdeengången der Assimilation in nationalen, religidsen und sozialen Ftagen grtindlich gebrochen haben. Nur daraus Ist es erkl&rlicb, daB man sich dariiber verwundert, daB unter Ar abern und Syrern der JudenhaB . gedeiht, wåhrend man sich damit abgefunden hat, daB bei Germanen, Slawen, Romanen und j^agyaren dies der Pall M- Attk ShnftcMau -fafeefeet* Voihtussetzungeti ré-i sultiert auch die Ueberraschung bel vielen, daB nicht nur bei den christlichen Vdlkern, sondern auch bei den Mohammedanern religidse Intoleranz gegen die Juden zu Tage tritt. Vom Standpunkte ^ner jiidischen Weltpolitik kann es daher keinen Pakt geben mit nationaler oder religidser Intoleranz weder in einem anderen noch im eigenen Lager; nicht nur darum nicht, well sie mit der jiidischen Ethik unvereinbar sind, sondern auch, weil sie in gleichem MaBe im Gegensatze stehen zu den Lebensbedingungen des jiidischen Mlnoritatsvolkes und mit der modérnen Weltanschauung: Diese, richtig verstanden, schlieflt es vollkommen Sprossen der Leiter gebrechlich, welche zum Urteil fiihren, demzufolge muB viel Vorsicht walten. (Joma.) „Damit du gerecht seiest, wenn du sprichst. (Psalm, K. 51, V. 6.) „Das Recht muB selbst Berge durchdringen.. (Sinhedrin.) Rabbi Akiwa lehrte: Beim Rechtsspruch darf kein Mitleid walten. (Mischna.) Ueber Gesch&ftsfreunde, Verwandte und Beschuldigte, die man haBt, darf der Richter nicht rechtsprechen. (Ketubot.) Nur der Reine kann antworten, der Makeliose den Schuldigen siihnen, doch niemals der Befleckte. Die Makellosigkeit des Richters erkldrt der Talmud folgenderweise: Wenn ein Richter in der Unabhdnglgkeit dem Konige gleicht, dann kann er den Staat auf recht erhalten; gleicht er iedoch dem Priester, welcher Gaben sammelt, dann ist derselbe ein Zerstbrer des Staates. (Ketubot.) Milderungs-Gesetz: Es wurde die Weisheit befragt: Welches Los dem Siinder zuteil werden soli. Die Antwort war: „Das Ungliick,*’ Es wurde das Prophetentum befragt: Die Antwort war: „Er muB sterben." Es wurde das Gesetz befragt: Die Antwort war: „Der Siinder bringe ein SUhnopfer." Endlich wurde die Allmacht Gottes befragt: Die Antwort lautete: „Der Siinder bessere sich, dann erlangt er Verzeihung."

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