Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1920)
- Date
- 1920-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seti« 1. •JCDISCBE VOtKSSTfJIME" dem Sommer ist es unwiederbringlich zu Ende. Ein Geschiehts-, ein Denker-, aber auch ein Naturvolk, sind tfir Jttden, das kann tuts nietnand bestreiten, gåbe man sleb nur f&ehr Mtihe,uns kennen zn lernen. Den dunkcÉr Winter liebt der Jude nicht, er frenf sich des Sommersonnenflanxes. Elm* Wir haben diesen Monat nach mancher Seite betråchtet and manches Interessante und NachdenkliÉKe an ihm und seinem Wesen zu verseietmen geltabt. Und haben doch noch nicht alles von ihtn gesagt. An den Sabbatben, die in den Elul fallen, ertont in unseren Synagogen das Wort eines Propheten, den wir nicht einmal mit seinem Namen kennen. Und ist doch der Oewaltigste, der Machtigste, weil Trostreichste unter den M&nnern, die wir . der Menschheit gegeben haben. Im Buche des Propheten ajah sind seine Heden erhalten, namenlos wandelt er durch die Jahrtausende. Wenn jemand sagte: Bin ich von des Lebens Oemeinheit angewideft, dann lese ich meineri Goethe, so sage ich: StdBt mich das Niedrige in diesem Dasein an. driicken mich Sorge und Kummer, dann fltichte ich 2u dem groBen Unbekannten, genannt Deutero-Jesajah, erhebe mich an seinem Worte. Sehe ich viel Betrilbendes, viel Niederdriickendes in unserem heutigen Judentum, dann trdstet mich der Heilsverktindiger, dessen Wort, wie der Ton der groflen Posaune mSchtig erklingt und immer machtiger, glutvoll, farbenprSchtig anschwillt, wie die „Eroica“ des grbBten Komponisten aller Zeiten und Lander. An einem Wendepunkte unserer Geschichte lebend, am Ende jener Zeit, da Juda sich riistete, wieder in die Heimat zurttckzukehren, sieht er Zion in neuem Glanze erstrahlen, leuchtet vor ihm auf die i' Stadt. Und in immer machtigeren Akkorden ertbnt sein Wort und wird zum erhabensten der Gesange. So geleitet er sein Volk zurilck zu seiner Heimstatte, der groBe TrQster, dessen Reden an den Elul- Sabbathen ertonen. Ware es nicht Pflicht, besonders der dazu Berufenen, an diesen Ruhetagen unserem Volke, in unserer Zeit, die umfassende Bedeutung dieses unsterblichen Sehers vor das geistige Auge zu filhren? Wh viel hat doch unser Judentum unter Unterlassungsfehlern, unter Gleichgtiltigkeit und Trdgheit zu leiden. Franz Delitzsch, der Vater jenes Assyrologen Delitzsch, der es wagte, unser Judentum auf s schwerste zu beleidigen, indem er es als „groBe Tauschung“ bezeichnete, Franz also, der Vater, meinte, uns eine groBe Ehre anzutun, indem er unseren Jesajah, unseren Trbster, den Seher eines neuen Zion als den „Evangelisten des alten Bundes** bezeichnete. Der Verktindiger einer neuen Botschaft ist er allerdings, aber nicht der, die Delitzsch meint, nein, er ist der Heilsverkilndiger s e i n e s Volkes, der Verktindiger des beseligenden Friedens, der Volkerversohnung, der Menschlichkeit. Und die brachte der neue Bund nicht. Das wird wohl auch Friedrich, der Sohn, mit seinem „Jaho“ nicht behaupten konnen. Der neue Bund, der brachte „die groBe Tåuschung", die g r 6 B t e der Weltgeschichte. Was aber Jesajah, der Trbster erschaute, das war die Zuversicht, daB sein Volk nie untergehen konne und werde. Immer starker erschallt sein Danklied. Nun danket alle Gott dem Herrn Ftir seine groBe Gnade, Denn wieder leuchtet Zions Stem Auf Juda’s Schicksalpfade! Frftillt ist der Propheten Wort Nach abertausend Jahren: Es ziehen wieder heimwtirts fort Der Zionssbhne Scharen. Aus endlos langer Grabesnacht Ist Juda auferstanden; Ja, Gott der Herr hielt treue Wacht, Sein Wort ward nicht zu Schanden. Gottes Volk, es ist nicht tot, Es leben die Propheten, Hell strahlt ein neues Morgenrot Den Enkeln noch, den spaten! Wort an den Elul-Sabbathen, ‘ um an dem letzten auszukiingen in den Satz: „Ich freue mich im Herrn, es iubelt meine Seele in meinem Gotte, denn er be* kieidete mich mit Gewtindern des tteils, hat mich umhtillt mit dem Mantel der Gerechtigkei t.“ — Ist eine Sprache imstande solche Oedanken wiederzugeben? Und iubelnd ruft der Scher weitfflr aus: „Um Zionswillen schweig’ iclr nicht, um Jqruschalajimswilien ruhe ich nicht, bis wie Lichtglanz hervorgeht sein Heil und seine Hulfe, wie eine Fackel brennt.** — Nehme jeder Jude seine Bibel zur Hånd und lese das 62. Kapitel im Buche dieses Propheten, das wir am letzten Sabbathe im Elul horen werden und sehe er trostreich, gestårkt und gekråftigt nach vorwtirts, die triibe Zukunft wird sich ihm erhellen und mit dem Propheten wird er sprechen: „Saget zur Tochter Zions, siehe, Deine Hilfe kommt." Am Vorabend des Monats Elul 5680. Dr. M. Griinfeld. Der Zionitmus und seine Verwirklhhung. Von Ing. B. Zimmermann. Uebertragen aus dem Polnischen von Bernhard 2 u p n i k. (SchluB.) Wer also eine wirkliche Renaissance im Auge hat nicht aber eine Umgestaltung bei gleichzeitiger Ausmerzung der Vergangenheit, der muB unbedingt sich ausschlieBlich auf den hebraischen Standpunkt stellen. Es ist hier nichtder Ort, um die besondere Eignung der hebraischen Sprache als Verbindungsbrticke zwischen Vergangenheit und Gegenwart bei voller Verbtirgung der Kontinuitet im kulturellen Leben des Judentums auseinanderzusetzen und andererseits ihren Wert als Regulator der Einheitlichkeit in den kulturellen Bestrebungen in den einzelnen DiasporalSndern hervorzuheben. Wir gestatten uns vielmehr, zwei Fragen zu beriihren, die mit der hebraischen Sprache und der jtidischen Renaissance organisch zusammenhtingen. Wenn wir voi* jtidischer Renaissance reden, haben wir dabei nattirlich nicht nur die Wiedergeburt des Judentums in kultureller Beziehung im Auge, sondern handelt es sich im Allgemeinen dabei um die Einftihrung eines gesunden, belebenden Blutstromes in die geschwåchten Pulsadern des jtidischen Lebens. Es wird eine nicht nur kulturelle, okonomische und physische, sondern auch ethische Gesundung de« Judentumes angestrebt. Es gibt sogar im Judentum Einzelne, Gruppen und sogar ansehnliche Organisationsrudimente, cl,e als ihren ersten Programmpunkt die Charaktererziehung der Juden vorschieben. Diese Einzelnen bezw. Gruppen sind der Ansicht, dafi die Wiedergeburt des Menschen im Juden Ausgangspunkt aller auf Wiedergeburt der jtidischen Gesellschaft hinausgehenden Arbeit bilden muB. Was ntitzen sonst alle politischen und kulturellen Er- Freiheit, Friede I Freiheit, Friede, Recht und Wahrheit, So weissagt uns der Prophet, Bltiht uns einst in lichter Klarheit, Und des Frevels Reich vergeht! Rein das Herz und rein die HSride, Blickt der Mensch zum Licht empor: Alle Feindschaft hat ein Ende, Gtite nur quillt reich hervor. Ausgektimpft und ausgerungen Ist der Menschen schndder Streit; Alles Bose ist bezwungen, Denn erftillt hat sich die Zeit. Geht nun endlich in Erftillung Des Propheten Traumgesicht? Zeigt sich endlich die Enthtillung Und erstrahlt das groBe Licht? Freiheit, Friede, Recht und Wahrheit, LaB erbltih’n dein heil’ges Reich, DaB vor deiner lichten Klarheit AHer Wahn und HaB entweichM Leopold Schwarz. _ >1^33. foige, wenn es keine solide Basis gibt, auf der Nman das erworbene Material im absoluten Sicherheitsgeftihi aufstapeln k6nnte. Als solche Basis kann nur der menschliche Charakter dienen. Deiln nur em starker Charakter bietet volle Gewahr daffir, daii die Kontinuittit, urh die es sith im Sinne des oben angeftihrten in erster Linie handelt, gewfthrt sein wird. Wenn der Charakter der Kern der PersSnlichke't beim Individuum ist, so wird die Summe~der starken Charaktere maBgebend sein bei Bestlmmung des wahren Wortes und der Stårke einer gegebenen Volksindividualitåt. Der individuelle Charakter einer Nation ist es eben, der in alle AeuBerungen und Manifestationen derselljen hineinstrahlt und einen Gradmesser liir deren Vollkommenheit bezw. kulturelle Superiorittit abgibt. Welche sind die elementåren Bestandteile eines starken Volkscharakters? Ohne die anderen hier aufzuzahlen, wollen wir auf ein Moment hinweisen, das mit der hebraischen Sprache im innigsten Zusammenhange stebt dies das Moment der Wahrhaftigkeit. Ein Charakter, der nicht wahrhaft, kann auch nicht redlich mithin auch nicht stark sein. Bei einem Menschen, bei dem sich das Wort mit dem Gedanken nicht deckt, also bei einem unvvaiirwaften Menschen, deckt sich der Gedanke auch nicht mit der Absicht, und die Tat deckt sich nicht mit dem Wilien. Bei einem unwalirhaften Menschen ist Alles im Widerspruch,. in Auf- I6sung, in Verwirruug. Das Chaos seines Innern kommt zum Ausdruck in zentrifugal auseinandcrstrebenden WillenstiuBerungen, in der Halbheit vo.i Leben und Tat. Ein unwahrer Mensch ist so weit entfernt. von Vollkommenheit, wie das Licht einer Talgkerze vom Sonnenlicht. Dann aber ein unvollkommener Mensch Biirger einer regenerierten Gesellschaft sein? Kann ein unvollkommener Mensch tiberhaupt es sich traumen Iassen, als Renaissancemensch betrachtet zu werden? Ist doch das Streben nach Wiedergeburt gleicnbedeutend mit dem Streben nach Lebensvollkommenheit.- Die Mehrheit der Zionisten schlieBt sich im Vorhinein aus dem Kreise wahrer, mithin vollkommener Menschen aus. und versinkt immer tiefer in den Sumpf des Galuth, je mehr sie sich von der angcstrebten Renaissance erweitert. Wenn wir namlich annehmen, daB die hebrtiische Sprache die einzig mogliche Brticke ist, welche Vergangenheit und Zukunft des Volkes verbindet und auch den einzelnen Diasporalandern eine gewisse Einheitlichkeit verleiht, indem sie beftihigt werden, als Kulturetappen fur Paltistina zu dienen; wenn wir uns dies Alles vor Augen halten, so muB uns iedes Nachgeben rticksichtlich dieses Postulates, jedes Paktieren; ied^s irgendwie gearbeitéte Eingehen auf einen etwaigen Sprachendualismus als das Verleugnen des innersten Westens des Zipnismus erscheinen. Ein Zionist, d^r dem Grundsatz huldigt, daB die jtidische Sprache d.e Sprache unseres Volkes ist, oder die Entscheiduni dariiber, welche von den jtidischen Sprachen die nationale sein soli, von einem Plebiszit oder einer Koustituante abhtingig machen will, belugt entweder auch sich selber oder bloB die anderen, in beiden Fallen aber verstindigt er sich schwer gegen ein Haupterfordernis, indem ohne einheitliche nationale Sprache der jtidisch-nationale Gedanke zu einem wesenlosen, sozusagen blutleeren £>chemen yerblassen muB. Von diesen Tatsachen ausgehend, mtissen wir zum Schlusse gelangen, daB speziell auf dem Gcbiete des Schulwesens der Sprachenfrage geradezu grundsatzliche Bedeutung zukommt. Wir mtissen uns endlich entschlieBen. Entweder werden wir durch die hebraische Schule zur wirklichen jtidischen Renaissance schreiten,„ oder durch die jtidische Schule zur nichtjtidischen Umgestaltung. Ein Sprachen-Dualismus in Schule, Leben und Literatur ware eine bisher ungekannte Erscheinung im kulturellen Leben der Gegenwart. Gerade wir, die wir so schwach, so arm sind, konnen uns eine solche Zersplitterung der Krafte, einen solehen verschwenderischen Luxus nicht leistén. Wenn wir nun — wie gesagt — in ErwSgung ziehen, daB nicht Paiastina, sondern die Wiedergeburt der Nation das Wesen des Zionismus ausmacht, so mtissen wir zu dem Ergebnis gelangen, daB Paiastina nur die erste Etappe ist auf dem Wege, der uns in das Land der Wiedergeburt ftihrt. Deshalb ist die Ansicht grundfaisch, als ob der Zionismus unmittelbar vor seiner Verwirklicbung stande, und ist mithin sowohl der Optlmisraus als auch der Pessi-